Frankfurter Rundschau, 20.11.1986

Des maximal Mulmige


James Camerons brillant-dubioser Science-fiction-Horrorfilm "Aliens - Die Rückkehr"

FRANKFURT A. M. Nach 57 Jahren Tiefschlaf in ihrem galaktischen Rettungsboot wird die Astronautin Ripley irgendwo draußen im Weltall zufällig entdeckt und wiederbelebt. Aber ebensowenig wie sie Dornröschen ist, tritt ein Prinz an ihren Überlebenssarg. Mit ihr erkennen wir auf einen Blick, daß sich in dem verstrichenen Halbjahrhundert nichts verändert hat bei den Menschen. Das Kürzel SOS ist weniger zutreffend mit Save Our Souls zu übersetzen als mit den Worten eines amerikanischen Negermusikers in einem anderen aktuellen Film - mit Same Old Shit: dieselbe Kacke. Der Marines-Elitetruppe an Ripleys Schlafstatt könnten wir derzeit an allen US-neuralgischen Brennpunkten der Weltgeschichte begegnen.

Mit ihr begibt sich die junge Frau alsbald wieder auf die Suche nach jenen Wesen, deren Bekanntschaft sie als einzige seinerzeit überlebte: in Ridley Scotts Horror-Sience-fiction "Alien". Damals, 1979, waren in den Raumfrachter mit dem schönen Namen "Nostromo" jene unschönen Wesen der dritten Art gelangt, deren Spezialität es ist, sich im menschlichen Körper selbst auszubrüten und diesem ihrem Wirt eines bösen Tages aufs gräßlichste Valet zu sagen, bevorzugt durch Sprengung der Bauchdecke. Es erscheint dann ein glibbriges zähnefletschendes Monster, krokodilig-polypenhaft, das sich, zumal ausgewachsen, des homo sapiens gerne auch von außen annimmt.

Das Nervenzerrende an "Alien" war, daß in der klaustrophobischen Raumschiff-Situation die bereits entsprungenen Unviecher die Umwelt besetzt hielten und überdies niemand genau wußte, ob er sie nicht bereits in sich trug: schlechterdings der totale Horror. Im Fortsetzungsfilm "Aliens - Die Rückkehr" wird nun der subtile Binnenhorror zur offenen Feldschlacht ausgeweitet. Was immer vergröbernd dabei zutage tritt - eins muß man dem neuen Drehbuchautor und Regisseur James Cameron lassen, nämlich daß er sein Handwerk versteht.

Sieht sich der Zuschauer anfangs im ungewissen darüber, ob nicht vielleicht Ripley und ihr mitgeretteter Kater bereits Träger des Bösen sind, so wird er in dem Maß, wie der Verdacht sich zerstreut, in ein Unternehmen einbezogen, das er von Anfang an zum Scheitern verurteilt weiß. Die naßforsch militaristische Art, mit der sich die Marines - unter ihnen zwei Frauen - nach hergebrachter Landsermanier mit flotten Sprüchen ans Werk machen, wirkt absolut deplaziert and läßt sie von Anfang an auf der Verliererstraße marschieren. Mag Cameron dabei auch eine gewisse sarkastische Dekouvrierung simpler Hauruckmentalität im Auge gehabt haben, so gerät ihm doch deren Inszenierung zum schieren Selbstzweck. Der Haufen entert abenteuerlich gewandet and bewaffnet, als gelte es die amerikanische Freiheit im vietnamesisch-nicaraguanischen Dschungel zu verteidigen, den Heimatplaneten der Aliens, auf dem nichtsahnend eine Beobachtungsstation errichtet worden war. Dort sieht's denn auch so aus, wie nicht anders zu erwarten: die Biester haben den terrestrischen Kolonisatoren den Garaus gemacht and sich selbst damit endgültig zum Abschuß freigegeben. Alien heißt schließlich Das Fremde, Andere; and wie mit dem umgesprungen wird, davon können wir hienieden ein fachmännisch' Liedlein singen.

Die Totschlagtruppe gerät recht bald ans Ende ihres Lateins, das ohnedies nur aus wenigen Brocken besteht, genauer gesagt aus einem Handgriff, noch bescheidener: aus einem Fingerkrümmen - am Abzugshahn des Granat- und Flammenwerfers. Cameron kann nicht genug kriegen vom kriegerischen Gebrüll and Gefuchtel, das sich hier doch selbst - wieder einmal - ad absurdum führt. Die Lust am Geballere überwältigt den Film, das phallische Schießgewehr wird insbesondere von einem weiblichen Mitglied der Marines mit nachgerade libidinöser Begeisterung gehandhabt, und die Abscheulichkeit des Gegners läßt alles gerechtfertigt erscheinen.

Der Produktionsdesigner Peter Lamont entwarf neben gewaltigen Maschinenhallen seltsam organisch anmutende Innenräume, der Trupp bewegt sich wie im Inneren der Aliens selbst, wieder ist der Horror allumfassend. Seine Abstufung in den einzelnen Begegnungen gestaltet Cameron meisterlich, er treibt die Abfolge des Unbills, die Maximalisierung des Mulmigen manchmal bis an die Grenze des Komischen, um dann abzubrechen and neu zu beginnen. Die Musik von James Horner liefert dazu per Dolby metallisches Dröhnen und tiefe, den Herzschlag irritierende Frequenzen. Das Grausen ist im Kinosessel physisch mitzuvollziehen.

Die geschickte. wohldosierte Zubereitung kruder Effekte läßt die Totschlagideologie des Films um so krasser hervortreten. Ihr fällt auch Ripley anheim, eine anfangs eher besonnene and skeptische Frau, die zusehends sich martialisiert. Mit sozusagen guten Gründen wiederum, schlüpft sie doch in die Mutterrolle gegenüber einem kleinen Mädchen, der einzigen Überlebenden der Station. Der Kindcheneffekt tritt voll in Aktion, die Bedrohung der Kleinen läßt das Weib zur Furie, zur Kampfmaschine werden, indes die Männer winselnd durchdrehen and auf der Walstatt bleiben. Bemerkenswerterweise zitiert das Presseheft zum Film die Hauptdarstellerin Sigourney Weaver mit durchaus kritischen Überlegungen zu dieser ihrer Rolle:

"In meinem Privatleben hasse ich Gewehre regelrecht. Ich unterstütze die Anti-Waffen-Liga mit Geld. Und so waren diese Waffen das größte Problem für mich in diesem Film. Ich glaube allerdings nicht, daß Ripley eine Waffennärrin ist. Ich versuchte auch, in all diesen Action-Szenen, in denen ich diese Waffen benutze, deutlich zu machen, daß ich nicht zu den Marines möchte. Ich bin kein Soldat, und will auch keiner werden. Dasselbe gilt für Ripley. Für mich ist es tatsächlich sehr problematisch, moralisch zu rechtfertigen, in einem Film mit derart vielen Waffen zu spielen. Das brachte mich schon aus der Fassung - es war ein sehr großes Problem. Als ich das Skript las, hatte ich keine Vorstellung davon, wie martialisch die ganze Atmosphäre sein würde; und auch nicht, mit welchem Nachdruck das betont werden sollte. Was mich an diesen Gewehren störte, ist, daß man sich irgendwann durchaus daran gewöhnt. Und das passiert Leuten mit echten Waffen wohl ebenso."

Das genau trifft zu, und James Cameron machte es so zutreffend. Er wurde bekannt durch seinen vorhergehenden, zweiten Film "Der Terminator", ein zurecht preisgekröntes originelles Sciencefiction-Werk, an dessen Fabel er mitschrieb. Sie irrlichtert auf verschiedenen Zeitebenen, zitiert Menschen in die Gegenwart, die erst in der Zukunft gezeugt werden, sucht etwas sich abzeichnendes Schlimmes zu verhindern, indem an dessen Vorgeschichte manipuliert wird. Hier tritt der Bodybilder Arnold Schwarzenegger als bis an die Zähne bewaffneter Maschinenmensch, als Terminator auf, aber sein Ein-Mann-Kommando hält sich innerhalb der Story in sinnvollen Grenzen.

In "Aliens" ging Cameron nun in die vollen, hemmungslos und gekonnt, doch weniger originell. Da hat sich ein Talent selbst gebrandschatzt.

Und jetzt noch zwei Fingerzeige für Analyse-Psycho-Freaks:

1) Es handelt sich bei "Aliens" um eine kaum kaschierte Auseinandersetzung mit der omnipotenten Mutter, der Gebärerin: Kinderlose Menschenfrau mit Leihkind kämpft gegen horroranimalische Gebärmaschine, die ihre Brut von dadurch getöteten Menschen in die Welt setzen läßt.

2) Es handelt sich um eine Allegorie auf Krebs.

 


HELMUT SCHMITZ