Im Victoriahaus des Botanischen Gartens Kiel sind tropische Wasserpflanzen zusammen mit der wichtigen Vegetationseinheit der küstenbefestigenden Mangroven zu sehen. Darüber hinaus birgt dieses Schauhaus auch weltwirtschaftlich bedeutende Nutzpflanzen wie die Kokospalme, das Zuckerrohr (nebst Zuckerpalme), Reis, Papayas, Taro u.a. Auf den Wasserflächen der Sumpfbecken schwimmen verschiedene Wasserpflanzen, z. B. der Wassersalat (Pistia stratiotes, Familie Aronstabgewächse), eine pantropische Wasserpflanze mit freischwimmenden Blattrosetten. Die aus dem tropischen Amerika stammende Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes) bildet ebenfalls frei schwimmende Teppiche und ist nach ihrer Einbürgerung in anderen Regionen der Erde zum Problem geworden, weil sie bei Massenauftreten auf Kanälen den Bootsverkehr behindert. Zu den Farnpflanzen gehören die ebenfalls freischwimmenden Pflanzen der Gattungen Salvinia und Azolla.
Außer Sumpf- und Wasserpflanzen haben sich zahlreiche Pflanzen zu Schwimmpflanzen entwickelt. Sie erschließen sich so einen Lebensraum, der den fest wurzelnden Pflanzen verwehrt bleibt. Die unterschiedlichsten Möglichkeiten des Schwimmens sind hier verwirklicht. Einige bilden ein schwammiges, luftgefülltes Gewebe, um Auftrieb im Wasser zu gewinnen. Bei der Wasserhyazinthe Eichhornia crassipes, sind es die Blattstiele, die als Schwimmkörper dienen, wie auch bei dem gelegentlich schwimmenden Farn Ceratopteris. Bei Neptunia oleracea sind die Sprosse und bei Ludwigia helminthorrhiza die Wurzeln eigens dafür umgebildet. Andere Schwimmpflanzen besitzen stark wasserabstoßende Blattoberflächen, wie die Gattungen Azolla und Salvinia sowie der Wassersalat Pistia stratiotes, hervorgerufen durch dichte und samtige Behaarung. Stattliche Sumpfpflanzen hier im Victoriahaus sind hingegen das großblättrigen Aronstabgewächse Typhonodorum lindleyanum aus Madagaskar oder der echte Papyrus (Cyperus papyrus), der im Vorderen Orient schon im Altertum zur Herstellung von Papier verwendet wurde.
Schlingpflanzen wuchern im Sommerhalbjahr bis unter das Glasdach. Zu den Kürbisgewächsen gehören die Balsambirne (Momordica charantia) mit unscheinbaren Blüten, aber warzigen, innen leuchtend orangeroten Früchten und die Schlangenhaargurke (Trichosanthes cucumerina). Regelmäßig blühen hier Exemplare der echten Mimose oder Sinnpflanze (Mimosa pudica) und ihrer verwandten, gelb blühenden Neptunia oleracea. Bei leichter Berührung falten die Mimosen ihre grazilen Blattfiedern zusammen, bei starker Erschütterung werden sogar die ganzen Blattspreiten und die Blattstiele hinuntergeklappt. Ihre für Pflanzen schnelle Erregungsleitung und Bewegungsfähigkeit ist eines der Schulbeispiele für nicht wachstumsbedingte Bewegung im Pflanzenreich.
Die Riesenseerose Victoria
Einer der Hauptanziehungspunkte des Gartens sind die Riesenseerosen der Gattung Victoria und weitere Seerosengewächsen wie Nymphaea lotus, der blauen Blume vom Nil. Ein Warmhaus mit einem Wasserbecken mit einem Exemplar der berühmten, nach der Königin Victoria von England benannten Amazonas-Riesenseerose gehört zum Stolz jedes größeren Botanischen Gartens. Soweit Samen beider weötweit existierender Arten selbst geerntet werden können oder von anderen Gärten zu bekommen sind, werden abwechselnd Victoria amazonica vom Amazonas und Orinoco und Victoria cruziana vom Parana-Flußgebiet gezeigt. Etwa fünf Monate dauert die Entwicklung vom Samenkorn bis zur ausgewachsenen Pflanze mit den kuchenblechförmigen, auf der Unterseite gerippten und bestachelten Schwimmblättern, die bei uns im Sommer über zwei Meter Durchmesser erreichen. Die großen Blüten erscheinen regelmäßig. Der Botanische Garten Kiel zählt zu den wenigen, denen es gelingt, die Victoria-Pflanzen auch über den Winter hindurch zu erhalten und dies sogar blühend!

Die Victoria gehört zu den imposantesten Wasserpflanzen: sie ist ja auch nach einer großen Königin benannt (Königin Victoria von England, 1819 - 1901). Entdeckt hat sie 1801 der Botaniker Thaddeus Haenke auf einer Forschungsreise ins Amazonasgebiet. Alles an der Victoria ist außergewöhnlich: ihre riesigen Schwimmblätter, die in ihrer tropischen Heimat einen Durchmesser von 3 m erreichen und bis zu 70 kg tragen können. Die Unterseite des Blattes ist dafür gut ausgerüstet. Zwischen den kräftigen Blattnerven, der Blattunterseite und der Wasseroberfläche bilden sich große Luftblasen, auf denen das Riesenblatt wie auf Luftkissen schwimmt. Zusätzlichen Schutz gegen Tierfraß (Fische und Seekühe) geben starke Stacheln. Die Blätter haben einen etwa 6 cm hohen Rand mit zwei gegenüber liegenden Einschnitten. So kann bei heftigen Bewegungen der Rand nicht einreißen, die Blätter sich nicht übereinander schieben und bei Regengüssen das Wasser leicht abfließen. Außerdem ist das Blattgewebe an vielen Stellen von senkrechten Röhrchen (Stomatoden) durchzogen, die das Wasser kapillar zur Unterseite ableiten.
Die Blüte zeigt ihre Pracht nur an zwei Tagen. Am frühen Abend erblüht sie weiß, verströmt einen leicht vanilligen Ananasgeruch und ist im Inneren um 10°C wärmer als ihre Umgebung. Diese Wärme, die Blütenfarbe und der Duft locken Käfer an. Am Morgen schließt sich die Blüte und wird zur Zwangsherberge. Ein stärkehaltiges schwammiges Gewebe an den Fruchtblättern bietet jedoch den Gästen reichlich Nahrung. Erst am Abend des zweiten Tages öffnet sich die Blüte wieder, diesmal kräftig rosarot und duftlos. Kurz vorm Öffnen werden die Käfer mit Pollen beladen, den sie zur nächsten weißen duftenden Blüte tragen. Die bestäubte Blüte sinkt zum Grunde des Wassers. Das Leben aber geht weiter, dort entwickeln sich die Samen. Die reifen Samen werden von den Indianern zu Mehl verarbeitet, aus dem wegen seines guten Geschmacks Gebäck hergestellt wird.
An der Brücke über das Victoriabecken, von der aus man gut die rosettenartige Blattstellung bei Victoria und die Größe der Blätter beobachten kann, stehen ferner Pflanzen der Gattung Nelumbo. Die rosa bis weißblühende Indische Lotosblume (Nelumbo nucifera) ist altweltlicher Herkunft. Verholzende Lianen wie Aristolochia gigantea oder Clerodendrum speciosissimum und C. thomsoniae ranken bis unter das Gewächshausdach. Im Sommerhalbjahr ist hier die großblütige, aber äußerst übelriechende Aristolochia grandiflora zu finden, welche Fliegen im Dienste der Bestäubung für eine Weile festhält. Hinter dem Victoriabecken erheben sich die mächtigen Aronstabgewächse der Tropen.
Aquarien im Mediterranhaus
Ergänzend zu den Wasserpflanzen des Victoriahauses gibt es die Aquarien im Mediterranhaus. Die Wasserpflanzenbecken (Aquarien) ergänzen das Sumpf- und Wasserpflanzenhaus, in dem untergetauchte Pflanzen weniger gut darstellbar sind als in Aquarien. Die Zierfische, Garnelen und Schnecken in diesen Aquarien beleben zwar das Bild ungemein und helfen zum Teil bei der Sauberhaltung der Glasscheiben, doch gilt das Augenmerk bei der Gestaltung ganz den Pflanzenarten, unter denen besonders Vertreter der typischen Wasserpflanzen-Familien Hydrocharitaceae (Gattung Vallisneria) und Alismataceae (Gattung Echinodorus) zahlreich vorhanden sind. Von Familien und Gattungen mit Land- und Wasserpflanzen sind untergetauchte Araceen (Cryptocoryne) und Amaryllidaceen (Crinum) vertreten. An die fein zerteilten Blätter des Tausendblattes (Myriophyllum) erinnern Doppelgänger aus anderen Familien mit feinzerteilten Unterwasserblättern wie Limnophila und Hydrotriche (Scrophulariaceae). Weitere untergetaucht wachsende Pflanzen anderer Familien (z.B. Acanthaceae, Aponogetonaceae, Lythraceae) sind hier ebenfalls vertreten. |