Das „Archiv Prieberg“

An English summary of the following text may be found here.

Wer sich mit der Forschung über Musik in der NS-Zeit beschäftigt, wird über kurz oder lang auf den Namen Fred Prieberg stoßen. Der Musikjournalist hat sich über Jahrzehnte als Experte für dieses Thema einen Namen gemacht und 2004 als vorläufiges Resultat seiner Lebensarbeit das „Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945“ veröffentlicht. Dieses wohl einmalige Kompendium entstand über Jahrzehnte und ist bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen. Wegen seines Umfangs fand sich kein Verleger dafür, sodass es von Prieberg privat als CD-Rom vertrieben wurde. Eine Art Zwischenstand stellte dabei das 1982 erschienene Buch „Musik im NS-Staat“ dar.

Trotz jahrelanger schwerer Krankheit arbeitete Prieberg bis zu seinem Tod am 28.3.2010 noch so lange wie möglich an der Vervollkommnung seines Handbuchs, in dem er 5500 Lebenswege von Musikern der NS-Zeit samt all ihrer Verästelungen durchdrungen hat und das als Druckwerk an die 10000 Seiten umfassen würde. Über 40 Jahren recherchierte der 1928 geborene Musikjournalist für diese Dokumentation, und um die dazu notwendige Konzentration zu halten, zog er sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf einen Einödhof in den Vogesen zurück. Der gebürtige Berliner, selbst einst HJ-Mitglied, begann sich schon zu Jugendzeiten für moderne Komponisten wie Paul Hindemith oder Boris Blacher zu interessieren und wurde von seinem Vater ermutigt, Klavierstücke von offiziell verpönten Komponisten wie Mendelssohn zu erlernen. Nach Ende des 2. Weltkriegs studierte er, ohne allerdings zu einem Abschluss zu kommen, u.a. Musikwissenschaft und versuchte bereits damals herauszufinden, warum moderne Musik 12 Jahre lang verboten war und was die NS-Kulturpolitik angerichtet hatte. Er befragte Zeitzeugen, und selbst führende Funktionäre der Reichsmusikkammer standen ihm Rede und Antwort. Wegen der berechtigten Zweifel an der Erinnerung von Zeitzeugen begann er aber auch, die rund zwei bis drei Millionen erhalten gebliebenen Dokumente der 1933 gegründeten Reichsmusikkammer (RMK) durchzuarbeiten. Er schaffte davon nach eigener Einschätzung etwa 250.000, die die Basis weitergehende Recherchen in den einschlägigen Archiven Europas darstellten.

Über die Jahrzehnte erhielt er dabei Unterstützung von 4000 Helfern. Anfang der 60er Jahre wurde dem Musikforscher klar, dass die umfassende Aufarbeitung des Themas Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. Neben der Sichtung von Dokumenten und Erschließung von Quellen kosteten nicht zuletzt bürokratische Widerstände insbesondere bei Standesämtern, die über die Geburts- und Sterbedaten verfügen, Zeit und Kraft, die der streitbare Mann auch mitunter durchaus mit Lust am Disput zu investieren bereit war. Um sich der Aufgabe so intensiv wie möglich widmen zu können, reduzierte er dabei die zum Lebensunterhalt notwendige publizistische Arbeit auf das unmittelbar Notwendige. Erspartes, Buchhonorare und Zuwendungen hatten dafür in der Folge herzuhalten. Selbst das Musizieren und Musikhören wurden zum Opfer des „Sparzwangs“. Im Laufe der Jahre baute Prieberg ein eigenes Archiv mit Kisten voller Dokumenten sowie Schallplatten, Aufnahmen des Reichsrundfunks und Protokollen auf, ein Bestand, der allerdings mangels geeigneter Unterbringungsmöglichkeit auf seinem Einödhof zu verfallen drohte. Nachdem das Musikwissenschaftliche Institut der CAU bereits von 1998 bis 2001 im Rahmen des Projekts “Sachinventar der Archivbestände zum Thema Deutsche Musik 1933-1945”, das von der Volkswagen-Stiftung gefördert worden war, mit Fred K. Prieberg zusammengearbeitet hatte, überließ dieser dem Institut im Oktober 2005 diesen Schatz als Legat.

Das Privatarchiv, das rund 50 Regalmeter umfasst, orientiert sich inhaltlich an Priebergs Arbeitsfeldern:

  1. eine Bibliothek mit rund 1000 Buchtiteln und hunderten von Zeitschriften, darunter auch zahlreiche aus dem russischen Sprachraum importierte Exemplare
  2. reichhaltiges Notenmaterial aus dem deutschen und osteuropäischen Raum (Partituren, Klavierauszüge, Liederbücher überwiegend aus dem 20. Jahrhundert)
  3. eine große Kollektion von Tonträgern (rund 800 Schallplatten mit neuer Musik aus Schweden, Polen, Ungarn, Finnland, der UdSSR und dem früheren Jugoslawien sowie zahlreiche Tonbänder, darunter Überspielungen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv mit Klangkonserven der Zeit von 1933-1945)
  4. mehr als 100 Aktenordner, darin Tausende von Kopien teils brisanter Dokumente aus Archiven und Bibliotheken des In- und Auslandes, Zeitungsausschnitte, biographisches Material über Persönlichkeiten des Musiklebens sowie Korrespondenz mit diesen (z. B. Briefe von Theodor W. Adorno, Carl Orff, Werner Egk, Norbert Schultze u. a.)

Um das Archiv der forschenden Öffentlichkeit zugänglich zu machen, musste zunächst eine Aufarbeitung und Inventarisierung des Materials in Angriff genommen werden. Als erstes wurde die Erschließung des Aktenbestandes durch Erarbeitung eines 600 Seiten starken, im Institut einsehbaren Findbuches abgeschlossen. Er bildet nicht nur die Grundlage des Handbuches, sondern bietet auch Einblicke in die Forschungstätigkeit Priebergs, von ihm ausgefochtene Rechtsstreitigkeiten und mitunter kuriose Schriftwechsel, die auch für eine Forschungstätigkeit zur Person Priebergs selbst von hohem Interesse sind. Der Archivbestand kann jederzeit nach Absprache benutzt werden.


Die Akten sind katalogisiert nach folgendem Signaturenkatalog:

AP I Musik im „Dritten Reich

AP I 1 Sach- und personenbezogene Information zum „Dritten Reich“
AP I 2 Filmmusik
AP I 3 Gerhart Münch
AP I 4 NS-Kulturgemeinde
AP I 5 Kompositionen im Dritten Reich
AP I 6 Richard Strauss
AP I 7 Konzertdirektion Rudolf Vedder 1
AP I 8 Konzertdirektion Rudolf Vedder 2
AP I 9 Volkssingakademie Leipzig
AP I 10 Personal grün (=Karl Klinger, Walter Thomas)
AP I 11 Furtwängler A-M
AP I 12 Furtwängler N-Z
AP I 12a Furtwängler 1926
AP I 12b Furtwängler 1935-1938
AP I 12c Furtwängler 1939
AP I 13 Arbeitsnotizen zur Musik im „Dritten Reich“
AP I 14 Exzerpte zur Musik im „Dritten Reich“
AP I 15 Musikverlag Peters/Petschull
AP I 16 Verfemte Musik im „Dritten Reich“
AP I 17 Rundfunkprogramme
AP I 18 Informationen zum Musikschaffen im „Dritten Reich“, Stichworte A-Fe
AP I 19 Informationen zum Musikschaffen im „Dritten Reich“, Stichworte Fr-K
AP I 20 Informationen zum Musikschaffen im „Dritten Reich“, Stichworte L-Orga
AP I 21 Informationen zum Musikschaffen im „Dritten Reich“, Stichworte Orge-Stag
AP I 22 Informationen zum Musikschaffen im „Dritten Reich“, Stichworte Stan-Z
AP I 23 Hitlerjugend
AP I 24 Militärmusik
AP I 25 Deutscher Sängerbund
AP I 26 Musikverlage im „Dritten Reich“
AP I 27 Rundfunk im „Dritten Reich“
AP I 28 Sommernachtstraum
AP I 29 Auskunftsrecht/Prozess Prieberg-Wessling

AP II Musik im Ostblock

AP II 1 Musik im Ostblock – DDR
AP II 2 Musik im Ostblock – Sowjetunion 1
AP II 3 Musik im Ostblock – Sowjetunion 2

AP III Neue Musik und Musikerziehung

AP III 1 Musikerziehung
AP III 2 Neue elektronische Musik
AP III 3 Musikalische Informationsblätter der 1960/70er
AP III 4 Zeitungsartikel und Aufsätze Fred Prieberg
AP III 5 Mitteilungsblätter Arbeitskreis Militärmusik in der Deutschen Gesellschaft für Heereskunde e.V.
AP III 6 Futurismus
AP III 7 Musik und Politik

AP IV Archivkorrespondenz

AP IV 1 Archivkorrespondenz A-Be
AP IV 2 Archivkorrespondenz Bi-Do
AP IV 3 Archivkorrespondenz Dr-Go
AP IV 4 Archivkorrespondenz Gr-J
AP IV 5 Archivkorrespondenz K-Le
AP IV 6 Archivkorrespondenz Li-N
AP IV 7 Archivkorrespondenz O-Sp
AP IV 8 Archivkorrespondenz St-Z
AP IV 9 Korrespondenz 1962-1983

AP V Musikschaffende im „Dritten Reich“

AP V 1 A-Bat
AP V 2 Bau-Bez
AP V 3 Bi-Born
AP V 4 Borr-Brz
AP V 5 Bua-Cz
AP V 6 Da-Dz
AP V 7 E-Fa
AP V 8 Fe-Ge
AP V 9 Gei-Gra
AP V 10 Gre-Hat
AP V 11 Hau-Hey
AP V 12 Gustav Havemann
AP V 13 Hi-Hz
AP V 14 I-Kara
AP V 15 Karg-Kn
AP V 16 Ko-Kre
AP V 17 Kri-Lez
AP V 18 Li-Lz
AP V 19 Ma-Me
AP V 20 Mi-My
AP V 21 N
AP V 22 O-Pau
AP V 23 Pe-Po
AP V 24 Pr-Ra
AP V 25 Re-Ro
AP V 26 Emil von Reznicek
AP V 27 Ru-Sche
AP V 28 Schi-Scho
AP V 29 Schr-Scz
AP V 30 Rudolf Schulz-Dornburg
AP V 31 Se-Sta
AP V 32 Hermann Stange
AP V 33 Ste-Str
AP V 34 Richard Strauss
AP V 35 Stu-To
AP V 36 Tr-Ve
AP V 37 Vi-Wal
AP V 38 Richard Wagner
AP V 39 Wam-Wil
AP V 40 Wim-Z

AP VI Liederbücher des „Dritten Reichs“

AP VI 1 Adam-Blumensaat

AP VII Rechtsangelegenheiten Prieberg


Kontakt: Tim Schwabedissen, Tel. (0431) 880-2203 (Mo-Fr., 9-13 Uhr)
oder Oliver Kopf, Tel. (0431) 2006080.