Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.8.1994

Von zwei Seiten Zunder


Arnold Schwarzenegger ist
im Film "True Lies" nicht nur Retter der Welt, sondern muß auch die Institution Ehe retten

Allfällige Einwände dürften an diesem Film abprallen wie der Versuch von Schmeicheleien an Arnold Schwarzeneggers aggressiv verkantetem Unterkiefer. Nach dem "Terminator"-Doppel des Gespanns Schwarzenegger/Cameron ist "True Lies" dessen neuestes Kinospektakel der Stuntsuperlative, der pyromanischen und explosiven Exzesse und einer Materialschlacht nie gesehenen Ausmaßes.

Ein Harrier-Jet in den Wolkenkratzerschluchten Miamis, der als Senkrechtstarter auf engem Raum so beweglich ist wie ein Dinosaurier im Stangenwald und der entsprechend viel Kleinholz und Glasbruch macht, während er eine ganze Hochhausetage unter Beschuß nimmt; ein auf Betonstelzen übers Meer gebauter Highway zwischen Key West und Miami, der gesprengt wird, daß die Autos nur so durch die Luft wirbeln; ein flüchtender Motorradfahrer, der vom Dach des einen Hochhauses in den Penthouse-Pool eines jenseits der Straße gelegenen anderen springt und naß, aber mit heiler Haut davonkommt; der freie Fall eines Kindes aus schwindelnder Höhe vom Ausleger eines Krans auf die darunter lauernd zuckende Nase des Harrier-Jets, in dem aufmunternd der Vater am Steuerknüppel hantiert  - Computer-Simulation, Blue-Screen und Modelle machen derlei Schauwerte, die den Verstand in Wartestellung befehlen, am laufenden Filmmeter möglich.

Und wenn der Zuschauer Glück hat, dann gönnen ihm der Regisseur James Cameron und sein allzeit lässig-heiter das Muskelspiel absolvierender Hauptdarsteller eine James-Bond-Persiflage, in der Schwarzenegger, Tango tanzend und im Smoking, verblüffend ansehnlich Figur macht; oder die Action kulminiert in der Verfolgungsjagd Pferd gegen Motorrad über mehrere Stockwerke eines stark frequentierten Hotels - eine virtuos geschnittene Sequenz, in der kraft Phantasie das Unwahrscheinliche real wird. Doch das Glück des Zuschauers in dem hundertdreißig Minuten währenden Getümmel ist eng bemessen. Die übrige Zeit wird ebenso totgeschlagen wie die Hundertschaft arabischer Terroristen - der political correctness zuliebe natürlich Mitglieder einer Splittergruppe -, denen Schwarzenegger als in Regierungsdiensten stehender Spezialagent der Spitzenklasse, unbesiegbar selbst in Handschellen, das Handwerk legen muß, wobei er nebendrein noch seine von Staats wegen in die Langeweile befohlene Ehe tüchtig aufmischt.

Die Grundidee des  Hollywoodprodukts " True Lies" ist Claude Zidis französischer Komödie "La totale" von 1991 entlehnt, in der die Familie eines Geheimagenten, die über dessen Tun im Unklaren gelassen wird, sich unversehens und unter skurrilen Umständen ins brisante Spionagegeschäft verwickelt sieht. Daß der Dauerkämpfer unter Hochspannung Schwarzenegger zu Hause den zerstreuten Computervertreter im Außendienst samt lahmer Zerknirschung über die vielen Verspätungen and Abwesenheiten mimen m«ß and daß seine auf ein bißchen mehr Aufregung erpichte Ehefrau, mit einem Seitensprung liebäugelnd, ausgerechnet an einen windigen Gebrauchtwagenverkäufer gerät, der ihr den geheimnisumwitterten Spion vorflunkert - dieser Vorlage ist ein ironisches Moment nicht abzusprechen. Aber der Feuerwerker Cameron vermag die ganze Ironie auch nur auf einen Schlag abzubrennen, um sich mit Eifer auf den nächsten Effekt zu stürzen. Wenn der Regisseur, der hier als sein eigener Drehbuchautor Lunte legt, hofft, er habe in "True Lies" einen Spionagethriller mit der screwball comedy gekreuzt, dann ist diese Hoffnung wie ein Zünder, der naß wurde.

Schwarzenegger geht das Kitten seiner Ehe mit der nämlichen He-man-Attitüde an wie die Errettung der Welt, und die Mutation der Ehefrau von einer grauen Maus zur nicht nur mit weiblichen Waffen wehrhaften Mitstreiterin wider alle Feinde bedeutet - der engagiert aufspielenden und in einem "erotischen" Tanz sich verausgabenden Jamie Lee Curtis zum Trotz - kaum mehr als einen Kleiderwechsel von züchtig geschlossener Bluse and Strickjacke zum tiefdekolletierten schwarzen Abendmini. Der Rest ist kinosattsam sich verselbständigende Gewalt, die sich schließlich in jener Szene am schlüssigsten entlarvt, in der eine Maschinenpistole die nicht enden wollende  Treppe hinunterkollert und beim Aufschlagen auf jeder Stufe mit den sich lösenden Schüssen die Übeltäter gleich dutzendweise erledigt.

Wo das Denken und Handeln der verblendeten Fanatiker, welche die gesamte Menschheit bedrohen, sich vom martialischen Gehabe der Retter nur im Mangel an Überlebensfähigkeit unterscheidet, hört die Unterhaltung auf, reine Unterhaltung zu sein. Wenn dann die Figuren in Sichtweite einer Atomexplosion einzig die Augen mit der Hand beschirmen, als müßten sich sich gegen zuviel Sonne schützen, dann wird die politische Dimension eines solchen Films, der mit der nuklearen Furcht glaubt leichtes Spiel zu haben, in ihrem Grad der Verdummung geradezu gefährlich.

Hans-Dieter Seidel