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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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Die Kieler Soziologie im NS-Staat



In den Dreißiger Jahren emigrierten zwei Drittel der deutschen Soziologen, und ein Teil der soziologischen Fachzeitschriften stellte 1933 ihr Erscheinen ein. Darauf ist die Legende zurückzuführen, dass im NS-Staat die Soziologie nicht existiert habe. Dem wird heute jedoch ebenso widersprochen wie dem Mythos, dass das Fach an den nationalsozialistischen Universitäten "ausstarb". Es wurden in den späten Dreißiger Jahren gar neue Professuren eingerichtet. Für einige Soziologen versprach die "Machtergreifung" eine Umorientierung ihres Faches.

An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurde erst 1954 ein Institut für Soziologie und Politische Wissenschaft eingerichtet. Das Fach Soziologie hatte zuvor von 1929 bis 1936 und erneut ab 1951 den Status eines Seminars innerhalb der Philosophischen Fakultät inne. In der Zwischenzeit, also von 1936 bis 1951, wurden soziologische Inhalte in verschiedenen Fachbereichen gelehrt. Zu diesen gehörten beispielsweise die wirtschaftlichen Staatswissenschaften, Philosophie, Völkerrecht und Pädagogik. In den Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahren wurde das Fach unter anderem von Ferdinand Tönnies (nur bis 1933), Rudolf Heberle, Ludwig Heyde sowie Gerhard Mackenroth an der Wirtschafts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät vertreten. An der Philosophischen Fakultät lehrten unter anderem Hans Freyer und Cay Baron von Brockdorff soziologische Themen.

Die genannten Fachvertreter nahmen dem Nationalsozialismus gegenüber unterschiedliche Haltungen ein: Der Sozialdemokrat Ferdinand Tönnies wandte sich wiederholt entschieden gegen das Regime und den "Gernegroß" (so Tönnies) Adolf Hitler und wurde 1933 aus "politischen Gründen" entlassen. Sein Schwiegersohn Rudolf Heberle übte schon seit den Zwanziger Jahren Kritik am völkischen Gedankengut. Im Februar 1938 stellte Heberle einen Antrag auf Beurlaubung, um seiner Entlassung zuvorzukommen. Trotz seiner Kritik am NS-Regime hatte er bis dahin versucht, seine Sozialforschung in Deutschland fortzuführen. Er bezeichnete seinen Eintritt in die SA im Dezember 1933 später als einzige Alternative zur Emigration und seine Mitgliedschaft als ein "gewisses Mass [sic] von Tarnung für die intellektuelle Bekämpfung des Nationalsozialismus".

Die Position von Cay Baron von Brockdorff, seit 1910 Mitglied des Lehrkörpers an der Kieler Universität, ist weniger klar dokumentiert. Von Brockdorff wurde 1921 außerordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik. Er war national und konservativ eingestellt und Mitglied der NSDAP. Der "Gaudozentenbundsführer" Hanns Löhr sprach sich 1936 in folgender Weise für den Hochschullehrer aus: "Professor Brockdorff ist alter Deutschnationaler [...]. Es bestehen keine Bedenken gegen eine Studienreise [...] nach England, auch nicht gegen einen Vortrag [...] in Paris." Von Brockdorffs wissenschaftliche Arbeiten zeigten jedoch keine Affinität zum nationalsozialistischen Gedankengut, sondern vielmehr eine geistige Nähe zu Tönnies. Mit diesem verband ihn außerdem ein freundschaftliches Verhältnis.

Anders als Tönnies und Heberle stellten sich die Soziologen Freyer, Mackenroth und Heyde öffentlich hinter den Nationalsozialismus. So gehörten Freyer und Mackenroth beispielsweise zu den Unterzeichnern des "Bekenntnis der Professoren an deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat" vom März 1933. Sie traten somit schon früh öffentlich für das NS-Regime ein.

Freyer war zur Zeit der Machtergreifung nicht mehr in Kiel tätig. In den Jahren 1923 bis 1925 hatte er hier jedoch Philosophie gelehrt und sein Buch "Der Staat" (1925) vorbereitet. In diesem und in seinen späteren Schriften sprach er sich für einen völkischen Staat und einen "Führer" aus, "auf dessen Person alle einzelnen Volksgenossen durch eine geheime Linie bezogen sind, dessen Wille auf alle ausstrahlt, dessen Bild die ganze Jugend prägt."

Mackenroth, der seit 1934 als außerordentlicher Professor in Kiel lehrte, trat frühzeitig der NSDAP bei. Die nationalsozialistische Führung hielt ihn "in jeder Hinsicht, menschlich, politisch und nach seinen Auslandserfahrungen [für] geeignet, die Universität im Auslande zu vertreten", wie es in einem Schreiben an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1936 hieß. Im Jahre 1940 wurde Mackenroth außerordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität. Nach einer Berufung an die Universität Straßburg 1942 kehrte er 1945 nach Kiel zurück. Im folgenden Jahr nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf und wurde 1948 Ordinarius für Soziologie, Sozialwissenschaft und Statistik. Auf Mackenroths Initiative hin wurde 1951 das Seminar für Soziologie gegründet, dessen Leitung er übernahm.

Heyde lehrte seit 1924 in Kiel. In seinen Schriften propagierte er die nationalsozialistische Arbeitserziehung und das Prinzip von Führertum und Gefolgschaft. Außerdem forderte er die Senkung von "Soziallasten" nicht nur durch "weitschauende Wirtschaftsplanung", sondern auch durch "Erziehung zur Rassenhygiene", "Verhütung erbkranken Nachwuchses" und "Sicherheitsverwahrung gegen asoziale Elemente". Den NS-Propagandaapparat rechtfertigte Heyde als Mittel zur Festigung des "Glauben[s] an die Genialität und die Kraft der Führung". Bis zum Wintersemester 1945/46 verblieb Heyde an der Kieler Universität. Nach einer zweijährigen Pause wurde er 1948 an die Universität Köln berufen, wo er später Direktor des Seminars für Sozialpolitik wurde.
sas


Literaturangaben

Schroeter, Klaus R.: Zwischen Anpassung und Widerstand. Anmerkungen zur Kieler Soziologie im Nationalsozialismus. In: Prahl, Hans-Werner (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus, Bd. 1. Kiel 1995, S. 275-335.



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