Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche – ein neues Problem?

Bewertung der aktuellen Fachdiskussion aus kriminologischer und juristischer Sicht

 

 

Prof. Dr. Heribert Ostendorf

Forschungsstelle für Jugendstrafrecht und Kriminalprävention

an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

 

I. Fall „13-Jährige mehrfach vergewaltigt“

(Kieler Nachrichten 20.5.2005)

Derartige Meldungen schrecken auf. Dies könnte zu der Annahme führen, wir hätten es mit einem neuen Problem zu tun, möglicherweise mit einer besorgniserregenden Entwicklung. In diese Richtung weist auch der Einladungstext in dem Flyer zu der Veranstaltung „Kinder und Jugendliche mit sexuell grenzverletzendem Verhalten“ am 22./23.9.2005 in Kiel: „Zunehmend rücken jetzt aber auch Jugendliche und Kinder in den Focus, wenn von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche berichtet wird. Eine Entwicklung, die sich bereits seit einigen Jahren in den polizeilichen Kriminalstatistiken verfolgen lässt und auf die Fachleute aus der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie verweisen, wenn sie aus ihrer Praxis berichten.“

 

Diese Annahme ist zu hinterfragen. So musste die erste Zeitungsmeldung „13jährige mehrfach vergewaltigt“ nach der Gerichtsverhandlung deutlich korrigiert werden:

(Kieler Nachrichten 7.7.2005)

Dazu passt eine zweite Zeitungsmeldung, wobei die Rücknahme im Vergleich zu der ursprünglichen Verdachtsmeldung deutlich kleiner ausfällt: „Falscher Verdacht gegen Hertha-Spieler“.

(Süddeutsche Zeitung 1.7.2005)

Die Frage stellt sich, haben wir es mit einer publizistischen Dramatisierung zu tun oder ist umgekehrt das, was wir wissen, nur ein bagatellisierender Ausschnitt aus einem viel größeren Dunkelfeld? Im ersten Teil dieses Beitrages werden deshalb die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik ausgebreitet und bewertet. Zu der Bewertung gehört eine Gegenüberstellung dieser Zahlen mit den Anklagen durch die Staatsanwaltschaft sowie gerichtlichen Verurteilungen junger Sexualtäter. Im zweiten Teil werden die kriminologischen Befunde zu diesem Täterkreis zusammengefasst und Risikofaktoren benannt. Im dritten Teil wird juristischen Problemen im Umgang mit diesen Tätern nachgegangen.

 

II. Junge Sexualstraftäter im Aufwind?

1. Die Polizeiliche Kriminalstatistik

Sexueller Missbrauch von Kindern ( § 176 StGB)
nach der Polizeiliche Kriminalstatistik

hier: Fälle, Tatverdächtige und Gesamtaufklärungsquote

Jahr
Tatverdächtige*
Gesamtaufklärungsquote
< 14
14 < 18
18 < 21
1999

569 (6,6 %)

1 045 (12,1 %)

525 (6,1 %)

72,4 %

2000

617 (6,8 %)

1 161 (12,8 %)

540 (6,0 %)

74,4 %

2001

599 (6,6 %)

1 204 (13,3 %)

569 (6,3 %)

74,7 %

2002

669 (6,6 %)

1 401 (13,9 %)

625 (6,2 %)

78, 1 %

2003

693 (6,7 %)

1 483 (14,4 %)

698 (6,8 %)

79,9 %

* Prozentangaben von allen Tatverdächtigen

Die Tatverdächtigenzahlen beim sexuellen Missbrauch von Kindern, d. h. bei Sexualkontakten ohne Gewalt mit unter 14jährigen sind für alle Altersgruppen innerhalb des 5-Jahreszeitraums von 1999 bis 2003 deutlich angestiegen:

Bei Kindern um ca. 22 % (21,8 %), bei Jugendlichen um ca. 42 % (41,9 %), bei Heranwachsenden um ca. 33 % (32,9 %). Allerdings hat sich bei Kindern der prozentuale Anteil an der Gesamttatverdächtigenzahl nicht verändert, wobei hier dahingestellt bleiben soll, ob man bei Sexualkontakten von Kindern mit Kindern von einem sexuellen Missbrauch sprechen kann. Der Gesetzgeber hat im § 176 StGB hierfür eine andere Definition zu Grunde gelegt. Der Gesamttatverdächtigenanteil ist bei den Jugendlichen deutlich gestiegen auf jetzt 14,4 %, bei den Heranwachsenden leicht gestiegen auf 6,8 %, wobei die Altersgruppe der Jugendlichen 4 Jahrgänge erfasst, die Altersgruppe der Heranwachsenden 3 Jahrgänge. Allerdings ist bereits an dieser Stelle auf die Steigerung der Aufklärungsquote hinzuweisen.

 

Vergewaltigung und besonders schwere sexuelle Nötigung

(§ 177 Abs. 2, 3, 4, § 178 StGB)

nach der Polizeilichen Kriminalstatistik

hier: Tatverdächtige und Gesamtaufklärungsquote

Jahr
Tatverdächtige*
Gesamtaufklärungsquote
< 14
14 < 18
18 < 21
1999

76 (1,3 %)

528 (8,9 %)

568 (9,6 %)

79,0 %

2000

108 (1,8 %)

543 (9,2 %)

568 (9,6 %)

79,7 %

2001

96 (1,5 %)

617 (9,8 %)

646 (10,3 %)

80,8 %

2002

105 (1,5 %)

705 (10,1 %)

676 (9,7 %)

81,8 %

2003

108 (1,5 %)

760 (10,5 %)

740 (10,2 %)

81,7 %

* Prozentangaben von allen Tatverdächtigen

Bei der schweren Sexualdelikten weisen die Tatverdächtigenzahlen für Kinder im Vergleich der Jahre 2000 und 2003 keine Veränderungen auf, im Vergleich der Jahre 1999 und 2003 eine Steigerungsrate um 42,1 %. Bereits hieran kann man sehen, wie mit statistischen Zahlen jongliert werden kann. Bei Jugendlichen sind die Tatverdächtigenzahlen innerhalb von 5 Jahren um 44 %, bei Heranwachsenden um 30 % gestiegen. Dementsprechend ist der prozentuale Anteil an den Gesamttatverdächtigen bei Jugendlichen von 8,9 % auf 10,5 % und bei Heranwachsenden von 9,6 % auf 10,2 % angewachsen.

   

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

nach der Polizeilichen Kriminalstatistik

hier: Tatverdächtige und Gesamtaufklärungsquote

Jahr
Tatverdächtige*
Gesamtaufklärungsquote
< 14
14 < 18
18 < 21
1999

822 (2,7 %)

2 527 (8,2 %)

2 062 (6,7 %)

73,3

2000

945 (3,0 %)

2 761 (8,8 %)

2 084 (6,6 %)

74,6

2001

967 (3,1 %)

3 011 (9,5 %)

2 270 (7,2 %)

71,8

2002

998 (2,9 %)

3 426 (10,0 %)

2 398 (7,0 %)

75,5

2003

1 043 (2,9 %)

3 668 (10,2 %)

2 603 (7,2 %)

76,8

 

Hinsichtlich aller Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gibt es Steigerungen der Tatverdächtigenzahlen bei allen Altersgruppen, am deutlichsten bei den Jugendlichen (45,1 %). Bei Kindern ist der Tatverdächtigenanteil in den letzten Jahren gleich geblieben, bei Jugendlichen stark angestiegen, leicht angestiegen bei den Heranwachsenden.

 

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass nach den polizeilichen Zahlen die Sexualdelikte bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden in den letzten Jahren deutlich angestiegen sind.

Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass auch die strafbaren Versuche mitgezählt werden. Auffällig ist an dieser Entwicklung, dass die Steigerungszahlen bei den Heranwachsenden deutlich niedriger als bei den Jugendlichen ausfallen. Es ist dies ein erstes Anzeichen dafür, dass sich sexuell abweichenden Verhalten in Kindheit und Jugend nicht immer oder auch nur in der Regel fortsetzt. Dass die Strafverdächtigenanteile bei den Kindern an der Gesamttatverdächtigenzahl nicht gestiegen sind, bei den Heranwachsenden nur geringfügig, könnte darauf hinweisen, dass die Steigerungen bei den absoluten Zahlen junger Sexualtäter ein Abbild der gestiegenen Sexualkriminalität in der Bevölkerung darstellen.

 

2.Relativierungen der polizeilichen Steigerungsraten

Es gilt, die Polizeistatistik auf ihren Aussagewert zu überprüfen. Die Zahlen können nicht unreflektiert übernommen werden, auch nicht aus wohlmeinenden Gründen. Mit dramatischen Steigerungsquoten kann zwar die Öffentlichkeit aufgerüttelt werden, können Eltern motiviert werden, sexuelle Auffälligkeiten ihrer Kinder intensiver zu beobachten und erzieherisch aufzufangen, können Kinder und Jugendliche sowohl als Täter als auch als Opfer intensiver geschützt werden. Eine künstliche Dramatisierung, die nicht dem Kriminalitätslagebild entspricht, kann aber auch negative Effekte verursachen, ganz abgesehen davon, dass wir auch in der Kriminalpolitik auf Wahrheit verpflichtet sind. So kann eine Dramatisierung zu einem Andrehen der Strafschraube führen bis hin zur Herabsetzung des Strafbarkeitsalters von 14 auf 12 Jahre, wie z. T. schon gefordert. Dramatisierungen können Verunsicherungseffekte, Angsteffekte verursachen, gerade auch bei Eltern, kann zu einem unsachgemäßen Reagieren verleiten.

2.1 Steigerung der Aufklärungsquote

Die gestiegenen Tatverdächtigenzahlen bei Kindern und Jugendlichen sind z. T. auf eine Steigerung der Aufklärungsquote zurückzuführen. Im Jahr 1998 hatten wir beim sexuellen Missbrauch von Kindern eine Aufklärungsquote von 70,5 %, d. h. in diesem Jahr wurden 11.697 Fälle aufgeklärt. Im Jahre 2003 hatten wir eine Aufklärungsquote von 79,9 %, d. h. eine Steigerung von über 9 %. Dies bedeutet, dass auch deutlich mehr tatverdächtige Kinder und Jugendliche im Jahre 2003 ermittelt wurden. Die heutige Aufklärungsquote von 79,9 % zugrunde gelegt, wären im Jahre 1998 1.563 Fälle mehr aufgeklärt, wären 103 Kinder sowie 189 Jugendliche mehr als Tatverdächtige registriert worden, wobei diese Zahlen noch höher anzusetzen sind, da häufig mehrere Kinder und Jugendliche in einem aufgeklärten Fall betroffen sind.

2.2 Gestiegene Anzeigebereitschaft

Wir gehen davon aus, dass die Anzeigebereitschaft bei Straftaten im allgemeinen sowie bei Sexualdelikten im besonderen gestiegen ist. D. h., es wird heute mehr Kriminalität sichtbar gemacht als früher. Dies liegt zum einen an der zunehmenden Unfähigkeit sowie an dem zunehmenden Unwillen, Konflikte selbst zu lösen. Der Ruf nach anderen Konfliktlösungsinstitutionen wird lauter. Der zweite spezielle Grund für eine gestiegene Anzeigebereitschaft bei Sexualdelikten ist die größere Sensibilität gegenüber dieser Kriminalitätsform, ist das größere Wissen um das Opferleid. Die gesellschaftliche Mitverantwortung hat das frühere häufige Wegschauen, Nichtwahrhabenwollen, zwar nicht verdrängt, aber das Wegschauen wird weniger.

 

Zwischenfazit: Wir haben heute zwar tatsächlich mehr tatverdächtige Kinder und Jugendliche, es werden auf Grund der deutlich gestiegenen Aufklärungsquoten sowie auf Grund der gestiegenen Anzeigebereitschaft aber offensichtlich mehr Täter aus dem Dunkelfeld ermittelt als früher. So sind zwar die Tatverdächtigenzahlen realistisch, die Tatverdächtigensteigerungsquoten sind aber ein statistisches Artefact.

 

3. Justizielle Korrekturen

Vor allem müssen die polizeilichen Tatverdächtigenzahlen zurecht gerückt werden auf Grund der justiziellen Korrekturen. Es werden erheblich weniger angeklagt und noch weniger verurteilt als von der Polizei als Tatverdächtige registriert. Anders formuliert: Gegen einen Großteil der Tatverdächtigen wird das Verfahren eingestellt, sei es, dass der Tatverdacht nicht ausreichend ist, sei es, dass rechtlich gesehen, kein strafbares Verhalten vorlag. Hinzu kommen Einstellungen wegen Geringfügigkeit, Einstellungen mit Rücksicht auf eingeleitete erzieherische Maßnahmen im Wege der so genannten Diversion. Bei schweren Sexualdelikten wird hiervon allerdings kein Gebrauch gemacht. Sarkastisch wird von einem „Täterschwund“ gesprochen, korrekt muss es heißen: „Verdächtigenschwund“. Zunächst zu den Verurteiltenzahlen, die allerdings nicht, immer noch nicht die neuen Bundesländern umfassen, so dass ein unmittelbarer Vergleich mit den Polizeizahlen, die Gesamtdeutschland betreffen, nicht gezogen werden darf. Diese Zahlen sind deutlich weniger aufregend, wenngleich sich auch insoweit Steigerungen ergeben. Da Kinder nicht bestraft werden können, sind sie nicht erfasst.

 

Verurteilte*

Jahr

Sexueller Missbrauch von Kindern

( § 176 StGB)

Vergewaltigung und besonders schwere sexuelle Nötigung

(§§ 177 Abs.2, 3,4, 178 StGB)

Jugendliche
Heranwachsende
Jugendliche
Heranwachsende
1999

120

86

nicht gesondert ausgewiesen
2000

126

82

2001

134

67

94

84

2002

164

71

114

116

2003

189

85

115

87

* alte Bundesländer mit Einschluss Gesamt-Berlin

Auffällig ist, dass die Verurteilungen bei den Heranwachsenden in etwa gleich geblieben sind. Wenn wir mit der Zeitreihe früher anfangen, so zeigen sich sogar bei Heranwachsenden deutliche Abnahmen. Auch Jugendliche wurden früher schon häufiger verurteilt. So wurden im Jahre 1976 218 Jugendliche und 178 Heranwachsende wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt und 248 Jugendliche und 333 Heranwachsende wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung verurteilt.

Verurteilte

wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern

(§ 176 StGB)

Jahr
Jugendliche
Heranwachsende
1976

218

178

1980

167

123

1985

124

97

1997*

114

111

2001

134

67

2002

164

71

2003

189

85

* ab 1997 alte Bundesländer mit Einschluss Gesamt- Berlin

 

Verurteilte

wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung

(§§ 177, 178 StGB)

Jahr
Jugendliche
Heranwachsende
1976

248

333

1980

290

320

1985

244

275

1997*

168

158

2001

235

171

2002

277

187

2003

272

172

* ab 1997 alte Bundesländer mit Einschluss Gesamt- Berlin

Die polizeilichen Tatverdächtigenzahlen müssen somit nicht nur stark relativiert werden, sie müssen korrigiert werden, sie überzeichnen die Problemlage vor allem dadurch, dass der Verdacht zu hoch angesetzt wird. Dies ist keine fehlerhafte Polizeipraxis, sondern liegt in der Natur der Sache. Zu Beginn der Ermittlungen muss von dem schlimmsten Verdacht ausgegangen werden, weil ansonsten Beweismittel verloren gehen könnten. Dies entspricht einer empirischen Untersuchung von Steinhilper zu der Einstufung des Verdachts bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung: Polizei stufte die Taten am schwersten ein, dieser Verdacht wurde von der Staatsanwaltschaft in 24 % der Fälle herunterdefiniert, von den Gerichten noch einmal um 18,7 %. Nur 27 % der Fälle wurden von den drei Strafverfolgungsorganen einheitlich bewertet (Steinhilper, U., Definitions- und Entscheidungsprozesse bei sexuell motivierten Gewaltdelikten, 1986, S. 79, 124, 224). Der so genannte Täterschwund wird anschaulich in folgende Grafiken, wobei diese Zahlen vergleichbar sind, da sich alle Angaben auf die alten Bundesländer mit Einschluss von Gesamt-Berlin beziehen:

 

 

 

Als Fazit kann festgestellt werden, dass eine durch die Polizeizahlen vermittelte Dramatik des Problems von den Justizzahlen nicht bestätigt wird. Es wird nur eine sehr kleine Gruppe von jugendlichen Sexualtätern verurteilt. Dies gilt es für die weitere Diskussion im Auge zu behalten.

 

III. Kriminologische Befunde

1. Tätermerkmale

•  Es gibt sexuelle Täterkarrieren, d. h. Rückfälligkeiten mit qualitativen Steigerungen junger Sexualtäter. Solche Täterkarrieren sind aber nicht typisch, vielmehr eher selten. Nach der Untersuchung der Kriminologischen Zentralstelle sind 73 % der dort erfassten jungen Täter, d. h. Täter unter 21 Jahre, innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren nicht erneut wegen eines Sexualdelikts aufgefallen und waren auch nicht vorher einschlägig verurteilt (s. Elz, Sexuell deviante Jugendliche und Heranwachsende, 2003, S. 135).

•  Je jünger die Täter sind, umso größer ist diese begrenzte Rückfallgefahr (s. Elz, S. 128, 132). Bei jungen Tätern unter 21 Jahren lag die Rückfälligkeitsquote innerhalb von 10 Jahren bei 23 %, bei über 24-jährigen bei 13 % (s. Elz, S. 132). Allerdings liegt hier eine Negativauslese vor, weil nur Täter erfasst wurden, die wegen eines Sexualdelikts verurteilt wurden, d. h. Täter im Bagatellbereich wurden nicht erfasst, da diese in der Regel nicht angeklagt und wenn ja, nicht verurteilt werden. Auch bleiben die nicht entdeckten Straftaten ausgeklammert, wird das Dunkelfeld nicht berücksichtigt, das aber vermutlich bei älteren Tätern größer ist, da dort die Delikte häufiger im sozialen Nahbereich begangen werden und dort die Anzeigebereitschaft geringer ist. Andererseits haben jüngere Opfer jüngerer Täter noch weniger die Beschwerdemacht, um eine Tat anzuzeigen.

•  Mit dieser höheren Rückfälligkeitsrate bei jüngeren Sexualtätern korreliert eine noch höhere Rückfälligkeit für sonstige Delikte, gerade auch für Gewaltdelikte. Umgekehrt wurden vor Begehung eines Sexualdelikts bei jungen Tätern eine erhöhte Vorstrafenbelastung – soweit schon strafmündig – festgestellt (s. Elz, S. 133). Hieraus lässt sich die Folgerung ziehen: Sexualdelikte junger Menschen sind häufig, wenn nicht in der Regel Teil einer allgemeinen kriminellen Entwicklung.

•  Opfer junger Sexualtäter stammen seltener aus dem eigenen sozialen Umfeld als dies bei Opfern älterer Sexualtäter der Fall ist. D. h., die Opfer jüngerer Sexualtäter sind häufig flüchtig Bekannte oder ganz fremd (s. die Untersuchung von Rasch „Gruppennotzuchtsdelikte Jugendlicher und Heranwachsender in: Zur Strafrechtsreform: Symposium der Dt. Gesellschaft für Sexualforschung vom 13. bis 14. Nov. 1967 in Bonn, hrsg. von Giese, 1968, S. 90; Elz, S. 140). Hierfür spricht, dass ältere Täter einen größeren Einfluss in ihrem sozialen Umfeld haben, eine größere Macht ausüben als jüngere Täter. Hinzu kommt, dass jüngere Täter sich mehr außerhalb der Familie bewegen und häufiger wechselnden Kontakt zu anderen jungen Menschen haben.

•  Wie bei sonstigen Straftaten werden auch Sexualdelikte in Form von sexuellen Nötigungen, Vergewaltigungen von jüngeren Tätern häufig, jedoch nicht überwiegend mit mehreren gemeinsam begangen (s. Rasch, S. 100; Elz, S. 141). Vergewaltigung, soweit angezeigt, wird von Kindern zu 44,4 % aus einer Gruppe, von Jugendlichen zu 27,5 % aus einer Gruppe begangen (PKS 2003). Ein Grund hierfür ist, dass junge Menschen vielfach sich in Cliquen aufhalten und sich hieraus gruppendynamische Effekte auch für die Begehung von Sexualtaten entwickeln können. Sexueller Missbrauch erfolgt demgegenüber in der Regel von einzelnen Tätern. Der Hildesheimer Fall ist da eine Ausnahme.

 

2. Risikofaktoren

Vor der Erörterung besonderer Risikofaktoren ist darauf hinzuweisen, dass einschlägige Aktenuntersuchungen zum sexuellen Fehlverhalten junger Menschen leicht den Blick dafür verstellen können, dass mit der sexuellen Entwicklung nicht selten auch ein Probierverhalten verbunden ist, wobei derartige „Fummeleien“ auch ohne Gewaltanwendung, begangen von Jugendlichen gegenüber Kindern, schon grenzverletzend sein können (für eine Differenzierung der Grenzverletzungen und der Aufgabe des Mythos „unschuldiger Kinder“ König, in: Beziehungshungrig und grenzenlos, Dokumentation eines Fachkongresses, hrsg. von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren, 2004, S. 24). Wie bei der Jugendkriminalität im Allgemeinen müssen solche entwicklungsbedingten Fehlverhaltensweisen abgegrenzt werden von sexuellen Grenzverletzungen, die persönlichkeitsspezifisch sind. Es gilt – entwicklungsbedingte – Gelegenheitstäter von so genannten Neigungstätern zu unterscheiden. Beim sexuellen Missbrauch von Kindern durch Jugendliche sind die meisten Gelegenheitstäter, die in ihrer sexuellen Entwicklungsphase eine sexuelle Interaktion suchen, die Ersatzcharakter für gewünschte partnerschaftliche Sexualität hat (s. Bosinski, in: Gewalt gegen Frauen und Kinder, hrsg. von Oehmichen/Kaatsch/Bosinski, 2004, S. 281). Hierbei sind diese entwicklungsbedingten Fehlverhaltensweisen in der Regel weniger schwerwiegend.

Hinzu kommen gerade für junge Menschen Situationsverkennungen, für die überlieferte Sexualmuster – Mädchen zieren sich, wollen aber in Wirklichkeit genommen werden – mit ursächlich sein können. Nach dem Sexualwissenschaftler Schorsch (Sexualstraftäter, 1971, S. 11 ff.) ist das situative Sexualverhalten „rollenhaft“ vorgezeichnet. Allerdings können solche Situationsverkennungen auch zur eigenen Entlastung vorgegeben werden, wobei umgekehrt jugendliche Opfer nicht selten provozieren. Jugend stellt sowohl für Täter als auch für Opfer ein sexuelles Risiko dar.

 

Zusätzlich gibt es spezifische Risikofaktoren:

  1. Dissozialität, d. h. Erfahrungen von Gewaltanwendung in der Familie, von Alkoholabhängigkeit bzw. Alkoholmissbrauch, häufiger Partnerwechsel der Eltern, Fremdplatzierungen in Familien bzw. Heimunterbringungen, frühe Randständigkeit, die sich insbesondere in Schulproblemen und Schulabbrüchen zeigt. In der Untersuchung von Elz (S. 137) hatten 28 % der jungen Sexualtäter keinen Schulabschluss. Allerdings hat die Dissozialität nicht die Bedeutung, die dieser Risikofaktor für die allgemeine Jugenddelinquenz hat (s. Rasch, S. 73).
  2. Sexuelle Grenzverletzungen in der Familie, insbesondere sexueller Missbrauch der Kinder in der Familie. Das Risiko stellt sich nicht nur ein bei erlittener sexueller Gewalt, sondern auch bei erlebter sexueller Gewalt als Zeuge (s. Hummel/Geiken DVJJ-Journal 1991, S. 323). Über die Lerntheorie hinausgehend steht hier die psychologische Ausgleichstheorie Pate, wonach die Erfahrung von eigenem Leid, von Machtlosigkeit mit der Zufügung von fremdem Leid, mit aggressiver Sexualmacht kompensiert wird.
  3. Dissoziale Persönlichkeitsmerkmale / Persönlichkeitsstörungen. Nach der Aktenauswertung von Elz wurden in Gutachten zu 74 % psychische Störungen festgestellt, hiervon wiesen 1/3 der Begutachteten eine hirnorganische Störung auf (S. 142, 144). Derartige Untersuchungsergebnisse sind allerdings zu relativieren. Ein Gutachter wird nur dann beauftragt, wenn Hinweise auf entsprechende Störungen vorliegen, schon um die Schuldfähigkeit des Angeklagten zu prüfen. Die so begutachteten Täter stellen also eine psychiatrische/psychologische Auslese dar. Bei Berücksichtigung der im Dunkelfeld verbleibenden Täter kann nicht davon ausgegangen werden, dass jugendliche Sexualtäter in der Regel „unnormal“ sind. Der „normale“ jugendliche Sexualstraftäter ist „normal“(s. auch Bosinski in: Gewalt gegen Frauen und Kinder, hrsg. von Oehmichen/Kaatsch/Bosinski, 2004, S. 280).
  4. Aufenthalt in Risikogruppen bzw. umgekehrt eine soziale Isolation. Der Aufenthalt in Risikogruppen ist ein Risikofaktor für sexuelle Gewalt, die soziale Isolation ist ein Risikofaktor für sexuellen Kindesmissbrauch. So ist nach einer Auswertung des publizierten Gutachtenmaterials zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Bosinski der häufigste Jung-Tätertyp (bis 25 Jahre) der „normalintelligente, sozial integrierte, jedoch auffällig kontaktgehemmte und psychosexuell retardierte, unerfahrene Täter“ (Bosinski, S. 280). Auffällig ist das geringe Selbstwertgefühl dieser Tätergruppe (s. Hummel/Geiken DVJJ-Journal, 1991, S. 324).
  5. Überflutung mit sexuellen Reizen, denen mehr oder weniger alle jungen Menschen ausgesetzt sind, die aber in bestimmten Familien ein zusätzliches Gewicht haben, wo Sex die Unterhaltung bestimmt, das Freizeitverhalten im entsprechenden Videokonsum bestimmt und in der Praxis vorexerziert wird. Susanne Gaschke schrieb am 3. März 2005 in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Es gab zu keiner Zeit mehr offenen Sexismus, mehr kommerzielle Zurschaustellung des weiblichen Körpers als heute.“ Nach dem lerntheoretischen Ansatz sind gerade Quantität und Qualität der sexuellen Reize Risikofaktoren für sexuell grenzverletzendes Verhalten.

Diese Risikofaktoren sind für die Beantwortung der Eingangsfrage nach notwendiger Therapie, für die Diagnose der Rückfallgefahr maßgeblich. Nur wenn eine solche Rückfallgefahr begründet ist, ist eine Therapie notwendig. Hierbei gilt es immer, den Risikofaktoren Schutzfaktoren gegenüber zu stellen und es gilt der Versuchung zu widerstehen, die Vergangenheit, Risikofaktoren aus der Vergangenheit ohne weiteres auf die Zukunft zu übertragen. Bereits eingeleitete oder doch absehbare Veränderungen gilt es gerade bei jungen Tätern zu registrieren und für die Rückfallgefahr zu berücksichtigen, deren Lebenssituationen sich typischerweise verändern. Dies gilt beispielhaft für den Aufenthalt in einer Risikogruppe. Die von Gutachtern verwendeten SVR-20, die zwanzig Risikoeinschätzungen für sexuelle Gewalt (Sexual Violence Risk = SVR) sind tendenziell wegen des Fehlens von gegenläufigen Schutzfaktoren negativ ausgerichtet und vor allem nicht auf kindliche und jugendliche Täter zugeschnitten.

 

3. Frühzeitige Intervention

Ein kriminologischer Befund lautet, je jünger die Täter, um so größer die Rückfallgefahr. Dementsprechend lautet die Forderung „Frühzeitige Intervention“.

„Durch frühzeitige Intervention soll verhindert werden, dass sexuell auffällige Kinder und Jugendliche in einen Kreislauf geraten, der letztlich zu einer Manifestierung des sexuell grenzverletzenden Verhaltens bis hinein in das Erwachsenenalter führen kann.“ – so heißt es in den von einer Arbeitsgruppe der Kinderschutz-Zentren erarbeiteten Qualitätsstandards für den professionellen Umgang mit sexuell grenzverletzenden Kindern und Jugendlichen.

Nur, mit einer unnötigen Intervention werden nicht nur Zeit und Ressourcen vergeudet, eine unnötige Intervention, d. h. wenn aus kriminologischen Gründen kein Eingreifen gefordert ist, weil es sich um ein entwicklungsbedingtes Experimentieren handelt, das keine Wiederholungsgefahr begründet, wenn also kein Eingreifen gefordert ist, kann eine unnötige Intervention schädlich sein, kann einen Stigmatisierungsprozess einleiten, der selbst eine Kriminalitätsgefährdung begründet. Man muss vor der Umsetzung der Forderung nach einer frühzeitigen Intervention also genau hinschauen, frühzeitige Intervention setzt eine frühzeitige Analyse der sexuellen Auffälligkeit voraus. Und da häufig eine eindeutige Prognose nicht gestellt werden kann, muss ein vorsorgliches Eingreifen behutsam erfolgen, kann zunächst eine weitere Beobachtung voraussetzen. Dieses Abwägen möglicher Nachteile auf Grund einer unnötigen Intervention darf nicht mit der Forderung nach einer frühzeitigen Intervention unter den Tisch fallen. Nicht jede sexuelle Normverletzung erfordert eine Therapie. Wir wissen, dass Jugendkriminalität vielfach episodenhaften Charakter hat, passager ist; dies gilt auch für sexuelle Normverletzungen.

Rechtlich ist zusätzlich zu beachten, dass jeder Beschuldigte bis zur gerichtlichen Verurteilung als unschuldig gilt (Art. 6 Abs. 2 Europäische Menschenrechtskonvention), dass jeder Beschuldigte als ein noch Unschuldiger von den staatlichen Stellen behandelt werden muss. Da nicht alle Fälle sexueller Grenzüberschreitungen angezeigt werden, z. T. auch nicht strafrechtsrelevant sind, da Kinder als Beschuldigte eh nicht angeklagt und verurteilt werden können, kann zwar für eine Tätertherapie keine gerichtliche Verurteilung verlangt werden, wohl aber muss ein eindeutiger Nachweis des Vorwurfs vorliegen, regelmäßig in Form eines Geständnisses. Auch die Opfertherapie verlangt als erstes die Anerkennung als Opfer, was bekanntlich für die Glaubwürdigkeitsbeurteilung vor Gericht, wenn Aussage gegen Aussage steht, zu Problemen führen kann.

 

 

IV. Juristische Probleme

1. Das Tabu des § 176 StGB

Gem. § 176 StGB wird der sexuelle Missbrauch von Kindern bestraft, d. h. jeglicher sexueller Kontakt mit Kindern unter 14 Jahren ist untersagt. Auch freiwilliger, von Seiten des Kindes gewünschter oder gar animierter sexueller Kontakt ist verboten. Verboten sind nicht nur sexuelle Handlungen am Kind, nicht nur sexualbezogene Handlungen des Kindes an einem anderen, sondern auch sexuelle Handlungen vor den Augen des Kindes sowie die Verleitung des Kindes zu eigenen sexuellen Handlungen. Erfasst werden sowohl verschiedengeschlechtliche als auch gleichgeschlechtliche Handlungen. Darüber hinaus sind pornographische Einflüsse auf das Kind verboten. Wer mit Zwang oder Gewalt vorgeht, für den wird eine zusätzliche Strafe wegen sexueller Nötigung gem. § 177 StGB angedroht.

Mit § 176 StGB soll die Sexualentwicklung des Kindes geschützt werden, die Entwicklung zu sexueller Selbstständigkeit soll ohne Fremdeinflüsse ablaufen. Hierbei hat der Gesetzgeber den Schonraum entsprechend unserem kulturellen Standard auf das Alter bis 14 Jahre festgelegt. In anderen Kulturkreisen werden 12jährige schon verheiratet. Der Schonraum gilt unabhängig von der physisch-sexuellen und unabhängig von der sittlich-geistigen Entwicklung des Kindes. Dieser kindliche Schonraum bedeutet für die andere Seite ein Tabu für jeglichen sexualbezogenen Kontakt. Die andere Seite sind nicht nur Erwachsene, sondern auch bereits Jugendliche ab 14 Jahren. Ob die strafrechtliche Verhaltensanweisung „kein sexueller Kontakt mit Kindern“ auch schon für Kinder, z. B. für den 13jährigen, gilt, kann dahin gestellt bleiben, sie können zumindest nicht bestraft werden (§ 19 StGB). Hieraus, d. h. aus dem Sexualtabu von über 14jährigen mit unter 14jährigen können sich naturgemäß Probleme ergeben. Was mit 13 Jahren noch erlaubt war, wird ab dem 14. Geburtstag strafbar. Bei frühzeitigen intimen Freundschaften verlangt das Gesetz einen Abbruch, wenn ein Partner das Alter von 14 Jahren erreicht, der andere aber noch jünger ist. Ein Jahr später, wenn der andere auch dieses Alter erreicht, dürfen sie wieder straffrei miteinander verkehren. Unabhängig von solchen Situationen stellt sich die Frage, ob Kinder ab 14 Jahre, die wir jetzt Jugendliche nennen, schon dieses Tabu so in sich aufgenommen haben, dass sie auch verantwortlich im Sinne des Strafrechts sind. Für Jugendliche muss diese strafrechtliche Verantwortlichkeit immer gem. § 3 JGG ausdrücklich geprüft und im Einzelfall festgestellt werden. Gem. § 3 JGG ist ein Jugendlicher nur dann strafrechtlich verantwortlich, „wenn er z. Zt. der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.“ Unabhängig davon, ob eine solche Verantwortlichkeit bejaht wird, wobei fremdkulturelle Eigenarten zu berücksichtigen sind, unabhängig davon muss selbstverständlich in solchen Situationen auf die Betroffenen erzieherisch eingewirkt werden im Sinne des Respekts vor der personalen Sexualität anderer. Notfalls können auch außerhalb strafrechtlicher Reaktionen familienrichterliche Maßnahmen angeordnet werden. Es bleibt aber, dass formale Schutzaltersgrenzen sich zu Strafbarkeitsfallen entwickeln können.

Abschließend hierzu eine Klarstellung zu dem Begriff der sexuellen Handlung, der grundlegend ist für die Strafnorm des sexuellen Kindesmissbrauchs. Im § 184 f StGB findet sich hierzu eine Definition des Gesetzgebers. Hiernach sind sexuelle Handlungen „nur solche, die im Hinblick auf das jeweils geschützte Rechtsgut von einiger Erheblichkeit sind“. Damit ist der frühere Terminus „unzüchtige Handlung“ abgeschafft. Eindeutig werden davon nicht erfasst, was in empirischen Untersuchungen immer wieder als Sexualdelinquenz abgefragt und dementsprechend „verkauft“ wird (s. die Befragung der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung in Hamburg bei den dortigen Schulleitungen, die Befragung bei Schulleitern und Lehrern in Bochum, die Befragung von Haupt- und Realschülern sowie Gymnasiasten in Nürnberg, die Schülerbefragung in Basel, die Schülerbefragung im Landkreis Soest/Nordrhein-Westfalen, die Schülerbefragung im Kanton Zug/Schweiz, die Rekrutenbefragung in der Schweiz - zusammenfassende Ergebnisdarstellungen bei Elz, S. 47 ff.), die sexuelle Belästigung, zumindest solange sie verbal bleibt. Das obszöne Anmachen kann eine Beleidigung sein, ist aber im Sinne des Strafgesetzes keine Sexualstraftat. Auch das Betatschen, das Begrapschen ist nicht in jedem Fall ein sexueller Missbrauch, soweit es flüchtig vorbeigehend geschieht auch keine sexuelle Nötigung, weil keine Gewalt angewendet wurde. Es kommt auf die Intensität an. Schon gar nicht stellt die Verführung unter Jugendlichen ein Sexualdelikt dar, nur der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen unter 16 Jahren durch Erwachsene über 18 Jahre wird gem. § 182 StGB unter bestimmten Voraussetzungen mit Strafe bedroht (s. dem gegenüber die Hamburger Befragung der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, die sich auch auf „Delikte wie Verführung“ erstreckte, s. Elz, S. 47 Fn. 80).

2. Datenschutz versus Kooperation

Wer in seiner beruflichen Tätigkeit Kenntnis von einer Sexualtat eines Kindes, eines Jugendlichen erhält, benötigt in der Regel weitere Informationen, ist nicht selten für Hilfe- und Therapiemaßnahmen auf Kooperation mit anderen angewiesen. Solchen Informationsersuchen, solchen Kooperationsbemühungen steht tendenziell der Datenschutz entgegen. Die gesetzlichen Grundlagen zum Umgang mit personenbezogenen Daten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe enthält das Kinder- und Jugendhilfegesetz – Sozialgesetzbuch VIII. Schulen haben ihre eigenen Datenschutzregeln. Hinter allem steht die Strafbestimmung „Verletzung von Privatgeheimnissen“ gem. § 203 StGB, die nicht nur für besondere Berufe wie Ärzte, Berufspsychologen, Familien-, Erziehungs- und Jugendberater in einer amtlichen Beratungsstelle, staatlich anerkannte Sozialarbeiter und Sozialpädagogen gilt, sondern für alle, die im öffentlichen Dienst stehen und denen in ihrer Arbeit ein Privatgeheimnis bekannt geworden ist. Besonderen Schutz genießen Daten, die anvertraut worden sind. Hier lautet der Grundsatz, dass diese Daten nur mit Zustimmung des Anvertrauenden weitergegeben werden dürfen. Wenn ein Schüler einen Fall der sexuellen Nötigung aus seiner Klasse dem Lehrer, der Lehrerin meldet, ist der Schüler der Anvertrauende, mit seiner Billigung darf die Information an das Jugendamt weitergegeben werden, da hierzu die schulischen Kompetenzen zur Konfliktlösung in der Regel nicht mehr ausreichen. Die Datenschutzgesetze erlauben diese Informationsweitergabe mit der Formulierung, „soweit dies zur Aufgabenerfüllung erforderlich ist“. Darüber hinaus gibt es den Rechtfertigungsgrund des Notstandes gem. § 34 StGB: („Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders anwendbaren Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.“) Einmal kommt als Rechtfertigung die Gefährdung des Wohl des Kindes oder des Jugendlichen in Betracht, dem eine Sexualtat vorgeworfen wird. Ohne Hilfe, ohne eine Therapie könnte eine Verfestigung der sexuellen Devianz eintreten, deren Folgen letztlich das Kind bzw. den Jugendlichen treffen, wenn von Seiten des Familiengerichts oder des Jugendgerichts Zwangsmaßnahmen angeordnet werden. Soweit die Gefahr weitere Sexualstraftaten begründet ist, kommt zum anderen der Schutz des Opfers sowie anderer potentieller Opfer als Rechtfertigungsgrund in Betracht. Wenn wie in der ersten Zeitungsmeldung ein Opfer immer wieder sexuell missbraucht wird und wenn erzieherische Maßnahmen keine Abhilfe versprechen, weil man an die Jungen nicht herankommt, darf nicht nur kooperiert werden, es muss kooperiert werden, damit das Geschehen aufhört. Der Datenschutz hört dort auf, wo die Gefahr schwerwiegender Rechtsgüterverletzungen besteht. Das Rechtsgut „sexuelle Integrität“ überwiegt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Im Extremfall kann diese Kooperation in eine Anzeigepflicht einmünden. Dazu gleich mehr. Ein Zwang zur Kooperation besteht für die Jugendgerichtshilfe im Strafverfahren gegen Jugendliche und Heranwachsende. Hier müssen die persönlichen Daten des Beschuldigten, soweit sie von der Jugendgerichtshilfe ermittelt wurden, dem Gericht mitgeteilt werden: „Jugendgerichtshilfe“ (§ 38 Abs. 2 S. 2 JGG). Gerade in Strafverfahren gegen jugendliche / heranwachsende Sexualstraftäter ist die Jugendgerichtshilfe gefordert, ein solches Verfahren sollte ohne eine Beteiligung der Jugendgerichtshilfe nicht durchgeführt werden. Der in der Praxis zu beobachtende Rückzug der Jugendgerichtshilfe aus dem Jugendgerichtsverfahren ist nicht nur gesetzeswidrig, mit einer dadurch bedingten falschen Sanktionierung kann eine Wiederholungsgefahr vergrößert werden. (In der Untersuchung von Elz, S. 143 Fn. 417, war die Jugendgerichtshilfe in jedem 10. Verfahren nicht beteiligt.)

3. Anzeigepflicht und strafrechtliche Verantwortlichkeit

Wie bereits angedeutet, besteht eine Anzeigepflicht nur ganz ausnahmsweise, und zwar unter zwei Voraussetzungen:

  1. Es müssen weitere erhebliche Sexualdelikte zu befürchten sein, ein weiterer sexueller Missbrauch, neue sexuelle Nötigungen oder gar Vergewaltigungen.
  2. Mit eigenen Mitteln, d. h. mit erzieherischen, therapeutischen Mitteln lässt sich einer solchen Wiederholungsgefahr nicht effektiv begegnen.

Wenn also nur mit polizeilichem Einsatz, mit dem Einsatz der Strafjustiz eine solche Wiederholungsgefahr für erhebliche Sexualdelikte abgewendet werden kann, so besteht eine Anzeigepflicht. Es geht also nicht um eine Anzeigepflicht für die Vergangenheit, für begangene Taten, sondern um eine Anzeigepflicht für die Zukunft, zur Abwehr zukünftiger Taten. Für begangene Sexualdelikte gibt es keine Anzeigepflicht (s. § 138 StGB). Eine solche ausnahmsweise Anzeigepflicht folgt aus der besonderen Stellung einer amtlichen Betreuung, eines Mitarbeiters des Jugendamtes, der Familienhilfe, der Erziehungsberatungsstelle und zwar aus der dienstlichen, beruflichen Stellung. Ein Sozialarbeiter handelt unsozial, wenn er sozialschädliches Verhalten in Form von schweren Sexualdelikten nicht verhindert. Umstritten ist, ob eine solche Pflichtverletzung auch bestraft werden kann. In der Rechtsprechung sind vereinzelt Sozialarbeiter wegen Verletzung ihrer so genannten Garantenpflicht verurteilt worden (s. OLG Stuttgart, NJW 1998, S. 3131; OLG Oldenburg, NStZ 1997, S. 238; s. auch Bringewat, Tod eines Kindes, 1997; zur Gegenposition s. Mörsberger/Restemeier, Helfen mit Risiko, 1997). Dies erscheint zumindest problematisch, da einmal eine solche Wiederholungsgefahr schwer zu prognostizieren ist und da es zum anderen alternative Abwendungsmöglichkeiten gibt und für die Sozialarbeit sozialarbeiterische Methoden Vorrang haben. Ich halte das Drohen mit dem Strafschwert auch für verfehlt. Es geht darum, jungen Sexualtätern zu helfen, Sexualität ohne Grenzverletzungen zu erleben. Dafür kann eine Strafanzeige kontraproduktiv werden. Allerdings muss einer Wiederholung der Tat vorgebeugt werden, akute Wiederholungen müssen verhindert werden. Wenn die Hilfe versagt, kann auf Repression nicht verzichtet werden. Dies setzt auch eine Konfliktbereitschaft von Seiten der Helfer-, der Therapieseite voraus. Es gibt nicht nur eine berufliche Verpflichtung, jungen Menschen in ihrer Sexualentwicklung zu helfen, es gibt auch eine berufliche Verpflichtung, potentielle Opfer vor jungen Sexualtätern zu schützen, auch dann, wenn diese Täter selbst Opfer gewesen sind.

 

Wir müssen den Tätern wie den Opfern gerecht werden. Sexualgrenzverletzende Kinder und Jugendliche sind kein neues Problem, wir müssen uns aber intensiver, d. h. mit mehr Sachverstand um diese Kinder und Jugendliche kümmern.