Botanischer Garten Kiel Botanischer Garten Kiel  

der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alpinum mit den Hochgebirgspflanzen

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Gentiana acaulis

Gentiana acaulis, der Stengellose Silikat-Glocken-Enzian. Er wächst zwischen 800 und 3000 m Höhe auf gut mit Wasser versorgten Silikatböden im sauren Milieu. Er tritt in den Alpen, im Jura, in den Cevennen und in den Pyrenäen auf.

Das Alpinum im Botanischen Garten Kiel

Im großflächigen Alpinum des Botanischen Gartens Kiel wird eine reiche Sammlung von Hochgebirgspflanzen kultiviert. Deren Herkunft reicht von den deutschen Alpen über die Gebirge der Mittelmeerregion bis in den Kaukasus und Sibirien, zum Himalaya und den amerikanischen Hochgebirgen, über den Hohen Atlas nach Südafrika, bis nach Neuseeland und selbst zu den Hochlagen der Anden, aus denen winterharte Kakteen stammen.

Asarum hartwegii
Asarum hartwegii aus Nordamerika: Ein Osterluzei-Gewächs (Aristolochiaceae), das in Höhen bis 2200 Meter in den kalifornischen Bergen wächst. Charakteristisch sind die langen, zurückgebogenen Haare.
 

Was ist ein Alpinum ?

Unser Alpinum ist ein gigantischer Steingarten mit einem Schwerpunkt auf Pflanzen aus den Alpen und allen anderen hochalpinen Regionen der Welt. Es besteht zum größten Teil aus Steinen oder Felsen und soll die Situation im Hochgebirge nachbilden. In den Spalten und Fugen zwischen dem Steinaufbau, aber auch direkt in den Spalten oder Löchern der verwendeten Felsen werden hochalpine Pflanzen kultiviert. Meist beschränkt man sich schon allein aufgrund der gegensätzlichen Wachstumsperioden auf Pflanzen der nördlichen Hemisphäre, in Kiel zeigen wir indessen auch Pflanzen aus Neuseeland, aus Südafrika und Südamerika (Anden). Als erster hochalpiner Garten gilt das von Anton Kerner von Marilaun 1875 am Blaser in Tirol auf einer Höhe von 2.190 Metern angelegte Alpinum. Es inspirierte Adolf Engler zur Anlage eines Alpinums an unserem 4. Standort, dem heutigen Alten Botanischen Garten in Kiel.

Was ist zu sehen ?

Unsere Besucher haben die Gelegenheit, auf angelegten Wegen die Hochgebirgsregionen der Welt zu durchschreiten und die Pflanzenvielfalt genauer kennenzulernen. Obwohl die Hochblüte im Mai und Juni liegt, sind ab den ersten warmen Tagen im Februar/März bis in den November hinein stets Blüten zu finden.

Harsche Lebensbedingungen

Mit zunehmender Meereshöhe wird das Klima immer rauher. Die durchschnittliche Jahrestemperatur sinkt, der Schnee bleibt länger liegen. Die Waldgrenze liegt ungefähr dort, wo nicht einmal an 100 Tagen eine Temperatur von +5°C überschritten wird. Bäume haben nicht mehr genug Zeit für zusätzliche Photosynthese, die der Aufbau eines Holzkörpers erfordert. Die Jahreszeiten verlaufen hoch oben in den Bergen nicht so wie im Tal: In einer Höhe von 3000 m sind auch im Sommer bei Schlechtwettereinbrüchen Fröste mit –10°C keine Seltenheit. Andererseits kann die Bodentemperatur an stark besonnten Stellen bis zu 80°C erreichen. Pflanzen und Tiere müssen also starke Temperaturschwankungen aushalten. Wegen der Kürze des Sommers beginnen die meisten Alpenpflanzen sofort nach dem Ausapern mit der Photosynthese. Die Blüten werden schon im Herbst geschützt in Knospen vorgebildet, damit die kurze Zeit, die zum Blühen zur Verfügung steht, bestens genutzt wird. Eine weitere Belastung bedeutet der Wind: Er zerrt und rüttelt an den Pflanzen, im Winter scheuern scharfe Eiskristalle an den Blattflächen. Ein warmer Föhnsturm im Frühling kann mancher Pflanze so viel Wasser entziehen, daß sie an Austrocknung zu Grunde geht, weil ihre Wurzeln aus dem noch gefrorenen Boden kein Wasser ziehen können.

Dryas Silberwurz Botanischer Garten Kiel

Bei der Silberwurz (Dryas octopetala) bilden die Blüten kleine Parabolspiegel, die zu Blühbeginn mit der Sonne wandern und bestäubenden Insekten ein wärmendes Plätzchen bieten. Die oberseits glänzend grünen Blätter sind unterseits dicht filzig behaart. Die Haare sorgen für windstille Räume; die zusätzlich in die Blattfläche tief eingesenkten Spaltöffnungen verhindern eine zu große Verdunstung. Dadurch daß sich der bis zu 100 Jahre alt werdende Strauch flach auf den Boden duckt, schafft er sich und seinen wurzelbewohnenden Symbionten zusätzlich ein angenehmes Kleinklima.

 

Einige Anpassungsstrategien

  • Gedrungener Wuchs bzw. Zwergwuchs

  • Überwinterung mit grünen Blättern und Anlage von Blütenknospen im Vorjahr sowie Speicherung von Nährstoffen in den Wurzeln und anderen unterirdischen Organen

  • Triebe oft zu Polstern zusammengezogen oder Blätter als Rosette ausgebildet, Rasenbildung

  • große Stoffwechselamplitude (von -8 bis 45°C), geringer Nährstoffbedarf

  • dicke Epidermis und Pigmenteinlagerung (zum Schutz vor Verdunstung und erhöhter UV-Strahlung)

  • dicke, schwer wasserdurchlässige Rinde (Frostschutz)

  • umfangreiches, weitstreichendes Wurzelwerk

  • Wasseraufnahme auch durch Blätter möglich

  • Vermehrung vegetativ und durch Selbstbestäubung

Pflanzen der Kalkalpen

Vorkommen von Kalkgesteinen in den Alpen: Kalk- oder karbonathaltige Gesteine herrschen in den nördlichen und südlichen Randalpen vor. Sie werden daher auch als Kalkalpen bezeichnet. Im Gegensatz dazu besitzt das Zentralmassiv, die inneren Alpen, vorwiegend Urgesteinsböden mit einer eher sauren Bodenreaktion.

Typische Lebensformen der Pflanzen in den Alpen sind Spaliersträucher (Zweige dem Boden angedrückt, kriechend), Polsterpflanzen und Rosettenpflanzen.

Globularia nudicaulis

Globularia nudicaulis, die Nacktstengelige Kugelblume, ist eine kalkstete Art aus den Gebirgen Südwest- und Mitteleuropas.

Typische Pflanzen der Kalkalpen mit ihren Pflanzengesellschaften
  • Zwergstrauchheiden
    Behaarte Alpenrose (Rhododendron hirsutum)
    Alpen-Seidelbast (Daphne alpina)
    Alpen-Waldrebe (Clematis alpina)
    Schneeheide (Erica carnea)
    Türkenbund-Lilie (Lilium martagon)

  • Rasengesellschaften
    Polstersegge (Carex firma)
    Alpen-Küchenschelle (Pulsatilla alpina)
    Alpen-Sonnenröschen (Helianthemum alpestre)
    Enziane (Gentiana spec.)
    Edelweiß (Leontopodium alpinum)
    Nelken (Dianthus spec.)

  • Fels- und Schutthaldenvegetation
    Aurikel (Primula auricula)
    Steinbrech (Saxifraga spec.)
    Stengelloses Leimkraut (Silene acaulis)
    Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia)
    Hahnenfuß (Ranunculus spec.)

Pflanzen der Hochgebirge aus Silikat-Gestein
In Europa bestehen zentrale Gebirgsketten der Alpen und der Pyrenäen aus kristallinem Urgestein. Dieser silikatische Untergrund besitzt im Gegensatz zum Kalk eine deutlich saure Bodenreaktion und trocknet nicht so schnell aus.
Typische Pflanzen aus silikatischen Hochgebirgen mit ihren Pflanzengesellschaften
  • Zwergstrauchheiden
    Rostrote Alpenrose (Rhododendron ferrugineum)
    Immergrüne Beerentraube (Arctostaphylos uva-ursi)
    Zwerg-Birke (Betula nana)

  • Rasengesellschaften
    Borstgras (Nardus stricta)
    Krumm-Segge (Carex curvula)
    Behaarte Primel (Primula hirsuta)
    Stengelloser Enzian (Gentiana acaulis)
    Pyrenäen-Aster (Aster pyrenaeus)
    Pyrenäen-Fingerkraut (Potentilla pyrenaica)

  • Fels- und Schutthaldenvegetation
    Hauswurz (Sempervivum spec.)
    Steinbrech (Saxifraga spec.)
    Felsenteller (Ramonda myconi)


 

  Dr. Martin Nickol M.A., FLS 06. Mai 2015 © Bilder: Dr. Martin Nickol