Botanischer Garten Kiel Botanischer Garten Kiel  

der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Südeuropa, Mittelmeer-Vegetation

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Mittelmeervegetation im Botanischen Garten Kiel

Das Mittelmeergebiet im Freiland des Botanischen Gartens Kiel

Die Vegetation des Mittelmeerraums
im Botanischen Garten Kiel

Nach den heimischen Pflanzen der Nord- und Ostseeküste im Lehrbiotop Düne kommt im Botanischen Garten Kiel der Ausblick auf die Vegetation des Küstengebiete der mediterranen Region. Diese umfaßt die Küstenlandschaften und Inseln des Mittelmeerraumes sowie der Länder des Kaukasusgebirges. Die Pflanzen der Gebirge dieser Region sind im Alpinum zu sehen, die in Kiel nicht dauerhaft frostfesten Arten sind im Mediterranhaus und zusätzlich im Sommerhalbjahr im Innenhof der Schaugewächshäuser zu finden. Dem „Süden im Norden“ kann man also als Besucher im Kieler Botanischen Garten nicht entkommen.

Die Mittelmeerflora nimmt einen unterschiedlich breiten Streifen der Mittelmeerküsten von Südeuropa, Vorderasien sowie Nordafrika ein, der etwa der Verbreitungsgrenze des Ölbaums (Olive, Olea europaea) entspricht. Diese Region blieb von den Eiszeiten weitgehend unberührt, doch konnten sich viele Pflanzen- und Tiersippen aus den nördlichen Gefilden in Refugialräume am Mittelmeer zurückziehen. Zusätzlich stoßen hier europäische, asiatische und afrikanische Florenelemente aufeinander. So findet man heute, trotz aller menschlicher Überformung der Landschaften, rund 20.000 Pflanzenarten, die der Mediterraneis angehören.

Hartlaubgehölze und andere Anpassungen

Das Mittelmeergebiet gehört zu den subtropischen Klimazonen. Es ist ein ausgesprochenes Winterregengebiet: Der Hauptniederschlag erfolgt im Winter bei meist gemäßigten Temperaturen von durchschnittlich 9-15°C gegenüber einer ausgeprägten Trockenperiode im Sommer bei mittleren Temperaturwerten um 25°C. Die Pflanzen haben sich mit verschiedenen Strategien an diese Umweltbedingungen angepaßt.

  • Bäume und Sträucher besitzen vielfach derbe, langlebige Blätter (Hartlaubgewächse). Durch diese immergrüne Belaubung können die Gehölze auch im Winter weiterwachsen. Zudem werden Nährstoffe so langfristig gespeichert und das saftarme Laub schützt vor Fraß durch Tiere.
  • Viele Pflanzen besitzen Dornen, Stacheln oder ihre Blätter sind reich an ätherischen Ölen. Das sind ebenfalls Schutzmechanismen gegen Tierfraß, eine Dunstglocke aus ätherischen Ölen schützt zudem vor Verdunstung und starker UV-Strahlung.
  • Unter den Kräutern überdauern viele die Trockenzeit im Sommer mit unterirdischen Speicherorganen (Zwiebeln, Knollen etc.) (Geophyten).
  • Andere keimen im Herbst und blühen und fruchten im folgenden Frühjahr (Winterannuelle).

Diese Strategien kann man in den verschiedenen Bereichen des Reviers „Südeuropa“ anhand zahlreicher Pflanzenarten studieren - und zugleich einen Überblick über die wichtigsten Formationen im Miniaturformat bekommen.

Formationen in Südeuropa

Da das Mittelmeergebiet  zu den ältesten Kulturbereichen gehört, wurde das natürliche Vegetationsbild über lange Zeit verändert. Ursprünglich waren immergrüne Steineichenwälder weit verbreitet. Heute findet man davon nur noch kleine Restbestände. 

Macchie

Großflächig sind durch wiederholte Abholzung, Brandrodung und Beweidung mit Schafen und Ziegen mehr oder weniger offene Gebüsche entstanden, die Macchie. Sie ist ein Rest des ursprünlgichen Waldes, der als Sekundärvegetation ganze Landstriche flächendeckend überzieht. Ihre Gehölze werden zwischen 1,5 und bis zu 10 Meter hoch. Hauptsächlich Stein- (Quercus ilex L.) und Korkeiche (Quercus suber L.) aber auch kleinwüchsige Kiefern (Pinus ssp.), Terpentin-Pistazie (Pistacia terebinthus L.), Buchsbaum (Buxus sempervirens L.), Lorbeer-Schneeball (Viburnum tinus L.), Wilder Ölbaum (Olea europaea L.), Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua L.), Judasbaum (Cercis siliquastrum L.) und Feigenbaum (Ficus carica L.) stehen, oft buschartig zusammen mit strauchigen großteils immergrünen ledrigderben Büschen wie der Baumheide (Erica arborea L), Mastix (Pistacia lentiscus L.), Schmalblättriger Steinlinde (Phillyrea angustifolia L.), Myrten (Myrtus communis L), Erdbeerbaum (Arbutus unedo L. im westlichen und A. andrachne L. im östl. Mittelmeergebiet) und verschiedenen oft stark mit Dornen oder Stacheln bewehrten Sträuchern wie Stecheiche (Quercus coccifera L.), Dornginster (Calicotome villosa (Poir.) Link), Dorniger Bibernelle (Sarcopoterium spinosum Spach), Pfriemenginster (Spartium junceum L.) oder Starrer Stacheldolde (Echinophora spinosa L.), Heckenrose (Rosa ssp.) und Brombeere (Rubus ssp.). Entsprechend ihrer weiten geographischen und ökologischen Amplitude ist die Macchienvegetation in verschiedenen Regionen, je nach geologischem Untergrund, Lokalklima und Nutzungsgeschichte, unterschiedlich ausgeprägt. Den Artengrundstock bilden jedoch durchweg die Arten der ursprünglichen Waldformationen.

Garrigue

Bei starker Nutzung fehlen indes auch hochwüchsige Bäume und Sträucher. Es entstehen niedrig-wüchsige Gesellschaften aus  oft dornigen Zwergsträuchern und aromatischen Kräutern. Diese werden allgemein als Garrigue bezeichnet. Das ist eine offene mediterrane Strauchheidenformation auf flachgründigen Böden, die als Degradationsstufe der Macchie zu verstehen ist. Sie ist vor allem in Frankreich (insbesondere Korsika), Italien (insbesondere Sardinien) und Nordafrika verbreitet. Die Bezeichnung ist vom Namen des südlichen Teils des Cevennengebirges, der Garrigue, abgeleitet.

Die Pflanzen werden hier maximal zwei Meter hoch. Garrigue entsteht durch intensive Beweidung der Macchie, insbesondere durch Ziegen. Der Reduktionsprozeß wird durch Brände gefördert, welche die typischen Pflanzen der Garrigue besser überleben. Im östlichen Mittelmeerraum werden entsprechende Pflanzengemeinschaften als Phrygana (Griechenland und Türkei) oder Batha (Israel) bezeichnet. Dort werden fortgeschrittene Sukzessionsstadien mit höherwüchsigen Sträuchern wie Calicotome villosa oder Erica manipuliflora oder einem höheren Anteil potenzieller höherer Bäume und Sträucher wie Kermes-Eiche (Quercus coccifera) oder Mastixstrauch (Pistacia lentiscus) oft als „Garrigue“ bezeichnet; ein durchgreifender Artenwechsel oder eine Angleichung an das Arteninventar westmediterraner Garrigues findet aber nicht statt. Westmediterrane Bestände mit einer Anreicherung von Dornpolstersträuchern, wie sie im westlichen Mittelmeerraum vor allem in windexponierten Lagen auftreten, werden mitunter gleichfalls als Phrygana bezeichnet.

Im pflanzensoziologischen System werden Garigue-Bestände auf basenarmen Böden in die Klasse Cisto-Lavanduletea eingeordnet, solche auf kalkreichen Böden der Klasse Rosmarinetea officinalis. Phrygana und Batha ostwärts ab Italien werden in der Klasse Cisto cretici-Micromerietea julianae abgetrennt.

Charakteristische Pflanzen dieses Vegetationstyps sind Zwergsträucher wie Rosmarin (Rosmarinus officinalis L.), Echter Thymian (Thymus vulgaris L.), Echter Lavendel (Lavandula angustifolia Mill.) und andere Lavendelarten, Salbei-Arten (Salvia spp.), Zwergpalme (Chamaerops humilis L.), Herbst-Seidelbast (Daphne gnidium L.), Zistrosen (Cistus spp.), Brandkräuter (Phlomis spp.) und Geophyten wie Stern-Anemone (Anemone hortensis L.), Meerzwiebel (Drimia maritima (L.) Stearn), Milchstern (Ornithogalum spp.), Mittags-Schwertlilie (Moraea sisyrinchium (L.) Ker Gawl.), Affodill (Asphodelus spp.), Orchideen wie Knabenkräuter (Orchis), Ragwurze (Ophrys) und Zungenstendel (Serapias).

Beinahe alle typischen Arten besitzen auch hier besondere Schutzeinrichtungen gegen Beweidung und Brand. Es handelt sich um Arten mit hohen Gehalten an sekundären Pflanzenstoffen (darunter viele aromatische Gewürzpflanzen) oder dornige und stachelige Arten. Außerdem ist ein Schutz gegen die extreme Sonneneinstrahlung im Hochsommer wichtig. Viele Arten ziehen ihre oberirdischen Organe in dieser Zeit ein (Geophyten) oder sterben ab und ihre Nachkommen überdauern die trockene Jahreszeit als Samen (Therophyten). Andere besitzen kleine und harte Blätter oder diese sind dicht-filzig mit Haaren überzogen.

Felder und Wälder im Mittelmeerraum

Zu diesen artenreichen Formationstypen kommt im Botanischen Garten noch die im Mittelmeerraum insbesondere im Frühling äußerst bunte Segetalflora und Schuttvegetation hinzu. Gleichfalls zeigen wir die Pflanzen der Bergwälder Südeuropas und den Bewuchs eines der im Sommer stets trockenen Flußtälchen, indem sich etwa die Tamariske befindet.

 

Bergwald, Mittelmeerraum Kiel
Südeuropa im Botanischen Garten Kiel
 


 

  Dr. Martin Nickol M.A., FLS 24. März 2011 © Bilder: Dr. Martin Nickol