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der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Titanenwurz Amorphophallus titanum

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Titanenwurz im Botanischen Garten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
 
 

Sensationell – Titanenwurz geht im Botanischen Garten Kiel in Blüte

Stinkreiche Schönheit aus Sumatra: Titanenwurz ist die größte Blume der Welt

 

Titanenwurz Kiel

 

Titanenwurz Kiel

 

 

 

 

 

 

 

Die größte Blume der Welt hat sich am Donnerstag, 23. März im Botanischen Garten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel vollständig geöffnet. Die Titanenwurz (Amorphophallus titanum) blühte in dieser Nacht weiblich, in der Nacht zu Samstag dann männlich. Das eigentliche Blühspektakel dauerte lediglich drei Tage.

Sie ist dreifach selten. Erstens verliert die Pflanze in den heimischen Regenwäldern Sumatras, einer Insel in Südostasien, ihren Lebensraum. Zweitens ist sie in Botanischen Gärten selten anzutreffen und drittens ist ein Blühereignis quasi die olympische Goldmedaille nach langer, guter Kultivierung und kaum vorhersagbar. Die gigantische Blume der Titanenwurz ist eine der spektakulärsten Erscheinungen in der Pflanzenwelt und eine große Seltenheit.

Aktualisierte Informationen zur Titanenwurzblüte und eine Live Webcam konnten unter www.botanischer-garten-kiel.de abgerufen werden.

Das tropische Gewächs aus Indonesien ist im großen Victoriahaus zu bestaunen.

Was wird während der Blütezeit zu sehen und zu riechen sein?

Nach fünfzehn Jahren zwischen der Keimung der Pflanze und ihres diesjährigen Treibens wird das eigentliche Blühspektakel lediglich drei Tage währen: Die Pflanze ist meist ein Nachtblüher und im Laufe eines Nachmittags wird sich ein großes Hochblatt (die Spatha) öffnen, das den großen Kolben (den Spadix), einem hochfliegenden Plissee-Rock gleichend, umgibt. Die Titanenwurz gibt besonders am ersten Tag in Wellen einen intensiven Duft nach verrottendem Fisch und Aas ab. Im Laufe des zweiten Blühtages schließt sich das Hochblatt allmählich. Im Laufe des dritten Tages geht das botanische Schauspiel zu Ende: Der Blütenstand beginnt zu welken und der Kolben knickt um.

Genaue Voraussage der Blumenöffnung

Eine genaue Vorhersage, wann sich der Blütenstand entfaltet und die Blüten sich öffnen, ist bei diesem Tropengewächs sehr schwierig. Am Dienstag vormittag hat sie sich mit einer ersten Duftwolke ziemlich sicher geäußert. Gärtner und Wissenschaftler des Botanischen Gartens Kiel tippten auf eine unmittelbar bevorstehende Öffnung. Die Titanenwurz ließ sich jedoch bis zum Donnerstag Zeit.

Übler Geruch nach Aas

Mittels Aasgeruch werden in Sumatra Aaskäfer und Aasfliegen in den Blütenstand gelockt, die für ihre Eiablage einen verwesenden Tierkadaver suchen. Im Blütenstand der Titanenwurz finden die Fliegen keinen geeigneten Brutplatz – aber sie bestäuben bei ihrem Besuch die Blüten, wenn sie zuvor ein anderes Exemplar besucht haben. Während der ersten Nacht öffnen sich nämlich die weiblichen Blüten, die in der zweiten Nacht, wenn die männlichen Blüten ihren Pollen abgeben, bereits verwelken. So vermeidet die Pflanze Selbstbestäubung – macht aber in Kultur ihre Vermehrung nicht leichter. Damit die Bestäuber im dunklen, dichten Regenwald die Riesenblumen entdecken, wird deren Geruch durch einen Trick weiter verstärkt. Die Pflanze erhöht die Temperatur im Kolben gegenüber der Umgebung um über 10 °C und der Blütenstand gleicht einer stinkenden Riesenfackel. Während der ersten Nacht ist der Geruch am intensivsten - denn dann müssen die Blüten, aus denen Früchte werden sollen, bestäubt werden.

Riesenblume aus den Regenwäldern Sumatras

Die Titanenwurz, Amorphophallus titanum, ist eine mehrjährige Pflanze aus der Familie der Aronstabgewächse (Araceae). Sie bildet eine unterirdische Knolle aus, die über 100 kg Gewicht erreichen kann. Erst nach mehreren Jahren kann aus der Knolle ein Blütenstand mit einer Größe von bis zu drei Metern hervorgehen. Die größte jemals vermessene Blume erreichte 2005 in der Wilhelma in Stuttgart 2,94 Meter. Die Pflanze wurde in Sumatra (Indonesien) 1878 durch den florentinischen Botaniker Odoardo Beccari (1843-1920) entdeckt. Sie ist in der Natur stark gefährdet, da ihr etwa 300 x 100 Kilometer großes Areal im Barisan-Gebirge im Westen Sumatras zunehmend genutzt wird.

Schwierige Kultur

Die Pflanze, die jetzt in Kiel einen Blütenstand hervorbringt, stammt aus einer Nachzucht der Botanischen Gärten Bonn, wo die Mutterpflanze 1996 blühte und bestäubt werden konnte. Der Botanische Garten Kiel steht mit über 400 anderen Botanischen Gärten weltweit im “Internationalen Saatguttausch” in Verbindung, um seiner wichtigen Aufgabe des Arterhalts gerecht zu werden und Pflanzen für Forschung und Lehre bereitzustellen. Aus dem kleinen Samen wuchs eine im Verlaufe von fünfzehn Jahren immer größer werdende Knolle heran, die ihr Gewicht binnen einer Vegetationsperiode verdoppeln kann. Als sie 1997 nach Kiel kam, war sie etwa schneeglöckchengroß. Jährlich bildet die Pflanze lediglich ein Blatt, das allerdings wie ein kleiner Baum aussieht. Im August 2011 zog nach über 18 Monaten das letzte Blatt, das zahlreiche Besucher im Victoria-Haus bestaunt haben, binnen drei Wochen komplett ein. Das Gewicht der Knolle wird beim Umtopfen der Pflanze im Ruhestadium festgestellt. Sie wog zuletzt 21 kg, nach 4,6 Kg 2010, so daß erstmals eine Vervierfachung des Gewichtes in einer Vegetationsperiode festgestellt wurde. Die Kultur der Titanenwurz ist sehr schwierig und somit eine Blüte ausgesprochen bemerkenswert.

Was wird nach der Blütezeit zu sehen sein?

Die Pflanze entwickelt nur ein einziges großes Laubblatt, das mehrere Meter Höhe erreichen kann und einem kleinen Baum ähnelt. Nach 9 bis 24 Monaten wird das Blatt eingezogen und die Knolle macht eine Ruhepause, bevor sie erneut ein Laubblatt oder – höchst selten – einen Blütenstand austreibt. Es ist ungewiß, ob eine Pflanze die Anstrengung einer Blütenstandsbildung überlebt. Sofern der Blütenstand unter Kulturbedingungen nicht bestäubt wurde, leben die Pflanzen manchmal weiter. Werden jedoch nach künstlicher Bestäubung rote Beerenfrüchte ausgebildet, die über acht Monate zur Reifung brauchen, sterben die Pflanzen danach häufig ab. Da es für jeden Gärtner eine unwiderstehliche Herausforderung ist, eine Titanenwurz zur Blüte zu bringen, werden wir natürlich versuchen, die Kultur fortzusetzen.

Kommt das im Botanischen Garten öfter vor?

Der Botanische Garten Kiel hat viele Aronstabgewächse in Kultur, die auch regelmäßig blühen. Es wird aber zum ersten Mal in Schleswig-Holstein ein Blütenstand der größten Blume der Welt, Amorphophallus titanum, zu sehen sein. Das wird für alle ein sehr erhebender Moment werden.

Nach der Entdeckung 1878 dauerte es 11 Jahre, bis das erste Exemplar außerhalb Sumatras – aus Saat gezogen – zur Blüte kam, 1889 in den Kew Gardens, London. Seither kam es in Botanischen Gärten weltweit zu etwa 130. maximal 140 weiteren Blühereignissen; in Norddeutschland – nach Recherchestand – zuletzt 1929 und 1930 in Hamburg.

Blume und Blüte – das ist doch dasselbe?

Eine Blüte besteht, grob gesprochen, aus Blütenblättern, Staubblättern und Fruchtblättern. Eine Blume ist im botanischen Sinne eine Bestäubungseinheit. Und exakt so verhält sich die Titanenwurz. Sie ist die größte Blume der Welt, in der viele kleine Einzelblüten, dazu noch getrennt in reine Staubblatt- und reine Fruchtblattblüten mit dem Rüschenrock, genannt Spatha, und dem Riesenstinkkolben, genannt Spadix, in zwei Nächten in einer bestens koordinierten Aktion zusammenwirken, um einen Bestäubungserfolg zu erzielen. Die Blüten der Titanenwurz sind recht klein, mehrere hunderte männliche und weibliche Blüten sind in einem großen Blütenstand angeordnet. Dieser Blütenstand wird – als Bestäubungseinheit – insgesamt als Blume bezeichnet. Eben die größte B l u m e der Welt

Die größte B l ü t e der Welt bildet übrigens Rafflesia arnoldii aus, die bislang immer nur an ihrem Standort zu Blüte kam und als parasitische Pflanze kaum in Gartenkultur genommen werden kann.

Info: www.botanischer-garten-kiel.de

 

Titanenwurz Kiel

Blütenstand am Abend des 15. März 2012.

Geschichte unseres Exemplares hier>>

Fünfzehn Jahre nach der Keimung in Bonn schickt sich das Kieler Exemplar an, seinen gigantischen Blütenstand zu treiben. Weltweit stehen wir mit über 400 Gärten in regem Austausch, um die Artenvielfalt zu erhalten. Im Botanischen Garten Bonn gelangte 1996 ein Exemplar zur Blüte, das erfolgreich bestäubt werden konnte und aus dessen Aussaat wir 1997 eine naturgemäß kleine Knolle erhielten. In den Kieler Anzuchtshäusern wuchs das Pflänzchen heran und trieb jedes Jahr ein einziges Blatt. Jetzt nach 15 Jahren sorgfältiger Pflege trieb die Knolle, die im letzten Sommer nach über 18 Monaten ihr Blatt eingezogen und die Energiereserven eingelagert hatte, einen Blütenstand. Sie wog 21 Kilogramm und entfaltete einen prächtigen und stinkenden Blütenstand.

Titanenwurz Kiel

Der Blütenstand am Nachmittag des 16. März 2012: Das äußere Hüllblatt beginnt zu schrumpfen.

 
  26. März 2012 Dr. Martin Nickol M.A., FLS (c) Photos: Nickol