FOCUS 2/1998 

Die Magie des Kriegsspiels 

Kompromißloser Kinovisionär: James Cameron hat mit "Titanic" nicht nur den teuersten, sondern auch einen der größten Filme aller Zeiten gedreht



FOCUS: Sie sehen Filmemachen als "eine Schlacht zwischen Geschäft und Ästhetik". Was ist Ihre Rolle dabei? 

Cameron: (lacht) Ich bin der General. Aber der Feind ist nicht das Studio, sondern Entropie - die Tendenz organisierter Systeme, Chaos zu schaffen. Und der Zoll wird in Dollar gezahlt, nicht in Blut. 

FOCUS: Aha. Das heißt konkret? 

Cameron: Jede Entscheidung ist eine Frage von Kosten und Gegenwert. Und der ästhetische Gegenwert ist etwas, das in dieses kleine Rechteck reinpassen muß, den Rahmen des Filmbilds. Der ist das geheime Interface zwischen all dem Geld und Geist, was man hineinpumpt, und den Zuschauern, die das nicht die Bohne interessiert. 

FOCUS: Klingt ziemlich unsinnlich . . . 

Cameron: Nein, im Gegenteil. Erstaunlicherweise geht davon eine Magie aus, die sich allerdings schwerlich vorherbestimmen läßt und der man kein Preisschild aufkleben kann. 

FOCUS: Das gilt für jeden Regisseur . . . 

Cameron: Mit einer kleinen Ausnahme (lacht). Was nämlich schlimmer ist, als einen Film für 200 Millionen Dollar zu machen, ist, einen für 190 zu machen - und womöglich für zehn Millionen auf die eine Szene zu verzichten, die den Film funktionieren läßt. 

FOCUS: "Die Natur ist nie zu beherrschen", lautet Ihr Credo. Wollen Sie nicht stets das Gegenteil beweisen? 

Cameron: Nicht wirklich. Was immer sich im Studio drehen läßt, tun wir. Gut, wir haben einen der größten Außensets gebaut, den es je gab. Und ich habe jeden Tag den Wetterbericht studieren müssen. Da wird einem die Macht der Elemente sehr bewußt. 

FOCUS: Sie suchen schon das Risiko? 

Cameron: Der Versuch, die physische Seite des Universums zu beherrschen, ist nun mal die Antriebskraft des Menschen. Wir sitzen hier in einem riesigen Gebäude, essen Dinge, die von Leuten stammen, die wir nie kennengelernt haben, usw. Aber eine der Lehren aus dam "Titanic" -Debakel ist ja, sich nie vorzumachen, die Natur ganz in den Griff zu bekommen. Denken Sie nur an Antibiotika und wie sich mittlerweile überall resistente Erreger entwickeln. 

FOCUS: Waren Sie eigentlich jemals in den "Waterworld"-Film involviert? 

Cameron: Sie werden's nicht glauben. Ich hatte Regisseur Kevin Reynolds angeboten, ihn mit Leuten zusammenzubringen, die mit den Anforderungen von Unter- und Überwasser-Drehs vertraut sind. Er hat nie geantwortet - was er wohl besser getan hätte. 

FOCUS: Was hat es denn mit Ihrer Wasser-Obsession auf sich? Sie sind an den Niagara-Fällen aufgewachsen.. . 

Cameron: Da mag es wohl eine Verbindung geben, wenn man 15 Jahre lang das Dröhnen von hinabstürzenden Wassermassen im Ohr hat. Aber meine fünfjährige Tochter ist auch am liebsten im Wasser. Da sie nie in Niagara Falls war, hat das wohl mit den Genen zu tun. 

FOCUS: Tauchen Sie?

Cameron: Ja, seit 16. Ich habe mal im Wrack eines japanischen Kriegsschiffs in der Südsee ein Matrosen-Tagebuch gefunden. Das hat mich zur Szene mit den unter Wasser entdeckten Zeichnungen der Hauptfigur Rose inspiriert. 

FOCUS: Sie werden ja gern als Psychopath, Tyrann oder Wahnsinniger bezeichnet. Wie sehen Sie sich denn? 

Cameron: Ich würde natürlich keins dieser Worte verwenden. Ich kann mir auch niemanden vorstellen, der so was sagt und dann wieder für mich arbeiten wollte. Ich sagte meinem Team immer: "Das Schiff legt jeden Tag an, ihr könnt jeden Tag von Bord. Wenn ihr es nicht tut, kann es nicht so schlimm sein. " 

FOCUS: Es gab keine Wutausbrüche? 

Cameron: Natürlich habe ich meine dramatischen Momente, wenn ich merke, daß Leute nicht 100 Prozent bringen. Aber so oft ist das auch nicht. 

FOCUS: Wie sind Sie also wirklich? 

Cameron: Fordernd, sehr fordernd. Darauf bin ich auch stolz. Jeder Film sollte über das hinausgehen, was man zuvor gemacht hat. Das will ich such aus den
Schauspielern herausholen, was gern als zu harscher Ton mißverstanden wird. 

FOCUS: Hat es Sie verletzt, daß sich Kate Winslet über Sie beklagt hat? 

Cameron: Ja, etwas. Sie hat sich tausendmal dafür entschuldigt, sie hätte das nie gesagt. Aber sie hat wohl was in der Art gesagt, denn ich bin auch bei ihr
his an den Rand der Erschöpfung gegangen. Leonardo DiCaprio läßt den Dampf, unter dem er steht, immer nach jeder Szene ab, Kate kann das nicht so. 

FOCUS: Also doch der Tyrann . . . 

Cameron: Darauf richten vor allem die Medien ihr Augenmerk - irgend etwas Negatives zu finden , statt anzuerkennen, daß dies ein Projekt ist, das
Hollywoods Selbstverständnis von einem großen kommerziellen Mainstream-Film verändern kann. Hier ist alles auf das Schauspiel ausgerichtet, auf
Charaktere und Emotionen - keine Schießereien und Autoverfolgungen, Terroristen und Atombomben. Und dann schreiben sie wieder zehn Artikel darüber,
wie schlimm es um Hollywood steht. Das geht nicht in meinen Kopf. 

FOCUS: Sind Sie ein Romantiker? 

Cameron: Das müssen Sie beurteilen. Ich habe mit Thrillern und Science-fiction angefangen, womit man halt Spannung in Großproduktionen bekommt, und
habe dann versucht, mehr Charaktere in die Filme zu integrieren. Jetzt geht's nur um die Liebesgeschichte - alles, was ihr nicht dient, ist rausgeflogen. 

FOCUS: Kann "Titanic" Geld machen? 

Cameron: Durchaus - allerdings sicher nicht so viel wie "Jurassic Park". 

FOCUS: Haben Sie auch mal durchgerechnet, wieviel es gekostet hätte, die "Titanic" total nachzubauen? 

Cameron: Man hätte sie uns in Danzig für 25 Millionen Dollar neu gebaut Aber dann hätte man auch nur eine Einstellung vom Sinken drehen können (Jacht)... "The Abyss",
der 1989 als teuerster Film aller Zeiten galt, kostete uns 42 Millionen Dollar. Die Preise scheinen sich fast alle drei Jahre zu verdoppeln. Wobei ich sogar weiß, daß 1993 definitiv ein
Film, wenn nicht zwei, schon bei 200 Millionen lagen. 

FOCUS: Dann bleibt Ihnen ja nicht mal dieser Rekord . . . 

Cameron: Der ist zumindest oft genug gedruckt worden. 

FOCUS: Sie haben außer der Script-Gage Ihr Regisseursgehalt dem Studio geschenkt, als "Titanic" zu sinken drohte. Aber Sie verdienen als
Produzent . . . 

Cameron: Nein, auch die Beteiligung habe ich zurückgegeben. Und die Summe, um die es insgesamt ging, kann ein Zehntel des Budgets ausmachen - also
kein Pappenstiel. 

INTERVIEW: HARALD PAULI



VERSUNKENE LEIDENSCHAFT 


Ein Jahrhundert-Melodram: Die "Titanic"-Katastrophe von 1912 wird zum Kinoereignis  1998 


Als die "Titanic" 1912 in den Fluten des Nordatlantik versank, waren es gerade mal fünf Passagiere, die - in den eisigen Wassern treibend - gerettet wurden. "Bei mir sind es sechs"', sagt Regisseur James Cameron, "schließlich kommt Rose noch dazu." 

Seinen Umgang mit Facts und Fiction bezeichnet das am besten: Cameron, der besessenste Filmemacher im Hollywood von heute,
scheute keine Kosten und Kraftakte, um der Katastrophen-Chronik eine möglichst authentische Aura zu geben. Zudem ersann er aber mit
der Legende von der unglücklichen Aristokratin Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) und der frivolen Künstlernatur Jack Dawson
(Leonardo DiCaprio) eine universelle Liebesgeschichte. Ein alle historischen Dimensionen sprengendes Melodram, das trotzdem in
seiner Wahrhaftigkeit jederzeit Realität beanspruchen kann. 

Die beiden trennen nicht nur die Schranken der Klassengesellschaft, sondern auch Ober- und Unterdeck. Aber so wie Cameron eine
bewegende Szene erdacht hat, welche die ungleichen Helden erstmals vereint, so wußte er auch eine Rahmenhandlung zu inszenieren,
welche ihre Geschichte der Geschichte entreißt und ganz und gar gegenwärtig erscheinen läßt. 

Auf einem Bergungsgsschiff, das nach den Schätzen des sagenumwobenen Wracks sucht, meldet sich eine greise Überlebende des Untergangs, die das Geheimnis eines mit dem Luxusliner versunkenen Juwels aufzuklären
verspricht - und dann ein um so größeres Vermächtnis preisgibt: das einer rigorosen Romanze, deren Tragik vorbestimmt ist.


So wie es 1997 der vom Krieg entstellte Graf Almasy war, dessen Erinnerung ein vergangenes Liebesepos offenbarte, so ist es nun die vom Alter
gezeichnete Rose; schließlich hatte Cameron schon immer eine Schwäche für starke Frauenfiguren.

Das grandiose Gefühlskino, dessen Rückkehr der "englische Patient" einläutete, findet in "Titanic" eine - wenn auch etwas andere - Fortsetzung. Denn neben aller verinnerlichten Emotionalität bietet das Desaster-Spektakel auch Bilder von purer physischer Evidenz: Die Szenen vom Sinken des Superschiffs, zum Großteil mit modernster Computertechnik animiert, befriedigen auch die traditionelle Kintopp-Schaulust auf eine bisher unvorstellbare, ebenso
packende wie schockierende Weise.



Daten und Fakten zum Untergang der R.M.S "TlTANIC"

2223 Personen hatte die "Titanic" an Bord, als sie am 10.4.1912 in Southampton via Cherbourg nach New York ablegte. 

Mit einer Länge von 270 Metern war der als unsinkbar geltende Luxusliner größer als der damals höchste Wolkenkratzer. 


Nur für die Hälfte der Passagiere gab es Platz in den Rettungsbooten. 


1495 Menschen starben, als der Dampfer mit einem Eisberg kollidierte und sank. 


60 Prozent der Erste-Klasse-Passagiere wurden gerettet -gegenüber nur 25 Prozent der Reisenden aus der dritten Klasse. 


Nur 5 Passagiere wurden von Rettungsbooten aus dem Eiswasser gefischt, obwohl diese zumeist unterbesetzt waren.