Tagesspiegel, 20.8. 1994
Messerscharf

Ein Versuch, sich "True Lies" anzuschauen

Es können einem im Kino die dollsten Sachen passieren. In einer ganz normalen Nachmittagsvorstellung von "True Lies" im Marmorhaus kann es zum Beispiel vorkommen, daß ein Besucher unter lautem Türknallen den Saal verläßt, worauf ein zweiter Besucher, vielleicht ein guter Bekannter, ziemlich laut "du Vollidiot" ruft. Weiterhin kann es geschehen, daß nun der erste Besucher in den Saal zurückkehrt, in seiner Hand ein aufgeklapptes Taschenmesser. Dessen Klinge hält er, beispielsweise, dem Kritiker des Tagesspiegels unter die Nase. "Bist du das Schwein, das gerade eben ,Idiot' gerufen hat?", lautet die mit großer Entschiedenheit gestellte Frage, and die Antwort heißt wahrheitsgemäß: "Nichts, gar nichts hab' ich gesagt." Der Gesprächspartner zieht sich wortlos zurück. Er sieht, erstaunlicherweise, genauso aus wie die Schurken im Film, der gerade läuft, also lange, dunkle Locken, schwarze Bartstoppeln, goldener Ohrring: "südländisch", sagt man wohl. Gerade eben war einem diese Personenkennzeichnung im Film reichlich rassistisch vorgekommen. Registriert man das klischeehafte Schurken-Äußere nur wegen seiner eigenen rassistischen Prägungen so aufmerksam? Was hätte man wohl gedacht, wenn der Messermann so ausgesehen hätte wie man selber? Jedenfalls ist der Vorfall eine interessante Ergänzung zum Film, der laut seinem Hauptdarsteller Arnold Schwarzenegger "viel Humor" und "nicht soviel Gewalt" enthält, in Zahlen: drei bis vier Lacher and etwa 50 Tote.

"True Lies" hat um die 100 Millionen Dollar gekostet, der Star Schwarzenegger kriegt davon ein schönes Stück ab, and Hollywood diskutiert zur Zeit die Frage, ob nicht Schluß sein muß mit solchen Mega-Summen. Filme dieser Preisklasse können sich fast nur noch lohnen, wenn sie es in die ewigen Top Ten der Kassenknüller schaffen. Solche Erfolge sind nicht steuerbar, auch wenn es mit "True Lies" wieder mal versucht wurde. Eine James-Bond-Persiflage, viel Pyrotechnik, zugleich eine amerikanische Homestory mit Familie Jedermann. Der Held führt ein Doppelleben als Agent, während seine Ehefrau von einem Doppelleben träumt, das ruhig auch sexuell sein darf. Die Story bietet keinen starken, interessanten Schurken auf, nur messerstechende Bartstoppeln, sie schielt ausgewogen nach allen Seiten - Action ja, aber nicht zuviel, Gewalt ja, aber nicht zuviel, ein bißchen Erotik darf auch sein und, ach ja, der berühmte Schwarzenegger-Humor. Und Moral. Ein Wechselbalg also, wie schon Schwarzeneggers ..Last Action Hero". Ein biederer Film, den der gewohnheitsmäßige Hollywood-Kunde streckenweise recht nett finden wird, aber nie so richtig toll. Der Regisseur James Cameron hatte mitten im Mainstream der großen Studios zwei, drei mythologische Stories vom Ende der Industriezivilisation inszeniert, darunter "Terminator 2". Cameron ist einer von den Guten. Diesmal haben sie ihn eingesackt, die glattrasierten, anzugtragenden Schurken von Hollywood. 

HARALD MARTENSTEIN