DIE WELT - Nr. 229 - Montag, 2: Oktober 1989



Tief unten gelandet: "Abyss" von James Cameron

Plötzliche Begegnung unheimlich nasser Art


ET auf dem Meeresgrund: "Abyss" ist eine Superproduktion aus Hollywood, von deren 43 Millionen Dollar Kosten die wenigsten für die Intelligenz und die Phantasie
der Story verwendet wurden. Drehbuchautor und Regisseur James Cameron ist mittlerweile ziemlich tief unten gelandet. Weit unter dem Meeresspiegel befindet sich nämlich der Abgrund, in dem ein mit Nuklear-Raketen bestücktes U-Boot der US-Marine auf rätselhafte Weise verschwindet. Da der Weltraum im Kino fast schon heimisches Milieu geworden ist, lädt Cameron zu einer sehr ausführlichen Unterwasser-Entdeckungsreise ein. Seine bewährte Produzenten-Partnerin Gale Anne Hurd tauchte mit ihm ab ins unendliche Blau der Karibik.

Perfekte Technik vermittelt das klaustrophobische Gefühl der Abhängigkeit von Sauerstoffgeräten, Taucherhelmen mit Atemvorrichtungen, Lufttanks, Druckkabinen und dergeichen mehr. Die aberwitzigsten Unterwasser-Vehikel sorgen für die überzeugende Illusion der noch weitgehend unbekannten Tiefen jenseits des Tageslichts. Wenn das Wasser zur Erhöhung von Spannung und Dramatik durch undichte Stellen ins Bild birst, hält man schon den Atem an.

James Cameron ist Taucher aus Passion. Schon in seiner High-School-Zeit schrieb er eine Short Story zum Unterwasser-Thema. Sie ist die Basis für "Abyss". Dem Reiz des Unberührten hat er sich nie mehr entziehen können. "Niemand hat dort seine Fußabdrücke hinterlassen", sagt James Cameron, "es gibt keine Spuren auf dem Grund. Der Boden ist steinig, felsig, ähnlich wie auf dem Mond. Es gibt keine Pflanzen, aber sehr fremdartige, seltsame Fische. Das Wasser ist extrem klar, und es ist so wunderbar still dort unten."

In Camerons Film sind die Momente der Stille natürlich rar. Das von der US-Marine beorderte Rettungsteam aus Tauchern, die an einer Unterwasser-Ölbohrstation arbeiten, gerät schon bald in hand- and nicht immer wasserfeste Konflikte mit einem zweiten Team, einem militanten, Amok tauchenden Navy-Spezial-Kommando. Publikumswirksam gibt es auch eine schöne Frau bei dieser Unterwasser-Mission, eine Ingenieurin, die sich gerade von dem Anführer der Ölbohr-Taucher scheiden lassen will. Katastrophen aber verbinden, die harten Auseinandersetzungen schaffen Raum für tragisch-kräftige Melodramatik.

Vor allem aber für Wunder. Tief unten in der nachtschwarzen, unerforschten Tiefe wird es plötzlich strahlend hell und transparent: Glibber-Feen, halb Qualle, halb E. T., reichen zu Sphärenklängen dem längst klinisch toten Taucher freundlich die Hand. Und so kann er zu einem neuen Leben finden, bei dem von Ehescheidung wohl kaum mehr die Rede sein wird. Gluck, gluck, weg war er - aber wahre Liebe ist stärker als der Tod.

          FRAUKE HANCK