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Aus den Trümmern – die Kieler Universität im Jahr 1945

Prof. Dr. Christoph Cornelißen


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Am 27. November 1945 kamen Lehrende, Studierende und Verwalter, aber auch Vertreter der Militärregierung, der ersten Länderregierung und der Stadt Kiel in der "Neuen Universität" hier am Westring zusammen, um feierlich – begleitet von den Klängen der Jupiter-Symphonie von Amadeus Mozart – den Neubeginn akademischer Lehre und Forschung an traditionsreicher Stätte auszurufen. In bewegenden und zugleich aufschlussreichen Worten wandte sich der erste, noch von der britischen Militärregierung ernannte Rektor der CAU, der Psychiater Hans Gerhard Creutzfeldt, an die Festversammlung: (Ich zitiere:) "Wie ein Schiffbrüchiger, der wieder ans Land gelangt und festen Boden unter den Füßen fühlt, so erfüllt einen jeden von uns ein Gefühl zutiefst, das ist das der Dankbarkeit." Über 28 Decennien, so führte der erste Nachkriegsrektor weiterhin aus, habe die Schleswig-Holsteinsche Landesuniversität "treulich in Forschung und Lehre zu wirken sich gemüht". Erst die Wirren des Zweiten Weltkriegs habe sie dann gezwungen, die zerstörten Stätten zu verlassen. Jetzt aber, so Creutzfeldt im November 1945, gebe es neue Hoffnung, neues Leben und neues Planen. Und er versprach, man werde sich nun in Ehrfurcht erneut in die "Kette der Wahrheitssucher" einreihen, die von den Vorgängergenerationen aufgebaut und hinterlassen worden sei.

Die von Pathos getragene Rede Creutzfeldts stellte zugleich eine Bilanz und ein Programm dar, bei dem eines sehr deutlich ins Auge sticht. Das ist das dezidierte Bemühen um eine Wiedereinbindung in einen weit zurück reichenden akademischen Traditionsstrang, der den "Schiffbrüchigen" von 1945 auch moralisch wieder Halt verschaffen sollte. Aus diesem Grund sind Creutzfeldts Ausführungen nicht nur aufschlussreich für das, was er sagte, sondern auch für all das, was er ausdrücklich nicht sagte oder benannte. Entweder weil seinen Zuhörern die entsprechenden Probleme ohnehin bekannt waren, oder weil es nicht opportun erschien, Dinge vor den anwesenden Vertretern der britischen Besatzungsmacht zu benennen, die dem Redenden und manchen seiner Kollegen politisch und moralisch noch auf der Seele lagen. Manches aber wurde offensichtlich einfach auch deswegen verschwiegen, weil man es einfach verdrängen wollte. Charakteristisch hierfür ist das Redeende mit dem nivellierenden Gedenken an alle Opfer aus den "letzten Völkerkriegen", "ob Freud, ob Feind". Dass viele dieser Menschen einer verbrecherischen Expansionspolitik zum Opfer gefallen waren, wollte und konnte Creutzfeldt im November 1945 nicht öffentlich sagen. Übrigens ebenso nicht die Gründungsrektoren anlässlich der Wiedereröffnung anderer westdeutscher Universitäten.

Angesichts der hier nur angedeuteten Leerstellen und des Nicht-Gesagten, begreife ich meine heutige Aufgabe dahingehend, in einigen wenigen Zügen die Ursachen und Umstände des vollständigen Zusammenbruchs an der CAU im Jahr 1945 zu skizzieren, um im Anschluss daran die Neuordnungspläne der britischen Besatzungsmacht und ihrer deutschen Mitstreiter vorzustellen. Zuletzt blicken wir auf den Weg von Lehrenden und Studierenden in die Zukunft, die ungeachtet der zunächst düsteren Aussichten für viele tatsächlich unerwartet günstige Aufstiegsmöglichkeiten mit sich brachte und die CAU insgesamt auf eine neue Entwicklungsstufe hob. Kurz gesprochen: wir vollziehen einen Dreisprung, der vom Zertrümmern über das Planen zum Aufbauen führt!

I. Blicken wir jedoch zunächst auf die materielle und geistige Trümmerlandschaft in Kiel im Jahr 1945, die sich in erster Linie der zerstörerischen Wirkung der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verdankte. Trümmer waren es in der Tat, vor allem in der nordwestlichen Zone des untergegangenen Deutschen Reiches, für die die britische Besatzungsmacht endgültig seit dem 5. Juni 1945 mit der Berliner Deklaration der alliierten Siegermächte die Verantwortung übernommen hatte. In diesem Zusammenhang hat man einmal gesagt, dass 1945 die Amerikaner die schöne Landschaft, die Franzosen den Wein und die Briten eben die Ruinen übernommen hätten. Insbesondere für Kiel und für die Christian-Albrechts-Universität trifft diese Beschreibung den zeitgenössischen Sachverhalt recht genau. Denn bekanntlich war die Stadt Kiel im Luftkrieg weitgehend zerstört worden. Rund siebzig Prozent des Gebäude- und Wohnungsbestandes gingen verloren. Kiel wies damit einen Zerstörungsgrad auf, wie er sonst nur in wenigen Städten und Gemeinden des untergegangenen Deutschen Reiches gemessen worden ist. Ähnlich dramatisch fiel die Zerstörung universitärer Gebäude aus. Mehr als sechzig Prozent der universitären Anlagen, die über sieben Jahrzehnte aufgebaut worden waren, lagen nach den Luftangriffen vom Dezember 1943 sowie Januar und Mai 1944 danieder. Ebenso gewichtig wogen die Verluste der Universitätsbibliothek, die rund ein Drittel ihres Bestandes in den Flammen des Bombenkrieges verlor.

Im Grunde aber ist die Universität Kiel nicht erst mit den Angriffen alliierter Bomber untergegangen. Das gilt in einem engerem und einem weiteren Sinne. Denn, erstens, war ein Großteil der Institute und Seminare schon vor Kriegsende an insgesamt achtzehn Ausweichorte in der Provinz Schleswig-Holstein ausgelagert worden. Begonnen hat man damit seit 1942/43. Im Zuge der Auslagerung wanderten beispielsweise ein Großteil der Kliniken und später das Rektorat nach Schleswig, und die Bibliothek für Weltwirtschaft fand eine neue Heimstatt im Ratzeburger Dom. Obwohl Rektor Predöhl noch im September 1944 festhielt, dass "schon aus moralischen Gründen" die Universität ihren Standort in Kiel nicht voreilig verlassen dürfe, hatte sich bereits seit Mitte des Jahres unerbittlich gezeigt: Ein ordnungsgemäßes Studium in Kiel war tatsächlich nicht mehr möglich. Im Wintersemester 1944/45 blieben deswegen nur noch die Medizinstudenten in Kiel; im übrigen ruhten die Vorlesungen. Ohnehin hatte man während des Krieges angesichts der drastisch gefallenen Studierendenzahlen nur mühsam Versuche der nationalsozialistischen Berliner Hochschulpolitik abwehren können, die Universität auf Dauer zu schließen.

Was, zweitens, auf dem Weg der inneren Auszehrung noch weit schwerer wog, war: Viele Angehörige der Universität, sowohl unter den Dozenten als auch den Studierenden, hatten sich seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten an der Selbstzerstörung der besten Traditionen deutscher und internationaler Wissenschaft aktiv beteiligt. "Kiel als Vorkämpferin des deutschen Volkstums und eines deutschen, politisch ausgerichteten Wissens", das war in Kurzform das Programm der nationalsozialistisch ausgerichteten Grenzlanduniversität, das der Mediziner Hanns Löhr vollmundig noch 1942 in seiner Eröffnungsrede anlässlich seiner Übernahme des Rektorats in die Öffentlichkeit getragen hat. Schon seit 1934, so ergänzte Löhr stolz, sei von gleicher Stelle aus wiederholt verkündet worden, dass "die deutsche Wissenschaft ein Produkt ‚ureigenster germanischer Rassenforschung' darstellt, demnach politisch ist im reinsten Sinne des Wortes". Welche Konsequenzen sich daraus für Forschung und Lehre ergaben, zeigen unter anderem die seit 1938 neu aufgelegten "Kieler Blätter". Auch die Jubiläumsreden aus Anlass des 275jährigen Bestehens der CAU im Jahr 1940 verdeutlichen, wie weit quer durch alle Fakultäten und Disziplinen die Durchdringung nationalsozialistischen Gedankenguts bis zu diesem Zeitpunkt bereits vorangeschritten war. Namentlich die Rechtswissenschaften maßten sich den Anspruch zu, eine "Stoßtruppfakultät" abzugeben. Sicher: Zwischen Anspruch und Realität klaffte auch im Nationalsozialismus eine Lücke, und keineswegs die gesamte Professorenschaft hat sich an dem Vorhaben einer vollpolitisierten nationalsozialistischen Universität beteiligt. Dennoch bildete die durchaus willfährige Übernahme rassistischer Ideologeme in Forschung und Lehre sowie die aktive Umsetzung der nationalsozialistischen Hochschulpolitik eines der trübsten Kapitel in der Geschichte der CAU.

Obwohl ich an dieser Stelle nicht weiter auf Einzelheiten eingehen kann, sehe ich mich dennoch ausdrücklich dazu verpflichtet, die Opfer der Vertreibungen und sogenannten "Entpflichtungen" zu benennen. Denn nicht zuletzt unter dem Druck fanatisierter Studenten, hatte die Kieler Universitätsführung schon seit dem Sommersemester 1933 den Umbau des Lehrkörpers zielstrebig vorangetrieben. Als Rektor Paul Ritterbusch 1940 Bilanz zog, wertete er (ich zitiere!) "die Beseitigung aller rassefremden und politisch untragbaren Elemente" sowie die Berufung "neuer, junge Kräfte" ausdrücklich als einen Erfolg der neuen Universitätsführung. Aus den Erhebungen von Professor Uhlig wissen wir, dass bis 1945 insgesamt 48 Mitglieder des Lehrkörpers vertrieben worden sind, unter Einschluss aller Zwangsversetzungen und Wegberufungen. Mit der Vertreibung rund eines Fünftels des Lehrkörpers lag Kiel im Mittelfeld der deutschen Universitäten, wobei jedoch zuletzt nicht die Zahlen wirklich entscheidend sind, sondern jedes Einzelschicksal! Wer darüber mehr erfahren möchte, der kann aus der spröden Sprache der Wiedergutmachungsakten – bis vor wenigen Wochen lagen manche Kopien noch im Keller des Rektorats – die schweren und oft traurig stimmenden Schicksalswege der ins Exil Getriebenen nachvollziehen.

Worauf es mir hierbei ankommt: Als die Gebäude der Kieler Universität zusammenstürzten, hatten viele Lehrende und Studierende sich bereits seit längerem aus der Kette der "Wahrheitssuchenden" herausgelöst und der Politik eines menschenverachtenden Regimes verschrieben. In diesem Sinne existierte tatsächlich am Ende des Krieges keine Institution mehr, die den Namen Universität Kiel verdiente. Sinnbildlich hierfür können wir die abgeschlagenen Köpfe der Statuen am Ende der Freitreppe des Hauptgebäudes begreifen.

II. Dass man deren Häupter nach Kriegsende achtlos beseitigte, hinterlässt erneut ein ambivalentes Gefühl. In der unmittelbaren Nachkriegszeit aber waren zunächst nicht länger deutsche Kräfte, sondern die neuen Machthaber, das heißt in erster Linie die britische Besatzungsverwaltung, am Zuge. Eines jedenfalls steht fest: Ohne die baldige Bereitschaft führender Offiziere aus der britischen Bildungsverwaltung zum raschen Wiederaufbau der deutschen Universitäten hätte es hier in Kiel und auch andernorts kaum einen Neubeginn gegeben. Immerhin befanden sich sechs alte Universitäten und drei technische Hochschulen in der britischen Zone, unter denen Münster und Kiel die schwersten Beschädigungen aufwiesen. Wie so vieles andere, was grundsätzlich im August 1945 im Potsdamer Abkommen festgelegt worden war, darunter die vollständige Beseitigung von Nationalsozialismus und Militarismus, hing am Ende auch in der Hochschulpolitik viel von der konkreten Umsetzung vor Ort ab. Verantwortlich hierfür zeichnete in der britischen Zone der Leiter der Erziehungsabteilung Donald C. Riddy, von Beruf her Sprachwissenschaftler und Schulinspektor im britischen Kultusministerium. Aus seiner Feder stammt eine auch für die Kieler Universitätsgeschichte wichtige Denkschrift vom 22. Juni 1945. Darin hielt Riddy ausdrücklich fest, dass der Nationalsozialismus nur dann in den Köpfen nur dann zu überwinden sei, wenn der akademische Unterricht erneuert werde. Nicht der bestrafende Aspekt stand für die britische Bildungspolitik insgesamt im Vordergrund, sondern das Ziel einer Demokratisierung: Obwohl kein Weg an einer rascher Wiedereröffnung der akademischem Institutionen vorbeigehe, hieß es in der Denkschrift allerdings, sollten unter dem Druck der Verhältnisse nicht sämtliche Strukturen des überkommenen Universitätswesens unbesehen übernommen werden.

Genau das war aber tatsächlich der Fall, wofür eine Reihe von Gründen angeführt werden kann. Zunächst einmal muss man die schwierige Lage der britischen Besatzungsmacht und die zahlreichen Herausforderungen berücksichtigen, denen sie gleichzeitig gerecht werden musste. Vor allem die Nahrungsversorgung der Bevölkerung, die durch den Zustrom der Flüchtlinge und Vertriebenen immer weiter anschwoll, stellte ein Problem ersten Ranges dar. Daneben sah die britische Militärmacht sich unter dem Zwang, die Kontrolle beziehungsweise den Wiederaufbau administrativer Dienstleistungen bewerkstelligen zu müssen, um im Anschluss daran die vorsichtige Wiederbelebung des politischen Lebens in Gang zu bringen. Insgesamt darf daher kaum verwundern, dass die Bildungsreform von den britischen Besatzungsbehörden nur als zweitrangige Frage eingestuft worden ist. Schon Anfang 1947 wurde die Hauptverantwortung für den Wiederaufbau des Bildungswesens in deutsche Hände gelegt.

Die konkrete Entscheidung zur Wiedereröffnung der CAU war ist jedoch bereits früher gefallen. Sie verdankte sich unter anderem der Überlegung britischer Besatzungsoffiziere, wonach die anhaltende Schließung der Universitäten in der britischen Zone politisch gefährliche Unruheherde heraufbeschwören könne. Vor diesem Hintergrund gewährte der für Kiel zuständige Education-Officer Wilcox bereits Mitte Juli 1945 die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs. Wie Creutzfeldt im gleichen Monat berichtete, habe er sich ebenfalls rasch mit den britischen Behörden über die Rückführung der Universität von Schleswig nach Kiel geeinigt, wobei hier gleich eingefügt werden kann: Gerade dieser Punkt barg in den nachfolgenden Monaten noch erheblichen Konfliktstoff in sich, wurden doch damit schon lange schwelende Streitfragen im Raum Schleswig-Holstein berührt. Wilcox knüpfte jedoch die endgültige Bewilligung zur Wiedereröffnung der Universität an einige Voraussetzungen. Gefordert waren Angaben zu den Räumlichkeiten, wo der Lehrbetrieb überhaupt aufgenommen werden könne, und außerdem sollten Listen mit den Namen der in Frage kommenden Dozenten sowie den Themen der geplanten Vorlesungen zur Genehmigung vorgelegt werden. Weiterhin erwarteten die Briten Angaben über die schätzungsweise zu erwartende Studentenzahl, und ebenfalls wünschten sie eine Auflistung der notwendigen Lehrbücher.

Alle hier angesprochenen Fragen haben die britische Bildungsverwaltung und die deutschen Akteure in Kiel – sowohl auf Seiten der Provinzial- und Stadtverwaltung als auch in den Reihen der sich neu konstituierenden Universität – in den Monaten bis zum 27. November 1945, dem Tag der offiziellen Wiedereröffnung, in Atem gehalten. Angesichts der besonders drängenden räumlichen Probleme konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Planer für den Wiederaufbau zunächst vor allem auf die Ortsfrage.

In der Rückschau kann man es nur als ein großes Glück für die Universität werten, dass die Gebäude der Elektroacustic KG (kurz Elac), in der bis Kriegsende Güter für die Ausrüstung von Flugzeugen und Schiffen hergestellt worden waren, die Bombardierungen Kiels relativ unversehrt überstanden hatten. Nachdem auf energische Einwände von deutscher Seite hin die britische Militärmacht davon abgehalten werden konnte, die Gebäude zu sprengen, kam schon bald die Idee auf – vor allem Dank der Anregungen des Geologen Karl Gripp und des Werksleiters der Elac, Heinrich Hecht, in den Räumen der Unternehmung den Aufbau der "neuen Universität", wie sie bald genannt wurde, zu beginnen. Angesichts der dramatischen Kriegszerstörungen im Stadtbereich bot die Elac sogar günstige Voraussetzungen: Dazu zählten die hohe Belastungsfähigkeit der Decken (wichtig für Bücher), der leichte Zugriff auf billigen Strom, Gas und Wasser sowie hochwertige technischen Anlagen, was gerade für den Ausbau der naturwissenschaftlichen Institute wichtig war. Daneben verfügte die Elac über weitere, wenn auch einfache Vorzüge: Hier gab es nämlich so etwas wie Tische und Schemel, was man ja noch heute zu schätzen weiß.

Da jedoch zunächst noch Umbauten in der Elac vorgenommen werden mussten und die Bereitstellung von ausreichendem Wohnraum für die Studierenden schwerwiegende Probleme aufwarf, verfiel man im Sommer 1945 auf die Idee, vier im Kieler Hafen liegende Schiffe, darunter auch ein kleineres, im städtischem Besitz befindliches Schiff, für Vorlesungs- und Unterbringungszwecke zu nutzen. Die Vorlesungen begannen also – was ja erneut symbolischen Wert beanspruchen darf – auf schwankendem Boden. Zusätzlich boten die Schiffe rund 1000 Studierenden eine erste Unterkunft. Aber die zeitlich nur begrenzt von den Alliierten freigegebenen Schiffe und ihr vorzeitiger Abzug machten die "schwimmende Universität" letztlich zu einer kurzen Episode. Im Vergleich zu den hohen Heizungskosten und den bedrängten Verhältnisse auf den Schiffen bot zudem der bereits Anfang 1946 umgebaute Teil des Elac-Geländes deutlich bessere Möglichkeiten. In diesem Zusammenhang sticht ein Bericht des britischen Offiziers James Mark vom 10. Januar 1946 ins Auge. Darin zeigt er sich sehr beeindruckt von den Aufbauarbeiten in Kiel. Die Kieler Universität werde, heißt es an dieser Stelle sogar, bald zu dem am besten ausgestatteten Universitäten in der britischen Zone gehören. Ähnliches geht aus einem Schreiben von Prorektor Erich Burck vom Juli 1946 hervor. So gebe es an der Universität Kiel, heißt es hier, ausgezeichnete Arbeitsmöglichkeiten für mindestens 3000 Studenten. Für eine zerstörte Stadt sei das eine Seltenheit und ohne jede Parallele unter den anderen Universitäten.

Bei der Lektüre der Akten kann man sich freilich nicht des Eindrucks erwehren, dass insbesondere die Professoren und darunter vor allem die Vertreter der zunächst nur nominierten Universitätsleitung in den Verhandlungen mit der britischen Besatzungsmacht vor allem auch deswegen wiederholt Orts- und Raumfragen thematisierten, weil so die schwerwiegenderen moralischen und politischen Fragen, darunter insbesondere die "Säuberung" des Lehrkörpers in den Hintergrund rückten. Wir berühren hiermit das schwierige Kapitel der Entnazifizierung der Lehrenden, aber auch der politischen Überprüfung der neu immatrikulierten Studenten. Auf diesem Gebiet behielt sich die Besatzungsmacht zunächst die letzte Entscheidungsgewalt vor: Nur wer die Genehmigung der Militärregierung erhielt, war berechtigt, Forschung und Lehre an der Universität auszuüben, beziehungsweise ein Studium aufzunehmen.

Die Aktenlage zu dieser Frage ist jedoch unübersichtlich, und auch die bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten über die politische Säuberung des wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Personals an der CAU vermitteln nur wenig zuverlässige Informationen. So wissen wir bislang so gut wie Nichts über die Tätigkeit des Entnazifizierungs-Komitees, über das die Senatsprotokolle vom März 1946 nur festhalten, die Herren des Ausschusses hätten Unterstützung durch jüngere Mitglieder erhalten. Wenn man jedoch die Listen der nur bruchstückhaft überlieferten Entlassungsschreiben mit den Personalverzeichnissen der Universität seit 1945 abgleicht, so wird ein Tatbestand offensichtlich: Es handelt sich um die Kontinuität des wissenschaftlichen Personals über die Wende des Jahres 1945 hinweg, vor allem in der Professorenschaft. Spätestens seit den frühen 1950er Jahren wurden die vorher ausgesprochenen Suspendierungen wieder rückgängig gemacht, meist aber schon vorher. Selbstverständlich beschränkte sich dieser Vorgang nicht auf Kiel, aber er trat gerade hier sehr deutlich zutage. Mehr oder minder lakonisch notiert dazu ein unsignierter Bericht schon aus dem Jahr 1948: "Neben [der ] raschen Klärung der Raumfrage war es für den Wiederaufbau des Lehrbetriebs nicht weniger wichtig, dass sich die Mitglieder des Lehrkörpers, die bei Kriegsende zum größten Teil im Wehrdienst standen, sehr bald wiederzusammenfanden. Die Lücken, die im Lehrkörper durch Todesfälle [...] und nach dem Kriege durch Emeritierungen und durch Entlassungen entstanden, konnten im allgemeinen sehr schnell geschlossen werden, zumal der größte Teil der zunächst entlassenen Professoren und Dozenten rehabilitiert wurde". Man sollte diese Vorgänge nicht pauschal nachträglich moralisieren. Denn im Einzelfall hatte die erzwungene Zwischenquarantäne durchaus zu Neuorientierungen geführt, und wir wissen heute – nach den Umbrüchen des Jahres 1989/90 – dass auch später Gesellschaften, gerade auch in Ostmitteleuropa, sich schwer getan haben mit dem Neuaufbau akademischer Institutionen nach langen Jahren einer Diktatur. Auch unter den Studenten, die sich in Kiel immatrikulierten, sind die Entnazifierungsverfahren oft als persönlich schwere Belastung empfunden worden. Immerhin bare hatte die britische Entnazifizierungspolitik von vornherein die Möglichkeit in Betracht gezogen, das der einzelne sich in Zukunft von einem früheren NS-Anhänger zum Demokraten wandeln könne.

Gleichwohl machen Vorhaltungen der alliierten Besatzungsoffiziere auf einer Hochschulrektorenkonferenz vom Frühjahr 1946 gegenüber dem Kieler Rektor Creutzfeldt sehr deutlich, dass die hiesige Universität sich alles andere als energisch um eine Wiedereingliederung vertriebener Emigranten gekümmert hat. Und auch die Korrespondenz in vielen Einzelfällen sowie die bereits genannten Wiedergutmachungsakten hinterlassen ein mehr als zwiespältiges Bild. Letztlich verblieben, das zeigen auch die Ausführungen von Creutzfeldt bei seiner Immatrikulationsrede im Januar 1946, große Teile Kieler Professoren nach dem Zweiten Weltkrieg einem Denken in überkommenen politischen Kategorien verhaftet. Das führte zum einen zur Ausblendung einer kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Zum anderen hielten sie geradezu verkrampft am Bild einer unpolitischen Universität fest, obwohl sie selbst gleich nach Kriegsende mit dem Politisieren fortfuhren. Creutzfeldt jedenfalls verpflichtete die Kieler Studenten schon im Januar 1946 "auf die Treue zu Vaterland und Volk" und entpuppte sich damit doch nur erneut als Anhänger der Idee vom nationalen Wächteramt der Professoren. Der Anspruch auf eine umfassende geistige und sittliche Erneuerung, wie ihn der erste gewählte Oberpräsident, Theodor Steltzer, am 27. November 1945 im Rahmen der Eröffnungsfeier eingefordert hatte, wurde so zunächst kaum umgesetzt. Vielmehr erscholl, wie auch aus anderen gesellschaftlichen Kreisen, bald vermehrt der Ruf, den der Musikwissenschaftler Friedrich Blume schon Mitte 1946 formulierte. Danach müsse Deutschland damit rechnen können, nach einer "Sonderzeit" bald wieder gleichberechtigt zu werden: "Deutscher Geist und deutscher Fleiß verdienten, wieder eingesetzt zu werden statt ungenutzt daniederzuliegen", meinte Blume. Aus dem Ausland mussten solche Stimmen zwangsläufig Kritik auf sich ziehen: So hieß es bereits 1946 im Manchester Guardian: "Im großen und ganzen neigt der deutsche Universitätslehrkörper nicht zu links eingestellten politischen Ansichten. Viele Personen sind in der Vergangenheit neutral und politisch nicht sehr interessiert gewesen." Es könne daher lange dauern, bis die Universitäten aus ihrer eigenen geistigen Zurückgezogenheit heraustreten.

III. Trotzdem beziehungsweise gerade deshalb: Ab November 1945 hat es an der CAU durchaus einen Aufbruch und auch Fortschritt gegeben. Aus den Jahresberichten der Rektoren bis in die 1950er Jahre ergibt sich sogar eine ausgeprägte Gegenwarts- und Zukunftsorientierung. Beklagt werden darin zum einen die Schwierigkeiten der Gegenwart, und zum anderen stellten die Rektoren Visionen für die Zukunft auf, während sie gleichzeitig über die Vergangenheit schwiegen. Ebenso auffallend ist, wie rasch sich ein Gefühl von Business as usual einstellte. Nachdem schon zum Sommersemester 1946 die Umbauten in der Elac weit vorangeschritten waren und alle geisteswissenschaftlichen Institute in der neuen Universität untergebracht werden konnten, setzte danach im alten Universitätsgelände der Wiederaufbau der teilweise erheblich beschädigten Kliniken ein. Zwar provozierte der Kohlenmangel im Winter 1946/47 erneut einen Einbruch in den Lehrveranstaltungen, aber schon im Sommersemester zuvor hatte die Universitätsbibliothek erstmals ihre Pforten für zumindest 150 Leser öffnen können. Bis Anfang der 1950er Jahre wurden sogar rd. 300000 Bände den Nutzern zugänglich gemacht. Dass auch die Baugeräusche in der Elac zu diesem Zeitpunkt abflauten, verdeutlicht endgültig: Die "neue Universität" hatte ihre erste Aufbauphase abgeschlossen.

Ohne jeden Zweifel nahm die erste Studentengeneration einen gewichtigen Anteil am raschen Wiederaufbau der Universität [Wir werden darüber gleich noch mehr von unseren Zeitzeugen erfahren). Wesentlich auf ihren Anstoß ging zurück, dass sie bei Aufräumungs- und Enttrümmerungsarbeiten eingesetzt wurde. Was ursprünglich als eine freiwillige Maßnahme begonnen wurde, erhielt jedoch bald verpflichtenden Charakter, um sogenannte Drückeberger nicht zu bevorzugen. Jeder Student war danach mit mindestens dreißig Arbeitsstunden pro Semester beteiligt. Auch noch im Sommersemester 1947 erfolgte ein vom Senat beschlossener ehrenamtlicher Enttrümmerungsdienst der Studenten und Dozenten. Wenn der Rektoratbericht dieser Phase zutrifft, wirkten "sämtliche Studenten mit Ausnahme der Kriegsbeschädigten und der Examenssemester in Erkenntnis der Notwendigkeit mit, ihren Teil zur Heilung der durch den Krieg geschlagenen Wunden beizutragen, um auf dem weit über die Stadt verstreuten Universitätsgelände Ordnung und Sauberkeit wiederherzustellen." Überhaupt verfügen wir über zahlreiche Hinweise, die auf den "ungewöhnlicher Fleiß der Studierenden", ihre Ernsthaftigkeit und die nur geringen Verstöße gegen die "Pflichten eines akademischen Bürgers" in dieser Phase berichten.

Das Gesagte verweist insgesamt auf eine allgemeine Aufbruchstimmung sowie das Gefühl einer Gemeinsamkeit von Lehrenden und Studierenden, die der Sondersituation der geteilten Kriegs- und Nachkriegserfahrungen zuzurechnen ist. Mein Kollege und Zeitzeuge Klaus Friedland berichtet in seinen Erinnerungen von einer nachgerade legendären Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Dennoch sollten uns derartige Einschätzungen nicht die Wiederbelebung stark paternalistisch geprägter Autoritätsmuster übersehen lassen. Auffallend ist weiterhin, wie viele Berichte sich aus den ersten Semestern mit der sozialen Lage der Studenten und ihren Zukunftsaussichten beschäftigten. Ein Grund hierfür war die anfängliche Sorge der britischen Kontrolloffiziere, dass die meist gedienten und kriegserfahrenen Studenten, die ja alle im Nationalsozialismus aufgewachsen waren, eine politisch potentiell gefährliche Gruppe abgeben könnten. Es war daher auch alles andere als ein Zufall, dass die Aufmerksamkeit der britischen Militärregierung stark auf die Universität Kiel gerichtet war, weil hier ein überproportional starkes Kontingent ehemaliger Berufsoffiziere der Wehrmacht immatrikuliert worden war. Noch mehr aber waren es soziale Fragen, die ab dem Winteresemster 1945/46 eine genaue Beobachtung studentischer Verhältnisse nahelegten, so dass wir heute viel mehr über diese Generation wissen als über die heutigen Studierenden. Selbst der Frisörbesuch ist für das Jahr 1948 gezählt worden: Von 3030 Studenten gingen, so die Statistiker, knapp 500 ständig zum Haarschneider, knapp jeweils 700 kamen selten oder gelegentlich, aber knapp 1300 erschienen nie. Wichtiger jedoch als solche Luxusausgaben waren selbstverständlich zwischen 1945 und 1950 die sog. "Brot-und-Butter"-Fragen. Anfangs war es tatsächlich für viele Studierenden nicht einfach, überhaupt geregelte Mahlzeiten zu ergattern. Aber doch ist es dem Studentenwerk in Kiel recht bald gelungen durch die geschickte Kombination von Hoover-Schulbespeisungen mit Lebensmittelspenden des Schwedischen Roten Kreuzes und von anderen Stellen der Mehrzahl der Studenten wenigstens täglich wirklich eine sättigende und dabei billige Mahlzeit zur Verfügung zu stellen. Trotzdem wiesen auch Ende 1947 nur 175 von rund 3000 Studierenden ein Normalgewicht auf; immerhin 16 Prozent waren untergewichtig bis zu rund einem Fünftel des durchschnittlichen Körpergewichts. Den Messungen zufolge kamen die Damen übrigens hierbei etwas besser weg.

Wenn man sodann die sozialen Schwierigkeiten vieler Studenten nach der Währungsumstellung 1948 auf die DM ins Auge nimmt, ist nicht zu übersehen, wie düster die Professoren, aber auch die Studierenden selbst ihre Zukunftsaussichten im gleichen Zeitraum einschätzten. "Studenten im Daseinskampf", lautet etwa ein einschlägiger Bericht in den Kieler Nachrichten aus dieser Zeit. Hierbei schlug zu Buche, dass die Zahl der Ostflüchtlinge an der Universität Kiel besonders hoch ausfiel. Der Anteil wirtschaftlich schlecht gestellten Studenten nehme ständig zu, wird weiterhin berichtet. 80-90% mussten ständig als Werksstudenten arbeiten, und manche Diplomarbeit und Dissertation habe nur im Bett geschrieben werden können.

Dennoch gibt der Bericht nicht das ganze Bild des studentischen Lebens dieser Jahre wieder. Denn zum einen wissen wir Nachlebenden, dass mit dem säkularen ökonomischen Aufschwung ab Anfang der 1950er Jahre den Angehörigen dieser Generation soziale Chancen in einem Ausmaß eröffnet wurden, wie es sie vorher und nachher nie wieder gegeben hat. Und auch sehr viel konkretere Angaben verweisen auf eine Renormalisierung der Kieler Verhältnisse schon vor 1949/50, waren doch bis zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Verbindungen neu begründet worden. Kritischen Stimmen folgend, wurde darin erneut "nach traditionellem Ritus gesungen, getrunken und gedacht". Auch der Kieler Soziologe Gerhard Mackenroth befürchtete schon Ende der 40er Jahre, dass sich dahinter nur ein verkrampftes Festhalten an bürgerlichen Wertehierarchien äußere. Blickt man sodann in die weiteren Ausgaben der Studentenzeitschriften aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre, so ist von den Trümmern eigentlich keine Rede mehr. Dazu passt eine Äußerung von Rektor Heinrich Rendtorff aus seinem Jahresbericht von 1948/49. Nachdem die Studentenschaft "im Zeichen eines Fleißes" gestanden habe, den frühere Generationen in dieser Selbstverständlichkeit nicht gekannt hätten, sei jetzt wieder eine Lockerung des "tierischen Ernstes" zu beobachten, der wirklich wissenschaftlicher Arbeit nicht ungefährlich ist. Ich denke, ich schließe mich diesem Urteil hier an und beende daher meine ernsthaften, hoffentlich nicht zu tierisch ernsten Ausführungen an dieser Stelle und eröffne den Reigen für eine vergnügliche Fragerunde mit studentischen Zeitzeugen der gleichen Epoche.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.


Literaturangaben

Festvortrag von Prof. Cornelißen am 31.10.2005 im Rahmen der Veranstaltung "Neuanfang aus den Trümmern"



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