tip Filmjahrbuch Nr. 3 (1987)
ALIENS


Jedes Monster kehrt zurück. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Ridley Scott und H.R. Gigers Insektenmonster aus dem All, das Ende der Siebziger erfolgreich spukte, wieder sehen lassen würde. Der Action-Regisseur James Cameron drehte wieder mit Sigourney Weaver in der Hauptrolle den Film "Aliens", der sich weniger durch subtilen Horror als vielmehr durch rohe Gewalt und garstige Ironie auszeichnet. 

von Barry Graves  

Über diesen Film liest man nur dummes Zeug: "Im Universum lauert eine große Gefahr, die wir noch nicht kennen", behauptet die deutsche Filiale der 20thCentury Fox auf ihren Kinoplakaten. Was die Firma in Wahrheit noch nicht zu kennen scheint, ist ihr eigenes Verleihprogramm. Wir aber wissen seit 1979 Bescheid: Auf dem unwirtlichen Planeten LB 426 Acheron lauert eine vom surrealistischen Schweizer Designer H.R. Giger erdachte Monsterbrut, perfekt in ihrer mörderischen Unzerstörbarkeit, ein tödlicher Schmarotzer, der sich in andere Lebewesen wie in Wirtstiere einnistet und dann in immer neuen Mutationen aus ihnen hervorbricht.
"Alien", das Fremdartige, war das makellose Endprodukt eines kosmischen Darwinismus, dem letztlich auch Ellen Ripley nicht gewachsen schien. Sie konnte das Horror-Geschöpf nur durch einen Trick aus dem Fluchtschiff "Narcissus" in den Weltraum blasen, nachdem sie im verseuchten interstellaren Frachtkreuzer "Nostromo" den Selbstzerstörungs-Mechanismus in Gang gesetzt hatte. "Gegen diese Super-Frau ist Rambo ein schlaffer Softie", jubiliert nun die "BZ", als gelte es, die Maggie Thatcher der Milchstraße zu feiern. So werden wieder mal die falschen Zuschauerkreise angelockt oder abgeschreckt. Dabei ist Ripley (Sigourney Weaver) im sieben Jahre alten Original wie in der Fortsetzung "Aliens" ein weit komplexerer Charakter. Regisseur James Cameron: "Sie ist kein weiblicher Rambo. Sie kämpft um ihr eigenes Überleben und ist dabei bereit, sich für jemanden, den sie liebt, zu opfern. Da fehlt jegliche ideologische Betrachtung, denn sie kämpft gegen eine Naturkraft."

Das sieht die Zeitschrift "cinema" jedoch ganz anders: "Allzu sehr entspricht der Grundton des Thrillers der augenblicklichen nationalistischen Stimmung in Amerika. Einziger Ausweg aus gefährlichen Situationen mit gefährlichen Ungeheuern ist: eine Bombe draufwerfen und damit das Problem scheinbar aus der Welt schaffen . . . bis zum nächsten Mal." Eine Konsumillustrierte geht mit modischem Anti-Amerikanismus auf Leserfang und tut so, als habe Caspar Weinberger "Aliens"als Lehrfilm für Strategie-Sitzungen im Pentagon geordert. Doch der friedfertigste "cinema"-Redakteur muß zugeben, daß ein vier Meter großer Insekten Saurier mit giftigem Speichelschleim und tödlich ätzender Körperflüssigkeit für gewaltlosen Widerstand und Abrüstungsverhandlungen kaum das rechte Verständnis aufbringen mag.

Was passiert nun wirklich? Ripley hat sich am Ende des ersten Films mit ihrer Katze in einen künstlichen Tiefschlaf begeben. 57 Jahre muß sie bei reduzierten Lebensfunktionen dahindämmern, bevor sie von einem Rettungsschiff aufgefangen wird. Doch sie wird keineswegs als Heldin begrüßt. Im Gegenteil: Vertreter des Weltraum-Konzerns, der auf anderen Planeten Kolonien einrichtet und Bodenschätze fördern läßt, beschuldigen sie, mit der Sprengung der "Nostromo" leichtfertig Firmeneigentum verschleudert zu haben. Ripleys Monster-Story wird allein schon deshalb als Ausrede abgetan, weil sich inzwischen auf Acheron 157 Siedler niedergelassen haben, die bislang nichts von angeblichen Horror-Viechern zu berichten wußten. Ripley fühlt sich wie ein Vergewaltigungs-Opfer, das vor Gericht seine Unschuld beweisen muß. In ihren Alptraumvisionen durchlebt sie die "Vergewaltigung": Jede Nacht scheint aus ihrem Leib ein mörderischer kleiner Alien zu platzen...

Der Kontakt zum Planeten ist auf einmal abgebrochen. Ein Trupp Marines wird ausgesandt, um das Rätsel zu erkunden. Nach langem Zögern läßt sich Ripley überreden, an der Militär-Expedition teilzunehmen. Die Soldaten sind ein Haufen stumpfsinniger Haudegen: vulgär in ihren Manieren, großmäulig in ihren Sprüchen, geradezu geil darauf, mit ihren High Tech-Waffen loszuballern. Der Leutnant ist ein inkompetenter Rechthaber, der Sergeant ein besserwisserischer Nervtöter. "Die Parallelen zur Kampfsituation in Vietnam sind klar", sagt Regisseur Cameron, "volles Rohr und nichts im Kopf!"

Zunächst läßt sich das Landemanöver auf Acheron an wie ein John-Wayne-Film aus dem 2. Weltkrieg. Bis hierher mag Cameron tatsächlich aggressiven Amüsierstimmungen in der gegenwärtigen US-Gesellschaft entgegengekommen sein, zumal das ordinäre Schandmaul der Marines weiß Gott keine futuristischen Töne spuckt, sondern Slang und Kauderwelsch unserer Tage voll draufhat. Vor allem die knallhart durchtrainierte Gefreite Vasquez (Jenette Goldstein) muß sich anpflaumen lassen: "Hat Dich eigentlich schon mal jemand mit 'nem Mann verwechselt?" "Nee. Dich etwa?", gibt Vasquez prompt zurück - ein herrlicher Anti-Stereotyp gegen das Frauen-Klischee bei den Latino-Machos.

Doch dann werden die "Helden" sehr schnell ganz mickrig. Bei diversen unheimlichen Begegnungen der tödlichen Art mit den Monsterwesen erweisen sich die meisten als inkompetente Feiglinge. Die Situation ist aber auch zum Fürchten: Auf der Suche nach überlebenden Siedlern gerät der Expeditionstrupp in ein Labyrinth von feucht-glitschigen Schächten und schleimigen Tunneln. Plötzlich stoßen die Marines auf eine Art "Vorratskammer" der Aliens: halbverweste oder zerrissene Menschenleiber, wie in einen Insektenkokon eingesponnen. Cameron und seine Trickspezialisten zerren nun, nachdem eine Dreiviertelstunde so gut wie nichts passiert ist, mit allen Mitteln der Schocktechnik an unseren schwachen Nerven. Die Aliens greifen mit Schwänzen, Flügeln, Tentakeln und ihren furchterregend gefräßigen Mäulern von allen Seiten und in permanenten Überraschungsmomenten an. Beim Abwehrkampf wird die Marines-Mannschaft kräftig dezimiert. Mit von der Partie ist übrigens auch der Konzernvertreter Burke (Paul Reiser), ein schlimmer, erfolgsorientierte Yuppie. Dem liegt - wie schon seinen Vorgängern bei der "Nostromo"-Expedition im ersten Film vor allem daran, ein Alien-Exemplar für die militärische Forschung sicherzustellen.

Ripley hat in einem Luftschacht als einzige Überlebende der Kolonisten das völlig verstörte Mädchen Newt (Carrie Henn) gefunden. Gegenüber dem skrupellosen Burke, der sie und das Kind vorsätzlich einer Alien-Attacke aussetzt, kann sie sich mit Bravour durchsetzen. Newt ist ihr seelenverwandt; beide sind die Überlebenden einer monströsen Gefahr, beide wissen, was es bedeutet, allein den Aliens ausgesetzt zu sein. Diese Situation wiederholt sich auf erschreckende Weise, als ein Marine nach dem anderen den Aliens zum Opfer fällt und selbst der tapfere  Kämpfer Hicks (Michael Biehn) ausgeschaltet wird. Zwar kann der heroische Android Bishop (Lance Henriksen) Ripley im letzten Moment vor einem tödlichen Angriff retten, wobei ihn ein Übermonster bis zum letzten Transistor zerfetzt; doch die kleine Newt - wird in die Kokon-Kammern der Aliens verschleppt. Da brechen in Ripley archaische Mutterinstinkte auf. Die sonst so coole Frau, die im ersten Film allein auf  Fortkommen und Prämien aus war und egoistisch  nur dafür kämpfte, "ihren Arsch zu retten" (Cameron), wagt opferbereit den Endkampf gegen das große weibliche Monster. Dieses Duell baut der Regisseur in 45 (!) Minuten zum größten Horror-Fight der Kinogeschichte aus. Dabei ist dem Zuschauer durchaus so etwas wie "Sympathie" für die Alien-Mutter möglich. Hat nicht auch sie ein primitives Natur-"Recht", ihre Brut und ihren Existenzraum zu verteidigen?

Während Ripley sich in einem überdimensionierten Gabelstapler mit riesigen Greifarmen kampfbereit macht, läuft die Zeituhr vor der atomaren Explosion des Planeten ab, gigantische Fluchtkorridore stürzen zusammen, Forschungs- und Wohnkomplexe gehen in Flammen auf, Sirenen heulen, Kühlflüssigkeiten und Antriebsöle ergießen sich durch die Luftschächte. Ripleys Augen sagen: Ich muß verrückt sein, ich weiß gar nicht, wie ich dieses Waffenarsenal bedienen soll - doch die Alien-Queen, die durch das flammende Inferno nach ihr greift, läßt ihr keine Chance zum Rückzug. Sie will Newt retten, ihre Mutter-Instinkte feuern ihren Kampfesmut an.

"Alle Typen, die sich wie Superman aufführen, kommen um", sagt Regisseur Cameron. "Aliens' ist ein Film über einen Menschen, der positive Kräfte in sich entdeckt: Tapferkeit, Willenskraft zum Beispiel:" Diese Huldigung an die bezwingende Macht individueller Ressourcen war auch Thema in Camerons zweitem Film "Terminator" (1984): Auf der Flucht vor dem meuchelmordenden Roboter Arnold Schwarzenegger wächst ein Mädchen aus Los Angeles über sich selbst hinaus und wird zur Heldin künftiger Generationen.

"Ich mag solche Frauen, die Intelligenz und freien Willen haben", sagt der 32jährige Filmemacher aus Kanada. Das schließt natürlich seine ein Jahr jüngere Frau Gale Anne Hurd mit ein, die für ihn "Terminator" und "Aliens" produziert hat. "Er schreibt überlange Drehbücher mit komplizierten Szenen, vielen Figuren und schlimmen Sprache, und mein Job ist es, alles auf ein finanzierbares Maß zusammenzustreichen und verbal akzeptabel zu machen."

Beim Drehbuch zum "Rambo II" allerdings nahm ihr Sylvester Stallone den Job ab. "Ich will mich nicht ganz davon distanzieren" sagt Cameron, "aber dieser peinliche Schluß, wie in einem Propagandafilm von John Wayne, ist allein Stallones Erfindung." Sein Drehbuch-Rambo war alles andere als ein Hurra-Patriot, sondern ein demoralisierter Mann aus der psychiatrischen Abteilung eines Armee-Krankenhauses, der seine Rückkehr nach Vietnam wie die Wiederholung eines Alptraums empfindet - aber hätte das für Stallone über 100 Millionen Dollar eingespielt? Immerhin verschafften ihm die Autoren-"Ehren" zusammen mit der überschwenglichen "Terminator"-Resonanz die Chance, eine Fortsetzung von Ridley Scotts Sci-Fi-Horror-Klassiker "Alien" zu riskieren.

Nachdem sich das Projekt einer futuristischen Neuverfilmung von "Spartacus" zerschlagen hatte, schrieb Cameron in drei Tagen zur Musik von Gustav Holsts "The Planets" ein 45-Seiten-Treatment von "Aliens". Dabei war er sich der Gratwanderung zwischen Triumph und Niederlage durchaus bewußt: "Alien' war für mich der beste Film seines Genres, der je gemacht wurde. Der Film hatte eine allumfassende Philosophie - von der Auswahl der Schauspieler über die Kostüme bis zu den Dekors, der Beleuchtung und den Soundeffekten. Die Leute glaubten wirklich, daß das, was sie da sahen, ein Stück Wirklichkeit war."

Cameron hat nun bei der Fortsetzung "Aliens" weder eine Imitation von Ridley Scotts durchgestyltem Kunst-Werk noch eine drastische Abkehr probiert, sondern sich für einen Mittelweg entschieden. Die grundsätzlichen Stilelemente von Scott und Designer Giger wurden beibehalten oder improvisatorisch weiterentwickelt, die Handlung wurde aus der Enge eines Raumschiffes auf eine Vielzahl von Schauplätzen in der Planeten-Kolonie verlagert, und der Haupt-Charakter Ellen Ripley wurde vielschichtiger und emotional reicher gestaltet.

Femininität erscheint nun als gewaltige positive Kraft, während sie von Scriptautor Dan O'Bannon im ersten Film bewußt monströs angelegt war: In Erinnerung an seine "psychisch gewalttätige Mutter" und an "die sexbesessenen Frauen, mit denen ich geschlafen habe", wollte er "dem Publikum eins auswischen" und konstruierte eine Freudsche Alptraumhandlung, die Scott und Giger mit Phallus- und Vaginasymbolen, einem Mutterleib von bedrohlichem Raumschiff und gurgelnden Geräuschen "wie rumorende Eingeweide" in Szene setzten.
Cameron gibt sich da eher als solider Handwerker. Ihm macht es Spaß, Schockhöhepunkte aufeinander zu türmen und er hat ein listiges Vergnügen am ironischen Overkill von Macho-Symbolik: endlose Gittertreppen, krachende Stahltüren, schwere Stiefel, die  durch den Matsch des Planeten glitschen, verschwitzte Gesichter in Supergroßaufnahme, Wolkenbrüche, die gegen die Expeditionsfahrzeuge klatschen, überdimensionierte Designer-Waffen, Hochhaus-Konstruktionen aus tonnenschweren Eisenträgern, Wasserdampf, flackernde Lichter, Kurzschlüsse, keuchender Atem in Versorgungsschächten voll Feuer und Rauch. Das ist so klaustrophobisch realistisch wie die Szenerie in Wolfgang Petersens "Das Boot" - für Cameron ein großes Vorbild. 18 Millionen Dollar hat er dafür ausgegeben, zehn Monate dauerten die Dreharbeiten in London. Die Anstrengungen haben sich ausgezahlt: ein besseres Dolby-Klangbild war noch nie im Kino zu erleben, und die Hell-Dunkel-Kontrast-Effekte im brillanten 70 mm-Bild sind meisterlich.

"Es war eine schwere Zeit", sagt Sigourney Weaver. "Alle Schauplätze waren furchtbar düster; ich fühlte mich in diesen Alptraum-Dekors selber ein bißchen wie Ripley. Aber diese bizarre Szenerie war eine Herausforderung. Ich konnte dieselbe Person wie vor sieben Jahren spielen, nur diesmal mit einem etwas gebrochenen Charakter. Mir haben Leute gesagt: So eine knallharte Atmosphäre, all diese Kriegsmaschinerie - das kommt bei Frauen nicht an. Das glaube ich nicht, ich bin selbst eine entschiedene Waffen-Gegnerin. Aber alle starken Charaktere in dem Film sind Frauen, vor allem das kleine Mädchen. Und wenn ich auf die Monster losballere, ist das für das Publikum und Ripley wie eine Katharsis - es hat eine, reinigende, letztlich positive Wirkung:"

"Aliens" ist Sigourney Weavers siebter Film, seit einer Nebenrolle in "Annie Hall" (1977). "Sie ist die perfekte zeitgenössische Heldin", sagt Regisseur
Ivan Reitman ("Ghostbusters") über die 36jährige Aktrice, die eigentlich Susan heißt und ihren ungewöhnlichen Vornamen aus einer Figur im "Großen Gatsby" entlehnte. "Aliens" brachte ihr dreißigmal mehr Gage als "Alien" (eine Million Dollar) und katapultierte sie endgültig zum Weltstar.

"Ich bin ein Schauspieler, keine Schauspielerin", sagt die einen Meter achtzig große New Yorkerin selbstbewußt. "Schauspielerinnen tragen Federboas." In den 137 Minuten von "Aliens" ist "der Schauspieler" Sigourney Weaver fast nur im unförmigen Overall zu sehen - durchaus in ihrem Sinne: "Ich bin froh, daß ich nicht wie Jackie Onassis zurechtgemacht wurde". Aber - die berechtigten Erfolge von "Alien" und "Aliens" beweisen es - auch im Rost, Schleim und Plunder einer gigantischen Müllkippe kann ein wahrer Star seinen Glamour entfalten.