Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.3.1985

Dimension des Unmenschlichen


Die Blitze zucken durch den stahlblauen Nachthimmel wie einst im Labor des Doktor Frankenstein, and als sich der Lichtzauber gelegt hat, erhebt sich ein Mann in Modellmaßen. Ein wahres Muskelgebirge, mit dem Arnold Schwarzenegger Karriere gemacht hat, als "Barbar" namens Conan, setzt sich in mechanischen Gang. Ein Kunstmensch ist dieser Schauspieler schon mit seinem gezüchteten Körper, einen künstlichen Menschen hat er darzustellen, wie wir bald erfahren werden: eine neue Geißel, die sich der Mensch eingehandelt hat für die Hybris, sein eigen Ebenbild wie Gott zu erschaffen.

Was einst Prometheus. allein an den Felsen geschmiedet. büßen mußte, hier trifft es die ganze Gattung: Der Atomkrieg, der schon in manchem Buch and manchem Film als naheliegendes Schreckgespenst ausgemalt wurde, wurde diesmal nicht von skrupellosen Politikern ausgelöst, sondern von einer sich verselbständigenden Maschinerie. Ein wohl irgendwann auch von den Fachleuten nicht mehr zu kontrollierender Archipel aus Mikrochips and Bytes, eine sich perfektionierende Apparatur, der mit der aufgebürdeten Arbeit auch die Kontrollfunktionen übergeben werden, entwickelt einen eigenen Willen, ist nicht mehr menschlicher Lenkung unterworfen. Der Besen des Zauberlehrlings, der in Godards "Alphaville" scharfsinnig zu einem diktatorischen Computer abstrahiert and eben auf der abstrakten Ebene durch die ungreifbare Macht der Poesie geknackt wurde, poltert nun als konkrete Kampfmaschinerie durch die Welt. Also kann auch kein Geistesblitz den Kurzschluß bewirken, die Gegenmittel wie Benzinflaschen, Dynamitstangen and schließlich eine Stahlpresse sind durchaus konkreter Natur.

Der Regisseur James Cameron ging weite Wege, um die Widersacher zusammenzuführen. Aus der postnuklearen Wüste anno 2029 holte er sie mit dem neuesten Modell der Zeitmaschine ins Jahr 1984, stellte auch noch als plumpes Bibelzitat ein junges Mädchen als künftige Mutter eines neuen Erlösers dazwischen. Solch kruden and umständlichen Erklärungssträngen zu folgen ist allerdings gewöhnt, wer sich an einem Gruselstückchen ergötzen will. Schließlich konnte an sich früher auch beim Anblick eines Werwolfs grausen und die dazu konstruierten Begleittexte vom Vollmond oder von einem unchristlich beigesetzten Leichnam großzügig übergehen. Wenn heute der Hexenkessel mit technischen Formeln angeheizt wird statt mit okkulten Sprüchen, dann gehen die Filmemacher nicht nur aus formalen Gründen mit der Zeit. Schließlich greifen sie nur ein verbreitetes Unbehagen auf, das gegenüber den elektronischen Datensammlern oder den Menschenplätze einnehmenden Robotern besteht.

Der fast zweistündige Film "Terminator" geizt nicht mit Action, führt den Verfolger und den Beschützer der neuzeitlichen Jungfrau ohne Sorge um die Logik immer wieder zusammen oder besser gegeneinander, and ein aberwitziges Waffenarsenal, das Cameron vom Händler ironisch als ideal zur Selbstverteidigung anpreisen läßt, wird in einer abstoßenden Gewaltorgie vorgeführt. Das sind die Phasen, in denen die nicht nur heimliche Freude am Töten, am Feuerwerk gepflegt wird and mit voyeuristischer Detailverliebtheit eine unverhohlene Note erhält.

Trotz der Überfülle an spektakulären Situationen, die mit dem Feuerwerk in der Totalen and dem blutigen Schock in der Großaufnahme operiert, ist das ganze Werk auf den Bizeps des Titeldarstellers geschneidert. Bewußt wird der kleine Kopf auf der unnatürlichen Fleischwucherung stilisiert zu einer leblosen and stupiden Maske: die groteske Überzeichnung dessen, was vielleicht als menschliches Idealbild herumgeistern mag. Wenn die Kamera in subjektiver Position die Situation des Jägers simuliert, vermittelt sich die Dimension von Gnadenlosigkeit and Unmenschlichkeit in einer Maschine, die ihr beliebiges Ziel im Infrarotlicht erfaßt, in Mikrosekunden im Computer bewertet und ohne Reaktionszeit mit einem Kraftausdruck oder einer MP-Salve unter Beschuß nimmt.

          JÜRGEN RICHTER