Kieler Nachrichten, 28.9.1989



Filmkritik:
,Abyss" im Studio l

Unterwasserdrama mit Tiefsinn


Schon vor seiner Geburt ist der Mensch ein amphibisches Wesen. Als Embryos schwimmen wir im Wasser der Fruchtblase, das uns vor der feindlichen Außenwelt schützt. In der Dunkelheit des Mutterbauchs fühlen wir uns geborgen - ein Zustand, den wir später wiederherzustellen trachten, indem wir uns in den dunklen Kinosaal begeben oder unter Wasser.

James Camerons Film Abyss führt uns zurück zu unseren Ur-Sehnsüchten: Aus dem Kinoparkett läßt er den Zuschauer in die Tiefen des Meeres tauchen. Hier scheinen wir sicher aufgehoben - bis Camerons Unterwasser-Abenteuer uns eines besseren belehrt and den Abgrund aufdeckt, in den menschliches Leben fallen kann.

Der Regisseur von Terminator und Aliens treibt erneut sein doppelbödiges Spiel mit dem Publikum. Abyss, sein bisher aufwendigster Film, ist an der Oberfläche ein perfekt gemachter Action-Film um die Besatzung einer Unterwasser-Ölbohrstation, die bei der Bergung eines Atom-U-Bootes in eine ausweglose Situation gerät. Sieht man jedoch in die Tiefe, tritt ein Katastrophenfilm ganz anderer Art zutage: der handelt von den Ängsten des Menschen, von seiner Vereinzelung und von den Schwierigkeiten der Liebe zwischen Mann und Frau.

Für die Arbeiter der Ölbohrstation "Deepcore" ist das Leben unter Wasser längst Routine. Fast gelangweilt verrichten sie ihren Job in den Kammern, Gängen and Schleusen der Station (eine Eileiter- and Gebärmutter-Architektur), deren Chef der erfahrene Vorarbeiter Bud Brigman (Ed Harris) ist. Mit der von der Navy angeordneten Rettung des Atom-U-Bootes verlassen die nur unzureichend gerüsteten Bohrarbeiter das ihnen vertraute Terrain.

Zwar hat sich die leitende Ingenieurin Lindsey Brigman (Mary Elizabeth Mastrantonio), die sich von Bud scheiden lassen will, für die heikle Mission selbst in die Bohrstation begeben; aber auch sie kann nicht verhindern, daß sich durch eine Kette von Verhängnissen die Lage dramatisch verschlechtert. Ohne Überlebenschance harren die Beteiligten auf ihren Tod.

Heimtückisch verwandelt Cameron die embryonische Geborgenheit seiner Unterwasser-Protagonisten in einen Terror-Trip klaustrophobischer Ängste. Und immer weiter engt er ihren ohnehin schon spärlichen Lebensraum ein, läßt Kammern überfluten und Ventile platzen. In dieser Atmosphäre kommen die Menschen entweder wie der Navy-Offizier aus dem Gleichgewicht oder sie rücken, wie Bud und Lindsey, enger zusammen. Der Sprung zur Reife des Erwachsenen - die Rettung aus dem Meeressarg - gelingt nur über die Rückführung in den Ur-Zustand des Fötus: Als der Sauerstoff für das Liebespaar zu knapp wird, läßt Lindsey sich bewußt voll Wasser laufen und rettet mit diesem Manöver beiden das Leben. Ein SpezialTauchanzug ahmt diesen fötalen Schwimmeffekt nach. Mit ihm gelingt Bud später die Entschärfung einer Nuklear-Bombe. 
Trotz märchenhaften Endes ist Camerons Mega-Produktion ein sehr intimer Film geworden. Eine Love-Story aus dem Mutterbauch. GAD KLEIN