Süddeutsche Zeitung, 18.3.1985

 

Muskelprotz als Roboter

Der Science-fiction-Film ,Der Terminator"


Nach dem dritten Weltkrieg sind die Maschinen der Menschen überdrüssig geworden. Sie haben die Macht auf der Erde übernommen, betreiben die endgültige Ausrottung der Menschheit. Nur einigen wenigen Widerständlern gelingt das Überleben im Untergrund. Zu deren Vernichtung wird ein raffinierter Plan ausgeheckt. Ein "Terminator", ein Roboter, der als Arnold Schwarzenegger getarnt ist, reist in die Vergangenheit, ins Jahr 1984, um die Mutter des Rädelsführers zu ermorden und somit dessen Existenz auszulöschen.

Nicht nur Science-fiction-Spezialisten wissen Bescheid über das Zeitparadoxon, die zwangsläufige Folge jeder Reise in die Vergangenheit: Wer in vergangene Geschehen eingreift, verändert die Ausgangsbedingungen für die Zukunft, die dann nicht mehr identisch ist mit der Zeit, aus der der Reisende kam, folglich ist auch die Vergangenheit eine andere . . . Der Terminator ignoriert das Paradoxon and stürzt alle Science-fiction-erfahrenen Zuschauer in beträchtliche Verwirrung. Man muß, wegen der Schießwütigkeit des Roboters, dem es auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht ankommt, sich immer fragen, was wohl geschieht, wenn der Kampfmaschine ihre eigenen Erfinder über den Weg laufen.

Was James Cameron der Regie führte und das Drehbuch schrieb, als seine Vision zukünftiger Ereignisse vorführt, ist vor allem ein Blick in die Zukunft des Hollywoodkinos: ein riesiger Spielzeugladen, mit elektronisch gesteuerten Fahrzeugen und Fluggeräten, schnurrenden Roboterstimmen, Blinklämpchen und bunten Laserstrahlen. Die Menschen sind an den Rand gedrängt; sie haben den knalligen Effekten nichts entgegenzusetzen.

Camerons Zukunftsvision offenbart sich eindrucksvoller in seinem Blick auf die Gegenwart.

Der Terminator spielt in Los Angeles, einer Stadt, die, wie Cameron sie zeigt, längst unbewohnbar geworden ist. In den heruntergekommenen Straßen der City lungert das Gesindel, auch die Vorstadtquartiere bröckeln, überall nur Verfall. Autisten bevölkern die Stadt, durch Walkmen und Sonnenbrillen von der Umwelt abgeschirmt. Schüsse, Todesschreie sind ihnen nur Geräuschkulisse, an den Anblick von Leichen auf den Straßen hat man sich gewöhnt. Der schleichenden Katastrophe gilt Camerons ganze Sorgfalt, seine Bilder vom Leben nach dem großen Knall wirken daneben harmlos.

Die Rolle der Mördermaschine sei ein Höhepunkt seiner Karriere, sagt Schwarzenegger. Man spürt im Kino, mit welcher Inbrunst der Muskelprotz den Roboter mimt. Als Conan der Barbar war er zwar ein ungeheuer starker Mann, als Terminator jedoch ist er unbesiegbar. Mit solchen Monstren fertig zu werden, brauchte es früher gewiefte Kinohelden und phantasiebegabte Drehbuchautoren. Heute überläßt man so etwas den Special-Effects-Technikern. Filme wie Der Terminator nähren den Verdacht, daß die Maschinen längst die Macht übernommen haben, zumindest die in Hollywood. (In München im Matthäser, Marmorhaus, Royal.)

              CLAUDIUS SEIDL