Medienwissenschaft / Kiel: Berichte und Papiere 2, 1998

Kiel: Institut für NDL und Medien

ISSN 1615-7060

 

 

Notizen zur Analyse der

Geburtssequenz aus Nine Months

Peggy Schmidt

 

1. Entwicklungsphasen

- Verzicht auf Kinder

Bewirkt in diesem Beispiel existentielle Krise -- Bezug auf Raum, Objekte, Konstanz, Vertrautheit: dargestellt wird hier Samuels Kindheit, die im Augenblick des Generationswechsels wiederkehrt und schließlich überwunden wird (= Thema des Films??).

Samuel hat Angst vor Veränderung der Lebensbedingungen; nach der "Erkenntnis" - nämlich daß er das Kind will - ist er wie gelähmt: der berufliche Erfolg bleibt aus, er hat keinen Zugang mehr zu den unbeschwerten Vergnügungen seines Freundeskreises - sein einziger und wahrer Lebenssinn besteht in der Beschäftigung mit dem Kind.

- Schwängerung, bzw. Entscheidung zur Schwangerschaft

Rebecca ist versehentlich und zumindest gegen Samuels Einverständnis schwanger geworden, evtl. sogar von ihr beabsichtigt (Macht);

in jedem Fall geht dem eine explizite Bereitschaft Rebeccas voraus

- Schwangerschaft

Phase der Selbstbesinnung und des Rückzugs, zeitweise "Exil"

 

2. typische Handlungsrollen

- Geburtshelfer

nichtprofessionelle Geburt (russischer Doktor ist eigentlich Tierarzt);

Doppelgeburt: Erstgebärende und bereits erfahrene Mutter kreißen gleichzeitig und haben das Geschehen als einzige unter Kontrolle, während die Männer sich auf einer Nebenbühne betätigen und dabei szenisch marginalisiert sind.

 

3. "Rituale" der Schwangerschaft

- Vorbereitung der Wohnung

Schwangerschaft findet in einer gestaffelten Öffentlichkeit statt, d.h. der soziale Raum der Freunde wird hier mit einbezogen (Familie, etwa Großeltern oder Tanten gibt es in diesem Film nicht). Modifikation der Wohnung signalisiert die Transformation des Paares in den Zustand nach der Geburt. -- Szene im Kaufhaus: Samuel zeigt sich als noch nicht bereit (Befangenheit gegenüber der Situation, die Einverständnis mit dem Zustand demonstriert = Gefangensein in seiner kindlichen Welt). Ein Wandel der Lebensumstände, der mit der Veränderung der Wohnung sichtbar und greifbar ist, macht Entscheidung für das Kind explizit.

Schwangerschaft bedeutet immer auch einen biographischen plot point.

- Erstschwangerschaft findet in diesem Filmbeispiel in einer Phase statt, in der sich das Paar ohnehin iin einem Umbruch befindet. Schwangerschaft ist dabei eine intentionale Tatsache; in Filmen, in denen diese Freiwilligkeit nicht gegeben ist - etwa durch Vergewaltigung -, findet ein Rekurs statt, ob die Realität so akzeptiert werden kann. In Nine Months gibt es eine solche Überlegung nicht; es hat offenbar vorher eine grundsätzliche Entscheidung stattgefunden - allerdings nur auf Seiten der werdenden Mutter.

Ein wichtiger Aspekt im narrativen Komplex der Schwangerschaftsthematik ist in diesem Zusammenhang die Frage der Selbstbestimmung. Eine Entscheidung für oder gegen das Kind hängt zusammen mit der Identität der Beteiligten und deren Umgang mit den sozialen Rollen "Vater" und "Mutter". Dieser Schritt beinhaltet ein Maß an Kontrolle: wer die Entscheidung fällt übt damit Macht aus. In unserem Beispiel diktiert die Frau die Konditionen.

 

4. Lebensalterphasen

In diesem Film wird eine Gliederung der sozialen Lebensphasen vorgenommen, die ein Zusammenleben als Paar im kinderlosen Zustand nur als Übergang zwischen der Pubertät und der "Reife", dem endgültigen Zustand der Familie darstellt. Die verschiedenen Möglichkeiten der Lebensführung stehen hierbei nicht alternativ nebeneinander, sondern bilden eine Folge. Die Phase vor dem Ziel der Familiengründung ist in Nine Months mit Unstetigkeit und Lustzentrierung beschrieben. Eine Persönlichkeitsentwicklung, wie sie der Film schildert, ist nicht rückgängig zu machen. Hier wird offenbar ein biologisches Konzept nahegelegt, das in der Schwangerschaft eine naturgegebene und damit zwangsläufige Entwicklung verfolgt. Beziehungsverhalten ist somit auch keine erprobende, sondern eine finale Bindung an den Partner. Zudem verändern sich die Bindungswerte in Richtung auf Verantwortung, Sensibilität und Autorität.

Die Geburtsszene in Nine Months führt aus, was schon in der vorbereitenden Phase angelegt ist: Die soziale Welt der Familie ist in eine Männer- und eine Frauensphäre geteilt. Auf Seiten der Frauen werden Erfahrungen vermittelt und es gibt eine Ebene der Vertraulichkeit, die zwischen den Geschlechtern nicht existiert. Die werdenden Väter solidarisieren sich unterdessen auf einer Nebenbühne und tragen eine Art Hahnenkampf aus (geschlechtstypische Verhaltensweisen, hier aus Unsicherheit bzw. aus der Position der Unwissenden und Unbeteiligten heraus; vgl. in anderen Filmen etwa rauchende Väter auf dem Flur vor dem Kreißsaal).

Einen Sonderstatus hat der Arzt:

- Er erfüllt nicht das Berufsbild eines Geburtshelfers.

- Die Person läßt sich weder der Männer- noch der Frauensphäre formal zuordnen.

- Der Film zeigt, daß er keinen Gleichgewichtszustand erreicht hat, der ihn auf der Skala der Lebensalterphasen positionieren läßt.

Mit diesem letzten Punkt ist wiederum das Problem der Identität angeprochen. Die Erfüllung der Berufsrolle ist dabei nur ein Aspekt, der ebenso in der Persönlichkeitsentwicklung Samuels problematisiert wird. Weitere Parameter sind etwa die Ausprägung der sozialen Beziehungen, der Grad der Reife und die damit verbundene Rollenfindung als Vater - oder eben stagnierend im Zustand des Junggesellen - sowie der Umgang mit materieller und egoistischer Begierde.

 

 

 

 

Anmerkungen zur Geburtsszene

in Nine Months

 

Andrea Remmert

 

Wie sieht es aus in unserer Gesellschaft?

Eine junge Frau wird zum ersten Mal schwanger. Sie macht einen Schwangerschaftstest, entweder zu Hause oder bei ihrem Frauenarzt. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es bisher war. Aus einer Frau wird - wahrscheinlich - eine Mutter. Ein Prozeß setzt sich in Gang, der zu einer Veränderung auf zwei Ebenen führt, auf der personalen wie auf der sozialen.

Auf der personalen Ebene ergeben sich für die Frau viele Fragen.

Veränderungen stellen sich ein, zum einen ganz konkret am eigenen Körper, aber auch in der seelischen Verfassung. Ob gewollt oder ungewollt, eine Schwangerschaft wirft immer Fragen auf, die sich zuvor in dieser Form nicht gestellt haben. Welche Möglichkeiten haben Frauen in dieser Situation sich zu informieren? Die eigene Mutter, Oma, eine Freundin, die Nachbarin, die selber schon Kinder hat, entsprechende Literatur, Beratungsstellen, der Arzt, und andere sind erste, zweite, dritte Anlaufstellen auf dem Weg zum Muttersein.

Der Geburtsvorgang selbst wird mit ängstlicher Spannung erwartet. Die Tatsache, daß es keine oder kaum eine Möglichkeit gibt, der Geburt auszuweichen, wirft in den letzten Wochen der Schwangerschaft ganz konkrete Fragen nach Erfahrungsberichten, Geburtsverlauf, Möglichkeiten medizinischer Hilfe u.ä. auf. Auch zu diesem Zeitpunkt gibt es Personen, die diese Fragen beantworten, doch der Kreis wird enger. Die Frauen brauchen in dieser Situation Menschen, denen sie vertrauen, die Erfahrungen haben, die mit den Ängsten der Schwangeren sensibel umgehen. Frauen, die diese Transition bereits hinter sich haben und schon Mütter sind, geben in dieser Lebensphase Antworten auf die Fragen, die der Schwangeren auf "der Seele brennen".

Während des Geburtsvorganges macht jede Frau ihre eigene Erfahrungen.

Sie ist es, die mit den Schmerzen umgehen muß, die ihren Körper fühlt, die sich in dieser Umbruchphase ganz intensiv spürt.

"Das ist mein Wunder!", sagt die eine Gebärende im Film. Was meint das? Ohne zu pathetisch werden zu wollen, aber ist es nicht tatsächlich ein Wunder, jedes Mal wieder? Ist nicht gerade der Schmerz, der anzeigt, das hier etwas ganz besonderes im Leben dieser Person, dieser Frau ereignet?! Es muß wohl so, ober so ähnlich sein, oder es wird in unserer Kultur so verstanden, denn auch im Film, wird auf die Verbindung Gebären und Schmerz im besonderen Maße verwiesen. Die Gesichter der Frauen, schmerzverzerrt, schweißnaß, konzentriert, stehen im Mittelpunkt der ikonographischen Darstellung von Geburt.

 

Was hält uns dieser Film vor Augen?!

Im Vorgang des Gebärens ist der Mann weniger als eine Nebensache. Die Frau gebiert, in dem sie sich der Natur und ihren körperlichen Kräften hingibt, ohne daß ihr ein Mann, egal in welcher Rolle, ob Arzt, Vater des Kindes, Freund ect. , dabei helfen könnte.

Wie wird diese Tatsache filmisch umgesetzt?!

Der Mann dargestellt, als:

- albernes Beiwerk, Tölpel, sich prügelnder Junge

- angeblich kompetenter Mediziner

- Last, Dummschwätzer

- in alten Klischees verhafteter Vater, der sich einen Jungen wünscht

- Störung

Fazit: Der Mann hat keine Ahnung, was hier passiert.

Die Frau wird dargestellt, als:

- zum einen, verunsicherte Erstgebärende

- zum anderen als eine routinierte, konzentrierte Gebärende

- emotional, stark, verzweifelt, hilfesuchend, verärgert, voller Schmerzen, herrisch

- erleichtert, weinend, gelöst, angespannt, auf kompetente Hilfe hörend (Hebamme)

Fazit: Die Frauen tun eine Arbeit, die zwar (neu und) anstrengend ist, schmerzvoll, und teilweise ungeliebt, doch sie entwickeln eine Tiefe in dieser Tätigkeit, wie sie kein Mann je erreichen kann.

"Das ist meine Vorstellung", soll heißen: " Werdet Euch Eures Unvermögens bewußt und tretet zurück vor der Macht und den Fähigkeiten der Frauen im diesem Lebensbereich!"

Daß die dargestellten Männer dazu nicht in der Lage sind, wird auf eine Weise auf die Spitze getrieben, die ihresgleichen sucht.

Man könnte meinen, es handle sich um Klamauk, um billige Umsetzung eines uralten Stoffes. Diese Interpretation reicht meiner Meinung nach nicht aus, um die Tiefe der Thematik zu erfassen, die dahinter steht.

Zur Erklärung: Vorgänge der Geburt sind, ebenso wie Sterben und Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert.

Während über "Schwangersein" und "Muttersein/-werden" relativ offen geredet wird, wird der Vorgang der Geburt "beschwiegen" und in spezielle Bereiche innerhalb der Gesellschaft verlegt (Krankenhaus, Arztpraxis, Hebamme), die außerhalb der privaten Sphäre liegen. Stichwort: Geburtsexil.

In diesem Film wird dem Geburtsvorgang fast 10 Minuten Darstellungsraum gegeben. Zeit genug, um trotz der Bilderflut eine Ahnung davon zu bekommen, wie Gebären empfunden wird, welche die Aufgaben der Frauen in dieser Situation sind und welche Aufgaben der Mann hat. Tränen der Rührung, der Erleichterung fließen, bzw. werden verschämt unterdrückt oder weggewischt. Die Filmmusik trägt die Stimmung, die aufkommt, wenn ein Kind geboren wird, wenn für die Frau der erste Schritt in eine neue Phase beginnt. Die Entbindung der Frau, die jetzt schon das vierte Kind bekommt, ist anders in Szene gesetzt, als die der Erstgebärenden. Hier wird weniger Wert auf die Ruhe hinterher gelegt, auf den Moment nach der Geburt. Diese Frau hat die Transition von Frau zu Mutter schon hinter sich. Der Mann ist über eine weitere Tochter zunächst enttäuscht, bis die Frau ihm beruhigend versichert, auch ein Mädchen könne football spielen...

Ich möchte hier abbrechen und noch einmal betonen, daß gerade in der Differenz zur alltagstheoretischen Vorstellung von Geburt und seiner filmischen Aufarbeitung der Reiz dieser Geburtsszene liegt.

Dieser Film als pädagogische Quelle? Klar, denn zum einen gibt es kaum Material über dieses Thema, welches so anschaulich, unterhaltsam und bunt ein Thema anspricht, das in unserer Gesellschaft zu den Tabuthemen gehört. Wer hat schon die Gelegenheit eine Geburt live mitzuerleben und sich selbst ein Bild davon zu machen, was vor sich geht, wenn eine Frau zur Mutter wird.

Sich ein Bild machen - sich eine Vorstellung davon zu machen - es erfahren -, letztlich bleibt bei Themen wie diesen jede Abbildung nur ein Schein dessen, von dem, was wirklich vor sich geht.