Medienwissenschaft / Kiel: Berichte und Papiere 2, 1998

Kiel: Institut für NDL und Medien

ISSN 1615-7060

 

Schwangerschaft und Geburt im Genre des Endzeitfilmes - einige Thesen

Hans Krah

I. Bevor ich einige Thesen und Beobachtungen zu Schwangerschaft und Geburt im Endzeitfilm vorstelle, werde ich etwas ausholen, um zunächst dieses Film-Genre selbst kurz zu skizzieren und aufzuzeigen, was darunter in etwa zu verstehen ist und was darunter subsumiert werden kann.

Konstitutiv für den Gegenstandsbereich des Genre ist das ‘nicht-realisierte’ Mögliche: Kurz umrissen handelt es sich - im Spektrum der science fiction - um Filme, die in einer zukünftigen und durch eine globale Katastrophe vollständig veränderten Welt situiert sind. Unterteilt werden kann das Korpus in verschiedene Teilgenres, die sich insbesondere durch die Beziehung zur Katastrophe und deren Modellierung konstituieren lassen und die ich kurz umreißen möchte, da sie auch für den Komplex ‘Schwangerschaft’ relevant sind.

Diese Teilgenres wären: (1) Die ‘Endzeit’ im eigentlichen Sinn - Die Katastrophe betrifft hier die Rahmenbedingungen menschlicher Existenz und teilt durch einen diskontinuierlichen Einschnitt die Welt in ein Vorher und ein Danach. Konkretisiert ist dies zumeist durch eine Atomkatastrophe, so vor allem in den Filmen der 80er Jahre, es können und werden aber auch andere Formen der Katastrophe verwendet, Naturkatastrophen, Viren, Seuchen, der Mensch selbst (insbesondere in den 70er Jahren).

Im Fokus des Films können dabei (a) bereits gefestigte, neue Organisationsformen des menschlichen Zusammenlebens stehen. So als paradigmatisches und bekanntes Beispiel in The Time Machine (Die Zeitmaschine, USA 1959, George Pal): Hier hat sich die Menschheit ca. 800.000 Jahre nach der Katastrophe in die zwei Rassen der Eloi und der Morlock ausdifferenziert, die in einer symbiotischen Wechselwirkung zueinander leben; die Morlock ernähren die Eloi, und diese dienen den Morlock als Nahrung. Oder es kann (b) die Suche nach neuen Gesellschaftsformen bzw. die Suche nach und der Aufbruch zu Räumen, die ein solches neues Leben möglich machen, die Handlung dominieren. Einige Beispiele: When Worlds Collide (Der jüngste Tag, USA 1951, Rudolph Maté); The Ultimate Warrior (New York antwortet nicht mehr / Krieger der Apokalypse, USA 1975, Robert Clouse); Le dernier Combat (Der letzte Kampf, Frankreich 1982, Luc Besson).

Dieser erste Typ ist abzugrenzen von: (2) Die Kontinuierliche Endzeit: Dies sind Filme, die ebenfalls in der Zukunft situiert sind, deren Welten sich aber nicht aus einem Einschnitt ergeben, sondern als kontinuierliche Entwicklung aus gegebenen Zuständen. Die jeweilige dargestellte Welt ist durch ein ‘organisiertes Chaos’ gekennzeichnet, das aus der Extremisierung von angelegten Gegebenheiten hervorgeht und als quasi logische Konsequenz bestehender Zivilisationsprobleme erscheint. Beispiele hierfür: Soylent Green (...Jahr 2022... die überleben wollen, USA 1973, Richard Fleischer); Blade Runner (USA 1982, Ridley Scott); Mad Max (Australien 1978, George Miller).

Als drittes lassen sich in diesem Modell (3) die Utopien unterscheiden: Hier zeichnen sich die dargestellten Welten zwar wie bei (1) durch einen Einschnitt aus, dieser ist aber durch eine soziale Katastrophe bedingt, also durch eine radikale Transformation der Gesellschaft (während eben in den Endzeitfilmen die Welt an sich transformiert wird); diese Transformation wird dabei als Einschnitt gesetzt, d.h. es wird nicht vorgeführt, wie es zu diesen veränderten Zuständen kommt; die auslösende Katastrophe selbst bleibt Leerstelle, sie läßt sich nur implizit aufgrund der Qualität des Bruches erschließen. Dieser geht mit einer mentalen Katastrophe einher, insofern ein Wissen um einen früheren, anderen Zustand ausgelöscht ist.Vorgeführt wird immer eine neue, vollständig gefestigte, totalitäre Ordnung. Beispiele wären Fahrenheit 451 (Großbritannien 1966, Francois Truffaut) oder THX 1138 (USA 1969, George Lucas).

Diesen Teilgenres lassen sich darüber hinaus typische Handlungsmuster zuordnen, sie zeichnen sich also durch je spezifische narrative Programme aus: Solche wären die Grenzüberschreitung von außen nach innen mit der Veränderung der Welt bei (1a), die Selektion im Danach bei (1b), das Überleben des ausgezeichneten Einzelnen bei (2), die Merkmalsveränderung des Protagonisten bei (3). Zum anderen sind die Genres untereinander kombinierbar, d.h. die plots einzelner Filme können als Variationen und Kombinationen hieraus beschrieben werden.

II. Zum Stellenwert von Schwangerschaft, Geburt und Kindern in diesem Genre lassen sich nun die folgenden Thesen bilden:

1. Zunächst ist Schwangerschaft in den Filmen per se als Ereignis, als etwas Außergewöhnliches gesetzt. In den Utopien bzw. den Filmen mit Anteilen dieses Teilgenres liegt dies in der vorgeführten Weltstruktur selbst begründet. Zentrales Merkmal der jeweiligen Ordnungen der Welt ist nämlich ein restriktiver und normierter Umgang mit der natürlichen Prokreation, wie ein Film wie Z.P.G. - Zero Population Growth (Geburten verboten, Großbritannien./USA 1972, Michael Campus) bereits im Titel signalisiert. Schwangerschaft und Geburt unterstehen der Kontrolle des Systems, werden dem Individuum abgenommen und vom System selbst organisiert; anonym, bürokratisch und institutionalisiert, wie in verschiedenen Varianten sämtliche dieser Filme zeigen, so THX 1138, A Boy and His Dog (Der Junge und sein Hund, USA 1975, L.Q. Jones), Fortress (Fortress - Die Festung, USA 1993, Stuart Gordon), The Handmaid‘s Tale (Die Geschichte der Dienerin, BRD/USA 1989, Volker Schlöndorff), Logan‘s Run (Flucht ins 23. Jahrhundert, USA 1976, Michael Andersen), Seksmisja (Sex Mission, Polen 1983, Juliusz Machulski), Zardoz (Großbritannien 1973, John Boorman).

2. In den eigentlichen Endzeitfilmen äußert sich die Ereignishaftigkeit von Schwangerschaft eher implizit und invers zu oben unter 1.: Waren die expliziten Verbote und Reglementierungen im Bereich der Sexualität in den utopisch organisierten Welten Markierungen für die Unmenschlichkeit und Unnatürlichkeit der dargestellten Gesellschaftssysteme, so übernimmt der ebenfalls von der ‘Normalität’ abweichende, nicht aber systemisch gelenkte Mangel an Schwangerschaft und Geburten hier eine indexikalische Funktion für Sinnstiftung. Hierzu sei etwas weiter ausgeführt und hierzu seien einige allgemeine Aspekte des Genres aufgezeigt, in deren Kontext der Komplex ‘Schwangerschaft’ zu integrieren ist. Dazu:

3. Allgemein verdeutlicht die globale Katastrophe gesellschaftliche ‘Beunruhigungspotentiale’ und evoziert die Sinnfrage ‘Wozu weiterleben?’. Bereiche, die als solche Potentiale gelten können, sind insbesondere die Ebene des Umgangs mit Gewalt und Verantwortlichkeit, die Ebene des Sprach- und Schriftvermögens und damit verbunden von Kultur, Identität und kultureller Identität, und - hier von Interesse - die Ebene von Gemeinschaft / Familie / Beziehungen. Als Trauma schlechthin gilt dabei das Aussterben der menschlichen Rasse. Dies zeigt sich darin, daß diese Welten sehr häufig Welten ohne Kinder sind, wie in Amerika 3000 (USA/Niederlande 1985, David Engelbach), Le dernier Combat, The Time Machine, oder daß dies problematisiert ist wie insbesondere in World Without End (Planet des Grauens, USA 1956, Edward Berns).

4. Zumeist bleibt im filmischen Diskurs trotz der Katastrophe aber ein Sinnangebot erhalten bzw. die Filme konstruieren ein solches: Das Überleben der Menschheit um ihrer selbst willen wird zum einzigen und höchsten Sinn. Fortpflanzung und biologische Kontinuität werden damit zu den höchsten Werten. Schwangerschaft ist damit - wie in den Utopien - kein individuelles Phänomen und Einzelproblem, sondern von unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz, wobei sich diese Relevanz nicht auf soziale Faktoren stützt, sondern sich anthropologisch aus den Menschheitsstrukturen selbst ergibt.

5. Das Individuum muß sich dieser Gemeinschaftsaufgabe stellen und unterordnen; die Entscheidung fürs Kind ist nicht primär eine individuelle Entscheidung, sondern von außen gefordert und eine Entscheidung des Kollektivs, wie gerade The Last Island (Die letzte Insel, Niederlande 1990, Marleen Gorris) zeigt: Als allerletzte Frau läßt sich die Protagonistin schwängern, überzeugt von dem Argument, die Menschheit damit zu erhalten. Gerade in diesen Konstellationen wird deutlich, daß die Geburt per se zeichenhaft zu lesen ist, es also nicht notwendig um eine reale Wiederbevölkerung geht: Nicht Massenschwangerschaft ist gefragt, sondern Komprimierung und Extremisierung, symbolisiert in der einen letzten gebärfähigen Frau; paradigmatisch im Film 2019 Dopo la Caduta di New York (Fireflash - Der Tag nach dem Ende, Italien/Frankreich 1982, Martin Dolman), dessen plot durch die Suche nach eben dieser organisiert ist.

6. Wie insbesondere der Film The Ultimate Warrior verdeutlicht, indem er ein bereits geborenes Kleinkind und dessen Eltern einer Schwangeren kontrastiert, ist der Aspekt des Kinder-Habens nur ein Aspekt in dieser Konzeption und nicht der zentrale. Bedeutsam sind Schwangerschaften und damit der Prozeß des Entstehens von etwas Neuem, das mit der Geburt seinen Endpunkt und Einschnitt hat: Neues entsteht. Dies - das Neue - ist die Kategorie, die mit Schwangerschaft und Geburt ausgedrückt werden soll, ist die entscheidende Kategorie im Denken dieser Filme. An dieses konkrete Neue kann sich dann auch eine neue Ideologie anlagern: In der Schwangerschaft dokumentieren sich damit quasi von innen als gültig erachtete Normsetzungen für die Gesellschaft; dies zeigt insbesondere der Abschluß der Mad-Max-Reihe, Mad Max Beyond the Thunderdome (Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel, Australien 1985, George Miller/George Ogilvie).

7. Dieses Neue kann als inverses Substitut zur Katastrophe gedeutet werden, das als Bewältigung der Katastrophe diese - und die dadurch bedingten Veränderungen - symbolisch ungeschehen macht. In den Terminator-Filmen (Terminator, USA 1984, James Cameron; Terminator 2 - Judgement Day, USA 1990, James Cameron) ist letztlich genau dies auf der Handlungsebene inszeniert. Diesem Denken sind ex negativo auch die - wenigen - Filme verpflichtet, die wie Quintet (USA 1978, Robert Altman) mit der Verhinderung von Geburt das definitive Ende und die Ausweglosigkeit vorwegnehmen, sich einer generellen Sinnstiftung also verweigern.

8. Dieses eben in 6. und 7. aufgezeigte Modell ist ein historisch entstandenes. Mit ihm, so meine These, wird auf Veränderungen im kulturellen Denken über die Katastrophe reagiert. Dieses Denken wird in den 50er Jahren noch durch das Postulat der ‘ideologischen Kontinuität’ bestimmt. Es wird - wie aus den Filmen zu schließen ist - von der Prämisse der Reversibilität ausgegangen, sowohl von einer Wiedererrichtung von Werten als auch der physisch-fertilen Regeneration der Welt. Ab den späten 60er Jahren wird diese Position aber diskutiert und thematisiert, was zu einer Relativierung dieses als universell und unhinterfragbar gesetzten Weltbildes führt.

9. Für den Aspekt Partnerschaft heißt das: In den 50er Jahren ist die Paarbildung fokussiert, d.h. wenn sich ein neues Paar im ‘Adam und Eva’-Modell gefunden hat, kann der Film enden. Kinder - und somit Fortpflanzung - werden im Modell als notwendige Folge der Paarbildung automatisch mitgedacht, so in The Day the World Ended (Die letzten sieben, USA 1956, Roger Corman); When Worlds Collide; The Time Machine. Dieser Bereich wird aber in der Folge zunehmend autonomisiert: Probleme um Familiengründung und um Fruchtbarkeit, Gebärwilligkeit und Gebärfähigkeit werden thematisch.

10. Insofern eine tatsächliche Wiederherstellung der Welt nun also nicht mehr als denkbar erscheint, wird eine solche durch eine Schwangerschaft abgebildet und durch die Geburt substituiert. Dokumentiert wird damit, daß die optimale zivilisationserhaltende Ordnung die biologische qua Geburt ist. Insbesondere seit Mitte der 80er Jahre wird damit auch der Frau als Mutter die Aufgabe und das Vermögen zugesprochen, qua Mutterschaft zivilisatorische Probleme überwinden - und damit die Katastrophe selbst verhindern zu können.

Anmerkungen

(1) Ausführlich habe ich dieses Genre in meinem Aufsatz "Zukünftige Welten und globale Katastrophen. Zur Genrekonstituierung von 'Endzeitfilmen'" (in: FFK 9. Dokumentation des 9. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums an der Bauhaus-Universität Weimar, Oktober 1996. Hrsg. v. Britta Neitzel. Weimar: Universitätsverlag 1997, S. 92-112) skizziert.

(2) Der Ereignis-Begriff ist hier durchaus im Sinne Lotmans und Renners zu verstehen. Vgl. Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte (2. Aufl. München: Fink 1981) und Karl N. Renner: Der Findling. Eine Erzählung von Heinrich M. Kleist und ein Film von George Moorse. Prinzipien einer adäquaten Wiedergabe narrativer Strukturen (München: Fink 1983).

(3) Signifikanterweise spielen Schwangerschaft und Geburt in den kontinuierlichen Endzeiten, deren narratives Programm im 'Überleben des ausgezeichneten einzelnen' besteht, keine Rolle bzw. sind (nur) invers als zugrundeliegende Denkfolie von Bedeutung. In Mad Max läßt sich dies auch explizit nachvollziehen.

(4) S. hierzu auch meinen Aufsatz "The myth as medium of the myth. Mad Max between fictionality, normality, and motherhood" (in: Akten des VII. Congreso Internacional de la Asociacion Espanol de Semiotica, 'Mitos'. Hrsg. v. Tua Blesa. 1998 [im Ersch.]).

(5) Analog ist dies in The Bed-Sitting Room (Danach, Großbritannien 1968, Richard Lester) modelliert. Hier signalisiert zunächst die Geburt der Mutation 'Rupert' die Ausweglosigkeit und Zukunftslosigkeit der Situation nach der Katastrophe, um am Ende des Filmes punktuell dann doch utopisch in einem 'zweiten Durchgang' ein gesundes Neugeborenes (und grüne Wiesen) zu präsentieren und zu visualisieren. Nach dem Sarkasmus zuvor bleibt der Status dieses Weltzustandes aber ambivalent.

(6) Der Film, der dies exzessiv betreibt, indem er intertextuell auf die Konstrukte von World Without End Bezug nimmt und diese 'dekonstruiert', ist Planet of the Apes (Planet der Affen, USA 1967, Franklin J. Schaffner).