Tagesspiegel, 1.8. 1993
Die Märchen des Maschinenzeitalters

 Über den amerikanischen Regisseur James Cameron / Von Holger Kreitling 

Vor knapp zwei Jahren war es, im Oktober. Im Nachtbus der Linie 19 saßen einige Studenten und philosophierten über den gerade gesehenen "Terminator II". "Ich bin froh, daß wir uns so einen Film auch mal angeschaut haben", sagte der eine. "Das ist schon beeindruckend", meinte die andere. Dann griffen alle tief ins soziologische Vokabular, um einander zu versichern, daß James Camerons Film im allgemeinen und Arnold Schwarzenegger im besonderen eher verachtenswert seien. Die Kulturindustrie! Hollywood! Kommerz! Und die Gewalt! Aber immerhin: Amüsiert hat man sich, wenn auch unter Niveau.

James Cameron ist ein Apologet der Oberfläche. Für ambitioniertes Denken oder Botschaften für intellektuelle Minderheiten ist in seinem Kino kein Platz. Seine Filme sind Großproduktionen, die unterhalten, schockieren, fesseln wollen. Gigantische Maschinerien, für das große Publikum konzipiert. Laute, rasante Filme, die allerdings einen visuellen Reichtum beherbergen, der sie über die üblichen Produktionen hinaushebt. Camerons Kino ist jeweils auf der Höhe der Zeit. Vielleicht ist seine Filmographie deshalb so schmal. Lediglich fünf Filme hat er seit 1981 gemacht; daneben sind ein paar Folgen für "Miami Vice" entstanden und das Drehbuch zu "Rambo II", von dem aber nach Aussage Camerons nicht viel verwendet wurde. Subtile, kleine Werke sind seine Sache nicht. Geradezu rührend liest es sich im nachhinein, wenn Cameron nach "Abyss" in einem Interview ankündigte, "mein nächster Film wird sicherlich klein, kein Science-fiction, sondern zeitgenössisch". Was daraus geworden ist, wissen wir: der zweite Terminator-Film, mehr als zehnmal so teuer wie der erste und rund 40 Millionen Mark teurer als "Abyss".

Die biographischen Daten sind dünn: 1954 in Kanada geboren, in den USA aufgewachsen. Erst Lastwagenfahrer, dann Ausstatter und der Mann für die Special effects bei Roger Corman, dem wohl erfolgreichsten Talentsucher des amerikanischen Kinos. 1981, mit 23 Jahren, die erste Regie: "Piranhas II", dann 1984 der "Terminator". "Tech Noir" hieß eine Bar in diesem Film (und kurzfristig eine Produktionsfirma von Camerons damaliger Frau Gale Anne Hurd), das trifft: düstere, schwarze Märchen im Zeitalter der Maschinen und Computer.

Der Terminator ist die ultimative Maschine, programmiert zum Töten, nicht aufzuhalten, nicht zu verletzen, nicht umzubringen. Eine stählerne Masse ohne jede Moral. Dem können die Menschen nichts entgegensetzen. Die Bewegung des Films ist folgerichtig eine einzige Flucht. Zerstört wird der Cyborg erst durch eine andere Maschine, eine Stahlpresse, die den kriechenden Terminator festhält, ohne sein Wesen zu zerstören. Die Maschine siegt immer.

Im "Terminator" folgt Cameron erstmals seinen einfachen, furchterregenden und gleichzeitig lustvollen Prinzipien: Wiederholung und Unverwundbarkeit. Seine Dramaturgie orientiert sich an den alten Spannungsbögen des Genres, es gibt die gleichen Abfolgen von Actionsequenzen und Ruhepausen. Aber selten ist die Bewegung eines Films so furios nach vorn gerichtet wie bei ihm. Camerons Filme haben ein unerhörtes Tempo, Drive. Die Bedrohung ist schon zu Beginn allgegenwärtig, und nimmt danach stetig zu, bis es schlimmer scheinbar nicht geht. Meist sind die Filme dann nicht zu Ende. Cameron dreht die Schraube der Erwartungshaltung beim Zuschauer immer noch ein Stückchen weiter; im ersten Terminator, der sicher zu den besten Actionfilmen überhaupt gehört, sprengt er das Gewinde vollends. Die Terminators leben und leben, wo sie längst Schrott sein sollten, die Alien-Monster werden immer mehr und dann noch größer. Selbst in "Abyss" funktioniert das, da nehmen die Erzählstränge und die damit verbundenen Schwierigkeiten für die Frauen und Männer der Unterwasserstation unaufhörlich zu, bis die Rettung nur im Überirdischen liegen kann. Wie sehr Camerons Genremuster Schule gemacht haben, sieht man daran, daß selbst Martin Scorsese mit "Cape Fear" einen Terminator-Film gedreht hat.

Allen Filmen gemeinsam ist die starke Frau. Die tatkräftigen Ladys, die im klassischen Hollywood exemplarisch bei Howard Hawks vorkommen, rüstet Cameron mit modernen, schweren Waffen aus und schickt sie aufs Schlachtfeld. Sowohl Sarah Connor als auch Officer Ripley triumphieren nicht nur über die Monstren, sondern auch über die Männer. Daß die Frauen dabei die halsstarrigen Attitüden der Männer übernehmen, ist eine Reaktion auf die von Männern dominierte Welt; gleichzeitig wird damit auf die Schattenseite des Feminismus angespielt.

"Aliens" ist dabei am vieldeutigsten. Ridley Scotts erster "Alien"-Film wird seit langem als Aids-Parabel gelesen. Das Virus, das bei einem Besatzungsmitglied eines Raumfrachters aus dem Bauch bricht, greift schnell die ganze Besatzung an. Wahlweise läßt sich das Alien auch als unbewußte und unterdrückte Sexualität der eingeschlossenen Raumfahrer deuten. In "Aliens", der Fortsetzung, läßt Cameron die todbringenden Wesen gleich zu Dutzenden auftreten. Das Virus hat sich vermehrt und bedroht nun die ganze Menschheit.

Die brachiale Gewalt, mit der die ausgeschickten Marines die Wesen bekriegen, ist wieder als schlüssige Parabel auf die Reaktionen gegen die Krankheit während der 80er Jahre zu lesen. Darüber hinaus ist der Film eine schöne Studie über Hysterie, männliche Hysterie, versteht sich. Ellen Ripley ist gemäß Camerons Credo der wahre Actionheld, hart, schweigsam, cool. Als die Männer versagen -und das geht flott -, übernimmt das heilsbringende Weib die Regie über die Marines. Ripley rebelliert gegen die männliche Herrschaft des Wissenschaftlers, der sie mit dem Monster befruchten will. Am Sch1uß dringt die Frau tief in den Uterus der Raumstation und vernichtet dort die Eier der Alien-Königin mit dem Flammenwerfer. Amazone gegen Mutter. Da sind jede Menge psychoanalytische Details und mythologische Urkräfte beisammen.

Solche und andere Thesen machen neben dem Spaß an der perfekten, oft atemberaubenden Form den Reiz der Cameron-Filme aus. "Befindlichkeitsbulletin" hat Georg Seeßlen den "Terminator II" genannt. Das paßt auf die übrigen Filme auch: Gerade weil es Big-Budget-Filme sind, müssen Zeitgeist und populäre Mythen mitschwingen. Peter Sloterdijk hat "Terminator 2" kürzlich in einem Vortrag als moderne Heilsgeschichte mit tiefreligiösen Motiven interpretiert. Da wird Sarah Connor zur protestantischen Muttergottes, indem Feminismus, Sendungsbewußtsein und Mutterinstinkt der muskelgestählten Heroine verschmolzen werden. Arnold  Schwarzenegger ist in Sloterdikjs Deutung der heilige Christopherus, der in der frühchristlichen Sage erst dem Teufel dient ("Terminator"), dann aber zu Christus überläuft und den kindlichen Heiland durch einen Fluß trägt (der beschützende Cyborg im "Terminator 2").

Wenn auch vielleicht nicht jede Beobachtung des Philosophen von den Herren in Hollywood so gewollt war, sind die anthropologischen und religionsgeschichtlichen Parallelen doch verblüffend. Darüber hinaus beweist der Film sogar subversiven Humor. Der T 1000 aus Flüssigmetall kann sich zwar in alles und jeden verwandeln, doch kehrt er bei seinem zerstörerischen Werk stets in die Hülle und Uniform ausgerechnet eines Polizisten zurück.

"The Abyss" dagegen ist, bei Nähe betrachtet, beinahe ein privater Film. Trotz der Genrewechsel und Purzelbäume, die der Film im Lauf der zweieinhalb Stunden schlägt, erzählt "Abyss" von einer gescheiterten Liebesbeziehung. Neben Versatzstücken von Science-fiction, Action, Abenteuer und Katastrophenfilmen gibt es zum ersten Mal melodramatische Elemente. Bud Brigman und seine Frau Lindsay können nicht miteinander, aber ohne einander geht es ihnen auch schlecht. Beiden ist die Arbeit wichtiger als die Liebe. Jeder stirbt einmal im Lauf der Handlung, damit der andere leben kann. Diese Beziehung porträtiert auch die gescheiterte Ehe von Cameron mit seiner Produzentin Gale Anne Hurd. Das Auftauchen der Außerirdischen im doppelten Sinne am Schluß des Films ist die umgekehrte, positive Version der düsteren Finale. Sonst verschwinden die Heldinnen mit dem Blick auf eine fürchterliche Zukunft (Sarah Connor) oder legen sich schlafen wie Ripley. Diesmal werden die Menschen durch die neuen Wesen gerettet.

James Camerons Filme sind nicht wirklich wichtig. Die Kunstgeschichte kommt auch ohne sie aus. Obwohl, vielleicht der "Terminator"... Aber: Für die Zuschauer von heute sind sie wichtig. All die Leute, die mit Lust ins Kino gehen, um sich fesseln zu lassen. Für die Kinogänger, die wissen wollen, wie es in der Welt augenblicklich zugeht. Die an der Produktion von Mythen interessiert sind, und seien sie auch noch so populär. Und auch für unsere Studenten mit dem Soziologendeutsch, die klammheimlich, aber mit schlechtem Gewissen gefangen sind. Pauline Kael, die Grande Dame der amerikanischen Filmkritik, hat das schon vor langem erkannt: .,Es ist besser, sich unter seinem Niveau zu amüsieren, als sich über Niveau zu langweilen."