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Die Nachkriegszeit an deutschen Hochschulen



Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen die deutschen Hochschulen vor ganz existenziellen Problemen: Universitätsgebäude samt Büchern und Büromitteln waren zerstört worden, Mitarbeiter und Wissenschaftler gefallen oder in Gefangenschaft, und die vier Besatzungsmächte hatten darüber hinaus unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Bildungspolitik.

In den Nachkriegsjahren herrschte an den Hochschulen außerdem soziales Konfliktpotenzial: ehemalige einfache Soldaten studierten neben ihren ehemaligen Vorgesetzten, und ihre militärische Haltung konnten viele nicht ablegen. Gegenüber Lehrern, die nicht am Krieg teilgenommen hatten, hegten viele frühere Soldaten Misstrauen oder Vorwürfe. Viele Heimkehrer waren älter als Studienanfänger, die direkt aus der Schule kamen, und auch ihr Bildungsstand war unterschiedlich. Zu den Problemen dieser Studentengeneration kamen außerdem Kriegsverletzungen und -traumata ebenso wie finanzielle Not und Wohnungsknappheit.

Der Frauenanteil unter den Hochschullehrern war gering. Durch die heimkehrenden Kriegsteilnehmer sank er auch unter den Studierenden. Neues Personal wurde ebenso zögerlich eingesetzt wie neue Fächer, alte Strukturen wurden beibehalten.
Die wirtschaftlichen und geistigen Eliten behielten zu großen Teilen ihren Status. Somit konnten sich Netzwerke der gegenseitigen Entlastung bilden, was sich bis in die Hochschulen hinein fortsetzte. Einige Universitäten wurden zwar umstrukturiert oder standen nicht mehr unter deutscher Verwaltung. Andere wurden wieder oder neu gegründet. Die meisten wurden jedoch in ihrer alten Form restauriert. Oftmals wurden die Besatzungsmächte in Zugzwang gebracht, indem zum Beispiel die Professoren Unterricht in Privatwohnungen abhielten.

Die Entnazifizierung, die je nach Fach, Hochschule oder Land unterschiedlich erfolgte, sollte von den Universitäten selbst durchgeführt werden. Ab Mitte 1946 griffen die Besatzungsmächte jedoch verstärkt ein. Dadurch, dass Revisionen der Entnazifizierungsverfahren zugelassen wurden, konnten die meisten Hochschulangehörigen – im Schnitt 70 bis 85 Prozent – allerdings bis Ende der Vierziger Jahre an ihrer alten oder an einer anderen Universität wieder Fuß fassen. So ging zum Beispiel Andreas Predöhl, der letzte Rektor an der Kieler Universität vor dem Ende des NS-Regimes, nach Münster. Die anderen 15 bis 30 Prozent wurden endgültig ihrer Ämter enthoben. Wegen ihrer engen Verbindung zur Rüstungsindustrie war diese Quote bei den Technischen Hochschulen besonders hoch.

Die Entnazifizierung wurde in der sowjetischen Besatzungszone entschiedener vorangetrieben als in den westlichen Besatzungszonen. In ersterer stellte man teilweise bevorzugt Opfer und Widerständler der Nationalsozialisten ein. Ebenso machte man auch hier jedoch Ausnahmen, so dass Belastete ihre Stellung bewahren konnten oder neue Ämter erhielten. Zum Teil wurden Wissenschaftler ohne Beachtung ihres Belastungsgrades ins Ausland – in den Westen wie auch in den Osten – verbracht, um ihr Potenzial in den Dienst der Besatzer zu stellen.

Fächer wie Rassenkunde, Eugenik oder Wehrwissenschaften, die erst im Nationalsozialismus entstanden oder besonders belastet waren, wurden nach 1945 aufgelöst. Einige der in diesen Fächern tätigen Wissenschaftler wurden entlassen, andere fanden neue Arbeitsfelder in benachbarten Disziplinen: Rassenkundler beispielsweise in Psychologie oder Volkskunde, Eugeniker in Biologie oder Medizin und Wehrwissenschaftler in Geographie oder in technischen Fächern. Von den an Euthanasieprogrammen oder Menschenversuchen mitwirkenden Medizinern wurden zahlreiche in den Nürnberger Prozessen verurteilt. Unter ihnen auch der Kieler Professor Holzlöhner, der im Konzentrationslager tödliche Menschenversuche durchgeführt hatte. Viele Mediziner tauchten jedoch mit neuer Identität unter oder wieder auf.

Die im Dienst verbliebenen oder wieder eingesetzten Hochschullehrer passten ihre Sprache den neuen Umständen an. Bestimmte dem Nationalsozialismus zuzuordnende Begriffe benutzte man nicht mehr. Die von den Besatzungsmächten geförderte Wiederaufnahme von internationalen Kontakten führte außerdem zur Übernahme von Begriffen und Methoden aus der amerikanischen, englischen oder französischen Wissenschaft. Damit konnte die sprachliche Anpassung als Modernisierung und Ausdruck der Weltoffenheit betrachtet werden. Von der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit wurde dadurch ebenso abgelenkt wie durch die Verschärfung des Ost-West-Konflikts.
sas


Literaturangaben

Prahl, Hans-Werner: Last der Vergangenheit. Schwieriger Neubeginn und manche Kontinuität. In: Prahl, Hans-Werner u.a. (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel und der Nationalsozialismus, Bd. 2. Kiel 2007, S. 201-217.



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