Tagesspiegel Nr. 14 136,  8. MÄRZ 1992
Welcome to the Machine

Ein Nachwort zum Film "Terminator 2" / Von Tom Peuckert


Außer einer Handvoll Predigern der romantischen Umkehr glauben hierzulande alle, daß wir immer mehr und immer bessere Maschinen brauchen. Geistmaschinen. Computer, schneller, logischer, ausdauernder als Menschen. Schließlich wartet in der Zukunft eine bedrohliche Last von Problemen auf uns. Überbevölkerung, Energiemangel, Nahrungsmittelknappheit, Klimakatastrophe, man lese nur den jüngsten Bericht des Club of Rome. Wir leben in einer Zeit, in der die Vergangenheit ihre Macht an die Zukunft verliert: Die Heutigen stehen nicht mehr in der Pflicht von Herkunft und Tradition, sondern geraten immer tiefer in den Bann des Künftigen.


Technologieentwicklung ist zur Ereigniskette geworden, die bei Strafe des Untergangs nicht abreißen darf. Schon erscheinen auf europäischen Wissenschaftskongressen Pragmatiker der Künstliche-Intelligenz-Forschung, die geistig aufs Ganze gehen: Wir werden, so referierte vor Vierteljahresfrist der amerikanische Institutsdirektor Moravec auf, dem Kongreß  CULTEC in Essen, die intelligenten Maschinen einmal als unsere Kinder betrachten. Sie werden unsere Kultur erben, und sie werden damit besser umgehen als ihre Väter, die dieses mörderische zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht haben. Es bleibt uns gar keine andere Wahl, als die Maschinen weiterzuentwickeln, sagte Moravec unter Hinweis auf den schon angehäuften Schaden.

Das Epos vom Endkampf


"Terminator 2", das filmische Epos über den Endkampf zwischen Mensch und Maschine, das in den Berliner Kinos ein Flop gewesen ist, zeigt sich auf der Höhe solcher Zeitbilanzen. Hier sind wir auf allen Ebenen des Bildes und der Worte mit einem tiefenscharfen anthropologischen Gegenwartsgeist konfrontiert, der seine Zukunftsfiktion tief in die mythologische Substanz der Zivilisationsgeschichte eintaucht. So entsteht eine weitreichende Ahnung vom wahren Gesicht der Gegenwart, der kräftige Vorgeschmack auf Kommendes.

Die Geschichte, die uns der Film erzählt, beginnt und endet mit dem Feuer. Das myt hische Element der Vernichtung, die Reinigung sein kann, fällt zu Anfang über eine Welt her, die sich der Maschine verschrieben hat. Das ist keine alptraumfriedliche Generationsfolge, wie sie der Techniker Moravec prognostiziert, sondern der Holocaust. Ein Szenario, das vielleicht unvermittelter mit den trüben Zukunftsbildern korrespondiert, die vielen heute im Kopf herumspuken. Wer von den jetzt Dreißigjährigen kann sich wirklich vorstellen, im  Jahr 2020 eine gute Zeit zu haben?


Im Feuerofen


Auch am Ende steht das Feuer: Der vorläufige Sieg der Gegenwart über die Zukunft wird durch das Bad des Terminators im Feuerofen eines Stahlwerks besiegelt. Der Terminator, die "gute Maschine", die durch die Zeit reist, muß zerstört werden. Denn erst nach den Katastrophen wird sie zum unentbehrlichen Helfer und Retter. Zuvor, so zeigt Autor und Regisseur James Cameron, ist sie nur ein Rad im Getriebe des Zerstörungsmechanismus.

Cameron erzählt uns nicht, daß die kommenden Schrecken den finsteren Absichten einiger Schurken entspringen. "Sabadyne", die Firma, die letztendlicher Auslöser der planetarischen Katastrophe sein wird, ist ein solides High Tech-Unternehmen, fest eingebunden ins marktwirtschaftliche Ganze. Wir sehen die in glücklicher Neugier leuchtenden Augen des schwarzen Wissenschaftlers Miles Dyson, nachdem er die Maschinenidentität des Terminators entdeckt hat. Gerade ist der sympathische Mann haarscharf am Tod vorbeigeschrammt, gerade hat er mit Entsetzen erfahren, daß seine Forschungen zur Katastrophe führen werden, da packt ihn schon wieder heftige Neugier, eine Erkenntnislust. Das ist unbezähmbar. So bewegt sich der Film unideologisch auf der Höhe sublimer Anthropologie.

Und: wie ließe sich eine Metaphysik des "Menschseins" eindringlicher entwickeln, als es Cameron in jenen Szenen gelingt, die vom Weinen handeln. Sarah Connor, die zwischen Gegenwart und Zukunft taumelnde Kassandra-Figur, will Dyson töten. Sie hat sich in eine hysterische Entschlossenheit geflüchtet, aber dann sieht sie die Tränen auf dem Gesicht des zitternden Mannes. Unter dem emotionalen Druck eines gelebten Augenblicks kann sie nicht mehr nach den Maßgaben höherer Vernunft handeln. Sie versagt dort, wo die Maschine nie versagt hätte. Im nun gemeinsamen Weinen erkennen sich Sarah und Dyson. Ein schöner Traum nur, gewiß, aber einer, den jedes Kind, das die Mutter durch Schreie und Tränen herbeilocken will, als rein genetisches Erbteil kenntlich macht.

Der ideale Körper

"Terminator 2" ist kein sensationeller Film. Cameron hat die Dinge, von denen er erzählt, kühl untersucht. Er ist Anthropologe, nicht Romantiker. Seine menschlichen Helden, Sarah und ihr Sohn John, Bind tief verstrickt in die Maschinenwelt, vor der sie die Menschheit retten wollen. John ist Virtuose auf der Tastatur des Computers, Sarah hat ihren Körper durch zähes Training in eine schlagkräftige Waffe verwandelt. Der muskulöse Leib der Frau harmoniert mit dem idealen Körper der Terminator-Maschine.

Die Maschine ist überlegen, wenn es auf den Abgrund zugeht: das dirigierende .,Es ist Zeit zu gehen. Jetzt!" des Terminators bewältigt den Augenblick der Gefahr durch eine komplexere Datenerfassung. Er wäre der beste Vater für John, sinniert Sarah, obwohl sie den Aufstand der Maschinen in ihren Alpträumen vorausgesehen hat. Sie teilt die tiefe Ambivalenz unserer Gefühle: Sorge und Bedürfnis. Angst vor und Lust an der Maschine. Angstlust im Angesicht des Schreckens.


Kein Märchen


Der Film ist dort äußerst brutal, wo er von Gewaltsamkeit in der Maschinenwelt handelt. Er spielt sublim mit Zuspitzungen des Gegenwärtigen: etwa in jener Szene in der psychiatrischen Klinik, in der die Ärzte mittels Dutzender Bildschirme die Wahrheit über Sarahs Seele erkennen wollen. Auf den Monitoren sieht man in verschiedensten Aufnahmeperspektiven ihr Gesicht. Kein Zentimeter Haut bleibt unbeobachtet in dieser Video-Horror-Welt: wenn die vollkommende Durchsichtigkeit erreicht ist, könnte die Aufzeichnung der Seele auf Diskette beginnen.

"Terminator 2" ist kein blauäugiges Hollywood-Märchen. Vielmehr eine faszinierende künstlerische Deutung unserer Zeit und ihres Zukunftshorizonts, der ein Panorama des Schreckens sein könnte. Raffiniert und perfekt gekleidet in den Formenkanon der Massenkultur. Somit ein Ausnahmeereignis in der Kunst der Gegenwart.

"Terminator 2" wird in Berlin zur Zeit noch im Kino "Colosseum 2" in der Gleimstraße 3235 gezeigt. Außerdem ist der Film in vielen Videotheken erhältlich.