Tagesspiegel, 30.9.1989

Kino des Maßlosen

Faszinierend und ernüchternd: James Camerons Film "The Abyss"

Es geht ums Überleben unter extremsten  Bedingungen, in den tiefsten Tiefen der Karibischen See, im kältesten Blau eines gigantischen Ozeans. Extreme Bedingungen: mehr  noch als in der Wissenschaft läßt sich im Kino  das menschliche Maß sprengen. Ein amerikanisches Atom-U-Boot ist auf mysteriöse Weise  gekentert. Es geht auch um Menschen, vor  allem aber um modernste Atomraketen: es . droht die unwägbare Gefahr des nuklearen  Knalls. So bedeutend das gemeinsame Ziel der  Rettungsmannschaften auch sein mag, so zerrissen in verschiedne Interessengruppen ist ihre Einheit. Immer wieder erwachsen gerade aus dem Gegeneinander ebenso sinnlose wie starke Prüfungen. Die Extreme der Situation bestimmen die Gesetze der Aktionen: gewaltige Stahl- und Wassermassen treten gegeneinander an. Im Schutze der Stahlapparaturen überwindet der Mensch die Kraft des Wassers. Doch das Gleichgewicht ist so labil, daß sich gerade ihr
Nutzen immer wieder in Gefahren verwandelt. "The Abyss" ist kein Menschenkino, sondern Materialkino. Und doch können sich in all diesen Wundern der Technik und der Natur die Menschen behaupten. Nie sind ihre Gesichter, das virile Gesicht von Ed Harris, das kraftvoll weibliche von Mary Elizabeth Mastrantonio, nur Staffage, immer wieder deuten sie Geschichten auch dort an, wo sie nicht mehr erzählt werden. Er ist der Leiter der Mission, sie, seine Noch-Ehefrau, hat die fahrbare Unterwasserstation konstruiert. Sie können sich nicht leiden und lieben sich doch. Zu den gro▀artigsten Szenen des Films gehören zwei Exkursionen in die Tiefe, eine, in der sie vorsätzlich zu ertrinken droht, um von ihm gerettet werden zu können. eine zweite, in der er, begleitet von lhren Worten, in Tiefen absteigt, in denen es nicht einmal mehr möglich ist, Sauerstoff zu atmen. Zwei Reisen ins Ungewisse, die die menschliche Physis auf eine Zerreißprobe stellen, über die Grenzen des Möglichen hinaus.


"Die einzige Möglichkeit, die Filme zu sehen, die ich sehen möchte, ist sie selber zu machen", sagt James Cameron. Eine gewagte These, zumal das Wesen des Kinos in der Verführung liegt. Kann man sich selbst verführen? "The Abyss" ist ein 40-Millionen-Dollar-Autorenfilm, vergleichbar vielleicht nur noch mit Michael
Cimino and doch so fern von dessen eigensinnigen, ausufernden Filmen. Dieser Film sprengt das menschliche Maß, sein Regisseur verliert den ▄berblick. Trotz
allen umschließenden Wassers zerfällt "The Abyss" wie ein Traum in Sektionen, Episoden und Widersprüche. So technisch-konkret der Film sich auch gibt, so ist er an bestimmten
Punkten doch auf außerirdische Erklärungen und Lösungen angewiesen. Noch nie wurde dabei dem Wesen des Außerirdischen so widersprochen: von der weiten luftigen Ferne des Alls sind sie in den schweren Kern der Erde gelangt: neonleuchtende Glasfiber-Rochen, ein transparent-phantastisches Wunder. Lange widersteht Cameron der Versuchung, ernste Situationen durch außerirdische Hilfe zu beheben. Und als er ihr doch nachgibt, werden die transparenten Wesen starr und steif. Wie sie ist der Film zugleich faszinierend und  ernüchternd. (Royal-Palast, Zoo-Palast)

Anke Sterneborg