Die Welt, 21.11.1986

James Camerons Film "Aliens - Die Rückkehr"

Pechschwarzes Endspiel


Wie Schneewittchen liegt sie in  ihrer gläsernen Schlafkapsel und treibt seit 57 Jahren bewußtlos durchs All. Doch jener Mann, der die Raumfahrerin Ripley (Sigourney Weaver) schließlich per Schneidbrenner befreit, ist kein Prinz and ihr Erwachen kein Glück. Denn Ripley, die Heldin in James Camerons Film "Aliens", erinnert sich. Einst hatte sie als einzige die Katastrophe des Raumkreuzers "Nostromo" überlebt and war jenen mörderischen Parasiten entkommen, die den Rest der Besatzung vernichtet batten. Doch sie leben noch, jene Wesen, die im menschlichen Organismus zu schleimigen Monstern reifen. Kurz nach ihrer Geburt gleichen sie harmlosen Larven, später freilich horrenden Urzeitungetümen.

Und weil die Gesellschaft der Zukunft offenbar von blanker Profitgier beherrscht wird, haben einige herzlose Technokraten just auf dem Heimatplaneten der Parasiten ahnungslose Kolonisten angesiedelt. Ausgerechnet Ripley, die nachts immer noch schweißgebadet aus ihren Alpträumen hochschreckt, soll nun noch einmal dem Grauen gegenübertreten. Eine Reise in die dunklen Verliese der Vergangenheit also, aber auch eine Pilgerfahrt zu einer Legende des modernen Science-fiction-Films.

Ridley Scotts "Aliens" nämlich elektrisierte 1979 ein Publikum, das im Kinoweltraum nie zuvor derart gräßlichen Ausgeburten unterbewußter Ängste begegnet war. Auf den Reiz des Neuen also kann sich das amerikanische Regietalent Cameron bei seiner Fortsetzung nun kaum noch verlassen. Insbesondere die genial konstruierten Monster kennt man inzwischen als schockierende Zwitterwesen aus technischen and biologischen Strukturen, als Ekelkreaturen mit schleimigen Tentakeln and stählernem Skelett. Wie Scott spielt nun auch Cameron brillant mit den Möglichkeiten dieser tricktechnischen Wunderwerke and mit der Phantasie des Zuschauers, der bald auch in Schläuchen and Kabeln Fangarme der Parasiten vermutet.

Mit manchen bizarren Windungen seiner nur vordergründig schlichten Story aber geht Cameron weit über das Vorbild hinaus. Zwar weckt jene hochgerüstete Söldnertruppe, die hier zum verbotenen Planeten auf bricht, zunächst gar Erinnerungen an tendenziöse "Rambo"-Abenteuer. Doch Scott führt die Arrogant einer waffenstarrenden, technisch überzüchteten Zivilisation nur deshalb so ausgiebig vor, um sie später um so deprimierender zerstören zu lassen. Als wahre Überlebenskünstler dieser Mission entpuppen sich denn auch nicht die muskelbepackten Männer, sondern die sensibel-energische Ripley and jenes ebenso niedliche zähe kleine Mädchen, das sie am Ziel der Expedition findet.

Das wahrhaftig überwältigende an "Aliens" freilich ist die Entfesselung aller Leinwandgewalten. Rasiermesserscharfe Schnitte, ein unerbittlich beschleunigtes Tempo and die immer stärker gebündelten Schocks überhitzen die Geschichte bis zur Hysterie. Gleichzeitig scheint alle Farbe aus den unendlich verzweigten Röhrenlabyrinthen der Raumstationen zu weichen, so daß schließlich das pechschwarze Endspiel zwischen dem Menschen and einer Natur tobt, die der technischen Hybris mit steinzeitlicher Urgewalt trotzt.

Allerdings fällt die Zivilisationskritik durchaus auf den Film selbst zurück, der alle Finessen der modernen Kinotechnik bedenkenlos einsetzt, der die teuren Materialschlachten der "Star Wars"-Serie wie nette Einschlafmärchen wirken läßt and der letztlich ebenso subtil wie rüde Terror ausübt. 

WILM HART