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Vortrag Erdmann |
Wissenschaft im Ditten Reich (1965/67)Karl Dietrich ErdmannDen mir zuteil gewordenen Auftrag, eine Vorlesungsstunde zu halten über die Wissenschaft im Dritten Reich, möchte ich so verstehen: Wenn eine deutsche Universität aus festlichem Anlass ihre Geschichte überblickt, um aus der Rückschau auf das Vergangene ein Bewusstsein ihres gegenwärtigen Standortes zu gewinnen, so gehört dazu auch eine frontale Auseinandersetzung mit jenen Jahren, in denen der Christiana Albertina eine führende Rolle bei der wissenschaftlichen Absicherung der nationalsozialistischen Ideologie zugedacht war. Einen Bericht über die Geschehnisse findet man in den Arbeiten der Kollegen Hofmann und Jordan sowie in der Geschichte der Juristischen Fakultät von Döhring). Ich habe den genannten Autoren dafür zu danken, dass ich ihre Schriften schon vor der Veröffentlichung in den Korrekturfahnen lesen durfte. Mir kommt es darauf an, im Ablauf des Geschehens einige für Kiel charakteristische Züge und in der wissenschaftlichen Verhaltensweise den Unterschied einiger typischer Grundeinstellungen herauszuarbeiten. Eine Gleichmäßigkeit des Überblicks kann nicht erstrebt werden; sie müsste am Äußerlichen haften bleiben. Ich lasse mich von der Frage leiten, wie die Wissenschaft ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus selbst verstanden hat. Ein reflektiertes Bewusstsein über das Verhältnis von Wissenschaft und öffentlicher Ordnung wird man am ehesten dort fassen können, wo das menschliche Zusammenleben in Staat, Recht, Gesellschaft den Gegenstand der Wissenschaft selber bildet. Von einigen Fakultäten wird daher kaum oder gar nicht, von anderen umso mehr die Rede sein. Darf eine solche Betrachtung im Anonymen verharren? Sie würde ihren Zweck verfehlen. Wir wollen keine Hexenjagd veranstalten, und die histoire scandaleuse bringt wissenschaftlich nichts ein. Wir sind es aber dem intellektuellen Rang und der persönlichen Integrität einiger der für das damalige Profil der Kieler Universität charakteristischen akademischen Lehrer schuldig, dass wir uns mit ihnen, den Toten und den Lebenden, in der offenen Weise auseinandersetzen, wie es sich für eine akademische Vorlesung ziemt. Es besteht im Übrigen für niemanden, der jene Zeiten in Deutschland lebend überstanden hat, Anlass, dies von einem erhöhten Podest aus zu tun. Zum kompletten Vortrag (pdf): Erdmann, Karl-Dietrich: Wissenschaft im Ditten Reich. In: Veröffentlichungen der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft Nr. 45. Kiel, 1967. Zur historischen Kontroverse über die Rolle der Person Erdmann im Nationalsozialismus:Karl Dietrich Erdmann und der Nationalsozialismus. Mit Beiträgen von Winfried Schulze, Agnes Blänsdorf und Eberhard Jäckel. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 48 (1997). S. 220-240.Literaturangaben
Döhring, Erich: Geschichte der Juristischen Fakultät 1665 bis 1965 (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665-1965, 3.1). Kiel 1965.
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