Süddeutsche Zeitung, 2.10.1989

Der harte Mann und das Meer


"Abyss" - ein Film auf Tauchstation


Ein Mensch ist ein Mensch und nicht etwa ein Fisch. Es fehlen ihm die Kiemen and die Flossen - und deshalb können große Mengen Wassers auf ihn tödlich wirken. Andererseits aber war der Mensch einst ein Fisch, seine Vorfahren sind aus dem Meer ans Land gekrochen, und bevor der Mensch zum Menschen wird, fühlt er sich recht geborgen in der Fruchtflüssigkeit des Mutterleibs. Manchmal scheinen wir uns zu sehnen nach jenen feuchten Zeiten - Psychologen wissen da genau Bescheid. Für den Kinogänger zählt vor allem eines: Das Wasser ist als Zeichen und Symbol universal verwendbar. Es kann Leben bedeuten und gleich darauf den Tod bezeichnen. Es kann die Blicke spiegeln and die Perspektiven verwischen. Wenn also ein Taucher über die Leinwand schwimmt, dann flackert nicht nur das Licht seiner Taucherlampe. Dann schillern auch die Bedeutungen.

Ein Film aus dem Untergrund, eine Story mit Überdruck: Bud Brigman (Ed Harris) and seine Jungs arbeiten in einer submarinen Ölbohrstation auf dem Grund der Karibik. Es ist ein hartes Leben, and wie harte Männer spielen sich die Arbeiter auf. Sensible Seelen nämlich würden es gar nicht aushalten dort unten, würden Beklemmungen kriegen oder den Tiefenkoller, würden sich nach einer Frau verzehren oder plötzlich mit den Fischen sprechen. Auch die abgebrühten Burschen aber sind nicht völlig immun dagegen, and mancher bekommt es manchmal ganz schön mit der Angst zu tun.

Der Druck steigt noch in den Kabinen, als wenige Meilen entfernt ein Unterseeboot der US-Marine kentert. Jetzt kommen Soldaten an Bord, um die Sprengköpfe des U-Boots zu bergen and ein bißchen Krieg zu spielen. Jetzt kommt auch Brigmans Frau an Bord, and das ist vielleicht die schlimmste Katastrophe. Denn Lindsay Brigman (Mary Elizabeth Mastrantonio) hat einst die Bohrstation entworfen; sie ist Ingenieurin, and der Beruf war ihr schon immer wichtiger als der Ehemann. Die beiden hassen einander, and weil es sehr eng ist an Bord, verschärft noch jeder Ehekrach die allgemeine Krise.

Es geht um Alles oder Nichts in Abyss, um Krieg and Frieden, um Leben and Tod and um die Liebe. Die Story ist so komprimiert wie der Sauerstoff, den die Helden atmen. Und Millionen Tonnen Wasser lasten nicht nur auf dem Schauplatz, sie beschweren auch die Stimmung, and sie drücken auf die Inszenierung. Schwer und langsam sind die Bewegungen der Taucher, die Kälte lähmt den Herzschlag, und die Dunkelheit lähmt die Augen. Die tiefen Wasser sind schwarz und trüb. Die Lampen verschwimmen wie Irrlichter, die Sonne dringt nicht bis hier, der Ozean scheint alles Licht zu verschlucken. Was man aber nicht sehen kann, das muß man fürchten, und weil es in diesem Film soviel Schwarz und so wenig Licht zu sehen gibt, deshalb wächst die Furcht ins Uferlose: Abyss ist so duster wie die dunkelsten Filme der Schwarzen Serie. Wenn James Cameron (Drehbuch und Regie) aber nur einen düsteren Film drehen wollte - wozu dann der gigantische Aufwand?

Abyss ist nämlich eine Materialschlacht und ein Wunderwerk der modernen Technik. 40 Millionen Dollar hat der Film gekostet, und den Gegenwert fur diese Summe kriegt man auch zu sehen: Wie kleine Fische wirken die Menschen neben der gewaltigen Bohrstation, zwischen U-Booten und elektronischen Unterwasser-Robotern. Wenn es kracht und knallt da unten, dann zeigen Hollywoods Tricktechniker, was sie können, und die Menschen zappeln hilflos herum wie Heringe im Fischernetz. Selbst wenn es um die einfachen Dinge geht, um einen Kampf von Mann zu Mann, um einen Kuß von Mann zu Frau - dann ist doch jeder Schritt, jede Bewegung abhängig vom Funktionieren der Technik.


Der Film sei monströs, der Regisseur ein Größenwahnsinniger, nörgeln deshalb die Kritiker. Das Urteil ist zwar richtig, taugt aber dennoch nicht als Vorwurf. Der Mensch ist nur ein Wurmfortsatz der Technik, der Spezialeffekt hat den Geistesblitz verdrängt, die Maschinen spielen Schicksal: So könnte man die Inszenierung beschreiben - so kann man aber auch Camerons Thema auf den Punkt bringen. Vom Aufstand der Maschinen und vom Machtverlust der Menschen handelten schon Der Terminator und Alien II, die letzten Filme Camerons. Daß der Regisseur bei seinem Thema bleibt, kann man ihm nicht vorwerfen. Daß er damit auf Tauchstation geht, ist eigentlich nur konsequent: einen Mangel an Tiefgang kann ihm jetzt keiner mehr vorwerfen.

Wenn aber Cameron am Schluß ein paar nette E.T.-ähnliche Wasserwesen auftauchen läßt, dann verwässert er damit den ganzen Film. (In München im Mathäser, Marmorhaus und im Royal.)

CLAUDIUS SEIDL