Moviestar, Februar 1996, (Nr. 17)
Erinnerungen sind käuflich
Strange Days

Kathryn Bigelow präsentiert Science Fiction vom feinsten

Wir schreiben das Jahr 1999. Am 30. Dezember hält die Welt den Atem an und wartet auf das neue Jahrtausend. Oder auf den Untergang. L.A. steht kurz vor der größten Party seiner Geschichte. Aber von Frieden und Glück ist nicht viel zu spüren: Auf den Straßen tobt die Schlacht zwischen Polizisten und Dealern, zwischen Händlern und Räubern, zwischen Arm und Reich. Mittendrin steht Lenny Nero, Ex-Bulle und jetzt Squid-Dealer. Selber gefangen in einer Traumwelt, verkauft er feuchte und brutale Träume an die Ausgebrannten seiner Zeit. Doch kurz vor dem Beginn des neuen Zeitalters wird er herausgerissen aus seiner Lethargie und in einen Strudel von Mord, Perversion und Politik hineingezogen.

Schweres Atmen, du sitzt auf der Rückbank eines Autos and schreist deine Vorderleute an. Sie brüllen wirres Zeug zurück. Du steigst aus and
realisierst: Gleich überfällst du ein Restaurant. Mit gezogener Waffe stürmst du ins Haus, deine Freunde hinter dir Du schreist and brüllst,
schießt durch die Gegend, dein Adrenalinspiegel steigt Plötzlich Sirenen: die Bullen, das Haus ist umstellt. Schnell aufs Dach, sie sind
hinter dir, Kugeln fliegen dir um die Ohren. Du rennst auf das nächste Dach zu, springst. Aber nicht weit genug. Für kurze Zeit hängst du an der
Hauswand, dann fällst du. Riß. Das Squid-Deck wird ausgeschaltet. Der Proband nimmt die Elektroden-Kappe wieder ab ... 



Squid ist die Droge. Mit Hilfe einer Kappe spielt sich im Kopf ein Film ab, aber nicht einfach in Bildern,  sondern mit der ganzen Bandbreite . sensueller Informationen: Angst, Liebe, Schmerz, Lust. Alles ist möglich, alles käuflich! 

Und bekommen kann man die Squid-CDs bei Lenny Nero (Ralph Finnes QUIZ SHOW), ein Ex-Bulle in der Stadt der gefallenen Engel. Daß seine Kunden schon nach kurzer Zeit .süchtig nach den "Clips" werden, stört ihn nicht sonderlich: Schließlich hängt er selbst an den kleinen silbernen Scheiben. Wenn er alleine in seiner heruntergekommenen Wohnung sitzt, zieht er sich Clips von sich and seiner Ex-Freundin Faith Justin (Juliette Lewis - NATURAL BORN
KILLERS) rein. Obwohl sie ihn schon lange verlassen hat, versucht er Justin immer noch zurückzugewinnen. 

Seine Existenz ist eigentlich genauso belanglos, wie die Szenen, die sich täglich auf den Straßen von L.A. abspielen: Schwerbewaffnete
Polizisten and Armee-Sonderkräfte haben an jeder zweiten Kreuzung eine Straßensperre errichtet, Einzelhändler schützen ihren Laden mit
Body-Guards, es herrscht Krieg am Ende des Jahrtausends. 

Aber ebensowenig wie Lenny über sich nachdenkt, nimmt er seine Umgebung wahr: Ein Deal ist ihm wichtiger als eine alte Bekannte. Die
Prostituierte Iris, die ihn um Hilfe anfleht, läßt er abblitzen. Nur zwei Menschen durchbrechen seine Mauer: sein alter Freund and Kollege Max
(Tom Sizemore) and Security-Expertin Mace (Angela Bassett - TINA WHAT'S LOVE GOT TO DO WITH IT?). Sie ist es auch, die ihn aus jedem
Schlamassel zieht. 

Lenny scheint hilflos wie ein Kind and trunken vor Sehnsucht nach Justin. Seine Versuche, sie zurückzugewinnen, scheitern immer wieder an
ihrem neuen Liebhaber, dem Musikproduzenten Gant (Michael Wincott - DIE KRÄHE), der ihn jedesmal zurück auf die Straße prügeln läßt. Dort
wird er jedesmal von Mace aufgegabelt and getröstet. 

Doch plötzlich tritt eine entscheidende Wende in seinem Leben ein: Lenny wird anonym ein Clip zugespielt, der alles verändern wird: Er wird
Zeuge der perversen Vergewaltigung and Ermordung der kleinen Hure Iris, der er nicht helfen wollte. 

Zum ersten Mal begreift er die Macht der Clips: Er fühlt den Mord mit den Gefühlen des Mörders! 

Gemeinsam mit seinen Freunden versucht er dahinterzukommen, wer der Täter ist and warum man ausgerechnet ihm dieses Band zugespielt
hat. Sie finden heraus, daß die Getötete Lenny einen weiteren Clip zugespielt hat, auf dem der Mord an dem Rap-Star and Sprecher der
schwarzen Bürgerrechtsbewegung Jerico One (Glenn Plummer) durch zwei Polizisten zu sehen ist. Mußte sie deswegen sterben? Es scheint
so, aber weiche Rolle spielen Justin and ihr Lover Gant in diesem perversen Spiel?? Hat die Polizei tatsächlich ein Hinrichtungskommando zu
Jerico One geschickt??? 

Nichts ist mehr so, wie es scheint. In der Welt von L.A. im Jahr 1999 gibt es keine Eindeutigkeit, keine wirkliche Antwort mehr. Die Zerrissenheit
der Gesellschaft spiegelt sich in jedem einzelnen Charakter. Hinter den Masken lauert die Angst. Hoffnung ist  nur in der Virtualität zu ertragen. Oder scheint dort ein Licht am Ende des Tunnels?  Kathryn Bigelow and James Cameron gelingt es mit STRANGE DAYS eine Zukunft zu skizzieren, die in ihrer Nähe erschreckend ist. Der Riß in der Gesellschaft geht durch jede einzelne Seele. 

Da werden im Hintergrund einige Schwarze von Uniformierten zusammengeschlagen, doch Lenny sieht schon lange nicht mehr hin. Das
Fernsehen berichtet über Morde, die schon längst niemanden mehr interessieren. Die Macht der Medien ist gebrochen. Das Überangebot an
Information hat die Menschen blind gemacht. Geblieben ist nur noch der Wunsch nach reinen, cleanen Gefühlen - geborgten, denn die eigenen
sind im tiefen Abgrund der Seele verschwunden. 

Die Idee zu einem Gerät, mit dem man die Gefühle anderer aufzeichnen and abspielen kann, kam Cameron aus der Praxis des Filmemachens:
"Das Gerät entwickelte sich organisch aus meiner Story, weil ich nach Wegen suchte, die subjektive Kamera als visuelles Werkzeug zu
benutzten." Zum erstenmal sollten subjektive Sequenzen (Point of view shots) über mehrere Minuten andauern. Dazu wurde eine am Kopf zu
befestigende Kamera, eine "Helmetcam" gebaut. Der Effekt ist beeindruckend: Man kommt sich vor als würde man im Kopf des Protagonisten
sitzen, die Bilder and die Geräusche laufen fast so real wie im eigenen Traum ab. Von da aus ist es nicht mehr weit, sich vorzustellen, daß man
auch noch Gefühle übertragen könnte. 


Aber nicht nur von der technischen Seite ist STRANGE DAYS innovativ: Zum erstenmal im amerikanischen Mainstream-Kino, schafft es das Action-/Thriller-Genre aus dem Schatten seiner eigenen Klischees zu treten. Der einzig wirklich starke und gefestigte Charakter ist diesmal weder ein Mann, noch ist er von weißer Hautfarbe: Angela Basset alias Lornette "Mace" Mason spielt eine schwarze Powerfrau, die sich dem Squid verweigert, fest im Leben steht und selbst körperlich als die stärkste Person des Films auftritt. Im Alleingang verprügelt sie mehrere von Gant geschickte Schläger. Sie ist als einzige mit ihren Gefühlen im Einklang. Mace empfindet für Lenny mehr als nur tiefe Freundschaft. Aber ihre Liebe ist frei, sie wird ihn nie unter Druck setzen. 

Und während des heimlichen Höhepunktes des Films ist sie es, die ihren Freund in den Arm nimmt und tröstet, obwohl ihr dabei das Herz
zerbricht. Damit ebnet sie nicht nur den Weg für ein neues Frauenbild im Hollywoodkino (welches sich schon in TERMINATOR II andeutete ...),
sondern gibt auch den Männern ihre Schwäche zurück.  Überhaupt sind es die Feinheiten, die dem Film die richtige Würze geben: In der Riesendiskothek "Retinal Fetish" (etwa: "Hort der Reizüberflutungs-Fetischisten") können die Gäste ihre perversesten Phantasien ausleben: Da gibt es einen Käfig, in dem Männer nackte Frauen auspeitschen können, eine Ecke, in der Bücher verbrannt werden, und eine Wand, vor der Schein-Exekutionen arrangiert werden. Jede Ecke ein
anderes "Erlebnis". 

In diesem fiktiven, aber realistischen Holocaust treffen Lenny und Gant aufeinander, zwei Seiten derselben Medaille. Beide zerstört und am
Ende, beide die gleiche Frau liebend, aber der eine desillusioniert ("Paranoia ist nur Realität auf einer feineren Skala"), der andere vom
Glauben an eine bessere Zeit inspiriert.  Selbst die Musik in dieser Diskothekenhölle (himmel?) paßt sich der vorherrschenden Brutalität und Widersprüchlichkeit an. Juliette Lewis alias Justin intoniert "Hardly Wait" und "Rid of Me", zwei wunderschöne Stücke aus der Feder von P.J. Harvey. Sie schafft es sogar, diese Stücke
auf der Bühne zum Leben zu erwecken, obwohl sie nie an PJ.s Bühnenpräsenz heranreichen wird. 

Überhaupt sind Musik und Sound mit viel Gefühl für Atmosphäre ausgesucht worden. Verantwortlich dafür zeichnet Graeme Revell, Anfang der Achtziger Frontmann bei SPK, einer der ersten Industrial Bands. Womit sick nicht nur musikgeschichtlich 1999 der Kreis schließt: Das Industriezeitalter geht seinem unausweichlichen Ende entgegen. STRANGE DAYS spiegelt den Industrialismus in seinen vorletzten Zügen wieder. Doch während sein Namensvetter vor fast zweitausend Jahren die ewige Stadt den Flammen überließ, entscheidet sich Lenny Nero gegen die totale Vernichtung der Stadt der Engel. Ein Akt letzter Hoffnung in einer Zeit absoluter Hoffnungslosigkeit. 

Da wir uns aber im Mainstream-Kino befinden, darf das (leider etwas unangemessene) Happy-End nicht fehlen: Auch oder gerade in Zeiten der Hoffnungslosigkeit wird die Liebe siegen. Thomas Fraedrich

 

 



STRANGE DAYS 

STRANGE DAYS 

Farbe, Cinemascope 
USA 1995, 139 Minuten 
Regie: Kathryn Bigelow. 

Drehbuch: James Cameron, Jay Cocks. 

Kamera: Mathew F. Leonetti. 

Musik:Graeme Revell. Schnitt: Howard Smith. 

Produktions-Design: Lilly  Kilvert. 

Kostüm-Design: Ellen Mirojnick. 

Ausführende Produzenten: Rae Sanchini, Lawrence Kasanoff.
Produzenten: James Cameron, Steven-Charles Jaffe

Mit Ralf Finnes (Lenny Nero), Angela Basset (Lornette "Mace" Mason), Juliette Lewis (Faith Justin), Tom Sizemore (Max Paltier), Michael i
Wincott (Philo Grant), Vincent D'Ono- ! frio (Burton Steckler), Glenn Plummer (Jeriko One), Brigitte Bako (Iris), Richard Edson (Tick), William
Fichtner (Dwayne Engelman), Josef Summer (Palmer Stricklan) 

Verleih: Jugendfilm
Deutscher Start: 8.2.1996