Botanischer Garten Kiel Botanischer Garten Kiel  

der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Pflanzennamen und Etiketten

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Etikette Botanischer Garten Kiel

Keine Pflanzenart ohne Dokumentation - das ist ein Grundsatz in wissenschaftlichen Pflanzensammlungen

Pflanzen mit Etikette(n)

In einem Botanischen Garten mit seinen wissenschaftlichen Pflanzensammlungen tragen alle Pflanzen ein Label oder Etikett. Darauf befinden sich die wichtigsten Informationen, damit jeder sofort weiß, um welche Pflanze es sich handelt. 

Etikett Punica granatum Botanischer Garten Kiel
Punica granatum erhält ein neu gefrästes Schild. Oben links steht der Familienname (Punicaceae), oben rechts ist die Akzessionsnummer unseres Pflanzenbestandes zu erkennen, die mit der Pflanze noch strenger verbunden ist, als der Name, der sich aufgrund neuer Erkentnisse ändern könnte. In der Mitte steht der Artname samt Autor, unten links der deutsche Name oder, sofern bekannt, der Name im Herkunftsland der Pflanze und unten rechts finden die geographischen Angaben zum Verbreitungsgebiet der Pflanzenart Platz. Die Abkürzung "L." steht für den Botaniker Carl von Linné. Er ist der sogenannte nomenklatorische Autor und hat Punica granatum als Erster benannt und beschrieben. Die Art und Weise, wie die Autorennamen abgekürzt werden, ist in einer standardisierten Liste festgelegt und kann so weltweit einheitlich gehandhabt werden.
 

Welche Informationen befinden sich auf den Etiketten?

Das Pflanzenetikett ist als „Informationsträger“ ein unentbehrlicher Bestandteil in den Sammlungen Botanischer Gärten. Im Botanischen Garten Kiel enthält jedes Etikett einige Mindestangaben, der inhaltliche Aufbau ist weitgehend gleich, doch variieren die zusätzlichen Angaben je nach Pflanzenart und deren Verbreitung. Einzig im Garten für Linné sind die Autorennamen alle ausgeschrieben, um das historische Verständnis zu fördern. Die wissenschaftlichen Namen, zumeist aus lateinischen und griechischen Benennungen hergeleitet oder sonst latinisiert, ermöglichen eine einfache internationale Verständigung. Dieser botanische Name ist der Schlüssel für das Identifizieren der Art, egal, ob in einer wissenschaftlichen Sammlung, in der publizierten Literatur, im Internet, bei der Bestellung in einer Gärtnerei oder dem Nachschlagen in einem verläßlichen Gartenbuch. Jeder sei also ermuntert, die botanische Benennung seiner Lieblingspflanzen zu erlernen. Und nebenbei bemerkt: Diese Namen verraten einiges über die Eigenschaften, das Herkommen oder die Einführungsgeschichte der Pflanzen. Der Artname setzt sich grundsätzlich aus zwei Teilnamen zusammen, den ersten für die Gattung und den zweiten für die spezifische Art. Letzteren nennt man das Epitheton. Das Beispiel der Japanischen Zaubernuß ist Hamamelis japonica. Allerdings fehlt dem Artnamen dann noch etwas, nämlich der Autor.
In diesem Fall sind das gleich zwei Autoren, Philipp Franz von SIEBOLD (1796-1866) und Joseph Gerhard ZUCCARINI (1797-1848), die 1843 in den Abhandlungen der Münchner Akademie, IV, II, Seite 193 die Diagnose und Erstbeschreibung der Japanischen Zaubernuß veröffentlicht haben. Deshalb heißt sie vollständig: Hamamelis japonica Siebold & Zucc.
Unsere Besucher haben die Gelegenheit, Tausende von Pflanzenarten auf diese einfache Weise kennenzulernen.
 
Wie sind Etiketten zu lesen ?

Im Garten sind alle Pflanzenarten, jedoch nicht alle Individuen (machen Sie das mal bei den Gänseblümchen!) beschildert oder, wie wir im Garten sagen, etikettiert. Dadurch erfahren Sie nicht nur den wissenschaftlichen Namen, sondern ein ganze Menge mehr. Das können wir uns genauer ansehen.

Sie sehen zum Beispiel folgendes Etikett:

Ferocactus Etikett mit Erklaerung

Mit roter Schrift sind die Erklärungen eingetragen.

Helleborus Kiel

  1. Da ist zunächst der wissenschaftliche Name; er besteht aus zwei Wörtern: Ferocactus wislizeni. Damit ist der Kaktus eindeutig benannt und von anderen Ferocactus-Arten unterschieden. Das erste Wort bezeichnet die Gattung Ferocactus, deren Name sich vom lateinischen Adjektiv „ferus“ für wild, ungezähmt ableitet und auf die kräftige Bedornung einiger Arten verweist; mit der Doppelbennung Ferocactus wislizeni wird die Art erfaßt. Mit diesem Epitheton ist die Art Frederick Adolf Wislizenus (1810-1889) gewidmet, einem deutschen Militärarzt, Botaniker, Pflanzenjäger und Entdecker, der nach St. Louis ausgewandert war und mit dem Botaniker George Engelmann zusammenarbeitete. Eine Art wird immer mit einem Doppelnamen benannt.
  2. Hinter der Artbezeichnung finden Sie einen weiteren, zunächst entbehrlich erscheinenden Namen: Engelm.; er steht für George Engelmann und bedeutet, daß dieser Forscher den Kaktus erstmals wissenschaftlich beschrieben hat. Allerdings gab er ihm den Namen Echinocactus wislizeni, stellte ihn also in eine andere Gattung. Nathaniel Lord Britton und Joseph Nelson Rose stellten die Art 1922 in die Gattung Ferocactus. Daher kommt Engelmann in Klammern und die Autorenkürzel Britt. et Rose stehen hinter der Angabe. Wenn man nun aus der Lebensgeschichte Engelmanns weiß, daß er zu den ersten Ärzten gehörte, die Chinin gegen Malaria einsetzten, daß er der Begründer der amerikanischen Kakteenkunde ist und beim Aufbau des Missouri Botanical Garden mithalf, gewinnt diese kleine Angabe an Leben. Britton war der erste Direktor des New York Botanical Garden, Rose Präsident mehrerer botanischer Gesellschaften und Botaniker an der Smithonian Institution in Washington. Er besuchte 1912 das Universitätsherbarium Kiel. Unsere Etiketten verknüpfen mit dem Namen der „Autoren“, so werden die Beschreiber der Pflanzen genannt, also eine Menge Geschichte.
  3. Sofern die Pflanzen einen haben, enthalten die Etiketten auch deutsche Pflanzennamen. Wir lehnen aber ab, solche zu erfinden. Im Falle des in Nordamerika heimischen Kaktus gibt es einen weithin verwendeten englischen Vernakulärnamen, der sich entsprechend auf dem Etikett wiederfindet, Fishhook Barrel Cactus. Das Barrel, also Faß, kennen wir als Handelsmaßeinheit des Rohöls; der Kaktus hat als erwachsenes Lebewesen Faßgestalt. Die Angelhaken hingegen sind seine gebogenen Dornen.
  4. Hinter dem nächsten Begriff Cactaceae, in diesem Fall nicht schwer zu erraten (Kakteengewächse), verbirgt sich ungemein reichhaltige Information, welche die wesentlichen Eigenschaften einer größeren Verwandtschaft, der Familie, zusammenfaßt. Den Familiennamen erkennen Sie immer an der Endung -aceae des Wortes. Es gibt nur wenige Ausnahmen im Botanischen Code der Nomenklatur, die etwa die Cruciferae (Kreuzblütler, mit Zweitnamen auch Brassicaceae), Palmae (Palmen, auch Arecaceae), Gramineae (Süßgräser, auch Poaceae), Umbelliferae (Doldenblüter, auch Apiaceae) oder Labiatae (Lippenblütler, auch Lamiaceae) betreffen.
  5. Schließlich enthalten die Etiketten noch Angaben zur natürlichen Verbreitung der Art. Unser Kaktus kommt in den südwestlichen USA und Nordmexiko vor. Ganz genau im südlichen Arizona, im südlichen Neumexiko, im El Paso County in Texas und in der nördlichen Sonora und in Chihuahua - Angaben, die zu detailliert für ein Pflanzenetikett wären, so daß hier die grobere Geographie genannt ist.
 
Welwitschia Etikett Rote Liste
Welwitschia mirabilis ist eine von vielen Hundert bedrohten Pflanzenarten, die im Botanischen Garten Kiel in Kultur sind.
 
Viele Informationen auf engem Raum

Auf unsere Etiketten passen noch viel mehr Informationen. Gibt es bei einer Art weitere Unterteilungen, so findet sich hinter dem Epitheton (dem Art-Beinamen) der Name der Unterart (= „subspecies“, abgekürzt „subsp.“) oder Varietät („varietas“, abgekürzt „var.“). Kultivare kürzen wir mit „cv.“ ab, Kreuzungen (= Hybriden) mit „hybr.“.

Für sehr viele unserer Pflanzen gibt es keinen deutschen Namen. Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich oft schon bei einheimischen Gewächsen: haben doch manche Pflanzenarten, die entsprechend weit verbreitet sind, oft sehr viele verschiedene deutsche Namen. Gerade die Vielfalt der Volksnamen („Vernakulär-Namen“) hat ja dazu genötigt, daß die wissenschaftliche Bezeichnung der Pflanzen jeweils durch einen einzigen, international einheitlichen Namen erfolgt. Der deutsche Name ist also kein obligatorischer Bestandteil des Etiketts.

Nach einer aktuellen Zählung sind vier Fünftel aller Pflanzenarten, die wir kennen, die also wissenschaftlich beschrieben sind und deshalb einen botanischen Namen tragen, in ihrem Bestand bedroht. Sie stehen in den Roten Listen der einzelnen Staaten, in denen die gefährdeten Organismen aufgelistet werden. Im Botanischen Garten Kiel betreiben wir aktiv Arterhaltung, sowohl von heimischen, als auch von fremdländischen Arten. Um unsere Besucher über die Gefährdung vieler Arten zu informieren, ist am Etikettenhalter noch die Zusatzinformation „Art der Roten Liste“ zu sehen - wie oben am Beispiel der Welwitschie gezeigt. In der Blütenbiologischen und Ausbreitungsökologischen Abteilung ist an derselben Stelle die Angabe über Besonderheiten im Bestäubungsgeschehen oder der Samenausbreitung vermerkt.


 

  Dr. Martin Nickol M.A., FLS 31. Dezember 2010 © Bilder: Dr. Martin Nickol