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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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Ansprache zur Feier (1993)

Prof. Dr. Dieter Harms, Dekan der Medizinischen Fakultät 1993


Die Aberkennung von Doktorgraden während des Nationalsozialistischen Unrechtsregimes war, wie unschwer ersichtlich, nur Teil eines umfassenden Programms gegen Wissenschaftler und Ärzte mit dem Ziel, nicht-arische, vor allem jüdische Akademiker, ferner sozialistische und kommunistische Wissenschaftler aus ihren Positionen zu entfernen. Ärzte waren von diesen Maßnahmen besonders betroffen, schon von ihrer relativ großen Zahl her gesehen.

1934 waren nach einer amtlichen Statistik unter etwa 50.000 Ärzten 6.488 nicht-arische Ärzte, was einem Anteil von 13 Prozent entspricht. Und nach einer Mitteilung des damaligen sog. "Instituts zum Studium der Judenfrage", 1935 veröffentlicht, nahmen "die Juden ... im ärztlichen Beruf somit zehnmal soviel Stellen ein, wie es dem Bevölkerungsanteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Deutschlands entsprochen hätte." Dies war den Herrschenden ein Ärgernis.

Mit einer Reihe von Maßnahmen (s. Kröner 1993) begann man, den nicht-arischen Ärzten die Existenzgrundlage zu nehmen. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom April 1933 gab die Möglichkeit, nicht-arische und politisch unzuverlässige Ärzte und Wissenschaftler aus ihren Anstellungen zu entlassen. Nur Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges waren zunächst nicht betroffen. Nach Erlass der "Nürnberger Gesetze" von 1935 verloren die zunächst noch im Amt verbliebenen Kollegen ihre Anstellung (Kröner 1993); den niedergelassenen jüdischen Ärzten wurde die Kassenzulassung und damit die entscheidende Grundlage für ihre wirtschaftliche Existenz genommen. Und aufgrund der "Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz" von 1938 verloren die meisten der noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Ärzte ihre ärztliche Bestallung.

Nach derart schweren Eingriffen in die berufliche Existenz und zahlreichen weiteren, sehr wohl auch immateriellen schwersten Demütigungen hat die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Wissenschaftler und Ärzte Deutschland verlassen, davon "emigrierte" etwa die Hälfte in die USA, wo es für viele sehr schwierig wurde, sich wegen dort bestehender Zulassungshemmnisse eine neue berufliche Lebensgrundlage aufzubauen.

Parallel zu den Maßnahmen gegen Wissenschaftler und Ärzte fand eine "Säuberung" unter den Studierenden statt (s. van den Bussche 1993). Das "Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" aus 1935 legalisierte die Relegation der jüdischen Studierenden. Und de facto erhielten jüdische Studierende ab 1934 keine Approbation, sie konnten auch nicht mehr promovieren. Aberkennung von Promotion und Verhinderung von Promotionen waren somit nur zwei verschiedene Stränge im Spektrum der repressiven Maßnahmen im "Dritten Reich".

Die NSDAP hat ferner mit Macht versucht, Einfluss auf die Medizinischen Fakultäten zu gewinnen, sie sah sich in einem deutlich greifbaren weltanschaulichen Gegensatz zu den Medizinischen Fakultäten mit dem dort immer noch herrschenden alten reaktionären Kastengeist (s. van den Bussche 1993), wie man es damals formuliert hat.

Es gelang der Partei und ihren Organisationen aber, die Durchsetzung der Ideologie des Nationalsozialismus an den Universitäten zu realisieren. Eine zentrale Rolle kam dabei dem Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB) zu. Über dessen unheilvolles Wirken auch an der Kieler Universität hat Frau Professor Brigitte Lohff vom hiesigen Institut für Geschichte der Medizin und Pharmazie gründlich recherchiert. Danach war es nur mit und durch den NSDDB möglich, wissenschaftliche Karriere an der Universität zu machen. Der NSDDB hatte Sitz und Stimme im Senat und konnte Berufungsverfahren richtunggebend beeinflussen. Eine "Wissenschaftliche Akademie des NSD-Dozentenbundes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel" hatte das Ziel, die jungen Wissenschaftler nationalsozialistisch zu ideologisieren.

Der NSDAP gelang es auch, Einfluss auf die Rektorate und Dekanate zu nehmen. Insgesamt war der Prozess der Umorganisation an unserer Universität nach Brigitte Lohff bereits 1936/1937 vollständig abgeschlossen. Für Nicht-Arier und für politisch Unzuverlässige, was ja eine breite Auslegungsmöglichkeit bot, war dann auch an der Kieler Universität kein Platz mehr.

Diese hier nur kurz skizzierten Eingriffe waren nur ein Teil in der Kaskade der antijüdischen Aktionen, deren Zahl bis 1939 mit insgesamt 210 verschiedenen Maßnahmen angegeben wird. Flankiert und eskaliert wurden diese Maßnahmen durch eine öffentliche antijüdische Propaganda mit einem geradezu widerlichen Vokabular, wenn etwa Juden als Volksverderber Parasiten, Ungeziefer, Ratten, Brunnenvergifter, Untermenschen oder Bestien bezeichnet wurden.

Das etwa war das Szenario um 1938, als am 9.11., also fast exakt vor 55 Jahren, der Antisemitismus in der so genannten "Reichskristallnacht" seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Wenige Jahre später kam es dann zur systematischen Ausrottung der in Deutschland verbliebenen Juden und von Millionen Juden, die in den besetzten Gebieten in die Hände der NS-Schergen fielen. Auch unter den Emigranten wird kaum einer sein, der nicht in seiner Verwandtschaft Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu beklagen hätte.

Das alles war und ist nicht "wieder gut zu machen", deshalb ist der bilanzierende Terminus "Wiedergutmachung" auch wenn er in bester Absicht verwendet wird, verharmlosend, weil er die tatsächliche Irreversibilität der Folgen vieler antijüdischer Maßnahmen während des "Dritten Reiches" realiter nicht wiedergibt. Insofern kann der Negativsaldo nicht ausgeglichen werden.

Was von uns Deutschen zusätzlich zu der von uns geleisteten materiellen Hilfe an Überlebende des Holocaust, deren Wichtigkeit außer Frage steht, gefordert ist, ist, dass wir uns nach wie vor und immer wieder unserer Vergangenheit stellen, diese nicht verdrängen, sondern in unserem Bewusstsein behalten, unser Gewissen befragen, wie so etwas Abscheuliches überhaupt möglich sein konnte, unser Gewissen schärfen, sensibilisieren für mehr Toleranz und Menschlichkeit sowie die Bewusstseinshaltung für echte Reue, auch über die Jahrzehnte hinaus, gewinnen und stärken.

Alle Welt hat Schwierigkeiten mit dem Begriffsinhalt des Wortes Reue. Reue wird häufig als Schwäche missverstanden. Richtig interpretiert ist Reue jedoch keineswegs Ausdruck von Schwäche, sondern von Einsicht und Reife, auch von Kraft und Stärke. Und, so verstanden, ist auch diese Veranstaltung kein Teil einer tatsächlichen materiellen Wiedergutmachung, sondern mehr ein Zeichen, und zwar ein wichtiges Zeichen vor allem der Reue für die Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus auch an unserer Universität.

Es geht nicht so sehr um die Frage: "Warum erst jetzt?" wichtiger ist es, dass dies geschieht. Die Universität ist gewiss nicht im Besitz der Wahrheit, aber ihr vornehmstes Ziel sollte es sein, in Freiheit und Toleranz nach Wahrhaftigkeit und Wahrheit zu streben und so durch Überzeugung allen Anfälligkeiten für Radikalismus rechtzeitig entgegenzutreten. Wenn dies jedem einzelnen wirklich bewusst wird, dann hätte diese Veranstaltung ihren guten Sinn, nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft!


Literaturangaben

Rektorat der Christian-Albrechts-Universität Kiel (Hrsg.): Zeichen des Erinnerns. Feier zur Mahnung gegen Krieg und Gewaltherrschaft am 15. November 1993. Erklärungen und Beiträge zum Volkstrauertag 1993. Kiel 1993. ISBN 3-928794-12-4 (Orthografie angepasst)
Van den Bussche, Hendrik: Im Dienste der "Volksgemeinschaft": Studienreform im Nationalsozialismus am Beispiel der ärztlichen Ausbildung (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 4). Berlin 1989.
Kroener, Bernhard (Hrsg.): Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte. Frankfurt am Main und Berlin 1993.



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