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Pressemeldung Nr. 240/2017 vom 21.07.2017 | RSS | zur Druckfassung | Suche

Deutscher Studienpreis 2017 geht an Kieler Historiker

Körber-Stiftung zeichnet Dr. Sebastian Schlund aus


Die Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Studienpreises 2017 stehen fest. Den ersten Preis in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften gewann Sebastian Schlund von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Er promovierte über die Geschichte des organisierten deutschen Behindertensports von 1950 bis 1990 und verfasste damit eine ausgezeichnete Dissertation „von besonderer gesellschaftlicher Relevanz“, begründete die auszeichnende Körber-Stiftung. Dotiert ist der Deutsche Studienpreis mit 25.000 Euro.

"In meiner Promotionsarbeit habe ich die Geschichte des in Vereinen organisierten Behindertensports in der Bundesrepublik untersucht. Dabei stand die Entwicklung von einer therapeutischen Heilmaßnahme für kriegsversehrte Männer zu einem ausdifferenzierten Sportbereich im Fokus. Mittlerweile deckt der Behindertensport sowohl Rehasportangebote als auch paralympischen Leistungssport ab", sagt Schlund.

Konkret setzte sich der Historiker mit den Hierarchien auseinander, die den Sport behinderter Menschen prägten. „Es bestand eine Art Rangfolge nach Ursache und Art der Beeinträchtigung sowie nach dem Geschlecht der betroffenen Personen. Bis weit in den Untersuchungszeitraum dominierten kriegsversehrte Männer“, weiß Schlund. „Personen, deren körperliche Beeinträchtigung nicht auf eine Kriegsverletzung zurückging – sogenannte Zivilbehinderte – wurden ebenso marginalisiert wie behinderte Frauen.“ Auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung hätten lange keinen Platz in den Behindertensportvereinen gefunden. Erst ab den 1980er Jahren und nach der Gründung von Special Olympics Deutschland Anfang der 1990er kann Sebastian Schlund eine verbesserte Stellung dieser Personengruppe nachweisen.

Neben den hierarchischen Strukturen untersuchte der Kieler Preisträger auch, inwieweit der Behindertensport als Integrationsmotor diente und auf welche Weise er die Selbstbestimmung behinderter Menschen förderte. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass durch die Dominanz kriegsversehrter Männer und die generelle gesellschaftliche Randstellung behinderter Menschen, der Behindertensport lange Zeit in einem isolierten Raum stattfand. „Erst ab Mitte der 1970er Jahre erkannten Sozialwissenschaft und eine wissenschaftlich begleitete Behindertenpolitik die Chancen des Sports als Integrationsmotor“, so Schlund. Bis dahin galten die Sportprogramme als zweckdienlich. Sie hatten die körperliche Wiederherstellung und damit die ökonomischen Wiedereingliederung behinderter Menschen zum Ziel.

Schlund: „Wettkämpfen und Leistungsstreben wurden von medizinischen Experten und Verbandsfunktionären enge Grenzen gesetzt. Behindertensport als eine Form selbstbestimmter Freizeitgestaltung bekam erst ab Mitte der 1970er Jahre durch politische und wissenschaftliche Reformimpulse einen Aufschwung.“ Seither dynamisierte sich auch der Leistungssport behinderter Menschen, die nun freier wählen konnten, welche Sportformen sie betreiben wollten. Mit steigender medialer Aufmerksamkeit und technischen Neuerungen bei der Konstruktion von Prothesen ab Ende der 1980er Jahre, begann der paralympische Sport an Bedeutung zu gewinnen.

Die Zeit zwischen 1969 und 1975 stellte für Sebastian Schlund die zentrale Umbruchphase für den deutschen Behindertensport dar. Langsam begann sich ein verändertes Verständnis von Behinderung durchzusetzen, so Schlund: „Behinderung stand lange Zeit für eine körperliche Beeinträchtigung. Nach dem sozialen Modell von Behinderung, das sich ab Mitte der 1970er Jahre zu etablieren begann, ist jedoch die Gesellschaft der behindernde Faktor. Behindert ‚ist‘ man also nicht, behindert ‚wird‘ man durch seine Umwelt. Behinderung ist in dieser Lesart die Einschränkung von Teilhabe und persönlicher Entfaltung durch gesellschaftlich errichtete Barrieren. Beide Bedeutungen von Behinderung – die körperliche bzw. geistige Beeinträchtigung und die gesellschaftliche Einschränkung – zu überwinden, war ein zentrales Motiv behinderter Sportlerinnen und Sportler in meinem Beobachtungszeitraum.“

Die Dissertation von Sebastian Schlund erscheint am 17. August 2017 im Campus Verlag GmbH in der Reihe „Disability History“ unter dem Titel „‘Behinderung‘ überwinden? Organisierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)“. Entstanden ist die Arbeit unter der Leitung von Professorin Gabriele Lingelbach am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes „Menschen mit Behinderung in Deutschland nach 1945. Selbstbestimmung und Partizipation im deutsch-deutschen Vergleich: Ein Beitrag zur Disability History“.

Zur Pressemitteilung der Körber-Stiftung:
www.koerber-stiftung.de/deutscher-studienpreis/presse/presse-detailseite/ausgezeichnete-forschung-1104.html

Kontakt:
Sebastian Schlund
Telefon: 0431/880-6542
E-Mail: S.Schlund@collegiumphilosophicum.uni-kiel.de

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Preisträger Sebastian Schlund. Er ist heute als wissenschaftlicher Koordinator im Verbundprojekt „Intersektionalität interdisziplinär“ am Collegium Philosophicum der Philosophischen Fakultät der CAU tätig.
Foto: Nils Kühne

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Buchcover „‘Behinderung‘ überwinden? Organisierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)“.
Quelle: Campus Verlag

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Text / Redaktion: ► Claudia Eulitz