Frankfurter Rundschau, 29.10.1991

  Seitenwechsel


James Camerons zweiter "Terminator"-Film

FRANKFURT A. M. Ganze siebzehn Sätze umfaßt Arnold Schwarzeneggers Text im ersten "Terminator"-Film. Die Zeitschrift "Cinema" hat sich die geringe Mühe gemacht, sie zu protokollieren: Die längsten haben nicht mehr als sieben Worte. In der Fortsetzung ist der Dialog des Stars auf rund siebenhundert Worte angewachsen - das ist immer noch nicht allzuviel, aber gemessen am einmal gesetzten Standard wirkt es fast schon geschwätzig. Schwarzenegger bekam für die Anstrengung ein Honorar, das doppelt so hoch ist wie es die gesamten Produktionskosten des ersten Films waren. Tatsächlich läßt sich an dem Zahlenspiel so ungefähr der Unterschied zwischen Original und Fortsetzung festmachen: "Terminator" war ein schnelles, lakonisches, auf die reine Action-Struktur abgemagertes B-Movie - alles Haut und Knochen. Oder auch: Stahl und Latex. In "Terminator 2" wurde, wie das bei Sequels ohnehin üblich ist, ordentlich nachgefüttert und aufgeblasen. Allein, das Ideengerüst hielt dem gewachsenen Druck nicht stand, und das Ergebnis ist eine Ruine von einem Film.

Was das 1984 gedrehte Vorbild zu einem Kultfilm machte, war nicht zuletzt die clevere Mischung aus effektorientierter Action und selbstironischen Momenten. "Terminator" war der erste Film, in dem Schwarzenegger sein Image als knochenbrechender Barbar parodierte eine Formel, die ihn wie die Schöpfer der Figur des unzerstörbaren Cyborg, Gale Anne Hurd und James Cameron, berühmt machte. Wenn am Ende der bis zur Karikatur überzeichnete monströse Killer sein künstliches Leben unter einer Metallpresse aushaucht, ist das fast schon wieder komisch: Er wird dort auseinandergenommen, wo er geschaffen wurde, nämlich auf dem Fließband eine Entmystifikation der nur scheinbar übermächtigen Maschine, oder, überspitzt formuliert, ein Reflex auf die Grundlagen des von der Technik faszinierten Effekt-Kinos selbst. Zudem ist es ausgerechnet die physisch schwächste Figur, die den Roboter schließlich mit den Worten "Jetzt mach' ich dich fertig!" zur Strecke bringt: Das Motiv der kriegerischen Frau wurde aus Ridley Scotts fünf Jahre älterem Science-ficton-Thriller "Alien" übernommen und zog sich fortan durchs Action-Kino der achtziger Jahre.

Nun hat sich die Heldin des ersten Films zwar gestählt, dennoch gerät ihre Figur nicht mehr ins rechte Licht: Schwarzeneggers Cyborg hat ihr durch einen Seitenwechsel den Rang abgelaufen. Der Schauspieler, mittlerweile zum Präsidentenberater avanciert, hat eine Kursänderung vorgenommen; durch die positiven Reaktionen auf seine komischen Rollen in "Twins" und "Kindergarten Cop" bestätigt und eingedenk seiner Verantwortung als Leitfigur der amerikanischen Jugend, will er auf der Leinwand nicht länger die geistlose Mordmaschine darstellen. Als umgepolter "T 800", der ausdrücklich verspricht, niemanden zu töten, nimmt er dem zweiten Teil die pessimistische Boshaftigkeit des Vorgängers. Seine berühmten "catch phrases", die Lakonismen, die früher noch entlarvend wirkten, sind zum Selbstzitat oder zum marktgängigen Klischee geschrumpft; in zähen, unfreiwillig komischen Dialogen wird dem Film, der wie der erste im Schatten der atomaren Katastrophe spielt, eine naive Friedensbotschaft oktroyiert. Der Star hat zu Protokoll gegeben, er glaube an die Möglichkeit einer "Humanisierung der Maschine".

Der reichlich vordergründigen "Moral" widerspricht die Technisierung des Spielfilmerlebnisses selbst, die in "Terminator 2" nun tatsächlich eine neue Qualität erreicht zu haben scheint: Das Kino wird zu inhumanen Maschine. Bereits in "Abyss" hat der Regisseur James Cameron die Computeranimation für sich entdeckt - hier verwendet er einen erheblichen Teil seines sagenhaften Budgets darauf, die immer perfekter werdenden digitalen Bilder den inszenierten anzugleichen. Indem die computererzeugten Visionen - die vor allem bei der Darstellung des neuen "Bad Guys" zum Einsatz kommen, einer ungewöhnlichen, aus Flüssigkeitsmetall bestehenden Roboterkreation - von echten Bildern kaum noch zu unterscheiden sind, wird der Trick als Trick unsichtbar, wird die Tatsache des Gemachtseins verdeckt. Die fortgeschrittene Technik scheint nunmehr der Hypnose des Zuschauers zu dienen, und man trauert den Zeiten nach, da Science-fiction-Filme noch mit Souveränität die Fäden herzeigten, an denen die Raumschiffe aufgehängt waren.

Das einzig Gelungene an "Terminator 2" ist sein Trailer. Da zeigt Cameron, der dafür Material verwendete, das im fertigen Film angeblich nicht mehr unterzubringen war, wie der Roboter auf dem Fließband zusammengesetzt wird: Eine Hommage an den Geist des ersten Films, der weniger von falschem Ethos als von echtem Handwerk lebte. - (Royal, Europa, Originalfassung Airport 3; "Terminator I" im Zeil 3). 

SABINE HORST