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Rudolf Titzck: Bericht eines Augenzeugen über sein erstes Nachkriegssemester

Bericht eines Zeitzeugen über sein erstes Nachkriegssemester 1945/1946 an der CAU zu Kiel


Rudolf Titzck Kiel, 31. Oktober 2005, Landesminister a. D.

Das Jahr 2005 ist ein Jahr der Erinnerung. Die Zahl der für erinnerungswürdig gehaltenen Ereignisse des Jahres 1945 ist Legion. Vor 60 Jahren endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg – in apokalyptischen Dimensionen. Dem totalen Krieg folgte der totale Zusammenbruch. "Vae victis!" (Gallierkönig Brennus zu den besiegten Römern, 390 v. Chr.). In einem Merkblatt für entlassene deutsche Kriegsgefangene heißt es: "Ihr alle seid mitschuldig an dem, was geschah. Ihr alle werdet dafür zu büßen haben." Die uns im Lateinunterricht vermittelte Kenntnis von den möglichen Folgen eines verlorenen Krieges wurde für meine Generation 1945 – also nach 2.335 Jahren – zur eigenen Erfahrung.

Besonders meine Generation der 45er (Geburtsjahrgänge 1922-1930) schuldet den Initiatoren der heutigen Festversammlung Dank dafür, dass sie an ein so überaus positives Ereignis erinnern: an die Wiedereröffnung der 1945 280 Jahre alten im Kriege zerstörten Christian-Albrechts-Universität in einer durch 90 Luftgroßangriffe verwüsteten Stadt. Auch nach 60 Jahren erscheint es noch wie ein großes WUNDER (!), dass auf den Tag genau nur sechs Monate nach Eintritt der Waffenruhe in meiner Heimat Schleswig-Holstein (5. Mai 8.00 a. m.) der von der Britischen Besatzungsmacht eingesetzte Rektor (Prof. Creutzfeldt) meine Zulassung zum Studium an der Universität Kiel verfügt hat. Die Zulassung erfolgte "vorbehaltlich der Genehmigung der britischen Militärregierung". Die insoweit bereits wieder funktionsfähige "Reichspost" stellte mir den Bescheid am 14. November in meinem Elternhaus in Satrup (Angeln) zu. Die Zulassung war ein erster Lichtschein am Ende eines langen und dunklen Tunnels, in dem wir 45er uns damals – seit Kriegsende – ohne jede Perspektive für unsere Zukunft befanden. Der Poststempel Kiel 1 war übrigens mit einem Sparappell verbunden worden; "Spart Strom-Gas-Kohle". Ergänzt durch das Wort "Oel" ist der Appell (nach 60 Jahren) auch heute noch oder wieder höchst aktuell.<

Die Universitätsstadt Kiel hat uns 1945 zwar nicht mit einem Begrüßungsgeld oder mit Freizeitangeboten gelockt. Aber das unverhoffte Glück, studieren zu dürfen, war gleichwohl kaum zu fassen.

Zu der heutigen Festveranstaltung bin ich als Zeuge, als Zeitzeuge geladen und vor meiner Vernehmung (diskret) zur Wahrheit ermahnt worden. Die Achtung vor dem Zeugen gebietet es, seine Glaubwürdigkeit möglichst zu bejahen. Der Zeugenbeweis gilt als das wohl unsicherste Beweismittel. Mir wird die Einvernahme dadurch erleichtert, dass Zeugen jedenfalls im Zivilprozess grundsätzlich uneidlich zu vernehmen sind.

Die Vernehmung beginnt damit, dass der Zeuge zur Person befragt wird. Also:
Ich heiße Rudolf Titzck.

Alter: Ich bin vor gut achtzig oder, was meine Frau lieber hört, vor 79 + 1 Jahren zum ersten Male urkundlich erwähnt worden (im Geburtsregister des Standesamtes Neukirchen in der Wiedingharde).

Stand: nach mehr als 40 Jahren im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Ämtern pensionierter Staatsdiener und damit, wie ich kürzlich in der Zeitung lesen konnte, "eine kaum noch bezahlbare Hypothek für die Zukunft" (des Landes).

Wohnort: Landeshauptstadt Kiel und Nebel-Westerheide auf Amrum.


Nachrichtlich:
Vor sechzig Jahren:

Stand: Kriegsgefangener in Brekling bei Schleswig; eingesetzt als Dolmetscher bei einer britischen Entlassungseinheit; Wochen nach einem ohnehin späten Vorlesungsbeginn aus dem Heer entlassen, nach beurkundeter Meinung des Sanitätsoffiziers als "geeignet", "ungezieferfrei" und "ohne ansteckende oder übertragbare Krankheit"; alsdann stud. jur. in Kiel, Hansastr. 99.

Vernehmung zur Sache:
Als Zeuge kann ich nur über Tatsachen vernommen werden. Die Tatsachen, die ich bekunden soll, liegen 60 (!) Jahre zurück.

Das Beweisthema:
Die allgemeinen und besonderen Lebensverhältnisse eines Studenten im ersten Nachkriegssemester (im WS 1945/1946) in Kiel, eines Menschen, der als Angehöriger der Erlebnis- und Kriegsgeneration – sozusagen als 45er – "noch einmal davon gekommen war".

Der Zeuge ist zu veranlassen dasjenige, was ihm von dem Gegenstand seiner Vernehmung bekannt ist, im Zusammenhang anzugeben. Also: "Erinnerung-Sprich!" (Vladimir Nábokov)

Der kürzlich verstorbene Wissenschaftler und Politiker Peter Glotz schreibt in seinem letzten Buch: "Die Erinnerung tappt durch unsere Vergangenheit wie ein Betrunkener mit Taschenlampe durch einen stockfinsteren Stollen. Daraus formt sich das Weltbild" (zitiert nach Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18. September 2005 S. 6).

Ich halte mich deshalb zunächst an mein Studienbuch: Ausstellungstag und Tag der Aufnahme: 27. November 1945. Tag des Abgangs: 12. März 1948, nachdem ich mich im 5. Nachkriegssemester, meinem 6. Fachsemester, zum Examen gemeldet hatte.

Für das WS 1945/1946 habe ich – und das klaglos – eine Aufnahmegebühr (30 RM), Unterrichtsgelder für 20 Wochenstunden zu je 3 RM = 60 RM und eine Studiengebühr (verbunden mit einer Wohlfahrtsgebühr) 110 RM, insgesamt 200 RM gezahlt.

Aus dem durch Krieg und Kriegsfolgen sehr gelichteten und demnach kleinen Kreis der Dozenten nenne ich mit Respekt und Dank die Namen der Professoren Larenz (Schuldrecht I), Dulckeit (Röm. Rechtsgeschichte und Allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts), Schneider (Theoretische Volkswirtschaftslehre), Schoenborn (Pol. Geschichte Europas seit dem 18. Jahrhundert) und Hallermann (Gerichtliche Medizin für Juristen).

Die Vorlesungen – überwiegend gehalten in den ungeheizten ausgeräumten Werkhallen der früheren Elac – verliefen störungsfrei.

Die 68er waren noch nicht geboren. Sie haben erst 23 Jahre später gegen "den Muff der tausend Jahre" demonstriert, der unter den Talaren der Ordinarien vermutet wurde, "dort, wo heute", wie kürzlich in der "ZEIT" stand (Ausgabe vom 14. Juli 2005), "die Absolventen ihre Fotohandys verstecken".

Im WS 1945/1946 wurde in den vier klassischen Fakultäten (Theologie, Rechtswissenschaften, Medizin und Philosophie) 1.962 Studierenden mit einem – kriegsbedingt – durchschnittlich hohen Lebensalter die Chance zum Neubeginn eröffnet.

Die meisten waren Soldaten gewesen, darunter viele Berufssoldaten, die eine neue (zweite) Berufsausbildung beginnen mussten. Zu meiner Fakultät gehörte nur eine Frau – eine Kriegerwitwe. Mit meinen 20/21 Jahren war ich einer der Jüngsten – ein Juristenbaby.

Zum Vergleich: Im WS 2005/2006 hat sich die Zahl der Studierenden mehr als verzehnfacht (21.132, davon ca. 54 % weiblich).

Als Studenten waren wir vor 60 Jahren hoch motiviert. Wir haben uns voll auf das Studium konzentriert. Parkplatzprobleme hatten wir keine. Wir wussten insbesondere als Infanteristen ja, wie weit uns unsere Füße tragen konnten. Vor abendlichen und nächtlichen Ablenkungen bewahrte uns fürsorglich die Militärregierung mit einem Ausgehverbot (curfew) von 22.15 bis 05.00 Uhr. Auch das spritzige und geistreiche Studentenkabarett "Die Amnestierten" unterhielt uns erst in späteren Semestern.

Der Historiker Karl Jordan hat in seiner Jubiläumsschrift "Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665 – 1965" über meine Generation Folgendes geschrieben (S. 59):

"Wer (aber) diese ersten Jahre nach dem Kriege als akademischer Lehrer miterleben durfte, wird sie trotz aller Not jener Jahre zu seinen schönsten Semestern zählen; fand er doch in der aus dem Kriege heimkehrenden Generation einen Schülerkreis von einer seltenen geistigen Aufgeschlossenheit und Aufnahmebereitschaft." (Zitat Ende).

Unsere allgemeinen Lebensverhältnisse im ersten Nachkriegswinter waren durch Wohnungsnot, Kälte und Ernährungsmangel bestimmt, wenn auch der Spruch: keiner soll hungern, ohne zu frieren, in seiner Absolutheit nicht voll zutreffend war.

Schlussbemerkung:
Ich bin dankbar, dass ich – um einen Gedanken von Professor Theodor Wilhelm aufzunehmen – in einer Zeit studiert habe, in der es noch keinen Zweifel gab, dass man für den Wiederaufbau gebraucht wurde.

Mein Wunsch ist, dass auch die heute – sechzig Jahre nach uns – Studierenden die Überzeugung gewinnen, dass das zu meinen Lebzeiten geteilte und wiedervereinigte Deutschland sie alle braucht. Es gibt nämlich wieder viel zu tun!


Literaturangaben

Vortrag von Rudolf Titzck am 31.10.2005 im Audimax im Rahmen der Veranstaltung "Neuanfang aus den Trümmern"



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