CINEMA. 5 / 1999 (Heft Nr. 252)

interview James Cameron

Er dreht mit "Titanic" den teuersten und erfolgreichsten Film aller Zeiten. Was kann jetzt noch kommen? CINEMA fragte Regisseur James Cameron nach der Zukunft des Kinos. Seine Prognose:

Land in Sicht

Ein riesiges Steuerrad aus "Titanic", eine Klappe aus "True Lies" und ein silberner "Terminator"-Schädel, den eine prächtige russische Pelzmütze wärmt. James Camerons großzügiges Eckbüro in Santa Monica wird von Film-Souvenirs beherrscht. Auf seinem Schreibtisch ein Mac-Computer, ein "Strange Days"-Mousepad, ein reich verziertes Schwert - ein Geschenk seines Freundes Arnold Schwarzenegger - ein American Heritage Dictionary und eine in Frischhaltefolie gewickelte Gemüseplatte. CINEMA bat den schlaksigen Regisseur, der zur Zeit mit der Planung des Sciencefiction-Films "Solaris" beschäftigt ist, seine Vision vom Kino der Zukunft darzulegen.


Nehmen wir mal an, Sie könnten die Uhr zurückdrehen. Würden Sie Ihre "Ich bin der König der Welt"-Dankesrede in der Oscar-Nacht noch einmal halten?

Ich bedauere diese Rede nicht. Ich bedauere nur die negative Interpretation durch die Medien. Die Fans haben mit Sicherheit kapiert, was ich sagen wollte. Ich habe mit Leuten auf der Straße gesprochen. Sie haben es verstanden: "Na, das war doch das, was jack gesagt hat, als er auf der Reling des Schiffes stand und sich einfach großartig fühlte." Ich werde nicht zulassen, daß negative Interpretationen mir einen der schönsten Momente meines Lebens vermiesen.


Wie wird die Film-Industrie zehn oder zwanzig Jahre nach "Titanic" aussehen?

Es wird immer schwerer, Profit zu machen. Ein (US-)Inlands-Einspielergebnis von 100 Millionen Dollar bedeutete früher: Megahit. Jetzt müssen es 200 oder 300 Millionen sein. Es hat gewissermaßen eine Flutwelle gegeben, die allen Schiffen Schwung gegeben hat. Unseres besaß zufällig das größte Segel und ist als Sieger durchs Ziel gegangen. Ich denke, daß der Erfolg von "Titanic" zeigt, daß es einen globalen Filmmarkt geben könnte. Aber momentan ist das Geschäft in Sachen Profit in einem erbärmlichen Zustand. Ehrlich gesagt,  sollte man in den sauren Apfel beißen und die Eintrittspreise verdoppeln.

Für "Star Wars: Episode I - The PhantomMenace" hat George Lucas digitale Figuren kreiert, die mit echten Schauspielern interagieren. Ist das der nächste Schritt?

Ich denke, daß man computergenerierte Figuren auf die gleiche Art und Weise mit Menschen zusammenspielen sehen wird wie Zeichentrick-Charaktere und Schauspieler in "Falsches Spiel mit Roger Rabbit". Für michstellt das eine Evolution dar - und keine Revolution. Es ist ein neuer Bereich zwischen Trickfilm und Realfilm entstanden: Auf der einen Seite stehen die Designer, die die Figuren kreieren, und auf der anderen Seite die Schauspieler, die den anderen Charakteren Leben einhauchen. Und diese beiden Gruppen treffen sich. Das ist spannend.

Wie steht es mit sogenannten Synthespianern? Effektemacher scheinen davon besessen, Marilyn Monroe digital wiederauferstehen zu lassen.

Die Erschaffung einer vollkommen synthetischen Filmfigur mittels Computer ist heute sicherlich machbar. Es gibt Synthespianer in George Lucas' neuem Film. Aber was es bisher noch nicht gab, ist ein fotorealistischer, humanoider Charakter, der glaubwürdige emotionale Vorstellungen bietet. Digitale Figuren ersetzen keine Menschen, sie werden immer nur Annäherungen bleiben.


Das muß so sein, wie einem Elvis-Imitator zuzusehen ...


Ja, die Trickspezialisten können nicht die Entscheidungen treffen, die der Schauspieler treffen würde. Ich glaube, daß die Entscheidungsfreiheit der Schauspieler heilig ist. Sie macht die unnachahmliche Ausstrahlung aus. die einen Menschen überhaupt erst zu einem Star macht. Ohne sie wird der Star-Zauber verblassen.  Aber hier ein Szenario, das Sinn machen könnte: Sagen wir mal, Mel Gibson spielt in einem Film mit, dessen Handlung 40 Jahre umfaßt. Nun möchte man ihn im Alter von 15 Jahren sehen. Also konstruiert man synthetisch einen 15jährigen Gibson, der sich so selbst als Teenager spielen kann. 

Wie schätzen Sie die Aussichten ein, Filme im Kino digital vorzuführen?

Um wirklich die digitale Kino-Revolution einzuleiten, müßte man das Problem der Projektion lösen. Momentan ist es nicht möglich, Ein Bild digital mit der gewohnten Brillanz wiederzugeben. Nur weil die traditionelle Methode bereits 100 Jahre alt ist, heißt   das nicht, daß sie überholt ist. 

  Wie steht es mit Jugendlichen, die ihre selbstgedrehten Filme ins Internet stellen?


 Mit Einführung der Videokamera fand eine Demokratisierung des Filmemachens statt. Das Internet hat daran nichts geändert. Man muß immer noch rausgehen und drehen. Und wir werden immer für die große Leinwand produzieren wollen.

Und es wird immer noch eine Menge Geld kosten, solche Filme zu produzieren.


Genau. Das Problem besteht darin, daß das Publikum ein außergewöhnliches Erlebnis erwartet. Das treibt die Etats in die Höhe. Für Independent-Filmer wird es damit schwieriger. Nur durch steigende Budgets können sie konkurrenzfähig bleiben. Aber die Unterhaltungsfilme der großen Studios und Prestige-Produktionen werden nicht unter Druck geraten.


Wird es das Kino-Erlebnis in zwanzig Jahren überhaupt noch geben? 

Mit Nachdruck: ja. Bisher hat niemand eine echte Alternative dazu entwickelt, Inmitten vieler Menschen zu sitzen und gespannt darauf zu warten, wie sich sine Geschichte entwickelt, auf die man dann gemeinsam reagiert. Im Kino entwickelt sich sine andere Gruppendynamik als beim heimischen Videoabend. Das Kino wurde wiederholt herausgefordert - vom Fernsehen in den 50er und 60er Jahren und jetzt vom Internet. Dabei wird es davon gar nicht berührt. Das Internet bietet lediglich ein weiteres Forum, in dem man sich über Filme austauschen kann.

Wird sich die reine Computeranimation zum Renner entwickeln, oder haben Epen wie "Titanic", die die Wirklichkeit nachstellen, das größere Potential?


Es wird wohl beides eintreten. Wenn man einen fotorealistischen Film wie "Titanic" macht, bei dem man Schauspieler und Dekorationen mit digitalen Effekten mischt, sind diese Komponenten nichts weiter als verschiedene Farben auf einer Palette. Bei "Titanic" herrschte in fast allen Einstellungen eine kunterbunte Mischung der unterschiedlichen Techniken. Dies wird in Zukunft perfektioniert werden.

Nun zu Ihren Zukunftsplänen. Ist es wahr, daß Sie ins TV Geschäft einsteigen?

Ja. So kann ich mit meinem Freund Charles Eglee (Autor und Produzent von Serien wie "Das Model und der Schnüffler", Anm. d. Red.) zusammenarbeiten. Wir schreiben gerade an einem Pilotfilm, und wieder mal erweist sich das Erzählen einer Story als das A und O. Fürs Fernsehen muß man sie nur in eine strengere Struktur bringen. 

Werden Sie jemals einen Low-Budget-Film ohne irgendwelche Effekte drehen? 

Das hat natürlich vom Standpunkt des Autors seinen Reiz. Genau das gefällt mir ja am Fernsehen. Dort kommt es auf das Skript an, auf die Figurenzeichnung und nicht auf eine opulente Ausstattung. Und das ist gut so, denn es trainiert den Schreiber in mir. Als Regisseur jedoch befriedigt mich Fernsehen überhaupt nicht. Lassen Sie mich ein Weilchen mit diesem Medium herumspielen. Vielleicht inszeniere ich den Pilotfilm - ich würde mir gerne die Disziplin aneignen, fünf oder sieben Seiten Skript pro Tag herunterzukurbeln. Vielleicht kann ich diese Fähigkeiten später einsetzen, um einen kleinen Film zu drehen, bei dem es nur auf das Schauspielerische ankommt.

      Interview: Anne Thompson