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der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Pontechium maculatum oder Echium russicum

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Pontechium maculatum
oder: Das Schicksal von Echium russicum

Pontechium maculatum

Natternkopf ganz wörtlich

Die Gattung Echium besteht aus 60 Arten, von denen fast die Hälfte auf den Kanarischen Inseln, Madeira, den Azoren und Kapverden endemisch ist. Sie gehören deshalb in das Sammelgebiet "Flora der Atlantischen Inseln" des Botanischen Gartens Kiel. Von den anderen Echium-Arten leben 18 in Europa und der Rest verteilt sich auf Lebensräume im westlichen Asien und in Nord- und Südafrika (mit Lobostemon und Echiostachys als fraglichen Absprengseln der Gattung).

Der bei uns heimische Echium vulgare L. gab der Gattung den deutschen Namen "Natternkopf", denn sein Griffel, der aus der verwachsenblättrigen Blumenkrone herausragt, endet in zwei Narbenlappen, die der gespaltenen Zunge der Natter gleichen.

Die einzige Echium-Art weltweit, bei der die Narbenäste zu zwei kleinen, mit Hilfe der Lupe aber deutlich wahrnehmbaren Knöpfchen ausgebildet sind, hieß zunächst Echium russicum J.F. Gmel. [Johann Friedrich Gmelin 1748-1804]. Da Samuel Gottlieb Gmelin (1744-1774) ein Echium russicum S.G.Gmel., von dem nicht klar ist, welches Taxon es repräsentiert, beschrieb, ist auch dieser Autor mitunter irrtümlich angeführt. Johann Friedrich Gmelins Echium russicum ist mittlerweile als Synonym zu dem bereits von Carl von Linné beschriebenen Echium maculatum L. erkannt. Das gleiche gilt für Echium rubrum Jacq.

Eine genetische Untersuchung der ohnehin ob ihrer systematischen Eingruppierung faszinierend geheimnisvollen Boraginaceae (Rauhblattgewächse) ergab, daß dieses Echium maculatum L. ein Schwestertaxon zu allen anderen Echium-Arten, einschließlich der genannten fraglichen Gattungen Lobostemon und Echiostachys ist.

Deshalb haben Böhle & Hilger (die Reihenfolge der Beschreiber in Hilger & Böhle 2000, siehe Literatur am Ende des Abschnittes) im Jahre 2000 die neue Gattung Pontechium aufgestellt, zu der Linnés Echium maculatum als einzige Art gehört. Zu dieser Einschätzung tragen die abweichenden Sequenzen von Abschnitten der Kern- und Plastiden-DNA sowie die von allen anderen Natternkopf-Arten abweichenden zweiköpfigen statt zweispaltigen Narben bei.

Pontechium maculatum

Daß diese Art etwas Besonderes ist, wußten wir im Alpinum des Botanischen Gartens Kiel schon lange. Pontechium maculatum ist dort im Mai und Juni ein Blickfang im kaukasisch geprägten Teil. Die Art kommt in Ost-Mitteleuropa (Süd-Mähren, Slowakei, Ungarn) und in Südosteuropa bis zur nördlichen Türkei vor. In Zentralrußland reicht sie im Norden bis an den 55. Breitengrad heran. In Österreich kommt sie sehr selten im nördlichen Burgenland vor, wobei nicht mehr zu ergründen ist, ob die Art dort indigen ist. Sie wächst auf Steppenrasen, in Wiesen, auf unkultivierten Hängen, in lichten Kiefernwäldern und in Gebüschen.

Die roten Blüten, die beim Abblühen blau und dann dunkelviolett werden, stehen in den für die Boraginaceen eigentümlichen Boragoiden. Insgesamt ist der prächtige Blütenstand, in dem sich die im Prinzip zweijährige Pflanze erschöpft, ein ährenartiger Thyrsus. (Bilden mehrere Cymen an einer racemösen Hauptachse den Blütenstand, so spricht man von einem Thyrsus. Die Cymen sind bei den Rauhblattgewächsen als Boragoide ausgebildet, vgl. Buys & Hilger 2003.)

„Im Prinzip zweijährig“ bedeutet, daß dies wie so oft bei „unechten“ Biennen in der Kultur zu steuern ist. Auf sehr nährstoffreichen Böden mit optimaler Wasserversorgung sind die Pflanzen allesamt zweijährig und überdauern nur in Gestalt ihrer Samen. Bei ungünstiger Nährstoffversorgung oder bei Kappung des Blütenstandes entwickeln sich aus der basalen Rosette Seitentriebe, die zu einem mehrjährigen Wachstum der Einzelpflanze führen.

Es handelt sich um eine tief wurzelnde Art, deren Blütenstand je nach Standort zwischen 30 und 60, mitunter sogar bis 100 cm emporragt.

So haben wir also eine neue Gattung vor uns, mit einem altbekannten Echium als einzigem Mitglied, dessen Gartenwert noch wenig bekannt ist und das als Art eine bedeutende Rolle beim Aufklären der Stammbaumgeschichte der Gattung Echium spielte. Ohne seine Existenz wäre die Phylogenie der weit verstreuten Natternkopf-Sippe nicht zu verstehen gewesen.

Literatur:
Matt H. Buys & Hartmut H. Hilger (2003): Boraginaceae cymes are exclusively scorpioid and not helicoid. - Taxon, 52 (4): 719-724.
Hartmut H. Hilger & Uta-Regina Böhle (2000): Pontechium: a new genus distinct from Echium and Lobostemon (Boraginaceae). - Taxon, 49 (4): 737–746.

 
  Dr. Martin Nickol M.A., FLS 10. Juni 2011 © Bilder: Nickol