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Dabeisein in jener Nacht 

Interview mit dem kanadischen "Titanic"-Regisseur James Cameron über die Schattenseiten der modernen Technologie and die Grenzen cineastischer Computertricks 


SPIEGEL: Mr. Cameron, Sie lassen die "Titanic" gleich zweimal absaufen: am Anfang in einer kühlen Computersimulation, zum Schluß mit viel Getöse im nachtschwarzen Ozean. Geht die Technik als Siegerin aus dem 20. Jahrhundert hervor, das mit einer ihrer größten Niederlagen begann? 

Cameron: Die "Titanic" war so etwas wie der Gipfelpunkt der technischen Zivilisation zu ihrer Zeit. Der Mensch beherrschte die Meere, die Welt, konnte überall hin und all seinen Luxus mitnehmen. 

SPIEGEL: Aber nicht genügend Rettungsboote. 

Cameron: Indem das Undenkbare passierte, wurde der Dampfer zum Symbol für die Folgen blinden Glaubens an die Technik. Die "Titanic" verkörperte den Beginn des 20. Jahrhunderts and wurde dann zum Denkmal der Schattenseiten der Technologie. Heute leben wir erneut in einer Zeit mit rasendem technischem Fortschritt. 

SPIEGEL: Und glauben wieder blind?

Cameron: Es gibt ja immer wieder diese schrecklichen Alarmzeichen. Zum Beispiel der Absturz der Boeing 747, TWA-Flug 800. Der Jumbo-Jet ist die "Titanic" der Lüfte. Gilt als sehr sicher. Und nun scheint es, als habe dieses Flugzeug einfach versagt. 

SPIEGEL: Die "Titanic" der neunziger Jahre? 

Cameron: Bei Flugzeugabstürzen geht alles so verdammt schnell. Am "Titanic"-Unglück hat mich immer fasziniert, daß der Untergang wie ein Flugzeugabsturz in extremer Zeitlupe ablief. Vom Zusammenstoß mit dem Eisberg bis zum Sinken vergingen zwei Stunden und 40 Minuten ... 

SPIEGEL: ... die Sie im Film fast in voller Länge zeigen. 

Cameron: Frühere "Titanic"-Filme haben sich vor allem auf die Überlebenden konzentriert. Die Story endete, wenn sie auf den Rettungsbooten waren. Aber das Schiff hat noch etwa 20 Minuten überlebt, mit knapp 1500 Menschen an Bord. Das sind 15oo nicht erzählte Geschichten. Und das ist der Bereich, den mein Film viel genauer erforscht als andere. 


SPIEGEL: Was war für den Regisseur von "Aliens" und "Terminator" an einem historischen Werk so verlockend? 

Cameron: Geschichte hat mich immer begeistert. Die Leute glauben ja, daß die Menschen früher anders waren als wir. Ich bin im Gegenteil stets aufs neue beeindruckt von der Universalität der menschlichen Natur. Wenn ich etwa ein Stück von Aristophanes lese und den Humor verstehe, das zeigt mir: Die waren schon wie wir. 

SPIEGEL: Die Gegenwart dient Ihnen als Rahmen für eine Vergangenheit, die Sie einerseits getreu der Faktenlage nacherzählen und andererseits mit der Geschichte von Jack und Rose um eine alles beherrschende Fiktion erweitern. 

Cameron: Mein erstes Ziel als Filmer war es, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Noch mehr als die Mechanik des Untergangs reizen mich nämlich die Mechanismen des Zwischenmenschlichen. Also versuche ich, das Publikum zunächst mit meiner sachlichen Interpretation der Geschehnisse in den Bann zu schlagen. Später erlebt es die emotionale Deutung, die am Ende viel machtvoller dasteht. Deshalb sieht man das Schiff auch zweimal sinken: erst in dieser trockenen, klinischen Art und dann zum Miterleben, als ob man mit dabeisein könnte in jener Nacht. 

SPIEGEL: Der Meister der Spezialeffekte entdeckt die Wirklichkeit mit echtem Schiff und echtem Wasser. War es tatsächlich nötig, dieses riesige Modell zu bauen und dann auch noch zu versenken? Hätte man das Ganze nicht auch am Computer machen können? 

Cameron: Technisch sicherlich. Ein Teil des Films ist so entstanden: Wir haben entschieden, die Erste-Klasse-Lounge nicht zu bauen, wo Rose mit ihrer Mutter Tee trinkt. Was man sieht, ist ein Modell und eine Trickmontage. Würde ich nicht wieder machen. Es ist nervig, etwas digital zu komponieren, was man real machen kann. 

SPIEGEL: Sie haben sich sogar in die Elemente gestürzt und alle Unterwasseraufnahmen selbst gedreht. 

Cameron: "Titanic" ist genau der Film, den ich machen wollte: Fünf Minuten große, computergestützte Spezialeffekte am Ende und drei Stunden mit Frauen, die doofe Hüte tragen und über ihr Leben reden. 










James Cameron ließ für 200 Millionen Dollar die "Titanic" noch einmal auf der Kinoleinwand untergehen. Cameron, 43, gehört zu den erfolgreichsten Filmemachern Hollywoods und fungiert auch als Drehbuchautor und Produzent. Bereits in den Kassenhits "Aliens" und der Robotersaga "The Terminator" erwies er sich als versierter Trickspezialist. Schon 1989 spielte er in dem Science-fiction-Thriller "The Abyss" mit den Urängsten des Menschen vor dem Ertrinken. Sein Film "Titanic" erwirtschaftete in den USA in zwei Wochen bereits 90 Millionen Dollar und läuft jetzt in den deutschen Kinos an: Das Leinwandepos erzählt die Geschichte vom Sinken des Luxusliners (siehe SPIEGEL 20/1997 und 48/1997) vor allem als ergreifendes Liebesdrama. Cameron: "Mich reizen die Mechanismen des Zwischenmenschlichen."