Frankfurter Rundschau, 18.8.1994

Viel Kleinholz


Das neue Arnold-Schwarzenegger-Opus "True Lies"


Von Josef Schnelle


FRANKFURT A. M. Arnold Schwarzenegger aus Graz ist unbestritten der erfolgreichste deutschsprachige Filmstar aller Zeiten. Dabei wollte er doch eigentlich nur einmal "Mr. Universum" werden, als er in den 60er Jahren die Muskelakademien der Bodybuilder in Amerika stürmte. Er wurde dann fünf Mal "Mr. Universum", außerdem sieben Mal "Mr. Olympia", und sein Bizeps ist längst jenseits aller erotischen Geschmacksfragen konservierungswürdig. Ende der ersten Karriere des Arnold Schwarzenegger.

Der verdiente Bodybuilderruhestand als beliebter Talkshowgast war ihm aber schon 1969 zu langweilig. Diverse kleine Rollen als Herkules in New York und als Rausschmeißer von Robert Mitchum in The Long Goodbye brachten ihn auch nicht ins Filmgeschäft, bis Bob Rafelson ihn als Bodybuilder auf die Leinwand holte. Sein immer noch bemerkenswerter Film aus dem Jahr 1976 spielte in einem "Muscle-Studio", Arnold sich selbst und den Aufstand der Muskelmänner gegen ein verlogenes Milieu. Der Film hieß Mr Universum, wurde im deutschen Fernsehen gezeigt und ist immer noch Schwarzeneggers bester.

Dann aber beschloß der große Arnold, typgemäß Actionheld zu werden - als Conan der Barbar und als Terminator, als Schwertkämpfer in grauer Vorzeit und als Kampfmaschine aus der Zukunft. Beide Rollen erforderten wenig Dialog und dafür einen außerordentlich grimmigen Blick und begründeten Schwarzeneggers Status als Kassenmagnet. Fortan sah man ihn immer wieder mit großkalibrigen Wunderwaffen in Vollstreckerrollen mehr ein Held aus den Computerspielen, der erst schießt und dann schon gar nicht mehr fragt. Aber der Riese aus der Steiermark fühlte sich gar nicht so wohl in der Rolle des bösen Schlagetot und beschloß sympathischer zu werden, ein Komödienstar - vielleicht der Cary Grant für die Kids der 90er Jahre?

Groß und stark, aber auch edel, hilfreich und gut und ein bißchen weltfremd dazu. In Ivan Reitmans Komödie Zwillinge kämpfte er sich als geklonter ‹bermensch an der Seite seines kleinwüchsigen Zwillingsbruders Dany de Vito, den die Wissenschaftler für "genetischen Müll" halten, tapfer durchs Intrigengestrüpp und avancierte endgültig zum Kinderliebling, dem man dann den Kindergarten Cop ebenso abnahm, wie den naiven Terminator 2, der als perfekte Tötungsmaschine auf Anweisung eines kleinen Jungen seine Gegner nur kampfunfähig macht und überhaupt die Welt vor den Supermaschinen, zu denen er ja zählt, retten will. Fast lernt er in diesem Actionfilm-Kindermärchen sogar das Weinen.

Der Erfolg dieses Films ermutigte Schwarzenegger mit The Last Action Hero ein großes Wagnis einzugehen. In diesem Film über einen Jungen, der durch einen Zaubertrick als lebender Mensch in die Kinoillusion eindringt and über einen Filmheld, der erkennen muß, daß die Wirklichkeit diesseits der Leinwand viele Überraschungen bereit hält, nahm sich Schwarzenegger als Computerspielmythos selbst auf die Schippe. Der Film wurde ein finanzielles Desaster, auch weil ein selbstkritischer Schwarzenegger gegen Steven Spielbergs Jurassic-Park-Saurier keine Chance hat.

Mit True Lies - Wahre Lügen ist Schwarzenegger jetzt wieder brav auf den angestammten Platz als Held eines Filmes, der gar keine Helden mehr braucht, zurückgekehrt; mit ihm auch Regisseur James Cameron, der Schwarzenegger auf seinem Weg vom Terminator zum Letzten Action-Held unterstützt hatte. True Lies ist eher ein James Bond-Film als ein Arnold-Schwarzenegge-rFilm: Viel Kleinholz und Ausstattungsluxus, die pyromanischen Exzesse machen nicht einmal vor einer angeblichen Atombombenexplosion halt. Dabei geht's natürlich um fundamentalistische Terroristen, die aufgehalten werden sollen, aber eigentlich doch auch wieder nicht, denn True Lies besteht eigentlich nur aus Stunts und Effekten.

Doch einen komödiantischen Seitenstrang besitzt der Film. Jamie Lee Curtis ist Schwarzeneggers frustrierte Ehefrau, die, weil die Profession ihres Mannes so geheim ist, daß sie auch ihr verborgen blieb, den Seitensprung mit einem Hochstapler wagt, der ausgerechnet vorgibt, ein Geheimagent zu sein. Da muß Schwarzenegger schon seine ganze Spezialtruppe aufbieten, um das Schlimmste zu verhüten. Aber die zuverlässigen Bösewichte von der arabischen Terroristenfront holen ihn zurück ins Action-Metier. So wird alles wieder gut.

Arnold Schwarzenegger, dieser große sympathische Riese, der sein behindertes Kind auf einer Hand balancieren kann, alle Welt ermahnt, schön fit zu bleiben, während er mit anderen Hollywoodstars eine neue Freßkette mit Kinoflair (Planet Hollywood) aus dem Boden stampft, wird dieses Mal wieder gehörig kassieren. Von seinen Ausflügen ins Komödiengenre aber ist nur noch geblieben, daß er sich bei allen Nichtbeteiligten an den Action-Szenen immerzu entschuldigt. Sorry Arnie. Das reicht nicht!

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