Das Alpinum im Botanischen Garten Kiel |
Im großflächigen Alpinum des Botanischen Gartens Kiel wird eine reiche Sammlung von Hochgebirgspflanzen kultiviert. Deren Herkunft reicht von den deutschen Alpen über die Gebirge der Mittelmeerregion bis in den Kaukasus und Sibirien, zum Himalaya und den amerikanischen Hochgebirgen, über den Hohen Atlas nach Südafrika, bis nach Neuseeland und selbst zu den Hochlagen der Anden, aus denen winterharten Kakteen stammen. |
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| Asarum hartwegii aus Nordamerika: Ein Osterluzei-Gewächs (Aristolochiaceae), das in Höhen bis 2200 Meter in den kalifornischen Bergen wächst. Charakteristisch sind die langen, zurückgebogenen Haare. |
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Was ist ein Alpinum ? |
Unser Alpinum ist ein gigantischer Steingarten mit einem Schwerpunkt auf Pflanzen aus den Alpen und allen anderen hochalpinen Regionen der Welt. Es besteht zum größten Teil aus Steinen oder Felsen und soll die Situation im Hochgebirge nachbilden. In den Spalten und Fugen zwischen dem Steinaufbau, aber auch direkt in den Spalten oder Löchern der verwendeten Felsen werden hochalpine Pflanzen kultiviert. Meist beschränkt man sich schon allein aufgrund der gegensätzlichen Wachstumsperioden auf Pflanzen der nördlichen Hemisphäre, in Kiel zeigen wir indessen auch Pflanzen aus Neuseeland, aus Südafrika und Südamerika (Anden). Als erster hochalpiner Garten gilt das von Anton Kerner von Marilaun 1875 am Blaser in Tirol auf einer Höhe von 2.190 Metern angelegte Alpinum. Es inspirierte Adolf Engler zur Anlage eines Alpinums an unserem 4. Standort, dem heutigen Alten Botanischen Garten in Kiel. |
| Was ist zu sehen ? |
Unsere Besucher haben die Gelegenheit, auf angelegten Wegen die Hochgebirgsregionen der Welt zu durchschreiten und die Pflanzenvielfalt genauer kennenzulernen. Obwohl die Hochblüte im Mai und Juni liegt, sind ab den ersten warmen Tagen im Februar/März bis in den November hinein stets Blüten zu finden. |
| Harsche Lebensbedingungen |
Mit zunehmender Meereshöhe wird das Klima immer
rauher. Die durchschnittliche Jahrestemperatur sinkt,
der Schnee bleibt länger liegen. Die Waldgrenze
liegt ungefähr dort, wo nicht einmal an 100 Tagen
eine Temperatur von +5°C überschritten wird. Bäume
haben nicht mehr genug Zeit für zusätzliche Photosynthese,
die der Aufbau eines Holzkörpers erfordert.
Die Jahreszeiten verlaufen hoch oben in den Bergen
nicht so wie im Tal: In einer Höhe von 3000 m sind
auch im Sommer bei Schlechtwettereinbrüchen Fröste
mit –10°C keine Seltenheit. Andererseits kann die Bodentemperatur
an stark besonnten Stellen bis zu 80°C
erreichen. Pflanzen und Tiere müssen also starke
Temperaturschwankungen aushalten. Wegen der
Kürze des Sommers beginnen die meisten Alpenpflanzen
sofort nach dem Ausapern mit der Photosynthese.
Die Blüten werden schon im Herbst geschützt in
Knospen vorgebildet, damit die kurze Zeit, die zum
Blühen zur Verfügung steht, bestens genutzt wird.
Eine weitere Belastung bedeutet der Wind: Er zerrt
und rüttelt an den Pflanzen, im Winter scheuern
scharfe Eiskristalle an den Blattflächen.
Ein warmer Föhnsturm im Frühling kann mancher
Pflanze so viel Wasser entziehen, daß sie an Austrocknung
zu Grunde geht, weil ihre Wurzeln aus
dem noch gefrorenen Boden kein Wasser ziehen
können. |
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Einige Anpassungsstrategien
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Gedrungener Wuchs bzw. Zwergwuchs
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Überwinterung mit grünen Blättern und Anlage von Blütenknospen im Vorjahr sowie Speicherung von Nährstoffen in den Wurzeln und anderen unterirdischen Organen
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Triebe oft zu Polstern zusammengezogen oder Blätter als Rosette ausgebildet, Rasenbildung
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große Stoffwechselamplitude (von -8 bis 45°C), geringer Nährstoffbedarf
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dicke Epidermis und Pigmenteinlagerung (zum Schutz vor Verdunstung und erhöhter UV-Strahlung)
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dicke, schwer wasserdurchlässige Rinde (Frostschutz)
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umfangreiches, weitstreichendes Wurzelwerk
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Wasseraufnahme auch durch Blätter möglich
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Vermehrung vegetativ und durch Selbstbestäubung
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| Pflanzen der Kalkalpen |
Vorkommen von Kalkgesteinen in den Alpen: Kalk- oder karbonathaltige Gesteine herrschen in den nördlichen und südlichen Randalpen vor. Sie werden daher auch als Kalkalpen bezeichnet. Im Gegensatz dazu besitzt das Zentralmassiv, die inneren Alpen, vorwiegend Urgesteinsböden mit einer eher sauren Bodenreaktion.
Typische Lebensformen der Pflanzen in den Alpen sind Spaliersträucher (Zweige dem Boden angedrückt, kriechend), Polsterpflanzen und Rosettenpflanzen.

Globularia nudicaulis, die Nacktstengelige Kugelblume, ist eine kalkstete Art aus den Gebirgen Südwest- und Mitteleuropas. |
| Typische Pflanzen der Kalkalpen mit ihren Pflanzengesellschaften |
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Zwergstrauchheiden
Behaarte Alpenrose (Rhododendron hirsutum)
Alpen-Seidelbast (Daphne alpina)
Alpen-Waldrebe (Clematis alpina)
Schneeheide (Erica carnea)
Türkenbund-Lilie (Lilium martagon)
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Rasengesellschaften
Polstersegge (Carex firma)
Alpen-Küchenschelle (Pulsatilla alpina)
Alpen-Sonnenröschen (Helianthemum alpestre)
Enziane (Gentiana spec.)
Edelweiß (Leontopodium alpinum)
Nelken (Dianthus spec.)
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Fels- und Schutthaldenvegetation
Aurikel (Primula auricula)
Steinbrech (Saxifraga spec.)
Stengelloses Leimkraut (Silene acaulis)
Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia)
Hahnenfuß (Ranunculus spec.)
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| Pflanzen der Hochgebirge aus Silikat-Gestein |
| In Europa bestehen zentrale Gebirgsketten der Alpen und der Pyrenäen aus kristallinem Urgestein. Dieser silikatische Untergrund besitzt im Gegensatz zum Kalk eine deutlich saure Bodenreaktion und trocknet nicht so schnell aus. |
| Typische Pflanzen aus silikatischen Hochgebirgen mit ihren Pflanzengesellschaften |
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Zwergstrauchheiden
Rostrote Alpenrose (Rhododendron ferrugineum)
Immergrüne Beerentraube (Arctostaphylos uva-ursi)
Zwerg-Birke (Betula nana)
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Rasengesellschaften
Borstgras (Nardus stricta)
Krumm-Segge (Carex curvula)
Behaarte Primel (Primula hirsuta)
Stengelloser Enzian (Gentiana acaulis)
Pyrenäen-Aster (Aster pyrenaeus)
Pyrenäen-Fingerkraut (Potentilla pyrenaica)
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Fels- und Schutthaldenvegetation
Hauswurz (Sempervivum spec.)
Steinbrech (Saxifraga spec.)
Felsenteller (Ramonda myconi)
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