epd Film, 1/ 98


TITANIC
James Cameron, USA

Mit dem Schicksal der Titanic verhält es sich wie mit dem Ende von "Hamlet". Es ist jedermann bekannt. Das Vier-Schornstein-Passagierschiff der White-Star-Line, angeblich ein unzerstörbares Wunderwerk der Technik sank nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg auf seiner Jungfernreise in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 in der Nähe Neufundlands. Von den mehr als 2.200 Passagieren überlebten nur etwa 700. 

James Cameron hat sich vom vorgegebenen Ausgang der Geschichte nicht irritieren lassen. Er konnte daraus vertrauen, daß der Mythos
Titanic ähnlich wie Shakespeares "Hamlet" Phantasie und Bewußtsein der Menschen bis heute beschäftigt. Der Untergang des Schiffes gilt
vielen als Sinnbild für einen außer Kontrolle geratenen Fortschrittsglauben: ein Opfer des amoklaufenden Kapitalismus. Überdies wurde das
Unglück, im Rückblick. zum Menetekel. In ihm kündigten sich die Katastrophen des Ersten Weltkriegs an. 

Carnerons mehr als dreistündiger Film ist wie Kenneth Branaghs Vier-Stunden-Adaptation des "Hamlet" - das Ergebnis einer ins Monumentale
gesteigerten Obsession. Nicht Cameron hat ein Thema gefunden, sondern das Thema ihn. Dem Drehbuchautor and Regisseur kommt es dabei
nicht auf Symbole and Metaphern an. Er sucht das private Drama in der Kollision zwischen menschlicher Hybris und der von aller technischen
Raffinesse unbeeindruckten Natur. So besitzt dieser Actionfilm durchaus Züge eines Kammerspiels, retardierende Momente, die den Fluß der
Katastrophe immer wieder auf produktive Weise hemmen im Dienste einer großen, altmodisch erzählten Love-Story. Der Versuch, im
Crescendo der Aktion auch leise, persönliche Töne hörbar zu machen, hatte sich, wenn auch ohne Erfolg, bereits in Camerons True
Lies-Projekt angedeutet. 



Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) leidet an Oberklassen-Langeweile, einem unheilbaren Verdruß angesichts der lähmenden Konventionen
und Rituale der guten Gesellschaft. Winslet trägt tiefdekolletierte Melancholie zur Schau: "poor little rich girl". Ihr Verlobter Carl Hockley, Billy
Zane gibt ihm ölige tycoonhafte Penetranz, hat sie gleichsam eingekauft. Roses Familie droht der finanzielle Ruin. Ein kostbares Diamantcollier
um ihren Hals, "le coeur de la mer", empfindet sie wie ein todbringende Schlinge. Vor dem Absturz in die großbourgeoise Ehehölle bewahrt sie
ein - naturgemäß mittelloser - Künstler. Leonardo DiCaprio ist auch als Jack Dawson Romeo geblieben. Neue Rolle, alter juveniler Charme. 

In einer feindlichen Umwelt müssen Rose und Jack sich ihre vom Tod bedrohte Liebe regelrecht erkämpfen. Eros und Thanatos, das geht bei
Cameron nicht ohne sentimentales Beiwerk ab. Weder ist er Anthony Minghella, noch kann er auf eine Vorlage wie DER ENGLISCHE PATIENT
zurückgreifen. DiCaprio sinnend, Winslet sehnend, große Gefühle fliegen der untergehenden Sonne entgegen. Sätze wie "Das Herz einer Frau ist ein tiefer Ozean voller Geheimnisse" (Rose) helfen auch nicht-. sie bedienen den Kitsch, nicht die Kunst. Dennoch hat der Film magische Momente. Kate Winslet ist wie geschaffen für die Rolle einer Frau, der die Fragilität ihrer Liebesbeziehung bewußt ist. In ihren enthusiastischen Aufschwüngen klingt immer Wehmut mit, in ihrer Traurigkeit scheint immer auch eine Glücksverheißung auf. 

Eingebunden ist die erfundene Affäre in eine aktuelle Rahmenhandlung. An Bord des Schiffes, das jetzt aus kommerziellem Interesse mit
ferngesteuerten Kameras das Innere des Wracks erforscht, erinnert sich die heute gut hundertjährige Rose an ihre Affäre. In dokumentarischen
Aufnahmen zeigt Cameron einen verwitterten Giganten, die gespenstischen Überreste des im Nordatlantik begrabenen "Traumschiffs". Die von
Kameramann Russell Carpenter evozierten Bilder aus der Vergangenheit der Titanic besitzen dagegen etwas von der verblichenen Historizität zeitgenössischer Postkarten. Ausstattung, Kostüme and Masken folgen einem einzigen kategorischen Imperativ: So authentisch wie möglich! 

Camerons TITANIC ist eine suggestive Zeitreise, eitle Reise auch in eine betonierte Klassengesellschaft. Den Gegensatz zwischen oben und unten, Erster und Dritter Klasse läßt Cameron ausspielen: rnaliziöser Snobisrnus und aufgeräumtes Politpalaver hier, trunkener Tanz und schwitziges Armdrücken dort. Dem sozialen Status entsprach die Lebenserwartung an Bord. 60 Prozent der Erste-Klasse-Passagiere wurden gerettet. Die Dritte Klasse brachte es auf gerade einmal 25 Prozent. 

Und dann kommt der Eisberg ins Spiel. Camerons 263 Meter langes Außenmodell der Titanic versinkt in einem 28.000 Quadratmeter großen
Becken mit 64 Millionen Liter Meerwasser. Der gigantische Set war eigenes in Rosarito Beach im mexikanischen Bundesstaat Baja California
gebaut worden. Es verstellt sich, daß der Untergang auf dem höchsten Niveau der Technik, unter anderem mit dem Einsatz eines Kamerakrans
mit einer Reichweite von 25 Metern, mit viel Stuntpersonal und Liebe zum Detail vonstatten geht. Jetzt wissen wir, wie gefrorene Tränen
aussehen und feuchtes Haar bei extremer Kälte in Form von Eiszapfen wegbricht. Dem Publikum wird das Gefühl vermittelt, es sei dabei
gewesen. Imrmanente Spannung birgt die unzureichende Rettungsvorsorge auf der Titanic: zu viele Menschen, zu wenig Boote. Angesichts der
bedrückenden Szenen voller Feigheit und Egoismus, der Bereitschaft, das eigene Leben auf Kosten eines anderen zu retten, formuliert der Film
eine moralische Frage: Wie hätte ich gehandelt'? 

Den Bildern ist keine explosive Kraft, eher eine implodierende Qualität eigen. Hierin liegt die Überraschung des Films - und sein ästhetischer
Reiz. Als hätte ihm das Pathos des Themas Ehrfurcht vor der Historie aufgenötigt, läuft Camerons Special-Effects-Maschine wie gedrosselt.
Die Katastrophe spiegelt sich am wirkungsvollsten in den Gesichtern der Opfer und in poetischen Bilderfindungen. Leichen auf dem Wasser erscheinen als Stilleben der Vergänglichkeit. Vor dem unermeßlichen, düsteren Meer verlieren sich Mensch und Maschine. Cameron beherrscht auch das Konventionelle. Leuchter klirren im luxuriösen Speisesaal, eine Flut von Tellern ergießt sich auf dem Boden. die Lichter gehen aus. Und als alles fast zu spät ist, spielen die Musiker noch immer: mit Paul Linckes "Hochzeitsmarsch" in den Tod. 


200 Millionen Dollar soll das maritime Abenteuer Twentieth Century Fox und Paramount Pictures gekostet haben, eine mutige Investition nach WATERWORLD. Aber kein unternehmerischer Wahnwitz. Als kürzlich im Florida International Museum die bisher größte Ausstellung über die Titanic eröffnet wurde, stellte deren Leiter George Tulloch fest: "Die Titanic übt immer noch einen unwiderstehlichen Reiz auf die Menschen aus." Dietmar Kanthak

TITANIC

USA 1997. R und B: James Cameron. P: James Cameron, Jon Landau. K: Russell Carpenter. Sch: Conrad Buff, James Cameron, Richard A.
Harris. M: James Horner, Randy Gerston. T: Mark Ulano. A: Peter Lamont, Martin Laing. Ko: Deborah L. Scott. Sp: Robert Legato, Thomas L.
Fisher. Pg: Lightstorm Entertainment. V: Fox. L: 194 Min. FBW: wertvoll. St: 8.1.1998. D: Leonardo DiCaprio (Jack Dawson), Kate Winslet
(Rose DeWitt Bukater), Billy Zane (Carl Hockley), Kathy Bates (Molly Brown), Frances Fisher (Ruth DeWitt Bukater), Gloria Stuart (Old Rose),
Bill Paxton (Brock Lovett), Bernard Hill (Captain Smith)