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Wie unsere Titanenwurz heranwuchs
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Am 3. August 2011 wog die Knolle der Titanenwurz erstaunliche 21 kg. Im Jahr zuvor waren es erst 4,6 kg gewesen. Sie wird hier von unserer Gärtnerin Sonja Tobin auf ein weiches Flies gebetet, damit sie keine Druckstellen durch ihr eigenes Gewicht bekommt. Nach dem Wiegen geht es ab in neues Substrat.
Eine solche Wachstumsunterbrechung ist bei tropischen Knollenpflanzen ein sehr seltenes Verhalten.

Am 11. Oktober 2011 zeigt die Titanenwurz, daß sie noch lebt und von Fadenwurm- und Asselbefall verschont geblieben ist. Eine kleine Knospe zeigt sich. Es ist noch absolut ungewiß, ob sie sich zum Blatt oder etwa – wie mit Spannung erwartet – zur Blume entwickeln wird.
Eigentlich ist das Gewicht noch zu gering. Aber wer kann sich bei tropischen Schönheiten schon ganz sicher sein?

Am 17. Dezember 2011 ist die Knospe schon größer geworden, aber für zwei Monate Wachstum noch relativ klein. Rings um die Vertiefung zeigen sich leichte Ansätze von Wurzelbildung.
Ist die Knospe nun pyramidenförmig-symmetrisch, was für einen Blattaustrieb spräche? Oder hat sie doch eine leichte Asymmetrie, was eventuell auf eine Blütenstandsentwicklung hinweist? Viele Unwägbarkeiten in der Weihnachtszeit!

Am 29. Februar 2012 ist die Knospe schon 47 Zentimeter hoch. Der Kübel steht zur Frühlingsausfahrt bereit.
Zielort ist das Becken der Königin der Seerosen. Da können sich zwei Monarchinnen in der Tropenluft begegnen. Getigert ist das Hüllblatt wie jedes Jahr in den vergangenen Jahren, seit die Pflanze 1997 als schneeglöckchengroße Knolle aus dem Botanischen Garten Bonn zu uns nach Kiel kam.
Aber asymmetrisch ist sie wohl schon ein bißchen, oder? Noch kann sich niemand sicher sein, aber immerhin ist Schaltjahr und Olympiajahr.
Nach einer vorsichtigen Fahrt, die Pflanze darf nicht auskühlen und nicht stark erschüttert werden, steht der Kübel mit der Titanenwurz im Victoria-Becken.
Die Titanenwurz hat die Ausfahrt offenbar gut überstanden. Unsere Gärtner Dieter Maaßen und Sonja Tobin sind froh – und schon ein wenig erwartungsvoll.
Vermutlich laufen schon Wetten.
Da thront sie nun auf ihrem Podest – und hält sich bedeckt. Mit einem gemusterten Hüllblatt, in dem entweder ein Blattansatz oder – vielleicht – ein Blütenstand steckt.
Die Schönheit aus Sumatra ist mit Wachsen beschäftigt.
Erst am 10. März 2012 öffnet die Titanenwurz ihr Hüllblatt – und offenbart einen Teil ihres Geheimnisses. Auch ein Blatt, das ja bis vier Meter Höhe erreichen kann, sieht so stark gefaltet aus. Aber unten an den vielen Falten deutet sich eine Verwachsungszone an. Es könnte sich um die Spatha (den Rüschenrock) eines Blütenstandes handeln.
Die Spannung der einen ist so groß wie die Gewißheit der anderen.
Am 11. März 2012 ist das Hüllblatt noch ein wenig weiter offen. Bloß nicht dran ziehen! Aber eine Spatha könnte sich durchaus darunter verbergen.
Das ist bestimmt eine Spatha, die als Hochblatt einen Blütenstand umhüllt. Wenn man nur näher reinschauen könnte!
Oh, wirklich: Es ist ein Blütenstand. Unfaßbar! Am 13. März setzt ein rapides Wachstum ein. Das Hüllblatt ist aufgerissen, der Rüschenrock ist tatsächlich das große, den Blütenstand umhüllende Hochblatt geworden und in der Mitte schiebt sich der gewaltige Spadix wie ein Fabrikschornstein in die Höhe. Sensationell!
Zum ersten Mal wird in Kiel eine Titanenwurz erblühen. Jetzt darf aber nichts mehr schief gehen. 80% Luftfeuchte, mindestens 28°C, keine Zugluft und keine Erschütterung. Die stinkreiche Schönheit aus Sumatra entfaltet sich. Und sie ist heikel.
Am 13. März 2012 mißt die Titanenwurz schon einen Meter in der Höhe, vom Boden ab gemessen.
Die Gärtnerin strahlt – sie hat seit langem geahnt, daß ihr in diesem Jahr ein Blütenstand beschieden sein würde.
Am 14. März ist der Blütenstand um weitere zehn Zentimeter gewachsen.
Das geht nur mit Leichtbauweise und macht die größte Blume der Welt zu einer fragilen Angelegenheit.
115 cm zeigt die Meßlatte am 14. März, 126 cm am 16. März – Amorphophallus titanum legt rapide an Größe zu.
Als ihr abends die Temperatur gemessen wird, liegt diese um 2°C über der ohnehin tropischen Temperatur des Victoria-Hauses. Jetzt beginnen auch die wissenschaftlichen Messungen.

Der Blütenstand am Nachmittag des 16. März 2012: Das äußere Hüllblatt beginnt zu schrumpfen.

Wissenschaftler des Botanischen Instituts und Botanischen Gartens beginnen mit den Temperaturmessungen im Spadix, an seiner Oberfläche und im Victoria-Haus, um die Daten während des Anthesevorganges kontinuierlich zu erfassen. Temperaturerhöhung und Duftemission erfolgen wohl in Wellen. Die Rhythmik des Kieler Exemplares wird weiteren Aufschluß über die physiologischen Vorgänge bei der Entfaltung der größten Blume der Welt geben.

Um 13 Uhr am Samstag, 17. März, wirft die Titanenwurz ihr äußeres Hüllblatt von sich und legt mehr Rouge an; will heißen, die Spatha (der Rüschenrock) färbt sich intensiver. Dieser Prozeß hält den gesamten Nachmittag an, die Spatha bleibt aber geschlossen. Der Blütenstand ist jetzt 135 Zentimeter groß.
Viele Besucherinnen und Besucher kommen, um die Titanenwurz selber in Augenschein zu nehmen. Noch duftet sie auch nicht. Das wird erst einsetzen, wenn die Spatha sich entfaltet und der Spadix sich deutlich erwärmt. Hoffentlich halten dann alle Messapparaturen.

Am Vormittag des 18. März 2012 fällt das zweite Hüllblatt. Die Spatha ist schon roter gefärbt. Aber es bleibt weiterhin spannend. Es kann sich nur noch um Stunden oder Tage handeln.
Messungen ergeben, was das Auge schon zeigt: Die Titanenwurz ist weiter gewachsen, und zwar um 11 Zentimeter. Da werden es wohl eher doch noch Tage werden, weil das starke Wachstum sich noch nicht verlangsamt hat.

In skulpturaler Pracht steht die Titanenwurz am Abend des 18. März 2012 im Victoriabecken.

Das heute morgen abgespreizte Hüllblatt (rechts) ist noch nicht ganz zu Boden gesunken. Amorphophallus wächst noch und lässt sich Zeit zur Entfaltung. Der Stiel des Blütenstandes (er trägt den schönen Namen Pedunculus) ist gewachsen. Seine grüne Oberfläche sieht alt und flechtenbewachsen aus. Das ist eine Mimese, die gleichfalls der Blattstiel der Pflanze zeigt.
Am Sonntag, haben über 1000 Besucher der Kieler Titanenwurz Bewunderung gezollt. Sie ist am Abend darob auch wieder ein Stück gewachsen.

In der Nacht zu Montag steht sie da, wie ein stiller Geist. Aber der Spadix ist gewachsen und nähert sich der oberen Bildkante. Allerdings hat sich das Wachstum verlangsamt, nur noch knapp sechs Zentimeter. Das deutet auf einen allmählichen Abschluß hin.

Der Spadix der Titanenwurz macht ihrem wissenschaftlichen Gattungsnamen (Amorphophallus) allmählich Ehre. Er wird unförmig (amorph), was sich noch ein bißchen steigern dürfte.

Der Rand der Spatha (des umgedrehten Rüschenrockes) hat sich an seiner Innenseite, die später sichtbar werden wird, schon deulich umgefärbt. Die erhabene Erscheinung bereitet sich immer weiter vor.

Am auffälligsten ist die Umfärbung an der Überlappungszone der Spatha, die sich erst jetzt auch rötlich zeigt. In der Nacht zum Dienstag, 20. März, ist die Titanenwurz nochmals um rund fünf Zentimeter gewachsen.
Um 11 Uhr gab die Titanenwurz am Dienstag morgen Schleim aus der noch geschlossenen Spatha ab, eine dickliche Flüssigkeit, die wir sehr unkorrekt als ihre Muttermilch bezeichnen. Und um 12 Uhr hat sie zum ersten Mal gestunken - das freut bekanntlich nur sehr glückliche Titanenwurz-Eltern. Das heißt aber auch, daß sie sich gänzlich zu entfalten gedenkt. Und für uns, daß wir auch öffnen:
Ab heute werden wir die Schaugewächshäuser bis nachts geöffnet halten.

Die Titanenwurz hat es über Nacht sehr spannend gemacht. Die wenigen gründlich beschriebenen Anthese-(Blüh-)Verläufe besagten, daß eine Schleimabsonderung am Morgen und ein Entsenden der ersten Duftwolken als sichere Anzeichen einer unmittelbaren Öffnung zu interpretieren seien. Das kann unser Kieler Amorphophallus titanum jetzt für die Wissenschaft widerlegen.
Da unsere Kieler Dame ja draufgängerisch schon mit zarten 21 Kilogramm blühen will, kompensiert sie die limitierte Nährstoffversorgung vielleicht mit Zeit. Versorgt haben wir sie jedenfalls mit allem Nötigen, auch mit geballter Aufmerksamkeit. Ob wir alle mal weggucken sollen, damit sie sich traut?

Unsere Besucher in der ersten langen Nacht der Glashausöffnung haben die Atmosphäre jedenfalls genossen. Die Häuser sind illuminiert, man kann sich alles ansehen - und ein bißchen mitfiebern mit der Titanenwurz.
Bis zum Schluß bleibt es spannend, ob und wann sie es schafft. Aber wir sind guten Mutes. Sie steht aufrecht und schön da. Wie man es Kaiserinnen eben nachsagen kann: Sie tun, was und wann es ihnen beliebt. Halten den Untertanen dabei aber natürlich die Treue.
Ihr Bauchumfang beträgt jetzt 107 Zentimeter.

Die Hüllblätter sind fast gänzlich geschrumpft, der Pedunculus (Blütenstandsstiel) mit seinem Flechtenmuster auf dunkelgrünem Grund ist noch ein bißchen gewachsen. Das Hochblatt, die Spatha, ist auf der Innenseite ausgefärbt, der obere Rand hat sich schon vom Spadix gelöst.
Also, heute Nacht? Wir halten die verlängerten Öffnungszeiten aufrecht. Kommen Sie vorbei, um sich dieses Prachtexemplar in all' seiner Exotik anzusehen.

Na, sie scheint auf irgendetwas zu warten. In der Nacht zu Donnerstag ist sie nur noch ein wenig gewachsen, der Hüftumfang (die breiteste Stelle der Spatha) hat aber noch etwas zugelegt, so daß jetzt 112 Zentimeter zu verzeichnen sind. Der Spadix hat sich über Nacht noch weiter ausgeformt und Dellen bekommen.
Rund 800 Menschen haben sie bis in die Nacht besucht; das sollte doch anregen? Wir warten mal heute abend ab. Weiterhin ist bis in die Nacht hinein geöffnet.

Heute mittag hat sich die Spatha vom Rand gelöst - und heute abend gegen halb neun hat sie sich vollständig geöffnet. Jetzt ist die Anspannung endlich vorüber - sie hat es geschafft. Hurra! Heute haben über 2500 Menschen ihr Tribut gezollt - und sehr geduldig in der langen Schlange gewartet.

Die aktuellen Messungen (noch ehe die Daten ausgelesen sind), zeigen, daß der Spadix an seiner Spitze am heißesten ist und über 35°C warm.

Die Displays der Aufnahmegeräte leuchteten in der Nacht mit der Titanenwurz um die Wette, als die Besucherinnen und Besucher bei ihr vorbeipilgerten. Dieses Gewächs entlockt auch Nicht-Botanikern ein Ah! und Oh!

Im stillen Wasser des Victoriabeckens bespiegelt sich die tropische Schönheit selbst.


Im Morgensonnenschein des Freitag ist die Titanenwurz noch immer attraktiv. Die Spatha wird sich im Laufe des Vormittags schon wieder nach oben falten. Die Duftwolken haben an Intensität stark abgenommen, heute werden die männlichen Blüten des Blütenstandes aktiv werden.

Inspektion des Blumeninneren

Am Nachmittag hatte sich das Hochblatt an einer Seite bereits stark nach oben bewegt, sein Rand beginnt trotz der hohen Luftfeuchte zu vertrocknen. Das ukrainische und das weissrussische Fernsehen haben uns besucht, um von der stinkreichen Schönheit aus Sumatra zu berichten. Wir freuen uns über die vielen begeisterten und geduldigen Besucherinnen und Besucher, die sich von der schier unglaublichen Biologie der Titanenwurz begeistern lassen.

Auch die Messungen dauern weiter an, bereits die gesamte Nacht wurde durchgearbeitet, um Duft- und Gewebeproben zu entnehmen und den exakten Temperaturverlauf zu dokumentieren. Jetzt werden wir die Nacht der Öffnung der männlichen Blüten erleben. Dann werden vor allem diese sich stark erwärmen. Wir wollen Pollen sammeln, um ihn anderen Botanischen Gärten zur Verfügung zu stellen, falls irgendwo eine nächste Titanenwurz sich entfalten sollte.

Im Inneren der Blume sind die vielen Einzelblüten zu sehen. Zur Entnahme des Pollens haben wir ein kleines Fenster in die Spatha geschnitten, was die Pflanze nicht schädigt. Unten sind die weiblichen Blüten zu sehen mit ihrem rosaroten Fruchtknoten, dem fast schwarzen Griffel und ihrer hellen Narbe. Auf den Narben kleben Pollenkörner.
Direkt darüber sind gelbe Kügelchen zu erkennen. Das sind die männlichen Blüten mit ihren Staubbeuteln. Und das schwammige Gewebe darüber (zum oberen Bildrand hin) stellt den unteren Teil des Spadix dar, der sich in den vergangenen Nächten durch Erwärmen und Absondern von Duftstoffen im Bestäubungsgeschehen verausgabte.

Während der Öffnungszeiten am Sonntag konnte man dem Spadix ansehen, daß er zunehmend trockener und brauner wurde, aber er blieb bis zum späten Nachmittag aufrecht stehen. Erst gegen 16.30 Uhr sah man ihm eine deutliche Neigung an.

Viele Besucher hatten detaillierte Fragen zum Blühvorgang, zur Evolution, zur Morphologie und zu vielen weiteren Aspekten der Titanenwurz und ihrer Verwandten. Wir haben alle zusammen sehr viel berichten können und sehr viel freundliche Ressonanz erfahren.

Oft wurden wir gefragt, ob die Blume denn noch einmal aufgehe. Nein, daß war das einmalige Blühereignis.
Jetzt schließt sich das Hochblatt immer fester um den Stinkkolben, dieser wird oberhalb der Spatha abknicken und verschrumpeln. Wir hoffen, daß die Knolle alle Anstrengungen überlebt und die Pflanze in etlichen Jahren wieder einmal zur Blüte kommen wird.

Um 18 Uhr am Sonntag abend neigte sich der Spadix erheblich und zwanzig Minuten später war er komplett umgefallen.

Die Messinstrumente sind entfernt, der Kolben ist am Morgen des 26. März noch weiter in sich zusammengesunken und die Titanenwurz bereitet sich vielleicht auf die Samenbildung vor. Sie wird bis zum endgültigen Verwelken noch im Victoria-Haus zu sehen sein.

Gestern, eine Woche nach der Nacht der Nächte, haben wir sie ein wenig gedreht. So kann man in den Blütenstand hinein sehen.

Der Spadix verschimmelt schon, die Zone der männlichen Blüten ist schwarz und vertrocknet. Insgesamt macht die Titanenwurz den Eindruck, als wolle sie gerne unsichtbar sein. Das fällt so massigen Persönlichkeiten gemeinhin nicht leicht.

Im übrigen ist der Pedunculus (Blütenstandsstiel) gewachsen und das Hochblatt ist ein wenig grüner geworden und bildet nun auch ein Flechten imitierendes Muster aus. Das könnten - aber müssen nicht - Anzeichen dafür sein, daß die Befruchtung geklappt hat.

Am Freitag wurden erneut Oberflächenproben genommen, die noch weiteren Aufschluß über die nach der Blüte statt findenden (postanthetischen) Prozesse geben sollen.

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