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Theologie und Diktatur


Amtsenthebung oder glänzende Karriere – zwei unterschiedliche Lebensläufe an der Theologischen Fakultät unter der NS-Diktatur


Beide Wissenschaftler waren Mitte dreißig, als sie ihr Ordinariat an der Theologischen Fakultät der Universität Kiel antraten: Kurt Dietrich Schmidt (1896-1964) übernahm zum Wintersemester 1929/30 die Professur für Kirchengeschichte, Martin Redeker (1900-1970) wurde 1936 auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie berufen. Aber während Schmidts Karriere durch die Amtsenthebung im Jahr 1935 einen Bruch erlitt, konnte Redeker durchstarten. Er behielt seinen Lehrstuhl und konnte auch nach Kriegsende weiter in Kiel lehren und forschen. Erst in den letzten Semestern seiner Tätigkeit kam es wegen seiner politischen Haltung während der NS-Zeit zu Auseinandersetzungen zwischen Studentengruppen und der Fakultät. 1969 wurde Redeker emeritiert, 1970 starb er.

Der Kieler Historiker Hansjörg Buss hat sich intensiv mit Redeker befasst. Für das "lokale Fenster" der Wanderausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945", die im zuletzt im Landeshaus Kiel zu sehen war, hat er Dokumente zusammengetragen, die Redekers antisemitische Einstellung und sein Eintreten für den Nationalsozialismus belegen. In der Veröffentlichung zur Ausstellung schreibt Buss: "Martin Redeker hatte sich bereits 1933 für die westfälischen Deutschen Christen (DC) engagiert. Seine Predigten sind von der inhaltlichen und sprachlichen Anlehnung an den Nationalsozialismus und einem aggressiven Antisemitismus gekennzeichnet." Redeker war Mitglied des im Mai 1939 gegründeten "Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" in Eisenach.

Seine Berufung an die Kieler Universität erfolgte im Zuge der nationalsozialistischen Umgestaltung der Theologischen Fakultät. Nach dem Willen des Reichswissenschaftsministeriums sollte die Fakultät durch Neu- und Umbesetzungen der Lehrstühle so ausgebaut werden, dass sie, so der entsprechende Erlass an den Rektor der Kieler Universität, "die Gewähr für eine weltanschauliche und nationalpolitische Erziehung und Ausbildung der Theologiestudierenden bietet." Der personelle Umbau war gründlich: 1935/36 wurde die beamtete Professorenschaft der Fakultät durch Entpflichtung, Versetzung und Berufung nach auswärts vollständig entfernt, zusätzlich wurde zwei Privatdozenten die Lehrbefugnis entzogen. Auch Redekers Vorgänger, der liberale Theologe Professor Hermann Mulert, wurde aus politischen Gründen 1935 zwangsweise in den Ruhestand versetzt.

Dass Redeker die Professur annahm, obwohl sein Vorgänger aus dem Dienst entfernt wurde, sollte man ihm nicht vorwerfen, meint Professor Johannes Schilling vom Institut für Kirchengeschichte. "Die Professur abzulehnen, erfordert schon ein hohes Maß an moralischer Kraft, die man von einem jungen Wissenschaftler in dieser Situation kaum erwarten kann, er hatte eine Stelle." Gleichwohl muss Redeker klar gewesen sein, was von ihm erwartet wurde: Die Theologie sollte den staatlichen Interessen dienstbar gemacht werden. Er passte sich an. "Er war der Überzeugung, Religion und Kirche sollten ein Teil der allgemeinen Kulturentwicklung sein", so Schilling.

Der Kirchenhistoriker Kurt Dietrich Schmidt dagegen vertrat die klassische lutherische Position, wonach Staat und Kirche unterschieden bleiben müssen. Schilling: "Gott wirkt auf zweierlei Weise, zum einen in der Kirche, durch das Evangelium, und zum anderen in der Welt, durch die weltlichen Gesetze. Die Unterscheidung der zwei Bereiche impliziert auch unterschiedliche Zuständigkeiten." Sprich: Der Staat hat sich in Glaubensinhalte und Kirchenverfassung nicht einzumischen. Mit dieser Position widersprach Schmidt dem Totalitätsanspruch der nationalsozialistischen Ideologie. "Schmidt hat sich in diesem Fall ganz klar für die Haltung, 'Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29)' entschieden. Diese Haltung führte dann auch zu seiner Entlassung", so Schilling.

Nach dem zwangsweise herbeigeführten einstweiligen Ende seiner universitären Laufbahn war er bis zum Ende der nationalsozialistischen Zeit auf einer Dozentenstelle am lutherischen Missionsseminar in Hermannsburg in der Lüneburger Heide tätig. Seine Karriere als Hochschullehrer setzte sich nach Kriegsende in Hamburg, zunächst an der Kirchlichen Hochschule und seit 1953 als ordentlicher Professor an der neu gegründeten Theologischen Fakultät der dortigen Universität fort. Schmidt starb 1964 in Hamburg.

Die Karriere des an die NS-Ideologie angepassten Theologen verlief anders. Nachdem der Lehrbetrieb an der Theologischen Fakultät 1941/42 faktisch zum Erliegen gekommen war, übernahm Redeker im Sommer 1942 ein Militärpfarramt. Nach Kriegsende nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf, war kurzfristig Dekan der Fakultät und wurde im Dezember 1955 mit knapper Mehrheit zum Rektor der Kieler Universität gewählt. Er verzichtete aber auf das Amt, nachdem er wegen antisemitischer Äußerungen in die Kritik geraten war. In den Jahren 1954 bis 1967 nahm Redeker parallel zu seiner akademischen Laufbahn eine politische Karriere als Landtagsabgeordneter der CDU. Er gehörte unter anderem dem Bundesvorstand des evangelischen Arbeitskreises der CDU an. "Redeker hat sich auch um die Fakultät verdient gemacht", erklärt Schilling. So hat er das Kieler Kloster als evangelisches Studentenheim wieder aufgebaut. Sein größtes wissenschaftliches Verdienst ist die Schleiermacher- Forschung, die im Dezember 1967 zur Gründung der Schleiermacher-Forschungsstelle führte.

Kurt Dietrich Schmidt dagegen hat bei der Neukonstituierung der evangelischen Kirchengeschichtswissenschaft nach 1945 eine bedeutende Rolle gespielt. Sein 1949 erstmals erschienenes Lehrbuch "Grundriss der Kirchengeschichte" prägte lange Zeit die Vorstellung von dieser theologischen Disziplin. Nach Kriegsende hat Schmidt entscheidend dazu beigetragen, die Geschichte der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus als Gegenstand evangelischer Kirchengeschichtswissenschaft zu etablieren. "Wie die Lebensläufe zeigen, konnte eine klare theologische Option, insbesondere in schwierigen Zeiten, der Wahrheitsfindung dienen", resümiert Schilling. "Karriere, Erfolg und wissenschaftliche Bedeutung sind zu unterscheiden."
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Aus: Unizeit Nr. 36, S. 4, www.uni-kiel.de/unizeit/uz-36/index.shtml


Literaturangaben

Göhres, Annette und Liß-Walther, Joachim (Hrsg.): Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945. Die Ausstellung im Landtag 2005 (Schriftenreihe des Schleswig-Holsteinischen Landtages, 7). Kiel 2006.



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