Geschichte des Musikwissenschaftlichen
Instituts

Wie für das Fach im deutschsprachigen Kulturraum insgesamt typisch, entspringt auch die Kieler Musikwissenschaft der praktischen universitären Musikpflege. Als eigenständige akademische Einrichtung mit Institutsstatus und Professur existiert sie seit 1920/21. Bereits seit den 1930er Jahren gewann Kiel wachsende Bedeutung für die nationale Fachlandschaft vor allem durch das organisatorische Geschick Friedrich Blumes. Nach dem Krieg wurde hier nicht nur die Gesellschaft für Musikforschung wiedergegründet. Auch die Standard-Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ erfuhr von Kiel aus ihre Verwirklichung. Seit jener Zeit besteht zudem ein kontinuierlicher Schwerpunkt in der Beschäftigung mit der Musikgeschichte Norddeutschlands und Nordeuropas. Waren es in den 1960er-Jahren vor allem Fragen der musikalischen Sozialgeschichte, die Forschung und Lehre bestimmten, so ist ab Mitte der 70er-Jahre ein verstärktes Interesse an Kompositionsgeschichte und Musikästhetik zu verzeichnen, das seither das Profil des Kieler Instituts prägt. Ergänzt durch editionsphilologische Forschung in Gestalt der Johannes Brahms Gesamtausgabe und vernetzt durch vielfältige interdisziplinäre Bezüge ist die Musikwissenschaft heute ein essentieller Bestandteil im Fächerverbund der Kieler Philosophischen Fakultät.

Vorgeschichte

Die Anfänge der Kieler Musikwissenschaft sind eng mit der praktischen universitären Musikpflege verknüpft. Bereits seit 1848 gehörte es zu den Pflichten des Akademischen Musikdirektors, neben der Erteilung des Gesangs- und Instrumentalunterrichts auch musikwissenschaftliche Vorlesungen zu halten. Der erste Privatdozent für Musikgeschichte war Hermann Oesterley (in Kiel 1858–1861). Obwohl auch nachfolgende Musikdirektoren, etwa Hermann Stange (im Amt 1878–1913), sich um musiktheoretische Belange kümmerten, kann von einer regulären musikgeschichtlichen Lehre nicht vor der Tätigkeit des Privatdozenten Albert Mayer-Reinach (1904–1930) gesprochen werden.

Gründung und frühe Jahre

Eine musikwissenschaftliche Professur wurde erst 1919 mit der Berufung von Fritz Stein etabliert. Der renommierte Musiker und Musikforscher hatte bereits vor dem Krieg in Jena die Ämter des Universitätsmusikdirektors (UMD) und eines Professors für Musikwissenschaft bekleidet. Als Stein 1918 nach Kiel kam, zunächst als Organist an St. Nikolai, sollte er für die Universität gewonnen und in Kiel gehalten werden, indem man ihm auch hier ein musikwissenschaftliches Tätigkeitsfeld in Aussicht stellte. Der Ernennung zum UMD und zum Professor folgte 1920/21 die Gründung eines offiziellen „Musikwissenschaftlichen Seminars“, das 1923 in „Institut“ umbenannt wurde. Da Stein zudem ab 1919 Leiter des Kieler Oratorienvereins und ab 1920 Städtischer Musikdirektor (ab 1925 Generalmusikdirektor) war, konzentrierten sich bald fast alle musikalischen Schlüsselpositionen Kiels auf eine Person. Die universitäre Musikwissenschaft spielte gleichwohl zunächst eine bescheidenere Rolle. Für Fachbibliothek und Seminarbetrieb wurde Stein vorerst nur der ehemalige Karzer im westlichen Souterrain des Kollegiengebäudes am Schlossgarten zugewiesen. Immerhin aber war damit die Musikwissenschaft als akademisches Fach erstmals räumlich und personell fest in der Universität verankert und konnte im Laufe der 20er-Jahre beträchtlich an Größe und Bedeutung gewinnen.

Etablierung in schwierigen Zeiten

1933–1945

Stein wechselte 1933 an die Berliner Musikhochschule. Sein Nachfolger wurde Friedrich Blume, der durch seine geistesgeschichtliche Auffassung der Musikwissenschaft den Status des Faches als universitäre Disziplin nachhaltig stärkte. Er sollte bis zu seiner Emeritierung 1958 in Kiel wirken und von hier aus gerade in der Nachkriegszeit die deutsche und internationale Musikwissenschaft wesentlich prägen. Es ist schwer zu bewerten, welche Haltung die Kieler Musikwissenschaft und Blume zum Naziregime einnahmen. Blumes Schrift „Das Rasseproblem in der Musik“ etwa lässt sich höchst unterschiedlich lesen – entweder als Versuch, der NS-Ideologie wissenschaftliche Differenzierung und mitunter sogar Kritik entgegenzusetzen oder aber als Zeugnis opportunistischen Mitläufertums. Zwar war Blume, der ein hohes fachliches Ansehen genoss, mit Sicherheit kein überzeugter Nationalsozialist und im Gegensatz zu den meisten Mitarbeitern niemals Mitglied der NSDAP. Indem er sich jedoch überhaupt am musikalischen Rassediskurs beteiligte, bestätigte er immerhin dessen grundsätzliche Relevanz. Dieses ambivalente Engagement trug sicherlich dazu bei, das Kieler Institut zu fördern und Blumes eigene Position abzusichern. 1944 wurden die Institutsräumlichkeiten, inzwischen im Obergeschoss des Kollegiengebäudes beträchtlich ausgeweitet, durch Bombenangriffe zerstört. Der Krieg forderte unter den Studierenden zahlreiche Opfer. Die Bibliothek wurde auf weniger als die Hälfte ihres Bestandes an Büchern und Partituren reduziert.

Neubeginn und Wiederaufbau

Der Institutsbetrieb wurde sehr schnell wieder aufgenommen. Vorlesungen und Seminare fanden ab dem Wintersemester 1945/1946 statt. Friedrich Blume wirkte von Kiel aus maßgeblich an der Reorganisation der deutschen Musikwissenschaft mit und baute ein internationales Netzwerk auf. So wurde der bis heute zentrale Fachverband, die Gesellschaft für Musikforschung, 1946 in Kiel gegründet. Anna Amalie Abert (in Kiel tätig 1943–1971), Bernhard Engelke (1925–1949) und Kurt Gudewill (1936–1976) setzten neben Blume ihre Lehrtätigkeiten fort. Die Schwerpunkte bildeten weiterhin Themen wie die Geschichte musikalischer Epochen, die Oper, die evangelische Kirchenmusik und das deutsche Lied. Musiktheoretische und -praktische Proseminare ergänzten das Lehrangebot. Gudewill organisierte zudem Veranstaltungen zur Neuen Musik. Wegen hoher Nachfrage wurde die akademische Musikpflege recht bald in verschiedenen Ensembles fortgesetzt. Im Sommersemester 1946 fanden außerdem musikpädagogische Kurse statt. Weitergehende Pläne zur Musiklehrerausbildung wurden aber aufgrund einer politischen Entscheidung nicht realisiert.

Perspektiven der Nachkriegszeit

Landesmusikforschung

Als eine der Nachfolgeorganisationen des Staatlichen Instituts für Deutsche Musikforschung Berlin (1935–1945) wurde im Jahr 1946 zusätzlich das Kieler Landesinstitut für Musikforschung gegründet. 1947 übernahm Hans Albrecht die damit verbundene Stelle. Nach dessen Tod 1961 wurde es von Blumes Nachfolger Walter Wiora dem Musikwissenschaftlichen Institut als landeskundliche Abteilung eingegliedert. 1962–1966 hatte Carl Dahlhaus, der wohl bedeutendste Musikwissenschaftler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Stelle des Sachbearbeiters der landeskundlichen Forschungsstelle inne und habilitierte sich in Kiel. Sein Nachfolger war 1967–1998 Heinrich W. Schwab. In dieser Zeit kam zum regionalgeschichtlichen Schwerpunkt die Öffnung in Richtung Skandinavien hinzu.

Enzyklopädisches Großprojekt: MGG

Blume begann schon in den letzten Kriegsjahren mit den Vorarbeiten für die seinerzeit umfassendste Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“. Sie erschien von 1949 bis 1987 in 17 Bänden. Die von Anfang an bestehende internationale Ausrichtung dieses Standardnachschlagewerks der Musikwissenschaft ist maßgeblich Blumes Verdienst. Das Projekt band über Jahre erhebliche Teile der Arbeitskapazität des Kieler Instituts. Bis 1958 war Abert Schriftleiterin.

Neue Ansätze in den 60er-Jahren

Nach Blumes Emeritierung zum Wintersemester 1958/1959 erhielt Walter Wiora den Ruf auf den Kieler Lehrstuhl. Wiora erweiterte die traditionellen Themen der historischen Musikwissenschaft um Überlegungen zur methodischen Grundlagenreflexion (etwa in „Die vier Weltalter der Musik“, 1961). 1960 übernahm Wilhelm Pfannkuch die Leitung der Collegia Musica. Er wurde 1966 zum UMD ernannt und gründete u. a. 1978 den Schleswig-Holsteinischen Landesmusikrat. Wiora wechselte zum Wintersemester 1964/1965 an die Universität Saarbrücken. Ihm folgte zum Sommersemester 1966 Walter Salmen.

Der personelle Wechsel von Wiora zu Salmen (in Kiel tätig 1966–73) markierte eine starke Zäsur in der wissenschaftlichen Ausrichtung des Instituts: Das traditionelle Paradigma der Geistesgeschichte wurde weitgehend durch die musikalische Sozialgeschichte und Ikonographie ersetzt. Insbesondere die Regionalforschung gewann neue Perspektiven durch die Beteiligung am Sonderforschungsbereich 17 „Skandinavien- und Ostseeraumforschung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1969–83) und dessen Fokussierung auf die Geschichte der „Musica baltica“. Die Habilitationsschriften von Heinrich W. Schwab über die Sozialgeschichte des Stadtmusikertums und von Arnfried Edler (in Kiel seit 1969 als wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1979–89 als Professor tätig) über den „nordelbischen Organisten“ verdeutlichen diesen Trend auf anschauliche Weise.

Im Mittelpunkt: Musik als Kunst

1976 übernahm Friedhelm Krummacher den Kieler Lehrstuhl, den er bis 2001 innehatte. Vor allem seine primäre Orientierung am Modell ‚Musik als (autonome) Kunst‘ hat das wissenschaftliche Profil des Instituts durch die intensive Hinwendung zur musikalischen Analyse (vornehmlich der Musik des 17. bis 19. Jahrhunderts) und zur Musikästhetik tiefgreifend beeinflusst. Darüber hinaus bildete weiterhin die Musik des skandinavischen Nordens eine thematische Konstante seiner Arbeit. Neben Krummacher prägten Wolfram Steinbeck (in Kiel tätig 1972–1987), u. a. mit seiner pionierhaften Habilitationsschrift zur computergestützten Melodienanalyse, und Bernd Sponheuer (in Kiel seit 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1990–2013 als Professor tätig) mit seinen Forschungsschwerpunkten Gustav Mahler, Musikästhetik und Musik im Nationalsozialismus das wissenschaftliche Spektrum des Instituts. Seit den späten 70er-Jahren war ein kontinuierlicher Anstieg der Studierendenzahl von etwa 50 auf etwa 150 zu verzeichnen. Das Institut vergrößerte sich auch räumlich um das Gebäude Max-Eyth-Straße 2. Als folgenreiches Ereignis erwies sich die Gründung der Johannes Brahms Gesamtausgabe (JBG) 1991.

Kieler Musikwissenschaft im 21. Jahrhundert

Seit 2001 hat Siegfried Oechsle den Kieler Lehrstuhl inne. Seine Schwerpunkte liegen in der Musikgeschichte des 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Zu den ersten Aufgaben auf organisatorischem Gebiet zählte die Konsolidierung des Instituts nach den Einsparzwängen der 90er Jahre (u. a. Verlust der zweiten Assistentenstelle sowie der landeskundlichen Forschungsstelle). Die JBG konnte von zwei auf viereinhalb Mitarbeiterstellen ausgebaut werden. Daneben war die Konzipierung und praktische Umsetzung der neuen Bachelor-Master-Studiengänge (seit dem WS 2007/08) zu bewältigen. Schon 2005 bezog das Institut nach Abriss der Max-Eyth-Straße 2 die neuen Räumlichkeiten im Gebäude Wilhelm-Seelig-Platz 1. Das wissenschaftliche Profil des Instituts wurde durch die Teilnahme am Graduiertenkolleg „Imaginatio borealis. Perzeption, Rezeption und Konstruktion des Nordens“ (2002–2008), durch die Mitgliedschaft im „Zentrum für Filmmusikforschung“ der Philosophischen Fakultät und im Graduiertenzentrum „Anoetik – Formen und Leistungen des Nichtverstehens“ (2010–14) produktiv erweitert. Auch die intensive Auseinandersetzung mit neuartigen Forschungsparadigmen wie Musik und Systemtheorie, (Post-)Hermeneutik, Narrativität und Performativität setzte wichtige thematische Akzente. Durch die Aktivitäten des seit 1990 amtierenden UMD Bernhard Emmer gelang dem Institut 2008 der spendenfinanzierte Neubau einer vielseitig nutzbaren Konzertorgel im Bachsaal. Zum gleichen Zeitpunkt erfolgte unter seiner künstlerischen Leitung die Etablierung der vielbeachteten Konzertreihe der „Mittagskonzerte“.

Gegenwart

Der BA- wie auch der MA-Studiengang werden in den kommenden Jahren überarbeitet, wobei der Schwerpunkt im Master auf „Musik der Moderne seit dem 18. Jahrhundert“ gelegt werden soll. Daran war bereits die Ausschreibung der Professur in der Nachfolge Bernd Sponheuers ausgerichtet, auf die 2013 Tobias Janz berufen wurde. Dessen wissenschaftliche Schwerpunkte liegen in der Zeit vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zum weiteren Ausbau der Zusammenarbeit zwischen dem Institut und der Forschungsstelle der JBG trägt besonders eine 2014 mit dem Schwerpunkt „Musikalische Editionsphilologie“ eingerichtete Juniorprofessur bei, für die Kathrin Kirsch gewonnen werden konnte. Mit Stichworten wie Fachgeschichte, Musiktheorie oder Musikphilosophie lassen sich weitere aktuelle Interessen in Forschung und Lehre andeuten, ohne dass damit die Arbeit an spezifisch musikhistorischen Fragestellungen an Bedeutung verlöre. Und dann wäre da noch das 100-jährige Jubiläum des Kieler Musikwissenschaftlichen Instituts 2021, das sich allmählich vom abstrakten Datum zum bevorstehenden Ereignis zu wandeln beginnt ...

Stand: 23. 7. 2015


Diese Darstellung wurde verfasst von der „Arbeitsgruppe Institutsgeschichte“, die als gemeinsames Projekt von Studierenden und Lehrenden seit dem Sommer 2014 besteht. Aktuell arbeiten in der AG mit: Yvonne Elling-Senke, Hanna Gaulke, Sönke Holst, Karola Kröll, Alexander Lotzow, Siegfried Oechsle, Erko Petersen, Yvonne Schink, Christoph Schröder, Bernd Sponheuer, Meike Voskuhl und Claus Woschenko. Die Darstellung wird stetig erweitert. Wenn Sie mit Hinweisen, Berichtigungen oder sonstigen Mitteilungen die Arbeit der AG unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an Alexander Lotzow (0431-880 2208, lotzow@musik.uni-kiel.de).