Institutsgeschichte

Albert Mayer-Reinach

Albert Mayer-Reinach, geboren am 2. April 1876 in Mannheim, gestorben am 25. Februar 1954 in Örebro, Schweden; ansässig in Kiel von 1902 (zunächst als Kapellmeister) bis 1924, von 1905 bis 1930 als Privatdozent an der Universität beschäftigt.1

Mayer-Reinach wuchs in Mannheim auf. Nach einer schon im Jugendalter begonnenen Konzerttätigkeit als Pianist studierte er von 1894 bis 1899 Musikwissenschaft und Literaturgeschichte in München und Berlin (im Februar 1899 in Berlin mit der Promotion abgeschlossen), betrieb daneben weitere musikpraktische Studien (Komposition, Dirigieren) bei Josef Gabriel Rheinberger, Felix Weingartner (München), Gustav Holländer, Friedrich Gernsheim und Hans Pfitzner (Berlin). Es folgten Anstellungen als Kapellmeister in Stettin (1900) und schließlich in Kiel (1902). Daneben setzte er seine musikwissenschaftlichen Studien in Berlin und Königsberg fort, mündend in die Kieler Habilitationsschrift über die Königsberger Hofkapelle,2 wirkte als Kritiker, als Mitherausgeber der „Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft“ und als Assistent des Berliner Musikwissenschaftlers Oskar Fleischer. 1903 edierte er in den „Denkmälern Deutscher Tonkunst“ die Oper Montezuma von Carl Heinrich Graun. Diesem Komponisten hatte auch schon seine Dissertation3 gegolten.

In Kiel etablierte sich Mayer-Reinach nicht nur in der städtischen Musikpraxis, sondern auch an der Universität. Am 13. August 1904 meldete der Dekan der Philosophischen Fakultät C. A. Volquardsen an den Rektor, „daß Herr Dr. Albert Mayer-Reinach aus Mannheim am 18. Juli dieses Jahres die venia legendi für das Fach der Musikgeschichte von der philosophischen Fakultät erhalten, auch nachher seine Antrittsvorlesung gehalten hat“4. Damit war Mayer-Reinach nach Hermann Oesterley der zweite in Kiel in einer musikbezogenen Wissenschaft Habilitierte, im Gegensatz zu Oesterley aber noch spezifischer dem bis dato nicht eigenständigen Fach „Musikgeschichte“ zugeordnet – ein Umstand, der sich auch in den von ihm angebotenen Veranstaltungen ablesen lässt: Während ein Schwerpunkt von Mayer-Reinachs Lehre auf der jüngeren Musikgeschichte, auf der Musik des 19. Jahrhunderts, auf Beethoven und insbesondere auf Wagner lag, kümmerte er sich ebenso um Fragen der Notationskunde und bot zudem mehrfach eine „Einführung in die Musikwissenschaft“ an.5 Auch wurden seine Veranstaltungen stets in der Rubrik „Kunstgeschichte“ geführt, wohingegen die des bis 1911 amtierenden Akademischen Musikdirektors Hermann Stange unter „Schöne Künste“ zu finden waren. Neben seinen akademischen Vorlesungen wirkte Mayer-Reinach in vielfältigen musikpraktischen Bereichen: als Dirigent des Kieler Gesangvereins (1905–1910), des Philharmonischen Chores und Orchesters sowie als Leiter des 1908 von ihm gegründeten Kieler Konservatoriums. 1913 folgte die Ernennung zum „königlichen Musikdirektor“.

Angesichts dieser Meriten erscheint es konsequent, dass sich Mayer-Reinach Chancen auf die Anstellung als Kieler Universitätsmusikdirektor (UMD) ausrechnete. Ihm wurde jedoch 1914 zunächst Ernst Kunsemüller vorgezogen. Als Begründung hierfür wurde angeführt, Mayer-Reinach könnte „durch seine Tätigkeit am Konservatorium allzusehr von seinen Verpflichtungen gegenüber der Universität abgelenkt werden“6. Ob hier bereits antisemitische oder andere unausgesprochene Vorbehalte relevant waren, ist vorerst nicht zu belegen. Kurt Gudewill gab immerhin zu bedenken, dass bei Stanges Anstellung Fragen institutioneller Mehrfachbelastung keine Rolle gespielt hatten.7 Als Kunsemüller 1918 einer Kriegsverletzung erlag, war man bereits auf Mayer-Reinachs späteren Kollegen am Kieler Institut, Fritz Stein, aufmerksam geworden, der dann sowohl UMD als auch außerordentlicher Professor für Musikwissenschaft wurde. Trotz des mehrfachen Misserfolgs setzte Mayer-Reinach nach kriegsbedingter Unterbrechung (die kompletten Jahre 1914–18 umfassend) bis 1930 seine Lehrtätigkeit an der Kieler Universität fort, auch nachdem er 1924 nach Hamburg übergesiedelt war, wo er unter anderem die Leitung des Färber-Krüß-Konservatoriums in Altona übernahm.

Die 1920er-Jahre, in denen sich das Musikwissenschaftliche Institut als selbständige Einrichtung an der Kieler Universität etablierte, waren damit zentral durch Stein und Mayer-Reinach, die vorerst den gesamten musikwissenschaftlichen Lehrkörper repräsentierten, geprägt. Mayer-Reinach aber verkörpert mehr noch als Stein den Übergang der Kieler Musikwissenschaft von einem praxisbezogenen zu einem historisch-geisteswissenschaftlichen Fach. Mit Sicherheit hatte er bis 1920 durch sein bereits langjähriges Wirken ein verstärktes Bewusstsein für seine Disziplin hergestellt, auf dem Stein mit der Institutsgründung aufbauen konnte.8

Warum Mayer-Reinach 1930 seine Kieler Lehrtätigkeit beendete, ist vorerst nicht geklärt. Dass er auch zu Beginn der 1930er-Jahre ein hohes Ansehen genoss, belegt seine Erwähnung im zweiten Band des Reichshandbuchs der deutschen Gesellschaft von 1931.9 Fest steht allerdings auch, dass er zunehmend offenem Antisemitismus ausgesetzt war. Mayer-Reinachs Tochter Ursula berichtet über die Zeit um 1930: „Viele Schüler verließen das Hamburgische Konservatorium Mayer-Reinachs, weil der Direktor jüdischer Abstammung war.“10 Nach 1933 war er gezwungen, seine Hamburger Unterrichtstätigkeit zu reduzieren und schließlich ganz einzustellen.

Nachdem er 1935 als sogenannter „Volljude“ aus der Reichmusikkammer ausgeschlossen wurde, emigrierte er mit seiner Familie 1936 nach Skandinavien und ließ sich 1937 nach Aufenthalten in Kopenhagen und Stockholm im schwedischen Örebro nieder. Dort setzte er seine musikpraktischen und musikwissenschaftlichen Arbeiten fort. Letztere bestanden nun vor allem in Quellenstudien zu Joseph Martin Kraus, die er in Uppsala und Stockholm unternahm. Publikationen erschienen in schwedischer Sprache,11 er konnte aber als Musikwissenschaftler in Schweden nicht vollends Fuß fassen.12

Mayer-Reinachs Handschrift seiner Bearbeitung von Joseph Martin Kraus’ Ouvertüre zu Johan Magnus Lannerstiernas Singspiel Ä[f]ventyraren (VB 31), enthalten im Nachlassteil am Musikwissenschaftlichen Institut der CAU

Nach Deutschland kehrte Mayer-Reinach, inzwischen schwedischer Staatsbürger, auch nach dem Krieg nicht mehr zurück. Seine Witwe, die Pianistin Martha Mayer-Reinach, geb. Rothe, überlebte ihn um 27 Jahre. Sie wirkte in Schweden als Klavierpädagogin.

Eine nicht-persönliche, wissenschaftliche Rückkehr nach Kiel verfügte Mayer-Reinach noch testamentarisch: Nach seinem Schwiegersohn, dem deutsch-israelischen Musikwissenschaftler Peter Gradenwitz,13 war es sein ausdrücklicher Wunsch, dass sein wissenschaftlicher Nachlass dem Kieler Musikwissenschaftlichen Institut übergeben wurde.14 Dieser besteht, soweit heute greifbar, fast ausschließlich aus Mayer-Reinachs Abschriften von Kompositionen von Joseph Martin Kraus. Friedrich Blume schrieb anlässlich der Übersendung im Mai 1954 an Martha Mayer-Reinach: „Ich darf die Gelegenheit benutzen, um mich noch einmal verbindlich für die uns überlassenen Manuskripte zu bedanken, die für uns von großem Wert sind, und Ihnen die Versicherung geben, daß wir uns bemühen werden, sie im Rahmen des langsam wieder anlaufenden ‚Erbes deutscher Musik‘ zu verwerten.“15 Dazu scheint es allerdings nicht gekommen zu sein. Die erst jüngst wieder aufgefundenen Materialien aus Mayer-Reinachs Nachlass harren noch einer ausführlicheren Würdigung.

(Stand: 8. 12. 2016)

Ausgewählte Schriften

Dissertation: Carl Heinrich Graun als Opernkomponist, in: Sammelbände der Internationalen Musikgeschichte, Bd. 1, Berlin 1899/1900, S. 446–529.

Habilitationsschrift: Zur Geschichte der Königsberger Hofkapelle in den Jahren 1578–1720, in: Sammelbände der Internationalen Musikgeschichte, Bd. 6, Berlin 1904/1905, S. 32–79.

Anmerkungen

1 Biographische Angaben nach: Peter E. Gradenwitz: Art. „Mayer-Reinach, Albert Michael“, in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, hg. im Auftrag der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte und des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 9, Neumünster (Wachholtz) 1991, S. 230–233, und Inken Meents: Art. „Albert Mayer-Reinach“, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, hg. von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer, Universität Hamburg, seit 2005, Artikel von 2012, aktualisiert am 7. Nov. 2013; http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003604. Portrait entnommen aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild. Zweiter Band, hg. vom Deutschen Wissenschaftsverlag, Berlin 1931, S. 1213. Ein weiteres Portrait ist wiedergegeben in dem Band Musiktradition im Exil. Zurück aus dem Vergessen, hg. von Juan Allende-Blin, Köln (Bund) 1993, S. 124. Wenige weitere, bislang nicht vollständig ausgewertete Dokumente zu Mayer-Reinach befinden sich im Peter Gradenwitz Archiv an der Akademie der Künste, Berlin.

2 Zur Geschichte der Königsberger Hofkapelle in den Jahren 1578–1720, in: Sammelbände der Internationalen Musikgeschichte, Bd. 6, Berlin 1904/1905, S. 32–79.

3 Carl Heinrich Graun als Opernkomponist, in: Sammelbände der Internationalen Musikgeschichte, Bd. 1, Berlin 1899/1900, S. 446–529.

4 Landesarchiv Schleswig (LAS) Abt. 47, Nr. 151 (Privatdocenten 1859–1909), fol. 243r. Auch die Signale für die musikalische Welt kündigten in einer kurzen Notiz die Habilitation Mayer-Reinachs im Fach Musikwissenschaft an der Universität Kiel ab (Signale 62 [1904], S. 838).

5 Vgl. zu den Lehrinhalten die digitalisierten Kieler Vorlesungsverzeichnisse unter http://www.ub.uni-kiel.de/emedien/histverz.html.

6 Zit. nach Kurt Gudewill: „Musikpflege und Musikwissenschaft“, in: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665–1965, hg. von Karl Jordan, Bd. 5, Teil 1: Geschichte der Philosophischen Fakultät Teil 1, Neumünster (Wachholtz) 1969, S. 189–244, hier S. 222. Gudewill bezieht sich hier auf die Akte LAS Abt. 47, Nr. 1193 (Academischer Musikdirector).

7 Ebd.

8 Vgl. auch die entsprechende Einschätzung von Kurt Gudewill in: „Zur Geschichte des Faches Musikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel“, in: Musikerziehung in Schleswig-Holstein. Dokumente der Vergangenheit, Aspekte der Gegenwart, hg. von Carl Dahlhaus und Walter Wiora (Kieler Schriften zur Musikwissenschaft, 17), Kassel u. a. (Bärenreiter) 1965, S. 11–23, hier S. 17.

9 Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, S. 1213.

10 Ursula Mayer-Reinach: „Albert Mayer-Reinach auf den Spuren von Joseph Martin Kraus“, in: Musiktradition im Exil, S. 119–123, hier S. 121.

11 Siehe beispielsweise „Lannerstiernas ‚Äventyraren‘ – musik av Kraus med flera“, in: Svensk Tidskrift för Musikforskning 21 (1939), S. 101–118.

12 Vgl. dazu U. Mayer-Reinach, „Albert Mayer-Reinach“, S. 122f.

13 Gradenwitz, „Mayer-Reinach“, S. 233; Gradenwitz (1910–2001) war mit der Tochter Ursula verheiratet.

14 Vgl. auch Art. „Mayer-Reinach, Albert Michael“, in: Riemann Musik Lexikon, 12. völlig neubearbeitete Auflage in drei Bänden, hg. von Wilibald Gurlitt, Personenteil L–Z, Mainz u. a. (Schott) 1961, S. 178: „Sein Nachlaß befindet sich im Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Kiel.“

15 Brief von Friedrich Blume an Martha Mayer-Reinach am 15. Mai 1954 (Durchschlag), beiliegend dem Nachlassteil Albert Mayer-Reinach im Archiv des Musikwissenschaftlichen Instituts der CAU.


Diese Darstellung wurde von Alexander Lotzow im Rahmen der „Arbeitsgruppe Institutsgeschichte“ verfasst. Die AG besteht als gemeinsames Projekt von Studierenden und Lehrenden seit dem Sommer 2014. Aktuell arbeiten mit: Sönke Holst, Mareike Jordt, Karola Kröll, Alexander Lotzow, Siegfried Oechsle, Erko Petersen, Yvonne Schink, Bernd Sponheuer, Meike Voskuhl und Claus Woschenko. Die Darstellungen werden stetig erweitert. Wenn Sie mit Hinweisen, Berichtigungen oder sonstigen Mitteilungen die Arbeit der AG unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an Alexander Lotzow (0431-880 2208, lotzow@musik.uni-kiel.de).