Süddeutsche Zeitung, 18.9. 1994
Tragödien lächerlicher Männer  

Arnold Schwarzenegger und sein Regisseur James Cameron lassen in "True Lies" tief blicken

Der Film ist ein Feuerwerk. Muß er auch sein, denn schließlich soll er 200 Millionen Mark gekostet haben, mehr als je ein anderer. Und dafür bekommt man auch etwas geboten. Zum Beispiel eine Verfolgungsjagd, bei der Arnold auf einem Pferd einen Motorradfahrer bis ins oberste Stockwerk eines Hotels verfolgt. Da klatschen die Leute vor Vergnügen, und sie wissen auch warum. Weil hier das Kino das Unmögliche möglich macht, weil es mit Phantasie und Unbeschwertheit gegen Schwerkraft und Wahrscheinlichkeit vorgeht. Da hat der Wahnsinn Methode.

Aber diesmal fragt man sich, ob der Wahnsinn nicht doch auch pathologisch ist. Denn überall dort, wo der als Tüftler und Schinder bekannte Regisseur James Cameron in seinem Film tiefer blicken läßt, tut sich ein schwarzes Loch auf. Das war in dem grandiosen Terminator nicht anders, aber da wußten Regisseur und Zuschauer auch warum. Diesmal will Cameron der Menschmaschine Schwarzenegger ein Herz aus Fleisch und Blut verleihen und gebiert dabei ein Ungeheuer. Im Grunde ist er als Regisseur nicht besser als Frankenstein. Er bringt seine Wesen zum Laufen, kaum zum Leben.

Es geht um einen Superspion, der sich selbst seiner Frau (Jamie Lee Curtis) gegenüber als überarbeiteter Computervertreter ausgeben muß. Die Frau beginnt sich deswegen vor Langeweile für einen Gebrauchtwarenhändler (Bill Paxton) zu interessieren, der sich als Spion ausgibt. Die Geschichte entstammt dem französischen Film La Totale von Claude Zidi und ist nicht mehr als der Zünder für das Feuerwerk, das Cameron abbrennt. Es stellt sich dabei die Frage, was die Drehbuchautoren machen, wenn nur noch Bestseller, Fernsehserien und französische Filme verfilmt werden. Hollywood traut den eigenen Leuten offenbar nicht einmal mehr zu, das Alibi für ein Spektakel dieser Art zu liefern.

Der echte Agent beschließt, sich an seiner Frau und dem falschen Agenten zu rächen. Er unterzieht seine Frau hinter einem Einwegspiegel einem demütigenden Verhör und jagt dem Aufschneider einen solchen Schrecken ein, daß dieser in die Hose macht. Und weil das nicht nur einmal passiert, fragt man sich, ob die Leute hinter so einer Produktion noch wissen, was sie tun. Wenn ein Mann, der sich eine Welt erträumt, als Hosenscheißer denunziert wird, und ein anderer, dessen Welt das Töten ist, auch noch seine Frau zurückgewinnt, obwohl er nichts dazugelernt hat, dann beweist das nur, daß Hollywood als Traumfabrik ausgedient hat.

Es gibt ein Bild inmitten des Getümmels, da kann man dem Film in die Seele blicken: Der Frau fällt die Maschinenpistole aus der Hand, rollt sich überschlagend eine Treppe hinunter, und die Schüsse, die sich dabei aus der Waffe lösen, erledigen mindestens genauso viel Gegner wie Arnold selbst. Die außer Kontrolle geratene Waffe, die jeden Menschen ersetzen kann, ist das wahre Herz dieses Films, ein seelenloser Herzschrittmacher. Da ist Cameron ganz bei sich.

Arnold Schwarzenegger versucht sich als James Bond. Wir werden davon aber nicht gerührt, nur geschüttelt.

          MICHAEL ALTHEN