DIE ZEIT-Nr. 49-29. November 1991


"Terminator 2 ": ein Nachruf

Die Abrüstungsmaschine


Es gibt Filme, die durch ihre schiere wirtschaftliche Macht, durch die Vernetzung von Markt und Kultur und durch die Evidenz ihrer Botschaften in den Rang von Selbstdarstellungen einer Gesellschaft erhoben sind. Wenn ein Film die Ausmaße von "Terminator 2' erreicht, der zumindest in absoluten Zahlen bisher teuersten Hollywood-Produktion, dann muß er, allein um ökonomisch zu funktionieren, zum Befindlichkeits-Bulletin der ganzen, zumindest der westlichen Welt werden.

Wie alle großen mythischen Produkte verknüpft auch "Terminator 2" das Aktuelle mit dem Universalen, das Kleinste mit dem Größten. Es geht um die wundersame Heilung einer Familie: Ein Junge findet in einem männlichen Maschinenwesen aus der Zukunft einen Vater-Ersatz und befreit mit ihm seine in einem Sanatorium festgehaltene Mutter. Und es geht um die Zukunft der Menschheit: Die neue heilige Familie macht sich auf, verfolgt von einer zweiten, das ultimativ Böse verkörpernden Maschine aus der Zukunft, um die Entwicklung der Superwaffe zu verhindern, durch die die Menschheit sich selbst auszulöschen im Begriff steht.

Obwohl die Welt, die "Terminator 2" am Anfang zeigt, vor Erlösungsbedürfnis birst, gibt es weder ein inneres noch ein äußeres Feindbild.

"Die Russen" werden als "unsere Freunde" bezeichnet, und auch gegenüber der Straßenkriminalität von Los Angeles zeigt sich der Film milde gestimmt. Sein Ziel ist ein umfassender militärischer und sozialer Frieden, sein metaphysisches Programm ist die Abrüstung. Der nun ganz und gar zum Guten "umprogrammierte", am Ende sich selbst opfernde Arnold Schwarzenegger führt die Seinen zu einem Kampf gegen die todbringenden Maschinen, die in der Zukunft, aus der er kommt, die Kriegsführung selbst in ihre Hände genommen haben. Aber dazu muß noch einmal ein allerletzter Kampf ausgefochten werden, in dem die drei Helden des kriegerischen Films der achtziger Jahre zusammenstehen: der zur autonomen Kampfmaschine gewordene stählerne Männerkörper, die bewaffnete Frau und das Computer-Kind, das sich in der digitalen Maschinenwelt besser zurechtfindet als deren erwachsene Schöpfer.

"Terminator 2" birgt den paradoxen Mythos von einer bewaffneten Auseinandersetzung, die alle bewaffneten Auseinandersetzungen beenden soll und in der es keine barbarische Lust, keine psychotische Explosion mehr gibt, sondern nur eine Synchronisation von Emotion, Moral und Vernunft durch ein familiäres Miteinander von Mutter, Sohn und "Vater". Das Befindlichkeits-Bulletin des Jahres 1991 spricht von Friedenssehnsucht, von Erlösungswünschen und von dem Traum davon, daß die technisierte Welt von selbst zur Vernunft kommt - und sei es mit Hilfe der guten Maschine, die sich gegen die schlechten wendet. Dieser "schöne" Mythos vom Krieg gegen den Krieg wird in glaubwürdige Bilder verwandelt über eine Anzahl kolossaler Paradoxien. Zunächst durch die Auflösung der Zeit in ein unendliches geflochtenes Band: Die väterliche Maschine, die Schwarzenegger darstellt, ist von dem jugendlichen Helden in der Zukunft selbst programmiert worden; seinen wirklichen Vater, der (im ersten "Terminator"-Film) ebenfalls aus der Zukunft kam, hat er selbst in (vorerst) unerreichbare Zeiten gerettet oder verbannt. Paradox ist aber auch die Maschine, die zuerst durch und durch menschlich werden muß, um zu erkennen, daß sie sich selbst zerstören muß; paradox ist die Verwendung hypertropher und symbolbeladener Waffen gegen die hypertrophe und symbolbeladene Bewaffnung der Welt. Paradox ist nicht zuletzt ein Film, der gegen die militärische Maschinisierung polemisiert und selbst die perfekteste militärische Maschinerie der Filmgeschichte auf die Leinwand wuchtet.

Das größte Paradox aber ist die Verbindung von kapitalistischem Zweckdenken, christlicher  Opfer- und Erlösungsmystik und einer posthistorischen Utopie, die man einst beim nun zum Freund gewordenen Gegner kritisiert hat.

Vielleicht ist gerade jene Gewalt, die auf das moralisch Endgültige hinaus will, die schrecklichste von allen. Die heilige Familie geht auf ihrem Kreuzzug für den Frieden über Leichen. "Terminator 2" handelt von einer Suche nach der "neuen Weltordnung" mit den Mitteln der alten. Die Zukunft freilich scheint um so ferner zurückzublicken, je näher man sie ansehen will. 

Georg Seeßlen