Der Tagesspiegel 29.7.1993

Bei den Göttern

James Camerons mythischer Film "The Abyss " wieder im Kino

Die fremden Wesen aus dem Abgrund der Tiefsee verkörpern das Wahre, Gute und Schöne. Ihre technische Intelligenz übersteigt das Maß des Menschen, sie stehen tiefer in der Wahrheit als er. Im Moment seiner Krisis handeln die "Nichtmenschlichen" mit moralischer Perfektion: sie retten Menschenleben, so als hätten sie, wie einst der Gott des Alten Testaments, einen Bund mit dem Menschen geschlossen. Und sie besitzen hohe erotische Macht. Die gallertartigen, leuchtenden Gebilde sind von atemberaubender Schönheit, die der geschlechtlichen Attributierung keineswegs entbehrt. Lindsay, die weibliche Heldin, umschmeichelt bei der ersten Begegnung ein phallischer Körper; Bud der Taucher, wird gerettet von einem Wesen mit unverkennbar femininen Zügen.

Es sind perfekte Götter, die hier erscheinen. Erlösergestalten, wie aus einem tiefen, sehnsüchtigen Traum. Und wie Traumverlorene stehen die Menschen in James Camerons Film vor diesen fremden Wesen: von einer glücklichen Ahnung überfallen, lächelnd, tief vertrauend. Kein Zweifel: eine religiöse Berührung.

"The Abyss", jener Cameron-Film von 1989, der nun im sogenannten "directors cut` noch einmal in die Kinos kommt, erzählt eine neue Geschichte von der ewigalten Erlösungssehnsucht des Menschen. Ja, er führt den Zuschauer im Höhlendunkel des Kinos, wenn der nur genügend naiv sein will, auf diese Urfigur seines Seelenlebens zurück. Die Heilshoffnung, die sich in allen Utopien manifestiert, seien sie weltlicher oder religiöser Provenienz.

Eine den Schrecken and Fährnissen der Tiefsee ausgesetzte Menschengruppe begegnet nichtmenschlicher Intelligenz and wird von dieser im Moment der Katastrophe gerettet. Gerettet aus einem auch symbolischen "Abgrund", in den psychischmoralische Unzulänglichkeit and die Überforderung des eigenen Körpers innerhalb der technischen Apparaturen geführt haben. Der Mensch gibt Größeres von sich, als es seine Bildung rechtfertigt, heißt es in einem alten gnostischen Text, dies macht ihn anfällig für die Hoffnung, etwas, das größer ist als er selbst, werde im Augenblick seines Versagens die Hand über ihn halten. In der "gottlosen" Gegenwart könnte es eine Superintelligenz "da draußen" sein. Und: Wenn der Himmel leer ist, vielleicht wartet das Rettende in den Abgründen der Tiefsee auf uns.

"The Abyss" ist wie alle Filme des amerikanischen Regisseurs James Cameron (unter anderem "Aliens - Die Rückkehr", "Terminator") Massenkino im erprobten Genre, schnell und aktionsreich. Mit einer Dramaturgie, die in jedem Lehrbuch für Hollywood-Autoren ihren Platz finden könnte. Und doch ein mythisches Denkbild, eine Bilanz der Zeit und ihres Zukunftshorizontes, eine Wahr-Sagung, wie sie nur bedeutende Kunst hervorbringt. Im Reigen der Cameron-Filme ist dies wohl das heiterste Werk, das am stärksten auf unsere Sehnsüchte setzt and am wenigsten auf unsere Angst. 

TOM PEUCKERT