Suchen Sitemap Kontakt Impressum | Schüler + Studieninteressenten | Wirtschaft | Presse | Alumni + UG | CAU Intern

Zur Startseite

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Universität Kiel und Nationalsozialismus

Nationalsozialismus

Machtergreifung

Philosophische Fakultät

Volkskunde

Lehrerbildung

Vertriebene Wissenschaftler

Aufarbeitung

Weitere Arbeiten

Hinweise

zur Druckfassung


Die Kieler Volkskunde 1933-1945



Die deutsche Volkskunde hielt der Moderne traditionell konservative Werte, historische Kontinuität und Mythos entgegen. Dementsprechend fand die Mehrheit der Volkskundler ihre Ideen in der nationalsozialistischen Ideologie wieder. Andersherum ließ sich die Volkskunde durch übereinstimmende Begrifflichkeiten wie "Volksgemeinschaft" oder "Germanentum" leicht für die Sache der Nationalsozialisten instrumentalisieren.

Schon vor dem "Dritten Reich" gab es in Schleswig-Holstein Heimat- und Volkstumsvereine, die eine seit Mitte des 19. Jahrhunderts populäre Volks- und Heimatbewegung trugen. Nach 1933 wurden diese Vereine gleichgeschaltet und zwei konkurrierenden kulturpolitischen NS-Organisationen unterstellt: dem "Kampfbund für deutsche Kultur" (ab 1934 "NS-Kulturgemeinde") unter Alfred Rosenberg und der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF). Auf wissenschaftlicher Ebene waren ab 1934/35 drei weitere NS-Organisationen mit der Volkskunde befasst: das "Amt Rosenberg" (eine Dienststelle des "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP"), die "Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte Deutsches Ahnenerbe e.V." unter SS-Reichsführer Heinrich Himmler und das "Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands" (RI). Die Rivalität dieser Gruppierungen wirkte sich auch auf einzelne akademische Karrieren aus – je nachdem, welcher Richtung ein Wissenschaftler nahe stand und welche in der Politik gerade dominierte.

An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurde erst Mitte der Sechziger Jahre ein Institut für Volkskunde (heute mit dem Zusatz Europäische Ethnologie) eingerichtet. Davor wurden volkskundliche Themen von anderen Fachrichtungen – vor allem der Germanistik – behandelt. Während des NS-Regimes waren daher Germanisten (Otto Mensing, Gustav Friedrich Meyer, Otto Höfler, Kurt Ranke, Walther Steller), Juristen (Eugen Wohlhaupter), Kunsthistoriker (Ernst Schlee, Alfred Kamphausen), Geographen (Hans Schwalm) und andere im Gebiet der Volkskunde tätig.

Von den genannten galt nur Wohlhaupter den Nationalsozialisten als "politisch unzuverlässig", da er dem politischen Katholizismus angehörte. Daher wurde er trotz seines Eintritts in die NSDAP 1937 nicht zum Ordinarius ernannt. Aufgrund seiner fachlichen Leistungen wurde er jedoch am Institut geduldet.

Die anderen aufgeführten Kieler Volkskundler haben die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenem Ausmaß begrüßt. Auch das jeweilige Engagement in NS-Organisationen und die nationalsozialistische Färbung ihrer wissenschaftlichen Arbeit waren unterschiedlich stark ausgeprägt. So trat der Philologe Mensing beispielsweise der NSDAP nicht bei – allerdings dem "NS-Lehrerbund". Seine Kollegen Meyer, Steller und Höfler dagegen waren äußerst aktiv in verschiedenen Parteiorganisationen.

Gemeinsam waren den Wissenschaftlern völkische Vorstellungen von "Blut", "Boden", "Rasse", "Volksseele" und "Volksgemeinschaft", die sie in der nationalsozialistischen Bewegung erfüllt sahen. Mit ihrer Arbeit lieferten die Kieler Volkskundler der nationalsozialistischen Ideologie eine pseudowissenschaftliche Legitimation. Höfler zum Beispiel befasste sich mit den altgermanischen Männerbünden, denen er identitätsstiftende Wirkung auf die zeitgenössische deutsche Kultur zusprach. Seine Thesen fanden insbesondere bei der SS Anklang. Die Kollegen Ranke und Schlee wiederum bemühten sich größtenteils, ihre politischen Überzeugungen nicht mit ihren wissenschaftlichen Ausführungen zu vermengen.

Bis auf Mensing und Meyer, die vorher verstarben, haben die Hauptvertreter der Kieler Volkskunde ihre Lehrtätigkeit nach Kriegsende beziehungsweise nach einer durch die Entnazifizierung bedingten Zwangspause wieder aufnehmen können. Schlee setzte sich öffentlich mit seiner Rolle im Nationalsozialismus auseinander und bedauerte diese. Höfler – der schon 1938 einem Ruf nach München gefolgt war – und Steller dagegen haben auch nach 1945 ihre inhaltlichen Positionen nicht verändert. Steller verfälschte dem Volkskundler Zimmermann zufolge außerdem seine Biographie, um sich selbst als Verfolgten darzustellen. Nach Meyer, dem große Verdienste um die Dokumentation der Schleswig-Holsteinischen Erzählkultur zugesprochen werden, ist eine Knabenschule in Kiel-Gaarden benannt.
sas


Literaturangaben

Zimmermann, Harm-Peer: Vom Schlaf der Vernunft. Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933 bis 1945. In: Prahl, Hans-Werner (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus, Bd. 1. Kiel 1995, S. 171-274.



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität   ► presse@uv.uni-kiel.de