Gottlieb Florschütz: Bob Dylans geheime Botschaften 


1. Bob Dylan - eine Legende der Protestbewegung

Dylans Karriere als Folk-Rock-Musiker beruht auf einem neuen Mythos, den er
wie kein anderer in Szene setzen konnte. Er erschien als jugendlicher
Prophet, der unverfälscht die Wahrheit verkündet. Dylan gestaltet diesen
Mythos zunächst mit den Mitteln eines bewusst eingesetzten musikalischen
Dillettantismus. Er hat sich nie bemüht, seine Fähigkeiten als Musiker zu
kultivieren. Er singt oft vorsätzlich schief, spielt durchschnittlich Gitarre
und lässt sich häufig in einer banalen stereotypen Art von einer Combo
begleiten. Dylans unprätentiöse Art, Schallplatten zu gestalten, enthält eine
geheime Botschaft, die sofort von "der Bewegung" verstanden wurde. Hier war
einer, dem es nicht auf Äußerlichkeiten ankam, sondern allein auf den Inhalt.
Dylan hatte der Welt etwas zu sagen. Er traf mit seinen Protestsongs genau
den Zeitgeist und das Lebensgefühl der aufrüherischen 68er Stundenten- und
Hippiebewegung.
Woody Guthrie und Pete Seeger waren die Vorreiter und Bob Dylan, Leonard
Cohen und Joan Baez die Idole dieser "Bewegung", die jenseits der
bürgerlich-spießigen Mainstream-Kultur eine alternative, libertäre
Gesellschaft wünschte.


2. Die gegenkulturelle Bewegung der "Woodstock"-Generation

 In der sog. "Woodstock"-Generation war eine positive Aufbruchstimmung
entstanden, die das bürgerlich-spießige Establishment ablehnte. Der
konsumorientierte Materialismus der Eisenhower-Ära erschien der
heranwachsenden Generation immer fragwürdiger. Diese positive Entwicklung
wurde durch die Ermordung John F. Kennedys - des großen Sympathieträgers der
jungen Generation - im Jahr 1963 abrupt unterbrochen. Als Amerika 1965 in den
Vietnam-Krieg eintrat, löste dies einen tiefen Schock in der
Bürgerrechtsbewegung aus. Die Ideale Amerikas als Land der unbegrenzten
Möglichkeiten und als Vorreiter von Fortschritt und Freiheit waren in Frage
gestellt. Die Folge war der massenweise Anstieg der amerikanischen
Jugendlichen und Studenten aus der bürgerlichen Gesellschaft und der Rückzug
in die Innerlichkeit. Dieser Exodus einer ganzen Generation konzentrierte
sich nun auf die Errichtung einer "Gegenkultur". Die Studentenrevolte wurde
zusehends entpolitisiert. Die Teilnahme an den Anti-Vietnam-Demonstrationen
entsprach dem Konsens, der Gesellschaft den Rücken zu kehren, der Protest
konzentrierte sich auf die Ablehnung bürgerlicher Normen wie Sauberkeit,
Fleiß, Bildung und die Verweigerung jeglichen Konsums.
.

3. Dylan als zorniger Prophet der Alternativ-Bewegung

Dylan erzeugte eine völlig neue Musikästhetik, die sich erstaunlich gut über
das Medium Schallplatte verbreitete. Dylans frühe Schallplatteneinspielungen
vermitteln einen Grad von Authentizität, der sonst selten auf Platten hörbar
ist. Seine durchdringende, näselnde Stimme lässt die Künstlichkeit des
Mediums vergessen. Der ganze Mythos des zornigen Propheten kommt unmittelbar
über seine krächzende Stimme zum Ausdruck.
Dylan förderte schon in einem frühen Stadium seiner Musiker-Karriere die
Legendenbildung um seiner Person. Er, der für Millionen Jugendlicher der 68er
Bewegung zur politischen und moralischen Leitfigur wurde, gab seine eigene
Identität niemals preis. Dylan stammte aus einer jüdischen
Mittelstandsfamilie in Duluth, Minnesota. Schon früh fasste er den
Entschluss, Rockstar zu werden, ein Superstar wie Elvis Presley. Nach dem
Abitur studierte er kurz an der Universität in Minneapolis. Es zog ihn aber
magisch in die große Metropole New York. Dort fasste er Fuß in Grennwich
Village und bastelte gezielt an seiner Musiker-Karriere. Er imitierte den
Folksänger Woody Guthrie und hielt die Augen und Ohren offen für das, was in
der Luft lag. Das war damals die Folkrevival-Bewegung mit Joan Baez und Pete
Seeger. Dylan arbeitete sich durch Auftritte in den einschlägigen
Musikkneipen kontinuierlich hoch und wird in wenigen Jahren ein Superstar der
Folk-Rock-Musik-Szene.
Dylan selbst war kein politisch engagierter Mensch, und er hat später immer
wieder von seinen Jahren als Protestsänger Abstand genommen. Hinter den
vieldeutigen Dylantexten und dem Flair der Boheme steht der Realist und
Manager Robert Zimmermann (Dylans Geburtsname). Dies ist der Grund, warum
Dylan von seinem eigenen Erfolg als Musiker niemals überrannt wurde wie Elvis
Presley. Er war weder der "Leibeigene" einer Schallplattenfirma noch
"Leibeigener" seiner Fans. Dylan war der erste Superstar des Rock, der seinen
Fans eine harte Absage erteilte, als man ihn zur politisch-moralischen
Leitfigur der "Bewegung" machen wollte. Dylan wusste sehr wohl, dass der
Erfolg, auf dem er ritt, einer Mythenbildung zu verdanken war, die dank der
Schallplatte - und heute CD - weltweit Verbreitung fand. Er wusste aber auch
im Gegensatz zu Presley sehr wohl zwischen Schein und Wirklichkeit zu
unterscheiden: "Ich sagte ihnen, sie sollten keinen Anführeren folgen,
sondern auf die Parkuhren achten. Ich hatte nicht vor, darauf reinzufallen
und irgendeine Art Anführer zu sein. Die Illustrierten haben diesen
Schwachsinn verbraten, dass Dylan, die Beatles, die Stones, dass wir alle
Anführer sind. Und weil ich da raus wollte, fingen sie an, auf mir
rumzuhacken. Aber wer hätte solche Erwartungen erfüllen können? Ich hatte mit
Politik nichts im Sinn. Ich wollte davon nichts wissen...Aber die Zeiten sind
hart. Alle wollen sie einen Anführer. Sie wollen bloß einen, der sie aus
ihren Schwierigkeiten herausführt."1
Während die Hymne der Bürgerrechtsbewegung "We shall overcome" von Pete
Seeger noch die positive Aufbruchstimmung widerspiegelte, die von dem Glauben
getragen war, dass Amerika nun endlich auf dem Wege war, sich in das "gelobte
Land" zu verwandeln, respräsentierte Dylans Song "Blowing in the Wind" die
Stimmung einer zunehmend skeptisch werdenden Generation:
"How many years can a mountain exist, before it's washed to the sea?
How many times must a man look up, before he can see the sky?"2
Fragen werden gestellt, die nicht beantwortet werden können. Sie verweisen
auf eine Ewigkeitsperspektive, ein Gefühl der Transzendenz, das die
historische Perspektive von Jahren oder gar Jahrhunderten unerheblich
erscheinen lässt. In diese romantische Stimmung sind Verse eingeflochten, die
ein Bekenntnis zum Pazifismus ablegen oder ein humanistisches Credo enthalten:
"How many times must the cannon balls fly, before the're forever banned? How
many ears must one man have, before he can hear people cry?"3
Der erste Vers des Songs drückt den zentralen Gedanken aus, der für viele
Jugendliche zum Inbegriff des neuen Lebensstils wurde:
"How many roads must a man walk down, before you call him a man? How many
seas must a white dove sail, before she sleeps in the sand?"4
In diesen Zeilen findet sich das bekannte Wandervogelmotiv, der Vagabund, der
Tramp außerhalb der Gesellschaft. Er ist friedlich und menschlich, im
Einklang mit der Natur, und trotzdem ist er ein Mann, von Wind und
Wanderschaft gezeichnet. Er ist frei und anspruchslos. Er ist Philosoph,
Künstler und Selfmademan. Seine Augen haben viel gesehen, die Schönheiten der
Natur und das Elend unter den Menschen. Er steht jedoch außerhalb der
Gesellschaft als Beobachter. Er ist "Zaungast" des Geschehens, immerzu auf
dem Weg irgendwohin, ohne jemals an einen Ort zu kommen, an dem er "Heimat"
findet:
"How does it feel, how does it feel,
to be on your own, with no direction home,
like a complete unknown, like a rolling stone?"5
Der Roman von Jack Kerouac bildete das literarische Gegenstück zu "The
Freewheelin' Bob Dylan, Dylans zweiter LP, die ein Bestseller wurde. Die
Ablehnung und der Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft mussten jedoch
begründet werden. Dazu diente die Kritik an der amerikanischen
Rüstungsindustrie. Die Anti-Kriegslieder sind das komplementäre Gegenstück zu
den neuen Idealen der Selbstfindung. Dieses pazifistische Credo fand seine
allgemein anerkannte Formulierung in Donovans "Universal Soldier" oder Dylans
"Masters of War".
Diese Songs waren aber keine Protestlieder in der Tradition von Woody Guthrie
oder Pete Seeger, oder etwas Lieder der sich emanzipierenden
Arbeiterbewegung. Dylans "Masters of War" ist demgegenüber ein "Anti-Song",
der dem Tenor der Anti-Vietnam-Demonstrationen entsprach. Bob Dylan war nicht
der Protagonist des Protestsongs, sondern der Showmaster, der die skeptische
Stimmung der Jugend gegenüber dem Establishment aufzufangen wusste. So
erklärte er in einem Interview:
"Songs wie 'Masters of War' waren leicht zu machen. Es gab Tausende und
Abertausende, die Songs dieser Art hören wollten. Deshalb schrieb ich sie.
Ich war ja fast ständig auf Tourneen, und ich wusste, was das Publikum
wollte. Wenn man jede Nacht vor Leuten spielt, weiß man genau, was sie hören
wollen. Es ist dann viel einfacher, Songs zu schreiben."6
Dylan tat also nicht anderes, als den Zeitgeschmack einer revoltierenden
Generation zu bedienen und musikalisch zu untermalen. So können seine alten
Songs heute noch als Zeitdokument einer in Aufbruch und Revolte befindlichen
Generation angesehen werden.
Der Anti-Song als Abgrenzungsmittel der Jugend von der etablierten
Gesellschaft griff auch Themen der Bürgerrechtsbewegung auf:
Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit und unlautere Praktiken der
Justiz waren Beweis für die Unlauterkeit der Machthaber - z.B. Dylans
Anti-Song "With God on Our Side". Das Vertrauen in das herrschende
Gesellschaftssystem schwand mehr und mehr und war die Voraussetzung für den
Versuch, eine "Anti-Gesellschaft" aufzubauen.
Kern der neuen Gegenkultur war die Suche nach einem alternativen Lebensstil
auf der Grundlage von Authentizität und Ehrlichkeit. Die Jugendbewegung bekam
einen stark moralisierenden Charakter. Die Verlogenheit von Politikern, die
falschen Versprechungen der Werbeindustrie und die Traumfabriken der Medien
desillusionierten viele junge Leute.
Die ungeheure Wirkung von Dylans Liedern beruhte hauptsächlich auf der
Artikulation eines neuen Moralismus. So schildert er in der Ballade von
"Hollis Brown" (1964) die Geschichte eines kleinen Farmers mit Frau und fünf
Kindern am Rande des Existenzminimums. In krassem Realismus wird die
materielle und geistige Not dieser Familie beschrieben. Angesichts dieser
Lage fasst Hollis Brown den Entschluss, sich und seine Familie umzubringen.
Dieser Song steht in der Tradition der journalistischen Straßenballade.
Obwohl Dylan diese Geschichte nicht selbst erlebt hat, erzeugt er die
Spannung, Dramatik und einen Realismus, als ob er sie selbst erlebt hätte.
Seine harsche Stimme, das archaisierte Gitarrenspiel und die instrumentalen
Zwischenspiele auf der Mundharmonika lassen eine Atmosphäre von Authentizität
entstehen, die der beschönigenden verklärenden Welt des Schlagers diametral
entgegengesetzt ist. In seinem Anti-Song "The Loneome Death of Hattie
Carroll" (1964) schildert Dylan die grundlose Ermordung einer Küchengehilfin
durch einen reichen Jüngling und dessen skandalös milde Verurteilung.


4. Psychedelische Rockmusik und Drogenrausch

Die Verzerrung gehört als konstitutives Moment zum Rockmusik-Sound,
gewissermaßen als Klangbasis. Die Rock-Musik hat vor allem die Funktion, bei
gleichzeitigem Genuss von Narkotika bzw. Alkoholika die kognitiven
Bewusstseinsinstanzen völlig auszuschalten. Die Abfuhr muskulärer Spannung
ist von einem narzißtischen Lustempfinden begleitet Je größer die Spannung,
desto größer ist das Lustempfinden bei der Entspannung. Auf die Rockmusik
bezogen bedeutet dieses Modell, dass insbesondere der regelmäßige Beat der
bass drum die musikalische Rezeption auf die Ebene von Spannungsabfuhr im
Sinne eines narzißtischen Lustempfindens verlagert. Je mehr ungeradzahlige
Frequenzen Rockmusik enthält, desto innervierender und erregender ist sie.
Bob Dylans arhythmische Art zu singen löst beim Hörer körperliche Reaktionen
- Zusammenzucken, blitzschnelle Reaktionen, Hellwachheit usw. - aus. So
erklärt sich die antriebsfördernde Wirkung seiner Musik. Hippies genossen
seine Musik oft im Zusammenhang mit gezieltem Drogenkonsum, gegen den Bob
Dylan offenbar wenig einzuwenden hat:
"Es ist doch okay, wenn die sich mit Gras antörnen und mit LSD und Heroin und
Sex und alledem. Ist doch prima...Gras zu kennen - oder überhaupt Drogen zu
kennen - ist 'ne tolle Sache, davon geht man nicht kaputt...Ich finde, LSD
ist Medizin. Man nimmt es, und dann...Man muß es ja nicht ständig
nehmen... Ich denke, jedem sollte sein Bewusstsein hin und wieder mal
ausgedehnt werden."7
Ähnlich wie die psychedelische Musik der Beatles kann Dylans Musik in
Begleitung von Drogenkonsum eine bewusstseinserweiternde Wirkung haben, und
zugleich für Triebabfuhr von angestauten Aggressionen sorgen. Dylans Musik
kommt somit eine wichtige psychohygienische Funktion in einer repressiven
Gesellschaft zu.


5. Psychohygienische Funktionen des Anti-Songs

Dylans Songs sind eine Art "Anti-Schlager". Während der Schlager für die vom
Existenzkampf geprägte Arbeiterschaft ein illusionäres Gegengewicht schafft,
das von der Kulturindustrie als Glücksersatz zum Konsumieren angeboten wird,
bedient der Anti-Schlager die Bedürfnisse der realitätsfernen Schüler und
Studenten nach illusionärem Realismus. Das existentielle Problem des
Studenten ist es, dass er Jahre in einem Zustand der Realitätsentfremdung
verharren muss, obwohl er gerade in einer Entwicklungsphase seiner
Persönlichkeit steckt, in der er magisch von den Symbolen des realen Lebens
angezogen wird. Er will zu der "eigentlichen" Realität verdringen, die hinter
den theoretischen Betrachtungen und Analysen der Universität und jenseits der
Traumfabriken in den Medien liegt. In der "nackten" Realität hofft er die
Wahrheit zu finden.
Dies bezieht sich auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere
zwischen Mann und Frau. Die vom Spielfilm und in der Schnulze idealisiert
behandelten Themen von Liebe, Trennung, Einsamkeit und Zweisamkeit werden nun
im Licht der Selbsterfahrung schonungslos auf ihren Wahrheitswert hin
überprüft.  So besingt Dylan mit "Don't thint twice, it's all right"(1963)
aus der Sicht des überdrüssig gewordenen Partners das Ende einer
Durchschnittsbeziehung, die nicht das "große Glück" gebracht hat.
Die Gegenkultur der 60er Jahre schien den Rahmen eines "Übergangsphänomens"
zu sprengen. Erstmalig vereinigten sich Popular-Musik und ernstzunehmende
künstlerische Ambitionen. Die Untergrundbewegung entwickelte sich zu einer
revolutionären Bewegung, die nicht mehr nur als pubertäre Revolte aufgefasst
werden konnte, sondern ein eigenes tragfähiges Konzept für alternative
Lebensformen zu realisieren suchte. Bob Dylan wurde ungewollt zur Ikone
dieser alternativen Protestbewegung, seine Anti-Songs wurden zu enigmatischen
Emblemen eines geheimen Zeichensystems, dessen verschlüsselte Semantik nur
Mitglieder der Untergrundbewegung richtig zu deuten verstanden. Dylans
Anti-Songs fungierten als Geheimcode, an dem man die Zugehörigkeit des
Gegenübers zur Untergrundbewegung erkennen konnte.


6. Dylan als Filmschauspieler

Ist das schon alles? Nicht ganz: Bob Dylan hat auch in einigen Filmen
mitgewirkt, zum Beispiel in Sam Peckinpahs Spät-Western "Pat Garrett jagt
Billy the Kid"(USA 1973) und in "Renaldo und Clara" (USA 1978), einem
ziemlich langatmigen Selbstportrait Dylans rund um seine Konzertauftritte.
Auf die Frage, wie er denn zu der Rolle des "Alias" in "Pat Garrett & Billy
the Kid" gekommen sei und wie er seine Rolle in diesem Western selber sehe,
antwortet Dylan lapidar:
"Ich weiß nicht, wen ich spielte. Ich versuchte, genau den zu spielen, der in
der Story vorkam, aber es ist wohl allgemein bekannt, dass in dieser Story
niemand vorkam, der die Figur war, die ich spielte."8
Dylan spielte in Peckinpahs Western Alias, einen jungen Mann, der sich der
Bande Billy the Kids anschließt und seine Raubzüge mit seinen Songs
begleitet. Dylan teilte offenbar nicht die prätentiösen Intentionen
Peckinpahs, der mit seinem Western die politischen Mißstände in der
amerikanischen Konsumgesellschaft der 70er Jahre anprangern wollte:
"Dieser Film war Peckinpahs Reich - und der war wie ein Irrer. Er sagte
andauernd: 'Das ist mein Film mein Film'"9
Immerhin scheint es auch Dylan nicht entgangen zu sein, dass an Peckinpahs
subversivem Western von der Produktion herumgeschnitten und besonders
provokative Sequenzen herausgeschnitten wurden:
"Dadurch, dass ich bei Pat Garrett mitmachte, lernte ich, dass es in
Hollywood absolut unmöglich ist, einen wirklich kreativen Film zu machen.
Nicht einmal Sam hatte das letzte Wort und das war das Problem. Im Kino sah
ich die Fassung, die auf seinen Cut folgte, und ich wusste, der Film war
gnadenlos zerstückelt worden. Jemand anders als Sam hatte an einigen der
besten Szenen herumgeschnippelt. Die Musik war völlig auseinandergerissen und
wurde an allen möglichen Stellen verwendet, nur nicht in den Szenen, für die
wir sie geschrieben hatten. Von 'Heavens Door' einmal abgesehen, kann ich
nicht behaupten, daß ich irgendwas, was ich gemacht hatte, an der Stelle
wiedergefunden hätte, für die es gedacht war."10


7. Der "echte" Bob Dylan

Wer war Bob Dylan selbst hinter diesen Masken, hinter der Idolisierung, die
ihm von seinen Fans zuteil wurde? Ein einfacher Balladensänger, der auf die
Bühne gehen wollte um zu singen, wie er selber von sich sagt:
"Damals hatte ich so ein Gefühl in mir, ich war richtig geladen. Ich spielte
einfach Gitarre und Mundharmonika und sang die Lieder, und das war's dann."11
Dylan wollte niemanden belehren und niemanden zum Nachdenken anregen:
"Es sind keine belehrenden Songs drauf...Ich stehe nach wie vor zu den
Platten, die ich bisher gemacht habe, aber einiges davon hab ich einfach
gemacht, um Aufmerksamkeit zu erregen, und vieles auch deshalb, weil ich
sonst niemanden kannte, der so was machte...Die Lieder sind von einer
geradezu hirnverbrannten Aufrichtigkeit, sollen niemandem Kopfzerbrechen
bereiten, ich hab sie nur aus dem einen Grund geschrieben, dass ich, einzig
und allein ich, sie schreiben sollte und musste."12
Bob Dylan selber war kein politisch engagierter Mensch. Wenn man seine
Interviews einmal genau analysiert, erscheinen seine Antworten eher naiv oder
ungelenk, so zum Beispiel auf die Frage, was denn seine eigentliche Botschaft
sei:
"Meine eigentliche Botschaft? Behalte einen klaren Kopf und nimm immer eine
Glühbirne mit."13
Oder auf die Frage, wovon seine Lieder denn eigentlich handeln:
"Das ist mir echt zu hoch, Mann. Ich stell mich bloß da raus und singe. Wenn
die Leute also...Wenn ich irgendwo engagiert worden bin, stell ich mich
einfach auf die Bühne und singe und kümmere mich nicht groß drum, ob da
jemand zuhört."14
Dylan selber verzichtet auf eine eigene Interpretation seiner Songs; er
überlässt es seinen Fans, irgendwelche Deutungen in seine Songs
hineinzuinterpretieren:
"Es ist nicht meine Sache, meine Songs zu verstehen. Das gehört für mich
nicht dazu. Während ich sie schreibe, habe ich eine Vorstellung davon, aber
das war's auch schon."15
Der Rest ist Projektion, Interpretation und Deutung. Die Art der Deutung von
Dylans Songs hängt von der politischen Richtung ab, der der Fan angehört. Die
Alternativ-Bewegung hat Dylan zu ihrer Ikone gemacht, in seine Songs
politische, moralische und religiöse Botschaften hineininterpretiert. Dylan
selbst entzog sich immer wieder diesem Image des Protestsängers, indem er zum
Beispiel in den achtziger Jahren immer öfter im Las-Vegas-Kostüm auftrat und
Country-Songs zum besten gab, was ihm mürrische Reaktionen von Seiten seiner
linken Fans eingebracht hat. In letzter Zeit gibt er kaum noch Interviews,
wohlwissend, dass in jedes seiner Wort und Sätze "irgendeine Botschaft"
hineininterpretiert werden würde. Schweigend nahm er die Preise entgegen, die
ihm als "Symbol der Protestbewegung" überreicht wurden. Nun kann man selbst
in das Schweigen eines Menschen noch interpretieren, wie dies zum Beispiel
die Regisseurin Doris Dörrie macht, indem sie Dylans Schweigen als Wunsch
nach Distanz und "Schutz von dem Verschlungenwerden" zu deuten versucht.16 In
der Tat ist Dylans Verhalten gegenüber seinen Fans bei seinen letzten
Konzerten immer zurückhaltender geworden. Er reagiert kaum noch auf Applaus;
es scheint im ziemlich egal zu sein, wieviele Leute zu seinen Konzerten
kommen und ob die Sitzreihen voll oder nur halbvoll sind. Immer öfter sich
abweisende Gesten in seinem Habitus beobachtbar. Von Dylan geht eine gewisse
Kälte aus.
Teilnahmslos spult er seine alten Anti-Songs nochmal ab, zum soundsovielten
Mal und wirkt dabei ziemlich gelangweilt. Ebenso teilnahmslos nimmt er alle
möglichen Preise von irgendwelchen Gremien entgegen, die er nicht kennt. Er
singt sogar vor dem Papst in Rom sein "Knockin' on heavens door." Es scheint
ihm inzwischen ziemlich gleichgültig zu sein, von welcher Seite der
vereinnahmt wird, von der linken Protestbewegung oder von der katholischen
Kirche.


8. Bob Dylan und seine Fans

Bob Dylan scheint ein eher distanziertes Verhältnis zu seinen Fans zu haben,
wie aus einem Interview hervorgeht:
"Da draußen sind Tausende, Millionen, Milliarden Leute. Es gibt so viele
Menschen da draußen. Ich meine, die kann man nicht alle kennen."17
Auf die Frage, ob ihm Menschen wichtig sind, antwortet Dylan ausweichend:
"Naja, schon. Aber wir haben da alle so unsere eigenen Definitionen von diesen
ganzen Wörtern. 'Wichtig', 'Menschen'..."
Bob Dylan schien eine Zeit lang Angst zu haben, dass ihm dasselbe Schicksal
blühen könnte wie John Lennon, der von einem Fan erschossen wurde, und lässt
sich darum während seiner Auftritte von unsichtbaren Bodyguards beschützen:
"Ich meine, man wird doch immer von der Person umgebracht, die einen am
meisten liebt, oder? Ich weiß ja nicht. Also Jesse James wurde
angeblich...ihm ist einer zu nahe gekommen, den er für seinen nahen Freund
hielt."18
Es soll Fans geben, die ihre Wahnvorstellungen in Dylans Star-Imago
hineinprojizieren und sich mit ihm persönlich identifizieren:
Interviewer: "Sie behauptet, dir sehr ähnlich zu sehen. Ein dunkler Typ. Sie
ist zehn Jahre jünger als du und hat diese seltsame Wahnvorstellung"
Dylan: "Tja, es gibt Leute, die mir überallhin folgen. Sie haben
Personalausweise und Führerscheine, und alle heißen sie 'Dylan', weißt du? Sie
ändern ihren Namen auf der Geburtsurkunde und so weiter."19
Sind wir alle einer Wahnvorstellung von Bob Dylan erlegen, einem Mythos, der
von der Musik-Industrie und von seinen Fans systematisch zum Symbol einer
rebellischen Generation aufgebaut wurde?
Auf die Frage, wer er wirklich ist, antwortet Dylan ziemlich lapidar:
"Wer ist Bob Dylan? Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich Bob Dylan sein muß. Die
meiste Zeit bin ich einfach ich selbst."20
Sein Image als Protestsänger scheint ihm allmählich auf die Nerven zu gehen:
"Eigentlich betrachte ich mich als Unterhaltungskünstler...als Song and Dance
Man."21
Bob Dylan begreift sich selbst in erster Linie als Songwriter, Poet und
Performer, nicht als Protestsänger mit irgendwelchen politischen oder
moralisierenden Botschaften. Er wurde von der Hippiebewegung der 70er Jahre
vereinnahmt und gilt noch heute in der linken politischen Szene als Symbol
für Freiheit, Emanzipation und Rebellion gegen ungerechte soziale
Verhältnisse. Dylan entlarvt sein Image als Protestsänger mit politischen
Botschaften als reine Projektion, wenn er über sich selbst sagt:
"Wenn ich nicht Bob Dylan wäre, würde ich wahrscheinlich auch denken, daß Bob
Dylan eine Menge Antworten parat hätte."22
Es gibt offenbar zwei Bob Dylans, das Star-Imago Bob Dylan als Symbol für
eine libertinäre, tolerante und friedliebende Gesellschaft, das sich als
reine Projektion erweist, und den authentischen Bob Dylan, der von sich
selber sagt:
"Ich sehe mich selbst nicht als Bob Dylan. Es ist, wie Rimbaud gesagt hat:
'Ich ist ein anderer'"23


9. Verortung von Dylan als Ikone im Medienkosmos

Als Symbol bediente Bob Dylan die Bedürfnisse einer aufbegehrenden
Generation, die in einer Zeit der politischen und sozialen Umbrüche nach
alternativen Lebensstilen suchte. Er wurde eher zufällig als absichtlich zur
Ikone der sog. "Woodstock"-Generation. Bob Dylan als Ikone genießt heute eine
geradezu religiöse Verehrung, wie sie sonst nur Heiligen der katholischen
Kirche zuteil wird. Er ist ein Element jenes medialen
Verblendungszusammenhangs, der uns mit seinen Stars und Symbolen ein
religiöses Zeichensystem an die Hand gibt, das vielen Menschen, die mit der
konventionellen Religion nicht mehr viel am Hut haben, als sinnstiftendes
Leitbild dienen kann.
Bob Dylan als Symbol für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden ist somit ein
Element einer medialen Ersatzreligion, die gegenwärtig zunehmend die Lücke
ausfüllt, welche das Schwinden der christlich-humanistischen Tradition
offenlässt. Bei dieser Sakralisierung Dylans zum quasi-religiösen Symbol mit
geheimen Botschaften spielt es keine Rolle, ob er nur eine Projektionsfläche
sein mag oder wirklich irgendwelche Botschaften zu verkünden hatte. Spannend
wird die Frage sein, welche Rolle Ikonen wie Dylan in der nächsten Generation
noch spielen könnten, ob das geheime Zeichensystem eines Bob Dylan auch für
die Nachkommen der 68er Generation noch von Bedeutung sein könnte? Gerade in
einer Zeit der politischen Correctness könnte ein Bob Dylan als Symbol für
eine saubere, gerechtere Welt auch von der jungen Generation wieder
akzeptiert und verehrt werden. Als Legende von Woodstock wird er auch unseren
Nachkommen noch erhalten bleiben, sofern sie ihn und seine Anti-Songs noch
annehmen und brauchen.


1 Bob Dylan, zit. nach A.Scaduto: Bob Dylan - eine indiskrete Biografie,
Frankfurt am Main 1976, S.430
2 Bob Dylan: The answer is blowing in the wind
3 Eb.
4 Eb.
5 Bob Dylan: Like a rolling stone
6 Zit. nach Flender/Rauhe: Popmusik, Darmstadt 1989, S.106
7 Bob Dylan: In eigenen Worten, Heidelberg 2000,  S.99
8 Eb., S.90
9 Eb.
10 Eb.
11 Eb., S.50
12 Eb., S.53
13 Eb., S.31
14 Eb.
15 Eb.
16 Doris Dörrie im Fernsehportrait: Knockin' on Dylans door, ARTE 2001
17 Bob Dylan: In eigenen Worten, a.a.O., S.109
18 Eb., S.111
19 Eb., S.110
20 Eb., S.34
21 Eb., S.24
22 Eb., S.34
23 Eb.


Quellennachweise:


Bob Dylan: In eigenen Worten, Heidelberg 2000

Popmusik - Aspekte ihrer Geschichte, Funktion, Wirkung und Ästhetik, hrsg. von R.Flender/H.Rauhe, Darmstadt 1989

"Bob Dylan - eine indiskrete Biografie, hrsg. von A Scaduto, Frankfurt am Main 1976