DER SPIEGEL 43/1991 

Killerweiber unterwegs 

Frauen als Kämpfer in "Thelma & Louise" und "Terminator 2" - Hollywood hat den
neuen Feminismus entdeckt.


An einem gewöhnlichen Abend auf einem völlig unbedeutenden Parkplatz irgendwo in Arkansas entdeckte die Kellnerin Louise ganz plötzlich, daß nur das Sein das Bewußtsein bestimmt. Ihre beste Freundin Thelma lehnte an einer Autotür und heulte and fror. Thelmas Kleid war zerrissen und die Schminke verwischt, ihr Gesicht sah wie eine böse Maske aus, und hinter den geschwollenen Lidern versteckten sich Augen voller Angst. 

Der Vergewaltiger hatte ein klebriges Grinsen im Gesicht, und im Hirn des Mannes schien nur Stroh zu sein. Weshalb sie ihn mit einem Revolver bedrohe, wollte er von Louise wissen, es habe doch beiden Spaß gemacht. Und wenn er es such ihr besorgen solle, dann brauche sie sich nur zu melden. 

Louise sagte nichts, doch ihr Zorn wurde größer. Der Mann sagte viel, und alles war dumm. Und als er Louise dann fragte, ob sie nicht seinen Penis lutschen wolle, da drückte sie einfach ab, schickte keine Warnung voraus, schoß dem Kerl eine Kugel in den Bauch, weil sie sein Geschwätz nicht mehr hören konnte. Und der Mann guckte so blöd, wie einer nur gucken kann, der gleich sterben wird. Und Amerikas Männer, die diese Szene auf der Leinwand sahen, schauten noch ein bißchen blöder. 

"Thelma & Louise" heißt der Film, Ridley Scott sein Regisseur - und für die beiden Heldinnen (Geena Davis und Susan Sarandon) ist der Mord am Vergewaltiger nur der Beginn einer wundervollen Reise in die Freiheit: Zwei Frauen schießen, rauben, jagen Autos in die Luft und tun all die schönen, bösen Dinge, die im Kino (und im Leben) sonst nur Männer tun. 

Amerikas Frauen sahen das gern, die Neugier trieb such die Männer in die Kinos - "Thelma & Louise" war ein Hit in den USA und so umstritten wie selten ein Film zuvor: Als Pamphlet für einen radikalen Feminismus feierte ihn das weibliche Publikum. Als propagandistisches Machwerk, das den Machismo der Frauen proklamiere, verdammten ihn viele männliche Kritiker. Und die jungen schnellen Schreiber hatten sofort einen neuen Trend entdeckt: In den Kinos sind die Killerweiber unterwegs. 

Sarah Connor (Linda Hamilton) etwa, die vor sieben Jahren im ersten "Terminator"-Film noch eine brave Kellnerin war, ziemlich schwach und hilfsbedürftig, hat inzwischen ihre Muskeln trainiert, das Schießen geübt und sich alle Sanftmut abgewöhnt. In James Camerons Science-fiction-Thriller "Terminator 2" rettet Sarah Connor die Welt - mit Panzerfaust and Maschinengewehr und unterstützt von Arnold Schwarzenegger, der in diesem Film einen Kampfroboter spielt und neben Sarah trotzdem wie ein Softie wirkt. James Urbanski (Bruce Willis) - in  Alan Rudolphs Thriller "Tödliche Gedanken" - will kein Softie sein, sondern hart und brutal, ein echter Macho; doch er quatscht zuviel, er säuft zuviel und hat erbärmliche Manieren, und deshalb kriegt er eines Nachts ein Messer in die Kehle. Der Film handelt von der Frage, ob Urbanskis Frau (Glenne Headley)  oder deren Freundin (Demi Moore) den Kerl erledigt hat. Aber daß es eine Frau war, eine zornige und starke Frau - darüber gibt es keine Zweifel.Kathleen Turner schließlich, als Privatdetektivin "V. I. Warshawski" (kommt im Winter in die deutschen Kinos), gehört ebenso in diese Reihe wie Anne Parilaud als Killerin "Nikita" (lief schon im letzten Sommer); Sigourney Weaver, die sich in zwei "Alien"-Filmen (Regie: Ridley Scott und James Cameron) mit außerirdischem Ungeziefer herumschlagen mußte, war eine Vorkämpferin; und Ellen Barkin in Walter Hills "Johnny
Handsome" schoß auch schon schneller und genauer als die meisten Männer. 

Die Waffen der Frauen, soviel steht fest, sind nicht mehr das, was sie einmal waren. In "Thelma & Louise" schmeißt Louise ihren Lippenstift aus dem Autofenster. In "Terminator 2" trägt Sarah Connor kein Make-up im Gesicht, sondern Spuren von Schweiß und Pulverdampf und Straßendreck. Wenn eine dieser Frauen einem Mann gegenübersteht, spürt sie vielleicht, daß Lippenstift und Minirock ein Wunder bewirken könnten - und daß ein Revolver doch alles viel einfacher macht. 

Die Macht der Frauen, so suggerieren diese Filme, kommt allein aus den Gewehrläufen - und durch die Artikel der männlichen Kritiker schwingt die Angst, daß echte Amerikanerinnen sich ans Vorbild ihrer Kinoheldinnen halten könnten: Die Zeit der Sexbomben wäre dann vorbei - im Geschlechterkampf würden echte Bomben explodieren. 

Die Sexbombe aber ist nur ein deutscher Euphemismus, die Amerikaner sagen "bombshell", was ursprünglich Bombenhülle hieß - welche Sprengkraft die Männer in diesen Hüllen vermuten, zeigte sich schon, als amerikanische Soldaten eine der ersten Atombomben, die im Bikini-Atoll erprobt wurden, auf den Namen Gilda tauften und mit dem Porträt von Rita Hayworth bemalten. In Charles Vidors "Gilda" (1946) hatte die Hayworth nur mit ihrem Körper gekämpft, hatte kokett
ihren Handschuh hingeworfen, und Manner, die einen tätlichen Angriff mit großkalibrigen Waffen beantwortet hätten, standen plötzlich wehr- und hilflos da. 

Die Heimchen und Hausmädchen waren niemals beliebt in Hollywood, das Kino mochte die fatalen und die klugen Frauen - und Rita Hayworth und Barbara Stanwyck, Bette Davis und Joan Crawford waren, was Stärke and Selbständigkeit anging, ihren Schwestern in der Wirklichkeit um Jahrzehnte voraus. Auf Revolver allerdings konnten sie meistens verzichten: Sie hatten jene physische und geistige Präsenz, die damals die Heldinnen Hollywoods unschlagbar machte. 

Völlig neu also sind nicht die Frauen, sondern nur die Waffen. Wenn man sieht, was in "Terminator 2" Sarah Connor und ihr Robotergehilfe tun, dann ahnt man, daß der Film hier nur das Verhältnis des Menschen zu seinem Staubsauger in die Zukunft projiziert: Eine Frau räumt auf, und eine Maschine hilft ihr dabei. 

Auch Louise, die Mörderin, hat im Grund nur eine ganz normale Wut im Bauch - ein Spray mit Reizgas würde ihren Gegner wohl vertreiben. Aber Louise hat, eher zufällig, einen Revolver in der Tasche. Es fehlt ihr, was kein Zufall ist, die geistige Präsenz, den dreisten Spruch des Mannes mit einem dreisteren zu kontern. 

Diese Präsenz, die einst wichtiger war als alle Schauspielkunst, ist Hollywoods Helden längst abhanden gekommen; jene lässige Selbstgewißheit, mit welcher die Stars sich ihre Rollen wie Regenmäntel überzogen, hat einer tiefen Entfremdung Platz gemacht: Die Allgegenwart der Fernseh- und Computerbilder hat den Weibsbildern im Kino die Magie geraubt. Die Sexbomben sind zwar nicht entschärft - doch es wird immer schwerer, sie zu zünden. 

Blake Edwards' "Switch" bezeichnet das Problem präzise: Da steckt ein Mann im Körper einer Frau, und diese Frau ist stärker, böser, aggressiver als die anderen - und ist doch nicht zu Hause in ihrem (seinem?) Körper und ihrem (seinem?) Kopf. Ellen Barkin aber, die Hauptdarstellerin, hat eine Bombenhülle - doch der Sprengstoff, der in dieser Hülle steckt, explodiert erst, wenn im Film die Lage brenzlig wird. Bei Rita Hayworth genügte ein Augenblick. 

Genauso funktionieren auch all die Revolver und die Panzerfäuste in "Terminator 2"und "Thelma & Louise": Aus den Bombenhüllen sind dicke Rüstungen geworden; die können Berührungen nicht mehr durchdringen - da braucht es schon Kugeln aus Stahl. Die Distanz zwischen den Menschen auf der Leinwand und jenen im Publikum ist ohnehin seit langem so groß, daß sie sich am besten mit Revolverschüssen überwinden läßt.