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Joachim Krumhoff: Student nach dem Krieg

Zeitzeugenbericht


Zeuge Nr. 2. Nicht Jurist, also kein Anlass zu Vereidigung. Studienbeginn erst WS 1946/47, d. h. noch junges Semester. Zur Person ein paar Stichworte:

Ich heiße Joachim Krumhoff, Jahrgang 1924. Habe (notgedrungen) nach dem Krieg Landwirtschaft gelernt und anschließend studiert.

Berufliche Stationen: Institut für Weltwirtschaft, 3 ½ Jahre auswärtiger Dienst in Paris. Abwerbung in den internationalen Getreidehandel mit Sitz in Paris und seit 1958 gelegentlich in Moskau. 15 Jahre Chef der hiesigen Getreide AG, als solcher pensioniert. Danach für die Weltbank Ausarbeitung von Ernährungsprogrammen in afrikanischen Staaten und Schulung osteuropäischer Spitzenmanager. Konsul eines afrikanischen Landes für Norddeutschland.

Familienstand: (etwas altmodisch) Immer noch sehr glücklich verheiratet, fünf Kinder, 12 Enkel. Soviel zur Person!

Wenn sich heute die alten Leute für gescheiter halten als die so genannte Jugend von heute und diese wiederum meint, die Alten lebten in einer sich vergoldenden Erinnerung und kriegten nicht mehr alles so richtig mit, dann entspringen bei beiden Gruppen diese Gedanken einer sehr gesunden Selbsteinschätzung. Beide sollten dabei bleiben. Es war schon immer so.

Das Studentenleben kurz nach Kriegsende war sicherlich in mancher Hinsicht schwierig, aber gewiss reich an skurriler Komik. Ich glaube auch, dass die Mehrzahl meiner damaligen Kommilitonen und ich nur selten bereit waren, selbst ernsthafte Dinge in gebotenem Maße ernst zu nehmen. Schließlich waren wir so gerade eben noch halbwegs heil davon gekommen. Die hierfür empfundene Dankbarkeit und ein festes Gottvertrauen waren natürlich eine hervorragende seelische Ausgangslage, mit den großen und kleinen Ärgernissen des täglichen Lebens umzugehen. Da hatten wir in den Jahren zuvor ganz andere Sachen erlebt.

Nach den vorgeschriebenen Aufräumungsarbeiten in den Trümmern der alten Uni am Schlossgarten durften wir in die Vorlesung. Zu danken hatten wir das auch den neuen University Control Officers der Kieler Militärregierung – genannt seien nur die uns schließlich befreundeten Mrs. Cunningham und John Dennis Ward –, die im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Universitäten ehemalige Wehrmachtoffiziere zum Studium zuließen.

Das große, allgemeinbildende Angebot einer universitas literarum konnten wir trotz unseres kulturellen Hungers nur wenig nutzen. Die wenigen Hörsäle, oft bis zu 12 Stunden durch mehrere Fakultäten genutzt, waren zumeist überfüllt. Auch waren wir darauf versessen, die frühesten Prüfungstermine zu ergattern, um möglichst schnell in den Beruf zu kommen, obgleich Arbeitsplätze kaum in Sicht waren.

Aber Glanzpunkte bescherte doch das Mithören in der Hallermannschen Gala-Vorlesung "Forensische Psychiatrie" oder das Seminar des greisen Dorpater Professors Anderson über die vergleichende Volkslied- und Märchenforschung, für das jedes Mal ein Stücklein Holz für den Ofen mitgebracht werden musste.

Außerdem wurden die von den Juristen am Morgen geschriebenen Klausuren fakultätsübergreifend beim Mittagessen in der Mensa diskutiert, wo bisweilen das Kalkwasser von der frischen Betondecke in die Kohlsuppe tropfte.

Zum Thema Verpflegung sei den großzügigen Spenden aus den USA und Schweden hier gedankt, die die große Zahl der an TBC erkrankten Studenten in Grenzen hielten und sicherlich einigen das Leben gerettet haben. Der plötzliche ungewohnte Genuss fetten Schweinespecks stellte allerdings bisweilen die Sanitäranlagen wie auch den Studentenarzt vor Probleme, und wir mussten selbst hergestellte Holzkohle futtern.

Dank auch dem isländischen Industriellen, der als junger Mann in Kiel studiert hatte und dem Studentenwerk 20 große Fässer mit reinem Walöl stiftete. Es hat uns monatelang das Braten von Kartoffeln und gelegentlich von auf halbem Fleischmarkensatz gekauftem Pferdefleisch ermöglicht.

Unsere Unterkunft im weitgehend zerstörten Kiel begann auf einem rotten Schiff im Hafen, von dem uns die Ratten ebenso vertrieben wie einige Monate später die Gesundheitspolizei aus einem ausgebrannten Mietshaus ohne Strom, Wasser und Kanalisation in der heutigen Feldstraße. Und dann geschah das große Wunder: Das Wohnungsamt wies einem Kommilitonen und mir in einer Villa am Forstweg ein beschlagnahmtes Zimmer mit fließend kaltem Wasser und WC-Benutzung zu.

Die Finanzierung von Lebenshaltung und Studiengebühren stellte eine pfiffige Arbeitsvermittlung sicher. Sie besorgte mir einen Job auf dem provisorischen Seefischmarkt zum Sortieren von Dorsch, Butt und Hering. Leider musste ich diese Tätigkeit schließlich wegen des massiven Fischgeruches im ganzen Haus am Forstweg wieder aufgeben. Ich sattelte um zum Hilfskellner mit freiem Abendessen in einer bei der Sittenpolizei nicht gerade hoch angesehenen Gaststätte in Hafennähe.

Dass fröhliche Feste in der Forstbaumschule nicht zu kurz kamen ist klar. Aus Molke gefertigtes so genanntes Bier auf dem Tisch, die Flasche mit schwarzgebranntem Rübenschnaps unter dem Tisch.

Unsere ersten politischen Gehversuche auf dem zuvor so verfemten Gebiet der Demokratie machten wir im damals noch parteifreien AStA (Wahlbeteiligung bis 80 %) und später in deutschen und internationalen Studentengremien. Ein paar kurze Erinnerungen aus dieser Zeit möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: 1948 wurde ich teilweise in Begleitung meines Freundes und Stellvertreters Hendrik Genth des Öfteren in den Beirat des Parlamentarischen Rates in Bonn eingeladen, der mit der Ausarbeitung des deutschen Grundgesetzes befasst war. Die persönlich sehr bereichernden Gespräche mit den Frakti-onschefs Theodor Heuß (FDP), Carlo Schmid (SPD) (in meinen Augen übrigens der hervorragendste Übersetzer der Lyrik von Baudclaire), Konrad Adenauer (CDU) und dem bedeutenden Kommunistenboss Heinz Renner bleiben unvergessen.

Ebenso die Teilnahme am ersten für Deutsche zugänglichen Welt-Studentenkongress 1948 in Prag, wo wir beiden deutschen Sprecher von den französischen Vertretern mit herzlichen Worten willkommen geheißen wurden. Als in einer späteren Diskussion die Sprecher zweier im Krieg neutral gebliebener europäischer Staaten Deutschland und seine Wehrmacht unmäßig scharf verurteilten, verteidigte uns der sowjetische Sprecher Grigori (im Krieg Leutnant wie ich gewesen) mit den Worten: "Eure beiden Länder haben an diesem schrecklichen Krieg nur verdient. Seid froh drüber und schweigt!"

In diese Zeit fiel auch die von uns aus Kiel stark betriebene Gründung des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) als offizieller Gesprächspartner der erst später konstituierten Legislative und Exekutive. Er wurde später zeitweise – so wie mancher AStA auch – eine leichte Beute extremer Gruppierungen.

Erlauben Sie mir bitte schließlich noch eine Anmerkung zu meinen Jahrgängen, von deren schütter gewordenen Überresten man gelegentlich noch das Jammern über die "verlorenen Jahre" hören kann. Solche Jahre hat's bei mir nie gegeben.

Mit 9 Jahren in einem faszinierenden und zunächst weltweit respektierten nationalsozialistischen Regime begeistert mitzumachen, sodann erste Zweifel daran zu hegen und es schließlich mit Entsetzen zu durchschauen, das ist schon eine sehr massive, durch nichts zu ersetzende politisch/praktische Erfahrung und Fortbildung. Selbst die im Alter von 17 ½ Jahren begonnene dreijährige Zeit als Frontsoldat war keineswegs verloren. Noch heute bei mir tief sitzende Erlebnisse und Szenen zeigten mir mein eigenes und anderer Menschen Wesen. Sie führten zu der seelischen Gelassenheit, mit der ich mich 1946 unter den milden Flügelschlag des Herzogs Christian Albrecht in Kiel begab. Dort stellten wir dankbar fest, dass unser Verhältnis zu den direkt von der Schule kommenden jüngeren Kommilitonen keine Probleme aufwarf, wenngleich wir uns beiderseits ab und zu wie verschiedene Generationen vorkamen.

Werde ich nach einem rein äußerlichen Unterschied zwischen den heutigen Studenten und uns damals gefragt, so nenne ich die Olshausenstraße. 1946-48 traf man dort vorwiegend fröhlich schwatzende, laut lachende Studentengruppen. Heute will es mir scheinen, als wenn an gleicher Stelle die Studenten nicht nur oft einzeln daherkommen, sondern auch ernste und in sich gekehrte Gesichter zeigen.

Dazu möchte ich zum Schluss aus unserer einst praktizierten Erfahrung den heutigen Kommilitonen eine kleine Empfehlung übermitteln:

Erstens: Bitte lachen Sie mehr! Und Zweitens: Nicht zuletzt auch über sich selbst. Hilft immer!



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