Kieler Nachrichten, 18.8.1994

Filmkritik: "True Lies" mit Arnold Schwarzenegger

Familienvater mimt Action Hero

 

Als "The Last Action Hero" hat Arnold Schwarzenegger den größten Flop seiner Karriere überlebt. Sein in den USA erfolgreicher Comeback-Versuch ist erneut ein ambitioniertes Großprojekt, und markiert die dritte Zusammenarbeit mit James Cameron (nach den beiden "Terminator"-Filmen). Leichter konsumierbar als die bisweilen konfuse Film-im-Film-Struktur des Vorgängers, setzt "True Lies" neben obligaten Bestandteilen wie spektakulären Spezial-Effekten, wahnwitzigen Stunts und gewalttätiger Action auf Humor und parodistische Elemente.

Zumindest die Auftakt-Sequenz in klassischer Bond-Manier gestaltet sich vielversprechend: als Spezialagent Harry Tasker, der sich erst als Froschmann unorthodoxen Zutritt auf bewachtes Gelände verschafft, in einen Smoking schlüpft und sich unter die illustren Gäste einer Abendgesellschaft mischt, verblüfft Schwarzenegger mit einer flüssigen Kombination aus physischer Präsenz und lässiger Eleganz. Beim Tango mit der attraktiven wie gefährlichen Juno (Tia Carrere) gibt er eine ebenso gute Figur ab wie bei der rasanten Flucht durch eine nächtliche Schneelandschaft.

Weil die Organisation, für die Harry seine Missionen gegen internationale Terroristen und Waffenhändler ausführt, ultrageheim ist, muß er ein Leben mit zwei Identitäten führen. Für Ehefrau Helen (Jamie Lee Curtis) und Tochter mimt er den reisenden Computerhändler und den liebevoll-biederen Familienvater.

Diese Grundidee - entlehnt aus dem französischen Film "Le Totale" - nutzt sich relativ schnell ab, weshalb Harry einer vermeintlichen Affäre Helens mit einem schmierigen Autohändler (Bill Paxton) auf die Spur kommen muß und sogar Eingreiftruppe und HiTech zur Bewältigung seiner privaten Probleme zweckentfremdet. Der isoliert wirkende Mittelteil wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf und gibt Curtis Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent unter Beweis zu stellen. Durch Harrys hinterhältige Manipulationen darf sie eine reizvolle Metamorp[h]ose von der unscheinbaren, naiven Hausfrau zum verführerischen Vamp durchmachen. Ihre geheimen Sehnsüchten nach einem aufregenden Leben werden gefährliche Realität, wenn die beiden Welten aufeinanderprallen.

Wo Camerons Drehbuch und Regie bis zu diesem Zeitpunkt Geschichte und Action-Level noch einigermaßen in Balance bzw. komischen Kontrast halten, driftet die Handlung unaufhaltsam in eine gigantische Materialschlacht ab, die neue Rekorde im Bereich destruktiver Energie und zeitgemäßen Zynismus aufstellt. Daß alles irgendwie ironisch gemeint sein soll - von der waffentechnischen Hochrüstung bis hin zu augenrollenden, dämlich-fiesen arabischen Terroristen - ändert wenig an der Fragwürdigkeit eines zudem krampfhaft in die Länge gezogenen Finales.

Manfred Sanck