Medienwissenschaft / Kiel: Berichte und Papiere 2, 1998

Kiel: Institut für NDL und Medien

ISSN 1615-7060

 

 

"They Came From Within": Schwangerschaft im Horrorfilm

Eckhard Pabst

 

Den eigentlichen - und ganz vorläufigen - Thesen zum Themenkomplex der Schwangerschaft im Horrorfilm will ich kurz einige Bemerkungen zu diesem Genre vorwegschicken.

Der Horrorfilm ist vielseitig: Sowohl die Handlungsstrukturen, als auch die formalen Mittel, als auch die bemühten Motivkreise bieten im historischen Überblick eine enorme Bandbreite. Aus diesem Grund halte ich den Versuch einer Genredefinition des kanadischen Filmwissenschaftlers Robin Wood für überzeugend. Der nämlich gibt eine Basisformel für den Horrorfilm, die da lautet: "Normality is threatend by the monster" (Die Normalität wird von dem Monster bedroht; 1984, 175). Diese Basisformel argumentiert ganz offensichtlich auf einer abstrakten Ebene, auf der sie zwei oppositionelle Größen - die Normalität und das Monster - unterscheidet, um ihre Relation zueinander zu benennen: die Bedrohung. Wer hier die Normalität repräsentiert und durch welche Spezies das Monster aufgefüllt wird, bleibt auf dieser Beschreibungsebene also erst einmal ausgeklammert; wichtig ist zunächst die basale Konstellation zweier Fraktionen, von denen die eine die Existenz ihres Widerparts nicht duldet.

Die in der Basisformel dargelegte Opposition läuft natürlich auf Konfrontation und Begegnung hinaus, denn natürlich bleiben die Oppositionspartner gerade nicht voneinander isoliert (kein Monster hält es lange in seinem Versteck aus). Diese Begegnungen aber beinhalten ideologischen Zündstoff, denn mit dieser Begegnung passiert etwas, was nicht passieren darf. Das, was passieren darf, ist die Normalität. Das ist der (vom Film gesetzte) Alltag: die intakte Kernfamilie, heterosexuelle Beziehungen, eine nur einseitig überschreitbare Leben-Tod-Grenze usw. Diese Normalität existiert aber nicht an sich, sie wird erzeugt: von den Eltern, die ihren Töchtern den Umgang mit Jungen verbieten; von den Vertretern der legitimen Wissenschaften, die ihren jungen Kollegen schikanieren, der einen Toten zum Leben erwecken will; von den Forschern, die bestreiten, daß ein weißer Hai länger als 8 Meter werden und mit mehr als zwei Luftfässern im Schlepp tauchen kann. Die Liste ließe sich verlängern: Die Normalität ist ein rigoroser, ausschließender Konsens. Und all das, was hier hier nicht hineinpaßt - sei es, weil es bislang unbekannt war, oder sei es doch viel eher, weil es aufgrund seiner schieren Existenz die Gültigkeit der Normalität in Frage stellt und daher unbequem ist - all das ist monströs. Monster kann demnach alles sein: Ein Alien, ein besonders großes Tier, ein Vampir, ein Dämon, ein Kind.

Der Horrorfilm erzählt also von Begegnungen (er bedarf ihrer, denn sie stiften sein narratives Potential), von denen er aber gleichzeitig sagt, daß sie sich besser nicht ereignen hätten. (Genau diese schizophrene Konstellation wiederholt sich dann im Zuschauer, der sich etwas anschaut, was er eigentlich nicht sehen will).

In der narrativen Struktur des Horrorfilms - zumindest im klassischen Horrorfilm - markiert der Auftritt des Monsters eine Position entscheidender Relevanz: Er ist das zentrale Ereignis im Horrorfilm. Zeichenhaft ist hier die Durchdringung einer Barriere zu finden, durch die sich das Monster Einlaß in die Normalität verschafft. Als Barriere kommt alles in Frage, was irgend abschirmenden Charakter besitzt: eine Mauer zur anderen Hälfte der Insel (King Kong, USA 1933, Merian C. Cooper, Ernest B. Schoedsack), eine Badezimmertür (The Shining, Großbritannien 1979, Stanley Kubrick) der Himmel, die Wasseroberfläche oder - die Körperöffnung des weiblichen Genitals.

Bei aller Varianz der Motive wird nun eines deutlich: Wo immer dieses unheimliche Jenseits verortet ist und was auch immer aus diesem Bezirk herauskommt - diese Gegenwelt und mit ihr das Monster als ihr ‘Bewohner’ gehören als ‘die andere Seite’ fest zum Weltplan dazu; sie sind, gerade weil sie der Ordnung der Normalität widersprechen, deren Verweishorizont, sie sind deren unerwünschte Alternative.

Damit zeichnen sich drei Konstituenten des Horrorfilms ab, die für den hier verhandelten Themenkomplex "Schwangerschaft im Horrorfilm" besondere Relevanz entfalten:

C der unbekannte Ort, die Gegenwelt;

C das zentrale Ereignis und

C das Monster.

Ich beginne hinten. Das Monster, das hier interessiert, ist natürlich das Produkt der Geburt, also ein Kind. Ein Baby wird dann zum Monsterbaby, wenn es den durch die Normalität geprägten Erwartungen der Eltern nicht gerecht wird. Exemplarisch wird dies an It’s Alive! (Die Wiege des Bösen, USA 1973, Larry Cohen) abgehandelt. Wenn man von dem kleinen Schönheitsfehler absieht, daß das Monsterbaby bereits im Kreißsaal das gesamte Entbindungspersonal tötet, handelt es sich doch eigentlich nur um ein Kind, das der Norm widerspricht und deswegen nicht integriert werden kann. Entsprechend sind es die Probleme der Eltern, die der Film schildert: Die ansonsten intakte Familie wird gesellschaftlich geächtet. Darin zeigt sich die über die Familie hinausweisende Relevanz der Geburt: die Kernfamilie repräsentiert die gesellschaftliche Ordnung und kann nicht gegen deren Prinzipien handeln. Ein Monsterkind ist also nicht einfach eine Spezialfall der Natur, sondern eine Bedrohung für die gesamte Gesellschaft. Die Ursachen für die Monströsität sind unterschiedlich: In Wiege des Bösen sind es Umwelteinflüsse, in The Village of the Damned (Das Dorf der Verdammten, Großbritannien 1959/60, Wolf Rilla) sind es Manipulationen von Außerirdischen, die eine Invasion vorbereiten. Ob nun die Bedrohung von außen oder von innen kommt, in jedem Fall funktionalisiert der Horrorfilm die potentielle Fremdheit des Kindes, um ihm zerstörerische Kräfte zuzuschreiben.

Das zentrale Ereignis ist die Geburt selbst. Sie ist niemals kontextlos, sondern steht am Ende einer ‘unnormalen’ Vorgeschichte. Hier sind diverse Varianten möglich. Das ‘Unnormale’ kann bereits mit der Zeugung beginnen, diverse Filmtitel geben erste Hinweise, wenn sie die besondere Vaterschaft annonciert: Inseminoid [‘Befruchter’], (Samen des Bösen, Großbritannien/Hongkong 1980, Norman J. Warren), Demon Seed, (Des Teufels Saat, USA 1976, Donald Cammell); die ‘unnormalen’ Ereignisse können auch erst während der Schwangerschaft eintreten (Strahlung, Umweltgifte, Dämonenpräsenz usw.). Spätestens bei Einsetzen der Wehen aber meldet sich bei der Mutter ein ungutes Gefühl, daß da etwas nicht stimme (Wiege des Bösen). In jedem Fall verläuft die Geburt nicht unproblematisch, sondern unter großen Komplikationen - sprich Schmerzen, womit sie aber eigentlich einer ‘normalen’ Geburt weitestgehend gleicht. Das deutet darauf hin, daß der Geburtsvorgang grundsätzlich nicht als etwas vollständig kontrollierbares konzipiert wird: Eine unkomplizierte Geburt gibt es im Horrorfilm nicht.

Mit der Geburt des Monster wiederholt sich eine erste Begegnung mit dem Monster, im Monsterbaby materialisiert sich also ein ihm vorangegangener Verstoß, und die Begegnung mit dem Fremden tritt auf ein neues Stadium. Die Geburt ist also grundsätzlich ein brisantes Phänomen, denn die Geburt des Monsterbabys stellt die Kontinuität der Normalität in Frage.

Der unheimliche Ort, die Gegenwelt ist freilich die Gebärmutter oder allgemeiner: die Frau und ihr Körper. Insofern Wandel und Veränderung im Horrorfilm per se negativ bewertet werden, geht von der Frau grundsätzlich ein Gefahr aus - mit ihren Zyklen, ihrer Gebärfähigkeit und ihrem Körper, den Männer nie ganz verstehen. Das gilt dann für die Schwangerschaft als radikale Veränderung ungleich stärker. Da aber Veränderungen des Körpers ein sicheres Anzeichen für den Verlust von Kontrolle sind, wird der Körper der Schwangeren oft mit dem Körper einer Kranken oder Besessenen gleichgesetzt. Die Frau als ‘Aufnehmende’ ist für derlei Infizierungen geradezu prädestiniert; selbst die Ermordung der Frau ist in vielen Horrorfilmen noch mit ‘Penetrierung’ konnotiert (Peeping Tom (Großbritannien 1959, Michael Powell), Psycho (USA 1960, Alfred Hitchcock), Shivers (aka They Came form Within; Parasiten-Mörder, Kanada 1975, David Cronenberg), Nightmare on Elm Street (USA 1986, Wes Craven)).

Von hier aus erklärt sich auch die Angst vor dem Kind, das nämlich als rein physisches Produkt unkontrollierter physischer Veränderungen sämtliche Symbolwelten der Erwachsenen - um ein Stichwort von Neil Postman ins Feld zu führen -, also die Normalität, unterläuft. Das revoltierende Kind - das ist ein ergiebiges Subgenre des Horrorfilms: Carrie (Carrie - des Satans jüngste Tochter, USA 1976, Brian de Palma), The Exorcist (Der Exorzist, USA 1973, William Friedkin) oder The Omen (Das Omen, USA 1975, Richard Donner) bilden hier die prominentesten Beispiele. Letztlich verweisen diese Thematiken auf das Problem der nicht domestiezierten Regungen des Körpers - Sexualität, Altern, Ausscheidungen, Wucherungen: all das sind unkontorllierbare Initiativen des Körpers; die Filme David Cronenbergs wissen davon zu erzählen.

  1. Wo die Schwangerschaft an sich das Zentrum der Handlung bildet, kann sie als dramaturgische Strategie begriffen werden, diese drei Strukturelemente - Monster, zentrales Ereignis und die Gegenwelt - zu integrieren.

Musterbeispiel hierfür ist freilich Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1967). Der Film läßt den Zuschauer - und auch die Protagonistin - ständig im Unklaren darüber, was eigentlich mit ihr vorgeht. Alles ist gleich wahrscheinlich: daß sie eine gewöhnliche, wenngleich komplizierte Schwangerschaft durchlebt oder daß der Satan persönlich sie schwängerte. Daß Freunde und potentieller Helferfiguren zufällig sterben und sie sich die Zusammenhänge mit ihrer Schwangerschaft letztlich nur einbildet, oder daß sie wirklich im Zentrum eines neuen, inversen Heilsgeschehen um den Sohn des Teufels steht. Voraussetzung für diese Unsicherheit ist Rosemaries eigene Nichtkenntnis der Vorgänge: Sie selbst verfügt über keinerlei Vorstellung darüber, wie die Schwangerschaft anders ablaufen könnte. Der von ihr konsultierte Sektenarzt führt aus, daß ihre Schwangerschaft ‘normal’ verlaufe insofern, als keine Schwangerschaft der anderen gleiche. Schwangerschaft wird damit zu einem Phänomen, daß per se nicht ‘normalisierbar’ ist und sich nicht integrieren läßt. Die Schwangerschaft ist eine Phase der Ungewißheit darüber, wohin sie führt. Und Rosemarie, oder ganz allgemein: die schwangere Frau, ist der wandelnde Ort, aus dem ‘das Andere’, das ‘Fremde’ jederzeit hervorbrechen kann.

Dahinter steht nicht zuletzt die Ungewißheit darüber, wie der Körper im Inneren beschaffen ist. Zum Horrorfilm-Diskurs zählen deshalb solche Filme wie The Act of Seeing (With One’s Own Eyes) oder Gemälde anatomischer Studien des 17. und 18. Jahrhunderts, die ein neu erwachtes Interesse an den Innenwelten der (menschlichen) Physis bekunden. Das Aufmachen bzw. Herausholen ist demnach ein wichtiges Thema im Horrorfilm - nicht nur die Geburt.

 

Anmerkung

[1] Abtreibungen übrigens scheinen im Horrorfilm nicht möglich zu sein.Wenn die Mutter oder die Ärzteschaft sich aufgrund ungewöhnlicher Komplikationen für einen Schwangerschaftsab-bruch entscheiden, ist es schon zu spät. Exempla-risch wird dies in Riget (Geister, Dänemark 1994, Lars von Trier) vorgeführt.

 

Literatur

Clover, Carol J. (1993), Men, Women, and Chainsaws. Gender in the Modern Horror Film, London: British Film Institute.

Pabst, Eckhard (1995) Das Monster als die genrekonstituierende Größe im Horrorfilm. In: Enzyklopädie des phantastischen Films. Hrsg. von Heinrich Wimmer & Norbert Stresau. Meitingen: Corian, 40. Ergänzungslieferung, S. 1-18.

Postman, Neil, (1987), Das Verschwinden der Kindheit, Frankfurt: Fischer.

Wood, Robin (1984) Introduction to the American Horrorfilm. In: Planks of Reason. Essays on the Horror Film. Hrsg. von Barry Keith Grant. Metuchen, N.J., London: Scarecrow Press, S. 164-200.